Fortuna-Punkte 17/18: 7 Sorten Zuschauer in der Arena

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Dieser Tag kam es zu einer kleinen Diskussion mit einem lieben, alten Kollegen, der es (bisher!) nicht so mit dem Fußball im Allgemeinen und der Fortuna im Besonderen hat. Der Bursche hatte äußerst verquere Ansichten darüber, was und wie solch ein Fortuna-Fan beschaffen ist und sich verhält. Er wusste es nicht besser, versuchte aber, ihm diese amorphe Masse an Leuten, die man Spielen der glorreichen Fortuna in der Arena vorfindet, auseinanderzuklamüsern. Dabei ging mir vor, dass es jenseits des ewig öden Streits „wahre Fans vs Eventies“ eine recht unterschiedliche Anordnung an „Zielgruppen“ gibt und entwickelte die Theorie von den „7 Sorten Zuschauern“, die ich hier gern vor- und zur Debatte stellen möchte. Kommentare sind also heftig erwünscht.

1. Der Spaßorientierte

Es gibt so Leute, für die fällt Fortunagucken unter „Unterhaltung“. Sie stellen sich die Frage „Gehen wir heute ins Stadion oder lieber zu diesem Open-Air-Konzert“ und entscheiden sich dann mit derselben Begeisterung, dann doch in der Altstadt abzuhängen. Dieser Klientel geht es um den Spaß, bestenfalls um das Erlebnis. Sie fallen durch völlige Ahnungslosigkeit (Welche ist denn die Fortuna?) und eine bemüht ironische Distanz zum Fußballsport auf. Meistens haben sie eine Eintrittskarte irgendwie und irgendwo für lau gekriegt. Weil sie aber auch gern mal eine Emotion mitnehmen, schauen sie weniger aufs Spielfeld als auf die Fanblocks – immer in der Hoffnung, dort könne es das geben, was sie ganz im Sinne der verblödeten Spochtrepochter „Randale“ nennen. Hat die Fortuna gewonnen, erzählen sie überall rum, dass sie dabei gewesen sind; ist F95 leer ausgegangen, erwähnen sie die Stunden im Stadion mit keinem Wort.

2. Der Fußballfreund

Die Insassen dieser Zielgruppe sind meistens ahnungslose Träumer, die der Vorstellung anhängen, Liga- und Pokalspiele seien Teil des Fußballsports. Und obwohl sie in aller Regel nur randständige Kenntnisse dessen haben, was diesen Sport ausmacht, fordern sie vehement die Reinheit des Fußballs. Besonders gern greifen sie diejenigen an, die sie für „Fans“ halten. Durch die ständige Gehirnwäsche der entsprechenden Medienpropaganda sind sie es, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit äußern, dies oder das „habe beim Fußball nichts zu suchen“. Und weil sie nach eigenem Verständnis den Fußball lieben, sind sie große Anhänger dieser Superduperstars, die irgendwo in irgendwelchen Champignon-Ligen kicken, weil die so schönen Fußball spielen. Bezeichnend auch für den Fußballfreund ist, dass er sich nicht zu einem Verein bekennen mag und unterschiedslos zu Partien der Fortuna, der Borussia aus MG oder gar des Äff-Zehs latscht.

3. Der junge Vater

Meistens handelt es sich um Erzeuger von männlichem Nachwuchs in den späten Dreißigern oder frühen Vierzigern, die irgendwo gelesen habe, richtige Väter gingen mit ihren Jungs zum Fußball. Wie das geht, wissen sie aber nicht, weil ihre Väter nicht mit ihnen zum Fußball gegangen sind. Um aber gegenüber dem mitgenommenen Pimpf nicht blöd dazustehen, tun sie so, als seien sie schon immer Fan und erzählen Schoten von Spielen, die sie bestenfalls im TV gesehen haben. Bevor sie den Sohn zum ersten Mal in den Familienblock schleifen, statten sie ihn (und sich auch) mit allen möglichen und unmöglichen Fan-Artikeln aus … und wundern sich dann, dass außer ihnen nur andere junge Väter mit dermaßen aufgerüsteten Sprösslingen dort herumlungern. Weil das deutsche Fernsehen aber bei Länderspielen immer junge Väter zeigt, die gemeinsam mit ihrer Brut ekstatisch jubeln, jubeln sie bei jedem Tor ebenfalls ekstatisch – manchmal auch, wenn es der Gegner war, der die Hütte gemacht hat.

4. Der Immer-schon-Fortuna-Fan

In dieser Nische finden sich vor allem die 80.000 Düsseldorfer, die damals in Basel dabei waren als die Fortuna gegen den FC Barcelona beinahe den Europapokal gewonnen hätte. Natürlich waren sie auch beim 7:1 gegen die Bayern dabei, bei den DFB-Pokalsiegen, bei allen Aufstiegen und SELBSTVERSTÄNDLICH bei der Über-die-Dörfer-Tour. Sie reden von ehemaligen F95-Spielern als seien sie deren Duz-Freunde und streuen gern mal ein, der Ejon habe damals mal gesagt… Natürlich kennen sie auch alle Toten Hosen persönlich und sind seit, ja, seit wann eigentlich? Mitglied. Viele von denen haben sich den F95-Ausweis natürlich erst nach dem Aufstieg in die erste Liga 2012 beschafft, um immer an die Karten zu kommen, denn eine Dauerkarten hatten sie natürlich nie. Früher, ja früher, da waren sie natürlich immer auf den Stehplätzen zu finden, heute muss es aus gesundheitlichen Gründen ein Sitzplatz sein. Sie verfügen über einen breiten Vorrat an Dönekes aus dem Kriech, also aus der Zeit, als es noch so richtig hoch her ging im Fußball und wo sie sich selbstverständlich auch mal gekloppt haben. Ansonsten trauern sie ständig der guten alten Zeit nach.

5. Der treue Fan

Jenseits aller Fanclubs und Utra-Gruppierungen existiert eine Sorte, die irgendwann eher zufällig zur Fortuna gekommen ist, aber über die Jahre eine immer stärkere emotionale Bindung zum Verein entwickelt hat. Schritt für Schritt haben sich die Vertreter dieser Gruppe vorgearbeitet: Erst kamen sie gelegentlich, dann regelmäßig, dann erwarben sie eine Dauerkarte, anschließend hatten sie ihren festen Platz im Block, irgendwann kam die erste Auswärtsfahrt und plötzlich stellten sie den Mitgliedsantrag. Wenn auf dem Rasen noch nicht oder nicht mehr gezappelt wird, verhalten sie sich eher still. Ihr meist tiefes Fußballwissen lassen sie nie raushängen. Sie kommen zeitig in die Arena, gehen aber auch gleich nach Spielschluss. Aber während das Spiel läuft, während also die F95-Kicker alles oder nichts geben, wenn die Partie brodelt, dann wird aus Dr. Jekill ein astreiner Mr. Hyde, der brüllt und tobt und alles mitsingt und -grölt, was der Kapo vorgibt. Ihr Vorrat an Fan-Klamotten ist eher klein, aber sorgfältig gewählt – zu den Auswärtsspielen fahren sie meist allein im Auto.

6. Der wahre Fan

Der wahre Fan verhält sich ähnlich wie ein Veganer: Ständig bekennt er sich ungefragt zur Fortuna und hofft damit Karmapunkte zu sammeln. Er ist durchgehend emotionalisiert und meint, das sei dasselbe wie engagiert zu sein. An Spieltagen ist er hibbelig und beginnt früh am Morgen mit dem Saufen. Und um sich den nicht so wahren Fans zu präsentieren, sucht er schon Stunden vor dem Spiel die Hotspots der mehr oder weniger wahren Fans auf. Am Fortuna-Büdchen oder am Schlüssel auf der Bolkerstraße gibt er sich die Kante und schafft es meist gerade so zum Anpfiff ins Stadion. Weil der Alkohol aber die Sinne vernebelt, ist er nie so ganz auf der Höhe des Spiels, jubelt oder flucht gern mal an der falschen Stelle und geht den Umstehenden damit auf den Geist, dass er alle paar Minuten zum Bierstand wankt. Man muss sich den wahren Fan als glücklichen Menschen vorstellen, weil jeder Spieltag – unabhängig vom Gegner und Ergebnis – ein schöner besoffener Tag im Kreise Gleichgesinnter ist.

7. Der Allesfahrer

Früher waren die Hooligans Allesfahrer, weil es überall Gelegenheit zu einer gepflegten Boxerei gab. Dann waren die Ultras Allesfahrer, weil die Allesfahrerei sozusagen das Aufnahmeritual darstellte – wer nicht alles fährt, kann kein Ultra sein. Und vor, neben und hinter Hools und Ultras gibt es seit ein paar Jahrzehnten den eher gesitteten Allesfahrer. Der missioniert zwar nicht wie ein Veganer, kann aber selten an sich halten, jedem, der nicht schnell genug auf dem Baum ist, a) von der kommenden, b) von der letzten und c) von einer, zwei, drei, vier, ganz vielen besonders tollen Auswärtsfahrten zu erzählen. Für Fußball interessiert sich der Allesfahrer nur am Rande, Fan der Fortuna ist er nicht zwingend, aber immer touristisch interessiert. Der wahre Allesfahrer fährt übrigens nicht nur zu den Auswärtsspielen im Ligabetrieb und im Pokal, sondern auch zu jedem beschissenen Freundschafts-, Test- und Vorbereitungsspiel. Aber in der schmalen Riege der Allesfahrer gibt es noch eine besondere Elite: Es sind diejenigen, die ihren Jahresurlaub so aufteilen, dass sie auch noch während der Trainingslager vor Ort sein können. Und wenn solch ein Überallesfahrer von einem Trainingslager berichtet und erzählt, wie er beim gemeinsamen Grillabend mit der Mannschaft neben dem Olli gesessen hat, kriegt er Pipi der Rührung in den Augen.

Wie man sich denken kann, ist das alles nicht sonderlich ernstgemeint und darf gern als Satire verstanden werden. Und wer sich erkennt, der sollte das am besten fein für sich behalten.

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