Acoustic Winter 2018: Vielleicht ist Musik die letzte Hoffnung…

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Vor einem Jahr schrieben wir über das Acoustic Winter Festival unter dem Motto „handgemacht“, der Zaubersatz für den Acoustic Winter 2018 aber lautet: „mit Liebe gemacht.“ Und das gilt für alle Beteiligten und weite Teile des Publikums. Beinahe alle Musikanten betonten, dass sie sich kaum je wohler gefühlt haben als bei diesem Festival, und die Atmosphäre war bestimmt von Freundlichkeit. Sängerin Emaline Delapaix war darüber so erstaunt, dass sie anmerkte, sie wundere sich über das konzentrierte Interesse, weil sie eher einen Haufen Trinkwütiger erwartet hatte. Das war noch vor dem Butterwegge und seiner Butterband aus Duisburg, der mehrfach betonte, wie wichtig das Biertrinken sein kann. Mit diesen beiden Vortragenden ist aber auch das breite Spektrum des Festivals hinreichend beschrieben.

Hier ein zartes, nicht wirklich gut gelauntes und ein bisschen zu wenig vorbereitetes Wesen mit komplizierten, selbst erdachte Songs irgendwo zwischen Joni Mitchell und Tori Amos, da ein bärtiger Hüne mit Bierflasche in der Hand, der Texte mit klarer Kante präsentiert und doch nicht bloß Sauflieder zum Besten gab. Wenn eines diese weit voneinander entfernten Pole miteinander verbindet, dann die Liebe zum Lied und natürlich zur Musik. Die war auch bei den Solokünstlern mit Händen zu greifen. Tim Lothar aus Dänemark brachte wunderbare Lieder im Country-Blues-Stil und freute sich aufrichtig über die Begeisterung der Zuhörer. Und Niall Connolly – mittlerweile eine Acoustic-Festival-Legende, der die Leute damals bei einem Stromausfall lange, lange unterhielt – steckt so voller Musik wie das möglicherweise nur Iren an sich haben.

Zwei Bands hatten ein jeweils stark gefeiertes Heimspiel: One Eye Open, die Band, in der Festival-Gründer und -Macher Tommy Kirchmann das Cajon und allerlei andere Dinge schlägt, und natürlich The Porters, deren energetischer Polkapunk in Düsseldorf dank zahlreicher Auftritte – auch in kleinsten Hütten – schon beinahe Kult ist. Jedem einzelnen Mitglied dieser beiden Kapellen, kann man vor, während und nach dem Auftritt die Liebe zum Musizieren ansehen, anhören und spüren. Da ist nichts aufgesetzt, da wird nicht auf Effekt gespielt, da wird aus vollstem Herzen musiziert. Und würde in diesen Zeiten der Begriff „Leidenschaft“ nicht so häufig missbraucht, wäre er auf diese Menschen und ihr Tun anzuwenden. Absoluter Star des Abends aber war Justin Sullivan, das Hirn und die Stimme der Indie-Legende New Model Army, der nach 2016 zum zweiten Mal beim Acoustic Winter antrat. Gefühlt ein Drittel der Zuschauer waren wegen ihm angereist – NMA-Fans, die an ihren Fan-T-Shirts gut zu erkennen waren, kamen aus Großbritannien, Belgien, den Niederlanden und Dänemark. Leider erwies sich ein Teil dieser Zielgruppe als wenig tolerant und ignorierte die Auftritte der anderen Künstler weitgehend.

Wenn wir von Liebe sprechen, dann müssen wir auch über das Festival an sich, die Organisation, den Rahmen und vor allem das Team reden. Das Winter-Festival aus dem Haus der Jugend ins Weltkunstzimmer zu verlegen, war ein guter Schachzug – in dieser Location ist alles weitläufiger, man steht sich nicht gegenseitig auf den Füßen, und es gibt genug Raum, sich auch mal in Ruhe zu unterhalten. Sensationell wieder die Freundlichkeit der Team-Mitglieder „mit Kundenkontakt“. Man hat nie das Gefühl, es mit Dienstleistern zu tun zu haben, sondern mit Freunden. Und so fühlt sich der lange Tag – der erste Auftritt begann schon um 16:00, Schluss war weit nach Mitternacht – an wie eine große, entspannte Party mit guten Leuten und toller Musik.

Ihrem sehr ergebenen Berichterstatter kroch auf der Rückfahrt ein Zitat des genialen Frank Zappa ins Hirn – es stammt aus dem Song „Packard Goose“ und geht im Original so:

Information is not knowledge.
Knowledge is not wisdom.
Wisdom is not truth.
Truth is not beauty.
Beauty is not love.
Love is not music.
Music is the best.

Bei all der Liebe, die in diesem Festival steckte und dem, was Musik mit Menschen macht, kann man angesichts dessen, was in Welt derzeit läuft darauf kommen, dass Musik vielleicht die letzte Hoffnung ist.

[Fotos: Hajo Kendelbacher (HK), Rainer Bartel (RB) und Boris Bartels (BB)]

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