Darmstadt vs F95 1:0 – Man muss auch verlieren können

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Das sind solche Spiele, wegen denen man als altgedienter Fortuna-Fan dann doch vielleicht eigentlich lieber in der zweiten Liga bleiben möchte. Selbst über den Flachbildschirm im Bilker Häzz und trotz der völlig bescheuerten verbalen Untermalung durch den Sky-Kommentator kam diese, ja, Atmosphäre rüber, die ein Fußballspiel ausmacht. Nun gut: Das Stadion am Böllenfalltor wirkt – ähnlich wie der Platz in Kiel – schon sehr aus der Zeit gefallen, und wirklich bequem ist das alles nicht. Aber, wer hat denn gesagt, dass es wahre Fußballfans am liebsten bequem haben? Wie auch immer: Die glorreiche Fortuna verlor – durchaus verdient, aber insgesamt unglücklich. Dies vor allem wegen der beiden Pfostentreffer in Halbzeit Zwo.

Weite Teile des Spielberichts könnte man inzwischen bei vergangenen Partien abschreiben, denn Gegner, die sich der Fortuna spielerisch für unterlegen halten, scheinen durchweg nach Abpfiff loszustürmen wie die Feuerwehr, stehen enorm hoch, üben maximales Pressing aus und wollen mit aller Macht den Führungstreffer erzielen. Die F95-Jungs wackeln in dieser Phase ein bisschen und beginnen dann, die Sache durch kontrolliertes Querpassen und gelegentliche Rückgaben zu beruhigen. Genau so war’s auch am gestrigen Ostermontag. Selbst die siebenminütige Unsicherheit des jungen Robin Bormuth kennt man nun auch schon. Und so hatte sich das Spiel der Herren in Rot ab ungefähr der 20. Minute einigermaßen eingerüttelt. Wobei die Truppe in der 21. Minute dann vom Käpt’n persönlich wachgerüttelt wurde.

Fink als Ibrahimovic

Der versuchte sich mit einer scharfen Bogenlampe an einem Ibrahimovic-Imitat, die beinahe hinter dem gar nicht so weit vor dem Tor stehenden Keeper eingeschlagen wäre. Erwähnenswerte Spielzüge gab es bis dahin nicht, und auch die gute Chance für Florian Neuhaus zwei Minuten später entstand eher aus seiner persönlichen Eigeninitiative und war nicht das Ergebnis von Laufwegen und geplanten Pässen. Um die 30. Minute herum ließ sich einigermaßen definieren, woran es haperte: hohe Fehlerquote im Passspiel und zu geringe Geschwindigkeit beim Spielaufbau. Zudem fand Rouwen Hennings nicht in seine Position, und Takashi Usami versteckte sich gleich ganz. Allein sein Landsmann Genki Haraguchi wirbelte die Darmstädter ein ums andere Mal durcheinander, wobei er oft eben einen Übersteiger, eine Kurve, einen Haken zu viel vollführte.

Ganz früh aber wäre es beinahe zur Führung für die Gastgeber gekommen. Einen gar nicht so scharfen Fernschuss ließ Tormann Raphael Wolf ohne Not nach vorne abprallen, eine Lilie kommt herangestürmt, hat die Pille frei vorm Kasten und … haut drüber. Dass eine solche 30-Meter-Rakete kommen kann, ist auch durch perfektes Verteidigen nicht zu verhindern, aber das Ding weder zu fangen, noch nach außen abzuwehren, ist eine tormännische Minderleistung – um es einmal so auszudrücken. Tatsächlich aber stimmte die defensive Zuordnung bei F95 auch in dieser Situation nicht. Genau wie kurz zuvor und kurz danach; immer wieder stand ein Darmstädter blank im Sechzehner, und wenn die Blauweißen zu gefährlicheren Flanken in der Lage gewesen wären, hätte es schon bis zur 30. Minuten ein paar Mal klingeln können.

Individueller Fehler vor dem Tor

So entstand auch der einzige Treffer der Partie aus einem bzw. zwei individuellen Fehlern. Da schlägt ein Darmstädter auf links einen Pass von der Grundlinie in Richtung Strafraum, der seinen Adressaten erreicht. Der wird in diesem Moment von zwei Fortunen beschattet, und trotzdem stürzt Kaan Ayhan hinzu, wodurch der spätere Torschütze ungedeckt am Rand des Sechzehners rumsteht. Der Schuss des dreifach attackierten Spielers wird noch geblockt, aber der Nachschuss erreicht dann das Netz – übrigens unglücklich abgefälscht von Käpt’n Fink. Ob die Führung für die Lilien zu diesem Zeitpunkt verdient war, darüber ließe sich stundenlang debattieren. Entstanden ist sie aber durch das bereits genannte defensive Fehlverhalten.

Dann ringen Schauerte und sein Kontrahent rechts vom Darmstädter Strafraum miteinander, der Lockenkopf setzt sich durch und kann nur durch einen Trikotzupfer gestoppt werden. Weil der Zupfende bereits eine gelbe Karte kassiert hat, wird er folgerichtig vom ordentlich leitenden Schiri Reichel per Gelbrot in die Katakomben geschickt – ein typischer Platzverweis wegen erwiesener Dummheit. Dass dann ein weiterer Darmstädter unseren Herren Ayhan schubst (vielleicht mit dem Hintergedanken, den ligabekannten Heißsporn zu provozieren, sodass auch der fliegt…), rundet die merkwürdige Situation ab. So oder so: Fortuna darf nun 50 Minuten lang mit elf gegen zehn spielen.

Leicht schlampig, bisschen langsam

So richtig erfreulich kann Trainer Friedhelm Funkels Halbzeitanalyse nicht ausgefallen sein. Seine Jungs erschufen zwar ein paar Chancen, versenkten aber keine davon. Und machten es insgesamt gesehen, den schwer vom Abstieg bedrohten Darmstädter nicht allzu schwer, ihren Kasten sauber zu halten. Dies vor allem wegen leichten Schlampigkeiten in der Defensive und einer in dieser Saison nicht oft gesehenen Langsamkeit. Gefährlichster Angreifer neben Haraguchi war – und das darf man sich mal wieder auf der Zunge zergehen lassen – Julian Schauerte, das Geburtstagskind. Positiv erwähnen kann man dann nur noch das Mittelfeldtrio Fink, Neuhaus und Marcel Sobottka, deren Bemühen aber mangels Abnehmer vorne und auf den Flügeln fruchtlos blieb.

Dass es in der zweiten Halbzeit nun ein Anrennen geben würde, schien klar. Und tatsächlich stellten die Darmstädter auf ein solides 7-1-1 um, sodass es für Fortunen beinahe unmöglich wurde, den gegnerischen Strafraum überhaupt noch zu betreten – weil dort einfach kein Platz mehr war. Natürlich begannen die rotweiß gesonnenen Beobachter in der Kneipe nun, ihrer Unzufriedenheit über die eigene Mannschaft freien Lauf zu lassen. Immer mit dem Vorwurf, die Jungs hätten keine Ideen und spielten zu langsam. Dem kann man nur entgegenhalten, dass die größte Kreativität nichts nutzt, wenn der Gegner nur noch den eigenen Sechzehner verteidigt und – über weite Strecken – nicht einmal am Kontern interessiert ist.

Raman falsch gesetzt

In der Pause ersetzte der zuletzt nicht mehr so starke Jean Zimmer, den mit Gelb vorbelasteten Schauerte – ein, wie man so sagt, positionsgetreuer Wechsel. Der Punkt aber, an dem die Wahrscheinlichkeit auf ein Unentschieden oder einen Sieg dann gegen Null sank, war der Wechsel in der 57. Minute von Neuhaus zu Benito Raman, der von den Fans noch stürmisch bejubelt wurde. Es wird vermutlich ein Rätsel bleiben, was sich Funkel dabei gedacht hatte, den quirligen Flitzer quasi zur zweiten Spitze zu ernennen, und die Flügel weiterhin von den Tandems Zimmer & Usami sowie Schmitz & Haraguchi beackern zu lassen. Eine halbe Stunde lang bewies Raman, dass er auf dieser Position völlig wirkungslos bleibt, was er durch sinnloses Mittun in der Defensive zu kompensieren trachtete.

Auch wenn es die bereits erwähnten zwei Pfostenschüsse gab (die zwar beide zur Hütte hätten werden sollen und können, aber auch nicht wirklich perfekte Torschüsse waren…) und Hennings und Usami jeweils halbwegs gefährlich auf den blauweißen Kasten hielten, so richtig fiel den Rotweißen nichts ein. Und mit der Einwechslung von Emir Kujovic für Usami kam dann das Offensivspiel fast ganz zum Erliegen, und den Darmstädtern boten sich Kontermöglichkeiten. Spätestens ab der 60. Minute wurde heftig genickelt, und der Spieler Großkreutz, den „Weltmeister“ zu nennen der Sky-Sprecher nicht müde wurde, tat sich dabei besonders hervor – anders kennt man den Discofans ja auch nicht.

So blieb es beim 1:0 für die Hausherren in einem nicht wirklich guten, aber durchaus spannenden Spiel. Der Tabellenführer verliert gegen den Vorletzten, so heißt es nun in den Gazetten. Aber genau darum geht es bei einem möglichen Aufsteiger, einer Mannschaft, die wochenlang Spitzenreiter ist, auch, nämlich mit Anstand verlieren zu können. Wie gut die Fortuna 2017/18 in dieser Disziplin ist, hat sie ja bereits nach dem 4:3-Debakel in Regensburg bewiesen. Und die Niederlage von gestern könnte ein weiterer Baustein zur Reifung des Teams sein, quasi eine Teambuildung-Maßnahme, wenn die Insassen des Kaders es verstehen, das Ding gemeinsam zu verarbeiten, ohne dass es zu gegenseitigen Vorwürfen kommt. Es sieht so aus, als sei diese Truppe dazu in der Lage.

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2 Kommentare

  1. Ich gebe zu, ich habe mich gestern mächtig geärgert über die Niederlage. Auch über den Sky-Sabbler, aber dass ist ja fast normal. Außer, dass er gestern heftig übertrieben hat mit seinem Lobgesang über den ehemaligen Hotel-Pinkler.

    Wer schon länger ein Fan der Fortuna ist, musste eigentlich traditionell schon mit einer Niederlage rechnen. Denn Aufbauarbeit für einen Gegner leisten, das konnte (und kann) Fortuna schon immer gut. Monatelang nicht zu Hause gewonnen? Abstiegsangst beim Gegner? Letze Chance des Gegners? Die Chance, dass sich F95 absetzen kann von der Konkurrenz? Fortuna hilft, war oft genug so, auch in dieser Saison.

    Nun haben unsere Jungs ja gestern fast alles versucht, eigentlich kann man ihnen nicht viel vorwerfen. Und was die Überzahl angeht, ist das ja nicht immer automatisch ein Vorteil. Wenn, wie gestern, die Mannschaft in Unterzahl bereits führt, zieht sie einfach eine Offensiv-Kraft ab. Für die Mannschaft in Überzahl ändert sich nicht viel. Im Angriff hat sie genauso viele Gegner vor sich, wie vorher. Darmstadt hat fast überwiegend mit 10 Mann in der eigenen Hälfte verteidigt. Wer will es ihnen verdenken?

    F95 ist halt nicht Bayern (Gott sei Dank 😉 ) und hat leider Probleme, wenn der Gegner zwar spielerisch nicht viel zu bieten hat, aber dafür jede Menge Biss, Pressing und Leidenschaft. War ja nicht das erste Mal in dieser Saison.

    Bochum erwarte ich am Freitag ähnlich, mit besseren spielerischen Möglichkeiten, als Darmstadt. Ein Sieg sollte es schon sein für Fortuna, wenn man seine Position verteidigen will.

    Gestern war es jedenfalls wieder ein Beispiel dafür, dass einige Fans und vor allem die Medien, viel zu früh über den möglichen Aufstieg reden. Der ist nämlich noch um einiges entfernt. Auch dann, wenn Fortuna am Freitag gewinnen sollte!

    Es bleibt spannend ….

    • Da kann man Uwe in allen Punkten nur zustimmen, mein Ärger indessen war maßlos, nicht nur „mächtig“, und auch wenn man sich der knickerigen Meckerei auf Podest bezichtigen lassen muss – das war gegen die schwächste Mannschaft der Liga (!) eines Tabellenführers einfach unwürdig – Pfosten hin oder her. Ich kann die Flitzpiepen gut verstehen, die hämisch-genussvoll fragen: „Was wollen die da oben ?!?“

      Das Funkelmariechen ist zur Gesundbeterei verpflichtet – d’accord. Aber wenn man jetzt nicht beizeiten den einen oder anderen Finger in die offenen Wunden legt, wird man mit unsicheren Kandidaten wie weiland Levels, Lambertz und Bodzeck (auch als Backups) wieder scheitern. Schauerte z.B. geht in Liga 1 gar nicht!
      Ich bin im Unterschied zur Ära Werner (der mit der Resterampe …) & Co. aber voll Vertrauen in die derzeitige Führung, Trainer selbstverständlich inbegriffen.

      Bisschen Bashing gefällig?
      Der Goalie war nie so gut, wie er geschrieben wurde, immer etwas fahrig. Ein Hoch auf Rense.
      Und die begabte Leihgabe aus Ostholland muss aufpassen, dass er nicht so’n Schönwetterspieler mit anderthalb Zauberpass pro Spiel wird wie einst sein Kollege mit Frisur, Disco und Ferarri …

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