Stadtgeschichten: Altweiber 78, da war’s noch gemütlich…

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Ja, ja, früher war alles… Eben nicht. Früher war alles einfach nur früher. Und anders. Manchmal auch freier und gemütlicher. Zum Beispiel die Arbeitswelt in den Büros der späten Siebzigerjahre. Der Stress war überschaubar, und niemand musste irgendwo drum betteln, dass man unter Kollegen auch mal was feiern durfte. Zum Beispiel den vielleicht tollsten der tollen Tage (der ja noch nicht einmal mitgezählt wird): Altweiber am Donnerstag vorm Rosenmontag. Früher war das praktisch der Tag des Kollegenkarnevals. Und der lief im Februar 1978 bei der Düsseldorfer Niederlassung eines weltweit führenden Unternehmens der Fotokopierbranche ungefähr so ab:

Wohlgemerkt: Niemand hatte Urlaub, keiner setzte Überstunden ein, um feiern zu können, und in den Büroetagen hatten die Damen, auch wenn sie noch lange nicht im Zustand alter Weiber oder gar Möhne waren, die Kontrolle übernommen. Weil ein langer Tag vor der Belegschaft lag, trafen die Mitarbeiter geradezu überpünktlich ein. Schließlich war ein gemeinsames Frühstück angesagt. Mindestens ein Büro wurde am Vortag weitestgehend ausgeräumt und karnevalistisch geschmückt. In der einen Ecke eine Sektbar, gegenüber wurde Alt vom Fass ausgeschenkt. Dazu Unmengen Mettbrötchen, Röggelchen, Blotwoohsch, Holländer und was der Düsseldorfer sonst noch gern zu sich nimmt. Ganz zu schweigen von den Schnapsflaschen. Der Musikbeauftragte hatte nicht nur für das Kofferradio mit Kassettenspieler gesorgt, sondern in tagelanger, mühevoller Arbeit alles an Karnevalsschlagern mitgeschnitten, was rheinische Radiostationen so in den Äther pusteten.

Virtuell kastriert

Verkleidet war niemand, aber wer kein minimales Karnevalsaccessoirchen bei sich hatte, wurde von der Kostümbeauftragten mit einer doofen Mütze oder einer blöden Brille oder dergleichen ausgestattet. Und die Herren hatten natürlich alle eine Krawatte am Hals und Ersatzschlipse im Gepäck. Denn darum geht es ja bis auf den heutigen Tag an Altweiber: Der Austausch von mündlichen Zärtlichkeiten zwischen Menschen, die das sonst nie tun würden. Das Spiel geht ja so, dass sich das Altweib einen Kerl aussucht, der ihr halbwegs gefällt, ihn dann durch Kürzen der Krawatte virtuell kastriert, um ihn anschließend mit einem Bützchen zu trösten. Natürlich fielen auch die Binder der Chefs den Scheren zum Opfer, dann aber meist ohne folgenden Zungenkuss.

Heute würde man das gemeinsame Frühstück im Büro vermutlich „Vorglühen“ nennen. Vor vierzig Jahren diente es aber vor allem der Pärchen- und Gruppenbildung. Denn spätestens um 10 Uhr machte man sich auf den Weg in die Altstadt. Mit dem Auto, übrigens. Und es war nicht gesagt, dass der jeweilige Chauffeur nicht doch flüssig mitfeierte und irgendwann die ganze Bagage wieder in die Firma kutschierte; mit den Promille nahm man’s damals allgemein nicht so genau. Die Fotokopierer-Bande – in der Regel bei dreißig, vierzig Personen stark – steuerte traditionell den Schlössersaal an, diese Brauchtumshalle um die Ecke vom Lambätes, die es schon lange, lange nicht mehr gibt. Der Hauptraum war einer der usseligsten der ganzen Stadt: ein schmuckloses, vielleicht vier Meter hohes Quadrat mit einem – ja, wirklich! – pflegeleichten Asphaltfußboden.

Deckel für’n Hunderter

Man soff auf einen Deckel, der beim Köbes der Wahl deponiert war. Der bekam beim Eintreffen der Copy-Gang vorab einen Hunderter zugesteckt mit der Bitte, sich zu rühren, sollte der restlos in Bier und Schnaps umgesetzt worden sein. Dann ging’s los mit dem kollektiven Trinken. Weil immer ein mit vollen Gläsern bestücktes Tablett in der Nähe war, konnte man ganz ohne Wartezeit dem leckeren Alt zusprechen. Der Saal wurde beschallt, wobei die Musikauswahl nicht ausschließlich karnevalistisch bestückt war, sondern durchmischt mit allerlei Stimmungsmucke, bisschen Disco und Hits, zu denen man wahlweise mitgrölen oder tanzartige Bewegungen vollführen konnte. Dazu wurde dermaßen heftig gequarzt, dass sich ab etwa dreizehn Uhr ein undurchdringlicher Bodennebel gebildet hatte. Zu dem Zeitpunkt stand man dann ohnehin knöcheltief in einem Sumpf aus Bier, Kippen, Scherben und herabgefallenen Essensresten.

Die Zeit im Schlösser galt allgemein als Vorbereitung für das eigentliche Feiern und der Verfeinerung der personellen Konstellationen. Ja, an diesem schmutzigen Ort wurde geflirtet. Heftig, sehr heftig sogar. So heftig, dass manche Aktion heutzutage als sexuelle Belästigung gewertet würde. Wobei locker fünfzig Prozent der Attacken von Weibern auf Herren geritten wurden. Gegen drei zerlegte sich dann die homogene Firmenmasse in Grüppchen, die je nach Vorliebe andere Etablissements ansteuerten. Zum Beispiel die Musikkneipen auf der Kurze Straße, die üblichen Läden auf der Ratinger oder gern auch Pille und Pinte an der Liefergasse. Mehrfach landete Ihr sehr ergebener Berichterstatter so in der Pinte. Einmal an der Seite einer schönen Frau namens Cathy (Name von der Redaktion geändert), die er zuvor über Stunden und mit Hilfe verschiedener Spirituosen weichgesprochen hatte.

Kurz vorm Klo

Wir hatten Platz gefunden an der langen Fensterwand an einem Tisch kurz vorm Klo. Also zu einem Zeitpunkt, als sich die Gäste in der Kneipe noch frei bewegen konnten. Gegen achtzehn Uhr war dieser Zustand vollkommen beendet, und ein sehr netter Kollege strandete nach seinem Toilettenbesuch bei uns und begann, Cathy stark anzugraben. So saß die Blondine mit dem ausdrucksstarken Gesicht also zwischen zwei Kerlen, die sie begehrten, und hatte ganz offensichtlich Freude an diesem Zustand. Kann aber auch sein, dass sie die Situation nicht mehr wahrnahm, denn über ihrem glücklichen Lächeln schielte sie erheblich.

Nun ging das Spiel an Altweiber ja so, dass man spätestens um sieben alkoholbedingt ausschied und sich per Taxi nachhause bringen ließ oder dass man die flüssige Nahrung so gut dosiert und durch festes Esse ergänzt hatte, dass man noch nicht sturzbesoffen war. Hatte man im letzteren Fall eine ebenfalls noch sprech- und guckfähige Partnerin bzw. einen entsprechenden Partner, wechselte man gegen acht in einen Privatbereich – entweder nach dem Motto „zu dir oder zu mir?“ oder zu einer Party, zu der man nicht eingeladen war, von der man aber erfahren hatte. Und irgendwie erfuhr man beim Feiern in der Kneipe immer von irgendeiner privaten Fete für nachher.

Als wär nix gewesen

Nur die armen Pendler, die ihre Autos an der Firma geparkt hatten, kehrten an einem solchen Donnerstag noch einmal ins Büro zurück. Wer sich – unabhängig vom gefühlten Promillegehalt – nicht mehr fähig fühlte, ein Kfz zu bewegen, ließ sich von der Gattin bzw. dem Gatten oder einem erwachsenen Kind abholen. Manche wichen aus demselben Grund auf den ÖPNV aus. Und wer nun keine/n Partner/in abbekommen und von keiner Privatparty erfahren hatte, übernachtete notfalls im Büro.

Man könnte annehmen, freitags hätten die Kollegen massenweise blaugemacht. Nichts da! Die Insassen des informellen Festkomitees waren zuerst da, um in den Räumen wieder einen arbeitsfähigen Zustand herzustellen. Der Rest tröpfelte mit den gewohnten Verspätungen ein. Und wenn einer fehlte, dann wusste jeder: Aha, echte Alkoholvergiftung. Trudeln Pächen, die sonst keine waren, gemeinsam ein, wussten alle über den Verlauf der Nacht Bescheid. Aber am Aschermittwoch, da war auch das alles vorbei, und selbst im hier vorgestellten Büroausstattungsunternehmen ging alles wieder seinen gewohnten Gang.

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