5 Fragen an: Christoph Honig, der Akki-Gründer

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Dieses Interview war mir persönlich ein Herzensanliegen. Christoph und ich waren in den Siebzigerjahren Kommilitonen an der Düsseldorfer Kunstakademie. Nach dem jeweiligen Examen verloren wir uns ein wenig aus den Augen. Als dann aber 1985 Akki („Aktion & Kultur mit Kindern“) gegründet wurde, war ich quasi „Kunde“ der ersten Stunde, weil mein Sohn damals bei der allerersten Drachenaktion auf den Oberkasseler Rheinwiesen mitmachte. Seitdem ist der Kontakt mit Christoph nicht mehr abgerissen, und es kam an verschiedenen Stellen zu Kooperationen. Inzwischen sehen wir uns regelmäßig, weil ich häufig mit dem Hund im Südpark unterwegs bin und dann gern einmal bei Akki und Christoph vorbeischaue. Bei manchem gemeinsamen Kaffee drin oder draußen im Biergarten Vier Linden haben wir immer wieder ähnliche Themen diskutiert, die um bestimmte Fragen kreisen – eine davon ist die Nummer 5 in diesem Interview. Ansonsten wollte ich den Lesern von The Düsseldorf, zumal den Eltern von Kindern im Akki-Alter, Christoph und sein Lebensprojekt näherbringen.

Biografisches zu Christoph Honig: Jahrgang 1954, Rheinländer; 1975 bis 1983 Kunstpädagogik-Studium an den Kunstakademien Stuttgart und Düsseldorf, Bildhauerei, Malerei, Grafik; 1981 Meisterschüler Kunstakademie Düsseldorf; 1981 bis 1985 Lehrerausbildung, 1. & 2. Staatsexamen; seit 1985 Gründung und Leitung von Akki e.V. in Düsseldorf; arbeitet in Düsseldorf und lebt seit 15 Jahren in Essen.

[1] Du hast ja das Konzept für Akki entwickelt und die Gründung betrieben – gab es eigentlich einen äußeren Anlass dafür?
Die Gründung von Kultureinrichtungen oder Initiativen in den 80er Jahren entwickelte sich ja unter zahlreichen Einflüssen, inneren und äußeren. Zu den „inneren“ Motiven würde ich das Interesse zählen, einen politisch relevanten Beitrag zu leisten, die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland/Düsseldorf durch eine lebendige, innovative Kulturpraxis voranzubringen. Sich einmischen, Stellung beziehen, konstruktiv mitgestalten war der innere Antrieb, der zu öffentlichen Bekenntnissen (Friedensbewegung, Anti-AKW, Grünen-Gründung) führte. Das schuf neue, „äußere“ Bedingungen, prägte den Zeitgeist und das gesellschaftliche Klima.
Die Diskussion um eine „Kultur für alle“, um eine „Demokratisierung des Kunst- und Kulturbegriffs“ und die ersten soziokulturellen Vorbilder (Die „Werkstatt“, das „Zakk“, die „Fabrik“ in Wuppertal und in Hamburger „Kampnagel“-Fabrik, die „Pädagogische Aktion“ in München und die ersten Jugendkunstschulen in Unna und Wuppertal) machten auch den Weg frei für „Kinderkultur“, „Kinderrechte“ (-Konvention von 1990) und mehr kreative und direkte Partizipation von Kindern und Jugendlichen.
Kommunalpolitisch war die Zeit damals günstig für Neugründungen: Die Politik war bereit, über eine Verbesserung der Lebens- und Entwicklungsbedingungen von Kindern und (ein paar Jahre später auch) Jugendlichen nachzudenken und entsprechende Einrichtungen zu schaffen. Abenteuerspielplätze, Spielmobile, Jugendkunstschule wurden in diesen Jahren gegründet. Kultur war notwendiges „Lebensmittel“ und wurde als Selbstverständlichkeit gefordert. In der Kreativität von Kindern erkannte man die wichtigste Ressource gesellschaftlicher Innovationskraft. Kommunal und weltweit, im hier und jetzt, mit allen Sinnen, mit Kopf und Bauch, authentisch und lokal mit globalen Auswirkungen.

[2] „Kunst und Kultur für Kinder“ hört sich prima an – aber was sollen die Angebote von Akki konkret bewirken?
Das Missverständnis wird in der Frage sichtbar: Kunst und Kultur für Kinder gibt es in vielen Schauspielhäusern, Museen, Opernhäusern, „Tempeln“ der Hochkultur. Es gibt Kindertheatergruppe, die hinreißende Inszenierungen für Kinder auf die Bühne stellen und Ralf Zuckowski kennt auch jeder, glaube ich. Das ist wichtig! Das muss es geben! Das stellt, glaube ich, keiner ernsthaft in Frage. Aber um wie viel schöner, spannender, erfahrungsreicher, Mut machender, kommunikativer, nachhaltiger ist es, wenn man selbst zum Pinsel, zum Musikinstrument greift, selbst tanzt, singt, liest oder schreibt. Die kreative Gestaltung, die spielerisch-experimentelle oder intensiv-forschende Auseinandersetzung mit den künstlerischen Medien, mit Malerei, Musik, Tanz und Bewegung, Schauspielen, Singen oder Schreiben sind ungleich befriedigender. Sie sind die Basis für persönliches Glück, für einen individuellen Zugang zu Welt, zu Gefühl, Erkenntnis und Wissen gleichermaßen. Lebenserfahrung und Empathie entsteht am besten durch kreative, ästhetische Praxis von früh an. Und ich glaube, dass diese Fähigkeit und Bereitschaft eine der wichtigsten Säulen unserer Gesellschaft und einer gelingenden Demokratie ist.

[3] Nach so vielen Jahren – gibt es eine „Generation Akki“? Habt ihr Kontakt zu ehemaligen, erwachsen gewordenen Teilnehmern?
Über 30 Jahre sind wir jetzt am Start und – in aller Bescheidenheit- ein Begriff in Düsseldorf, bei Düsseldorfer Kindern und allen, die inzwischen alt genug sind, eigene Kinder zu haben. Unsere Projekte „Düsseldörfchen“, „Bilder am Himmel“-die Drachenaktion in den Herbstferien, die interaktiven Ausstellungen, die Medienwerkstatt „Clipper“, das „Oberbilker Kulturforum“, sind gleichermaßen legendäre und hochattraktive, begehrte Kulturveranstaltungen für Düsseldorfer Kinder und Jugendliche. Für viele Düsseldorfer Kinder ist Akki eine feste Größe im Ranking der schönsten Kindheitserinnerungen. Und oft sind es die ersten großformatigen „Selbständigkeits-Erfahrung“, die die Kinder bei Akki gemacht haben: Eigenverantwortlich agieren, nach eigener Vorstellung und Könnerschaft etwas herstellen, etwas unternehmen, etwas mitgestalten und erarbeiten was gebraucht wird, was einen Sinn ergibt, was funktioniert. Spielen und lernen und größer werden. Das begeistert, motiviert und macht stolz. Und das sind die Sternstunden in jeder Kindheit.
Manche Kinder von damals finden den Weg erneut zu uns und helfen heute als begeisterte BetreuerIn, als engagierte MitspielerIn bei vielen Projekten und Aktionen. Nicht nur jene, die Kunst, Kulturpädagogik oder Kunsterziehung studieren. Akki-Kinder finden sich in vielen Berufsfelder wieder: bei der Feuerwehr, als Schmuckdesignerin, als KFZ-Mechatroniker, als Jurist oder als Luft- und Raumfahrtechniker, Restauratorin, Schreinerin oder Sparkassen-Manager.

[4] Eure Zentrale liegt wunderschön und enorm günstig im Volksgarten – Wie ist Akki denn an diesen Standort geraten?
Für die Bundesgartenschau 1986 errichtet, standen die Südpark-Pavillons anschließend leer und sollten eigentlich abgerissen werden: fliegende Bauten ohne Fundament, Wärmedämmung, Infrastrukturen. Die Stadtverwaltung überließ uns damals die Räume kostenfrei für unsere Kulturprojekte. Das erste Düsseldörfchen fand hier statt. Wenig später zogen wir mit dem ganzen Büro in die „ehemaligen Südparkpavillons“. Die Medienwerkstatt Clipper konnte hier ihr Studio aufbauen. Auch der Kostümfundus fand hier ein neues Zuhause. Zahlreiche Projektideen und Experimente konnten in diesem Rahmen erstmals realisiert werden. Videoaktionswoche, Revue der Kinder, Mitmachausstellungen, die „offenen Ateliers,“ bei denen sich Kinder und Künstler zur gemeinsamen künstlerischen Arbeit trafen. Der Skulpturengarten entstand und wächst noch bis heute im benachbarten Bürgergarten.
2004 war das bauliche Provisorium nicht mehr zu retten. Der Zahn der Zeit, aber auch die erodierende Kraft des Wetters hatte den Gebäuden arg zugesetzt. Durch tatkräftige Unterstützung des Jugendamtes und des Städtebau-Ministeriums NRW wurde im Rahmen des Programms „Soziale Stadt – Stadtteil mit besonderem Erneuerungsbedarf“ ein neues Kulturhaus für Kinder gebaut. Gemeinsam mit dem Bauherrn, dem Amt für Gebäudemanagement, und dem Architekten Andreas Vogt entwickelten wir dieses passgenaue Haus, das einen multifunktionalen Rahmen für die unterschiedlichen Veranstaltungsformate bietet. Eröffnung war im Frühjahr 2006, also vor 10 Jahren. Die Einweihung des Hauses wurde zu einem bundesweit beachteten Ereignis, und die Szene der „Kulturellen Bildung“ schaute nach Düsseldorf, wo die Stadt mit einem freien Träger solche vorbildlichen Signale setzte.

[5] Akki hat im vergangenen Jahr das 30-jährige Jubiläum gefeiert, andere Düsseldorfer Kulturinstitutionen werden gerade 25 oder auch 30 – woher kam dieser Pioniergeist der 80er- und 90er-Jahre?
Die 90er Jahre waren die bitteren Spar-Jahre mit den großen Diskussionen um die Wirksamkeit kommunale Verwaltungen und die Neuausrichtung der kommunalen (Kultur-) Politik. Sparhaushalte, Kürzungen im Bereich der freiwilligen Leistungen und die erstmalige Diskussion um die Effizienz staatlicher / städtischer Subventionspolitik führten zur Neustrukturierung der kommunalen Verwaltung und zu einer Neuausrichtung kommunaler Politik, auch im Kulturbereich. Controlling, Evaluierung und die Forderung nach mehr Förderwirkung waren die Schlagworte jener Jahre. Die Stadtpolitik (und nicht nur sie) wollte wissen, ob das Fördergeld auch tatsächlich seine Wirkung entfaltet.
Seit den 90er Jahren gründeten sich kaum noch Initiativen und die bestehenden Einrichtungen hatten durchaus ihre Not, den Betrieb trotz Kürzungen weiter aufrecht zu erhalten. Bertram Müller und Reinhold Knopp könnten eigene Geschichten dazu erzählen.
Akki hat Glück gehabt und kam – aus heutiger Sicht gesehen – auf den letzten Drücker. Unser damaliger Förderantrag ist noch geprägt vom Zeitgeist der 80er und von der Aufbruchsstimmung jener Jahre. Und der Antrag traf auf politische Zustimmung und wurde fraktionsübergreifend 1990 im Rat der Stadt positiv entschieden. Es war der letzte Haushalt, wo das noch möglich war. Wären wir mit unserer Förderbitte nur ein Jahr später gekommen, ich glaube, dann würde es Akki heute nicht geben. Oder zumindest nicht in der Form.
Heute sind die Kassen – im Prinzip – wieder gefüllt. Und doch sind sie wieder leer. Die öffentliche Diskussion findet die Ursache dafür bei den mehrjährigen Kosten für die großen Stadtentwicklungsprojekte wie Kö-Bogen 1 & 2, U-Bahn-Bau und andere. Vordergründig ist also wieder kein Geld da für Kinder, für Kultur, für innovative Sozial- und dringend notwendige Bildungskonzepte. Wir haben gelernt: Irgendwas ist immer!
Der größere Unterschied zu den Jahren „damals“ scheint mir jedoch, dass es heute kaum noch Initiativen im Sinne von Bürger-Bewegtheit gibt, die ihr Engagement verstehen als (streitbare, aber dennoch) konstruktive Form zivilgesellschaftlicher Einmischung und Mitverantwortung. Das Engagement scheint sich nicht mehr zu lohnen. Selbstausbeutung und existenzielle Unsicherheiten schrecken ab. Da ist es schon einfacher, einen schlüssigen Geschäftsplan zu erarbeiten für eine Kulturvermittlungs-Firma, eine Kinder-betreuungs-GmbH für den Offenen Ganztag oder eine Vernetzungs-Website, die alle auf dem Trittbrett mitfahren und das kreative Bemühen nichtkommerzieller Kunst- und Kulturpraktiker profitbeseelt „auswerten“.
Das individuelle Glücksstreben wird nicht mehr in den Kontext einer gesellschaftlichen Verfasstheit gestellt, für die jeder einzelne eine Mit-Verantwortung trägt. Neo-liberale Egoismen und persönliche Vorteile sind scheinbar wichtigere Lebens-Maxime als die Bereitschaft zur Empathie und Eigenverantwortlichkeit, als die Achtung der Menschen-Würde und die Einsicht, dass wir Verantwortung tragen für den Zustand unserer Demokratie und unseres Gemeinwesens.
So scheint es mir zumindest. Und ob es sich tatsächlich so verhält, werden wir vielleicht mit einem Abstand von weiteren dreißig Jahren besser beurteilen können.

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