Grand Depart – oder: Das Märchen vom radelnden Zwerg

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Es war einmal die schönste Stadt am großen Fluss. Nach dem Tode des großen Fürsten hatte einer seiner Lakaien das Zepter übernommen, ein großer, schwerer Kerl von eher geringem Verstand, der gern Bier trank und ansonsten den lieben Gott einen guten Mann sein ließ. Nach und nach vergaßen die braven Bürger der Stadt diesen Ersatzfürsten auf seinem Stammplatz im Wirtshaus auf der östlichen Straße. Als aber Wahlen anberaumt wurden, um der Stadt ein neues Oberhaupt zu geben, tauchte aus dem Nichts ein Zwerg aus einem fernen Land mit einer merkwürdigen Sprache auf, der den großen Dicken zum Wettstreit herausforderte. Denn er hatte sich viele Jahre in benachbarten Königreichen herumgetrieben und hier und da seine Geschäfte betrieben, ohne sich damit allzu viel Freunde zu machen. Das kleine Wese aber ging immer brav zur Kirche und blies gelegentlich auf seiner Zwergenflöte. Dass er aber völlig verrückt danach war, mit dem Fahrrad wie der Wind übers Land zu brausen, wussten die Bürger der Stadt nicht. Also wählten sie ihn zu ihrem neuen Fürsten.

Nun haben es Wesen geringer Körperlänge so an sich, nach Größerem zu streben – koste es, was es wolle. Der plumpe Vorgänger hatte es immerhin geschafft, einen sehr, sehr großen Sängerwettstreit in die Stadt zu holen. Da dachte der neue Fürst: Ich muss etwas schaffen, was noch viel, viel, viel bedeutender ist als das. Nun traf es sich, dass in fürstlichen Kabinett auch eine Dame saß, deren Sohn als Gladiator um die Welt zog und für Geld radelte. Das brachte den kleinen Herrscher auf eine große Idee. Wie wäre es, fragte er sich, wenn der nächste große Radlerwettstreit hier in meiner Stadt stattfände? Oder wenigstens begönne? Gedacht, getan. Zwar waren nicht alle seine Berater dafür, aber er ließ weise Leute dicke Berichte schreiben, aus denen hervorging, dass ein solches Ereignis die Stadt in aller Welt berühmt machen könnte, dass viele, viele Handwerker und Händler in die Stadt zögen und damit ein goldenes Zeitalter von Frieden und Wohlstand bevorstünde.

Außerdem, so der radelnde Fürst, könnte die Veranstaltung immer mehr Bürger dazu bringen, ihre Kutschen im Stall zu lassen und gleich ihm nur noch mit dem Velo durch die Stadt zu fahren. Damit würden Tonnen und Abertonnen Pferdemist gespart, und alle Menschen würden so quirlig und gesund wie er. Aber ein Teil seines Rates war immer noch dagegen und fragte: Was kostet das denn alles? Wie sollen wir das bloß bezahlen? Da rief der Herrscher andere Berater herbei, die vorrechneten, dass man zwar über 11 Millionen Dukaten zahlen müsse, dass aber Handwerker und Händler ihren Teil dazu täten, und außerdem würde die Stadt ja durch ihre Berühmtheit in Zukunft reicher als reich. Es kam zur Abstimmung. Die Meinung des Fürsten gewann die Mehrheit – aber nur, weil die braunen Magier für seinen Vorschlag stimmten mit der Absicht, den guten Mitgliedern des fürstlichen Kabinetts eins auszuwischen.

Bald stellte sich heraus, dass die reichen Händler und Handwerker keineswegs bereit waren, ihr Teil zu den Kosten hinzu zu tun, eher im Gegenteil. Nun war es aber so, dass der kleine Fürst, der ja ein mit allen Wassern gewaschener Geschäftemacher war, die Verwalter aller städtischen Güter dazu zwang, Geld aus ihren Schatullen beizusteuern – ob sie wollten oder nicht. So konnte er den Bürgern berichten lassen, alles liefe wie am Schnürchen, der große Radwettstreit würde die Stadt kaum einen müden Dukaten kosten. Und weil alle Ausrufer der Stadt hofften, ebenfalls etwas von diesem Ereignis zu haben, stimmten sie jeden Tag Hochrufe auf den Fürsten an und auf den großen Radwettstreit. Dass hinter dem Wettstreit ein finstere Macht stand, die ihre Gladiatoren wie Sklaven hielt und sie mit Zaubertränken traktierte, damit sie schneller und schneller fuhren, darüber berichtete sie nicht. Auch nicht, dass ein Großteil der vielen, vielen Dukaten dieser dunklen Macht zuflösse, damit diese zustimme, die Veranstaltung in die Stadt zu verlegen.

Je näher die Tage des Wettstreits kamen, desto deutlicher wurde, dass die Rechnung, die der Fürst seinen Untertanen präsentiert hatte, nicht aufgehen würde. Es begann ein leises Murren. Vor allem unter den Bürgern, die bereits ihre Kutschen in den Ställen stehen gelassen hatten und mit dem Rad durch die Stadt fuhren. Denn das war in jenen Tagen äußerst beschwerlich, weil die Straßen und Wege samt und sonders auf Kutschen ausgerichtet waren und sie nur unter Lebensgefahr am Verkehr teilnehmen konnten. Das aber war dem radelnden Zwerg herzlich egal; er fuhr ja nicht jeden Tag auf seinem Velo ins Rathaus, sondern benutzte das Rad nur, wenn er damit bei den Ausrufern glänzen konnte. Überhaupt hieß es, der winzige Herrscher verfalle in eine Art Starre, wenn kein Auge eines Ausrufers auf ihm ruhe. Sobald sich aber die Berichterstatter in seiner Nähe versammelte, radelte er nicht nur wie wild, nein, er turnte umher, schlug Räder, rannte wie verrückt, erzählte Witze, machte Musik und führte sich auf wie ein Hofnarr.

Tatsächlich kamen an dem Tag, an dem die Gladiatoren zu ihrem Wettstreit aufbrachen, viele, viele Fremde in die Stadt. So viele, dass alle Herbergen überfüllt waren, obwohl die Wirte das Dreifache forderten wie sonst. Auch die Wirte machten ihren Reibach. Die Bürger der Stadt aber litten drei Tage und drei Nächte unter dem Ansturm. Manche konnte nicht mehr in ihre Häuser, andere waren die Wege zu ihren Äckern versperrt, und niemandem gefiel das große Durcheinander, das der Grand Depart – so hatte man das Ereignis genannt – anrichtete. Der kleine Fürst aber war zufrieden, denn sein Konterfei wurde von Dutzenden Zeichnern verfertigt und in aller Welt verteilt, und die Ausrufer nah und fern nannten seinen Namen.

Für seine Untertanen kam das böse Erwachen erst später und nach und nach. Ein Jahr nach dem Ereignis sprach niemand in der Ferne mehr von der Stadt, und nicht ein einziger Händler oder Handwerker hatte sich angesiedelt, weil er durch den Wettstreit erfahren hatte, wie schön die Stadt war. Auch die Abrechnung fiel schlimm aus: Die Kosten waren weit höher als angenommen, die Einnahmen deutlich geringer. Und weil das Manko aus dem Stadtsäckel ausgeglichen werden musste, blieben nicht mehr genug Dukaten übrig, den Bürger, die bereits auf das Fahrrad umgestiegen waren, das Leben leichter zu machen. Und weil es lebensgefährlich blieb, sich mit dem Velo durch die Massen an Kutschen zu quälen, ließen nicht mehr Untertanen ihre Kaleschen im Stall, sondern weniger. Den Herrscher aber kümmerte das nicht. Sechs Jahre währte seine Regierung, und als er sich erneut zur Wahl stellte, erinnerten sich die Bürger an den Grand Depart, den der Fürst ganz allein gewollt hatte, an die Kosten und die Folgen. Er wurde nicht wiedergewählt. Zwar trieb man ihn nicht in Schimpf und Schande aus den Mauern, aber nach kurzer Zeit versanken sein Name und seine Taten in der Vergessenheit.

Und wenn er nicht gestorben ist, dann radelt er noch heute.

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