April 2011: Ein Besuch in Damaskus

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Im April 2011 reisten fünf Düsseldorfer Jungs nach Damaskus und berichteten in der „Rainer’schen Post“ über den damaligen Zustand Syriens und seiner Hauptstadt Damaskus. Angesichts der aktuellen Entwicklung und des Elends der Menschen im Land wird dieser Bericht zu einem wichtigen Zeitdokument.

Das Jahr 2011 kann man schon heute getrost als historische Zäsur bezeichnen. Was der Gemüsehändler Mohmed Bouazizi im Dezember 2010 auslöste, wird noch von Tausenden Historikern aufgearbeitet werden müssen. Der vielleicht politisierteste Teil der Welt steht seitdem regelrecht in (medialen) Flammen. Zeitgleich gibt es eine Inflation von Analysen, die die Ereignisse aus diversen Perspektiven deuten versuchen. Die einen meinen, die Jugend des arabischsprachrigen Raums wollten nun endlich Freiheit und Demokratie, die anderen sind sich sicher, dass die Aufstände weitestgehend von außen angezettelt wurde. Da stellt sich die Frage, wie die Menschen vor Ort das sehen. Also haben wir zu fünft in diesen Wochen eine Reise in den so genannten „Nahen Osten“ gemacht und uns unter anderem ein paar Tage in Damaskus aufgehalten.

Ich bin jeden Tag zutiefst dankbar dafür, im Rheinland geboren und groß geworden zu sein. Dieser Menschenschlag ist immer noch der offenste und fröhlichste in einem Konstrukt von Kleinstaaten, das man im Jahr 1876 auf den Namen „Deutschland“ getauft hat. Vor etwa einem halben Jahr hatten wir mit einer ständig wachsenden Gruppe an Freunden und Bekannten aus diesem Teil der Erde eine Reise nach Jordanien, Syrien und den Libanon geplant. Der gemeinsame Sozialisationsnukleus stammt noch aus den Zeiten, als wir allesamt Abitur am Geschwister-Scholl Gymnasium gemacht haben. Vom spanischen Revolutionär und Schriftsteller Max Aub stammt der Satz, dass Heimat der Ort sei, wo man Abitur gemacht hat. Bei uns ist es jetzt zwölf Jahre her, dass wir so unseren Heimatort festgelegt haben. Zwölf Jahre sind eine lange Zeit, in der sich Menschen weiterentwickeln, manchmal reifen oder sich sogar charakterlich verändern. So sollte also eine Reisegruppe entstehen, die am ehesten Exkursion in das war, was Ulrich Beck „Risikogesellschaft“ genannt hat. Geprägt von den zwei Denkschulen wurden endlos E-Mails über Ängste vor scheinbar unverantwortlichen Risiken ausgetauscht. Zudem erwies sich der Begriff „Planung“ eher als geflügeltes Wort. Denn in der arabischen Welt kann man sehr wenig planen. Flexibilität ist alles. Denn von Dürrenmatt wissen wir „je genauer man plant, umso härter trifft einen der Zufall.“

Exkursion in die Risikogesellschaft
„Aus zehn mach fünf“ lautete die Devise vor der Überfahrt von Amman nach Damaskus. Bei manchen siegte die Angst über die Neugier, und so waren wir fünf Umdiedreißiger, die sich vor ungefähr einer Woche auf den Weg in die Hauptstadt der vielleicht delikatesten „Revolution“ aufmachten. Manche massierten die Nerven schon während der Fahrt mit Dosenbier holländischer und Heimatlieder der Fortuna-Fans. Am Ort der Revolution angekommen war die Ruhe ziemlich frappierend. Nach Rücksprache mit deutschen Entwicklungsexperten, die von keinen Problemen zu berichten wussten, war es in meinen Augen ohnehin sehr sicher. Aber diese Ruhe in der ältesten von Menschen bewohnten Stadt der Welt war ein besonderer Moment. Damaskus ist in meinen Augen nach Düsseldorf die schönste Stadt, die ich bislang sehen durfte. Sie ist von allen arabischen Städten die orientalischste mit unglaublich schönen Kulturschätzen. Es gibt osmanische und französische Einschläge, die in dieser Form einzigartig sind. Zudem zählt sie zu den preiswertesten Städten dieser Erde.

Wer nach Syrien reist, muss wissen, dass der Geheimdienst überall seine Späher hat. In unserem Fall hatte sich ein Einheimischer – oder nennen wir ihn spaßeshalber „Native“ – mit Fernglas in einer Wohnung gegenüber unserer Hotelzimmer verschanzt. Nein, so clever wie Apple beobachtet keiner die Menschen. So plump wie dieser Native aber scheinbar auch nicht. Nun gut, was passierte also, als der syrische Überwachungsstaat auf eine Reisegruppe aus dem Rheinland trifft? Ihm könnte der berühmte Satz aus Goethes Faust I in den Sinn gekommen sein müssen: „Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten“.

Es gibt Beobachter, die behaupten, dass Syrien vor einem Bürgerkrieg stehen könnte. Ja, die stolzen Menschen dort sind ernsthafter als sonst. Es herrscht eine Dunstwolke der Angst über der Stadt Damaskus. Syrien ist nicht irgendein Land. Es ist geostrategisch sehr viel bedeutender als z.B. Ägypten für den fragilen Frieden in der Region. Mit den Nachbarstaaten Irak, Türkei, Jordanien, Israel und vor allen Dingen dem Libanon ist dieses Land der Schlüssel zum (Un-)frieden in dieser Region. Seine vielen Stämme und die Nähe der schiitisch-geprägten Herrscherschicht der Alawiten im Iran und zur Hisbollah im Libanon in einem mehrheitlich von Sunniten bewohnten Land macht es zu einem sozialen Pulverfass. Wer immer von außen an diesem sensiblen Konstrukt zu zündeln versucht, muss Großes im Sinn haben, nämlich eine Neuordnung des Nahen Ostens. Syrien ist Schlüsselland für den Handel in dieser Region. Der alte Hegemon Türkei hat die Beziehungen zu den Syrern dramatisch verbessert, um seine Rolle als Handelsmacht zu festigen. Die Nähe zur neuen Tigerregion Kurdistan, den Golfstaaten, Saudi Arabien und auch zu Russland oder selbst China macht Syrien zum Austragungsort diverser Interessen. Es fließt eine Menge Kohle in dieses Land und nicht allzuviele wissen, was damit passiert. Hinzu kommen die Interessen von Familienclans, die ebenfalls zuallererst wirtschaftlicher Natur sind. Diese Melange von Interessen wird gerade ausgespielt.

Eurozentristische Angst
Für unsere kleine Gruppe war es ein besonderer Moment. Traditionell wird viel Angst über den Nahen Osten in westlichen Medien verbreitet. Angst, die manche zu Hasen werden lässt. Dies ist nur allzu verständlich. Im Nahen Osten gibt es keine Planungssicherheit und erst recht keine von eurozentrischem Denkmustern geprägte Vernunft. Wir alle sind zum Glück in einer Welt aufgewachsen, in der die Grundsätze der Kantschen Vernunft allgegenwärtig sind. Dies sehen manche als den entscheidenden Unterschied zwischen der westlichen Welt und der islamischen. Unserer kleinen Reisegruppe aus dem Rheinland wurde dies in diesen Tagen deutlich. Nichtsdestotrotz können wir immer noch bedeutungsschwangere Interpretationen von Beobachtern lesen, die eurozentrische Grundsätze anwenden. Der Wahrheitsfindung hilft dies nicht weiter. Arabien befindet sich in einem Umbruch, der die folgenden Generationen prägen wird. Diese Zeit ist zunächst spannend, denn es sind andere Denkmuster am Werk. Abschließend kann man nur sagen: Habt keine Angst vor diesem Teil der Welt. Nein, Revolutionen sind dies nicht. Vielmehr sind es Brüche, die wir mit unserem Denkverständnis nur unzureichend begreifen können. Viel wichtiger noch: Überlasst den Historikern die Deutungshoheit – im Jahr 2030 oder so.

Die Interpretationsschulen
Vereinfachend kann man sagen, dass es zwei große Schulen der Deutung der Ereignisse gibt. Die einen, nennen wir sie moderne Spartakisten, glauben, dass sich eine junge Generation dazu kollektiv entschlossen hat, demokratische Reformen und Bürgerrechte einzufordern. Getrieben von dramatischen Grundnahrungsmittelpreisen, sozialen Strukturen wie in Europa vor dem Westfälischen Frieden und einem Dürsten nach Lebenschancen im Sinne Max Webers setzen sie ihr Leben ein, um ihre Länder von nationalistisch geprägten Tyrannen zu befreien, die seit Jahrzehnten geschicktes Stammes-Appeasement betreiben. Korruption gilt da als Mittel zum Zweck. Arabien soll zum Hort der Demokratie werden, ähnlich wie die Amis oder welche Länder sonst noch so alle vier Jahre in Schulen, Kindergärten und Seniorenresidenzen Wahlurnen aufstellen. Wir kennen das ja von uns selbst sehr genau, wenn wir drei Tage vor dem Wahltag kaum noch einschlafen können und uns dann an den Ort des Glücks zum Kreuzchenmachen aufmachen. Wer Düsseldorfer Lokalpolitiker auf Wahlplakaten in Erinnerung hat, weiß wovon ich schreibe. Arabiens Jugend will dieses Jeföhl laut diesen Beobachtern auch.

Die zweite Interpretationsschule – nennen wir sie Jünger des Ajax – glaubt an den Umsturz von außen. Getrieben von kapitalistischen Interessen im Zeitalter neuer Ressourcenwettläufe zwischen dem Westen und vor allen Dingen China, soll eine Region neu geordnet werden, um sie vor dem gelben Drachen zu beschützen. Gleichzeitig kann das scheinbar unaufhaltsame Wirtschaftswachstum Chinas so eleganter kontrolliert werden. Denn wer Arabien im Portfolio hat, dem gehört die Welt. Dieser Theorie fehlt ein bisschen die Annahme, dass da unten auch Menschen leben, die unter Umständen einmal am Tag nachdenken könnten. Angefeuert wird sie von Verlagen, die so heißen wie der Rheinländer einen recht wichtigen Teil des Körpers beschreibt und der neuen Online-Bibel Wikileaks, die die frohe Botschaft US-imperialer Machtpolitik in die Welt trägt. Ob dies jetzt so stimmt oder nicht, ist für diese Seite erstmal egal. Es ist eine Art Arabien-Cup, der gerade ausgetragen wird: Wenn Tunesien die Vorrunde war, sind Ägypten, der Jemen, Algerien und Libyen die vielbeachteten Viertelfinals. Das erste Halbfinale findet in Syrien statt, das zweite ist noch offen, aber Saudi-Arabien bietet sich an. Das Spiel um Platz Drei wird wohl eher an die Underdogs wie Jordanien oder den Sudan gehen. Das große Finale müsste laut dieser Perspektive in Teheran ausgetragen werden. Die Schiedsrichter in diesen Begegnungen haben allesamt amerikanische Pässe.

Wer sich lediglich auf eine der beiden Denkschulen verlässt, um die Ereignisse zu analysieren, liegt in meinen Augen falsch. Es ist viel zu früh, um wirklich Rückschlüsse zu ziehen. Es scheint vielmehr eine Melange beider Denkschulen zu sein, die Arabien gerade erlebt. Aber weiter kommen wir so auch nicht.

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