Fortuna-Punkte 16/17: Reise mit Ralph

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Diese Woche hat mich mein alter Kumpel Ralph besucht. In Wahrheit ist er noch gar kein alter Kumpel. Wir haben uns erst in Holland kennengelernt, EM 2000, da waren wir auf derselben Seite. Gegen der Rest der Welt. Ralph kommt aus East London und war immer Mitglied einer Firm aus dem Umfeld der Hammers. Mit den Lads dieses Scheißclubs haben wir uns oft genug geboxt, aber: EM ist EM, da zählen nur die 3 Löwen. Jedenfalls hab ich ihn aus einer ziemlich schwierigen Situation in Eindhoven befreit, wo wir leider gleichzeitig mit den Deutschen zu tun hatten und Polen, die überhaupt nicht hätten da sein sollen. Seitdem sind wir Freunde, und Ralph wartet auf die Chance, sich revanchieren zu können. Er ist kaum 5’6, aber mindestens so breit. Außerdem hat er extrem lange Arme. Es sieht aus, als könne er sich ohne Bücken unter den Knien kratzen. So kam sein Spitzname zustande: „Chimp“.

Unterwegs nach Aue

Damit kann er leben. So lange niemand Anspielungen auf seine Visage macht. Leider ähnelt er da noch mehr einem Schimpansen. Der Schädel ist groß, die Ohren sind riesig. Er hat so Wülste über den Augen und ziemlich dicke Lippen. Sheila sagt immer: Schön isser nich, aber ein feiner Kerl. Besser könnte ich das auch nicht zusammenfassen. Außerdem ist er so halb farbig. Seine Mom stammt von irischen Tinkern ab, sein Dad kam aus den West Indies. Auch der zweite und der dritte Mann von Ralphs Old Lady war karibisch, sie hatte einen Faible für die Kerle aus der Gegend. Ralphs großer Vorteil in Kämpfen ist also seine Reichweite. Und seine Gnadenlosigkeit. Dazu gleich mehr.

Dass wir zusammen nach Aue fuhren, war eine – wie sagt man? – Schnapsidee. Dienstag und Mittwoch hatten wir gesoffen wie die Löcher. Ralph hatte vier Paletten Fuller’s London Pride mitgebracht. Die wir an zwei Abenden vernichteten. Dabei lernte er Killepitsch kennen. Und lieben. Seine Kiste, ein oller kleiner Rover, war noch auf der Autobahn verreckt. Und ich musste ihn abholen. Jedenfalls redete ich ihn beim Saufen dahin, zusammen nach Aue zu fahren. Und weil ich noch Meilen übrig hatte, mietete ich einen brandneuen Mercedes. Ralph war beeindruckt. Nun redet er nicht viel, hat aber sprechende Augen.

Ich dagegen… Na, ihr wisst es ja. Ich muss dauernd was erzählen. Sheila zeigt mit den Fingern immer an, wie oft ich dieselbe Story schon vorgebetet habe. Meistens reichen zwei Hände nicht. Also brachte ich Ralph auf der Strecke von Düsseldorf bis Hersfeld erst einmal auf den Stand, was die Fortuna angeht. Er schlief gut in den weichen Lederpolstern. Dann erklärte ich ihm den wahren Unterschied zwischen Tradition und Retorte. Er schnarchte sanft. Und dann musste ich pinkeln.

Der rätselhafte Osten

Ehrlich gesagt, den Osten von Deutschland werde ich nie verstehen. Hab ja immer gedacht, dass mit den Wessis und Ossis wäre so wie zwischen Engländern und Schotten. Aber die sprechen wenigstens dieselbe Sprache. Ich war ja auch schon in Österreich. Selbst die Ösis verhalten sich halbwegs wie Deutsche. Aber die im Osten… Mir persönlich sind die fremder als zum Beispiel Holländer. Das gilt natürlich nicht für alle. Im Norden und rund um Berlin scheint es ja Deutsche wie du und… äh, also normale Deutsche zu geben. Aber im Südosten? Die ticken völlig anders. Die fühlen sich meist vernachlässigt, benachteiligt, betrogen und missverstanden – Opfer von wasauchimmer eben.

Mit dieser Erklärung weckte ich Ralph, der sofort einen seiner Lieblingssätze anbrachte, den ich hier mal ausnahmsweise auf Englisch zitiere: „Victim gets who feels a victim“ (Opfer wird, wer sich als Opfer fühlt“ – der Chefred). Er fand Pausemachen klasse und wollte gern einen Tee. Wir steuerten also eine Raststätte namens „Hörselgau“ an. Mein Kumpel kriegte sich bei dem Namen nicht mehr ein vor Lachen. Das wär ja wie in Wales, da hätten sie auch so bekloppte Namen, die keiner aussprechen kann. Um ehrlich zu sein: Ich kann Hörselgau auch nicht aussprechen…

Der Hörselgau-Vorfall

Das mit dem Tee redete ich auf dem Weg in die Raste aus. Engländer sollten niemals Tee ordern in deutschen Raststätten, niemals! Statt dessen holte ich nach dem Pinkeln zwei Pott Kaffee, und wir platzierten uns an einem Stehtisch mit Blick auf den Parkplatz. Da rollten gerade zwei so Neunsitzer an. Weißblaue Fahnen drinnen und draußen. Also Fußballfans. Die strömten in die Raststätte, lauter mittelgroße Typen mit hohem Alkoholpegel. Rauschten an uns vorbei bis auf einen. Der blieb stehen, zeigte auf Ralph und grölte fröhlich: Guggeda, e Nescher!

Nun hat Ralph nicht nur große, sondern auch feine Ohren und ein besonderes Radar für das Wort „Neger“ in allen gängigen Sprachen und Dialekten. Dieses Radar schlug an. Der blauweiße Typ trank Ralphs heißen Kaffee aus zwei Meter Entfernung und fraß die Tasse gleich hinterher, weil mein Kumpel sie ihm ins Maul stopfte. Es wurde eine ziemlich blutige Angelegenheit. Wir verschanzten uns in der Souvenir-Ecke und bewaffneten uns mit Spielzeug. Die Gegner, es waren mehr als zwölf, trauten sich nicht ran, bewarfen uns aber mit Messern, Gabeln, Tellern und Gläsern. Wir warfen zurück und trafen besser. Dann unternahm Ralph einen Vorstoß und rannte brüllend und die langen Arme schwingend auf die Fußballheinis zu, die sich in die Hosen schissen und den Abgang machten.

Stille Stunden in Aue

Später hieß es im Radio, an der Raststätte Hörselgau sei es zu Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten Hooligan-Gruppen gekommen. Die Täter seien aber schon geflüchtet als die Polizei eintraf. Als ich Ralph das übersetzte, konnte er sich vor Lachen kaum halten. Natürlich hatten wir auch was abgekriegt, blaue Flecken und so. Ich einen kleinen Cut überm Auge von einem fliegenden Teelöffel. Da tat die Kälte in Aue gut. Wir parkten im Städtchen und gingen zu Fuß hoch zum Stadion. Das ist zur Zeit eher eine Baustelle. Wir mischten uns unter die Fans von Aue und ergatterten Karten für sehr schöne Sitzplätze auf der Haupttribüne.

Und während das Spiel so hin und her plätscherte und die Heimzuschauer immer besoffener wurden und immer mehr rumprollte, ruhten uns Ralph und ich mal so richtig aus. Und genossen stille Stunden in Aue. Wir hatten unseren Spaß ja schon gehabt.

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