Fortuna-Punkte 17/18: Die Matthäus-Jammer-Blase. Oder: Knapp am Investor vorbei

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Der irrwitzige Absturz des Traditionsvereins 1860 München wird begleitet von allerlei Schadenfreude und diversen Verunglimpfungen des Hassan Ismaik, seines Zeichens Investor bei den Sechzgern. Tatsächlich ist dies nicht der erste Fall, in dem ein Mäzen oder Investor einen Fußballclub zugrundegerichtet hat – aber schon der spektakulärste. Viele Freunde des traditionellen Fußballs haben sich den Abstieg der Löwen gewünscht, quasi als abschreckendes Beispiel. Immerhin dürften unabhängig davon die vergangenen sechs Monate Vereinspolitik als der Größte anzunehmende Unfall im bezahlten deutschen Fußball zu verzeichnen sein. Das sinnlose, hektische, kindische und verstockte Treiben des Investors und seiner Brüder und Spießgesellen hat keine Tore geschossen – als Exempel für die Plattitüde, Geld mache keine Hütten, taugt die Sache nicht. Was können Fußballclubs mit Ambitionen – zu denen ja auch die Fortuna zu zählen ist – aus der ganzen Geschichte lernen? Schwer zu sagen. Vielleicht, dass man Investoren willkommen heißen kann, wenn sie a) weniger als 50 Prozent kriegen, wenn sie b) im sportlichen Bereich nichts zu sagen haben und wenn sie c) entweder fähige Leute in den Verein stecken oder sich raushalten. Oder man macht es wie die Fortuna-Mitglieder im April 2009 und erhöht den Schutzzaun gegen Investoren auf 75 Prozent Mitgliederzustimmung.

Dass diese Satzungsänderung gerade rechtzeitig kam, zeigen die Medienwirren im Mai 2009. Der israelische Milliardär Daniel Jammer wollte einsteigen, hieß es, und Lothar Matthäus gleich mitbringen. Vier Wochen lang liefen die Tasten der Schreiber heiß und dann verpuffte die ganze Angelegenheit in einem dünnen Rauchwölkchen. Dazu habe ich seinerzeit geschrieben, und als F95-Anhänger sollte man sich mit der Geschichte einmal befassen und am Ende dann ganz demütig werden und auf Häme in Richtung 1860 München verzichten.

[Hier der Original-Beitrag aus dem Vorgänger-Blog „Rainer’sche Post“ vom 02.06.2009:]
Seit ziemlich genau einem Monat dampft es in der fortunesischen Gerüchteküche. Ursache war ein BamS-Artikel, der mutmaßte der notorische Lothar Matthäus würde Trainer in Düsseldorf. Und zwar, weil der deutsch-israelische Business-Mann Daniel Jammer Investor bei der Fortuna würde und den Lothar mitbrächte. Denn Jammer ist/war Besitzer des israelischen Erstligaclubs Maccabi Netanya. Dort ziehe er sich zurück, und der Loddar, der hatte ja auch schon gekündigt. Im Übrigen habe Matthäus seinen Freund Daniel auf die Fortuna als lohnendes Objekt aufmerksam gemacht. Der habe daraufhin die Kölner Allzweckagentur WAS?!Sports beauftragt, Fortuna unter die Lupe zu nehmen. Was folgte war ein Mediengewitter, dass in der heutigen BILD-Meldung seinen Höhepunkt findet, Loddar würde Spochtdirektor bei den Düsseldorfern.

Den Fortunisten ist diese Arie seitdem fast 2.500 Beiträge im Fan-Forum wert. Erschreckend ist dabei, dass die immer von der BILD ausgehenden Neuigkeiten von vielen mehr oder weniger kritiklos für bare Münze genommen werden. Andere zweifeln zwar die Glaubwürdigkeit des Boulevardblattes an, diskutieren aber trotzdem mit vollem Ernst. Dabei dürfte die ganze Chose eine PR-Inszenierung der genannten Agentur WAS?!Sports [Die gibt’s nicht mehr.] sein. Dabei handelt es sich um den 1996 gegründeten Ableger einer Werbebude, die sich auf Bjutie (also Shampoo und dergleichen) spezialisiert hat. Dieser Ableger ist bisher wenig verhaltensauffällig geworden und diente vermutlich nur als Auffanggesellschaft für Spielervermittlungen. An Bord ist ein gewisser Wim Vogel [heute HIER], der im Boxsport einen gewissen Ruf genießt. Diese Spochtagentur mit dem doofen Namen hat sich nun einiges vorgenommen:

„Um die aktuellen Entwicklungen im internationalen Spitzensport, insbesondere im Fußball und Boxen, auf hohem Niveau in Erfolge umzusetzen, haben wir der WAS?! Sports 2006 eine neue und weltweit einzigartige Struktur gegeben. Mit der neuen Organisation bündeln wir Marketing- und Sport-Knowhow auf bisher nicht dagewesene Weise. Damit kann unsere Sports Unit erstmals auch sportlich interessierten hochkarätigen Investoren eine optimale Schnittstelle anbieten.“ (Quelle: WAS?!Sports-Website)

Mit anderen Worten: WAS?!Sports möchte zu einer wichtigen Adresse für Investoren werden, die deutsche Fußballclubs kaufen wollen. Zu diesem Zweck hat man im vergangenen Jahr ein Promo-Video gedreht. Hauptdarsteller: Lothar Matthäus, der in diesem Zusammenhang folgendes von sich gab:

„Das Zugpferd Matthäus, Welt-Fußballer der Jahre 1990 und 1991, soll Großinvestoren in die Bundesliga locken, die sich mit Millionen in die Klubs einkaufen. ‚Das würde dem Fußball einen enormen Schub geben und gerade die Bundesliga würde davon profitieren‘, prophezeit der 46-Jährige und hofft, dass bald die so genannte ’50 plus 1-Regel‘ kippt. Die nämlich besagt, dass Investoren maximal 49 Prozent eines Klubs besitzen dürfen. Und somit zur Zeit nicht in der Lage sind, ganz groß einzusteigen.“ (Quelle: EXPRESS.de)

Lothar Matthäus ist also das Zugpferd der Agentur WAS?!Sports im Hinblick auf die Zeit nach dem Ende der 50+1-Regel. Dieselbe Agentur hat also für Daniel Jammer die Fortuna analysiert und letztlich als Investitionsziel empfohlen. Nun haben die Mitglieder der Fortuna während der vergangenen Jahresmitgliederversammlung Ende April einen Sicherheitsriegel gegen den Kauf des Vereins eingebaut: Dreiviertel aller Mitglieder müssen zustimmen, wenn Name, Logo und andere stilbildenden Elemente der Fortuna veräußert werden sollen. Im Klartext: Ein Investor hat kaum eine Chance, den Verein Fortuna Düsseldorf so zu übernehmen wie das beispielsweise die Brausefirma Red Bull mit dem Salzburger Fußballverein getan hat. Damit ist die Fortuna für Investoren zunächst uninteressant geworden. Jedenfalls für solche, die in den Club mit Aussicht auf langfristige Renditeziele investieren wollen.

Da fragte man sich schon, was den Fastmilliardär Daniel Jammer denn für einen Narren am frischgebackenen Zweitligisten gefressen hat. Entsprechende Antworten haben ihm die PR-Strategen von WAS?!Sports frühzeitig in den Mund gelegt. Er habe einen Teil seiner Jugend bei der Omma in Mörsenbroich verbracht und habe damals die Fortuna ganz töfte gefunden. Komisch dass Jammer dasselbe bereits vor einigen Jahren über Frankfurt und die dortige Eintracht gesagt hatte.

Während einige Fans bereits über 15 Millionen und mehr aus der Jammer-Tasche spekulierten, trafen sich die Vereinsverantwortlichen einmal mit dem potenziellen Investor. Das Meeting war ergebnisoffen, und man vertagte sich auf den 09.06.2009. Inzwischen befeuerte die Agentur das Volk weiter mit Gerüchte via BILD. Stand heute (02.06.09): Jammer wolle drei Spieler von Maccabi Netanya mitbringen, und Matthäus solle Sportdirektor werden. Von Investitionen ist keine Rede mehr. Damit schrumpft der Selfmade-Reiche, der in eine russische Oligarchenfamilie eingeheiratet hat, auf das Niveau eines saarländischen Hoteliers, der Fortuna auch schon mal einen Spieler spendierte.

Da jetzt klar ist, dass keine Milliönchen fließen werden, stellen sich die Jammer-Gerüchte des Wonnemonats Mai zunehmend als Mittel zum Zweck heraus. Der Zweck der Übung: Lothar Matthäus endlich in einem deutschen Club zu verankern. Dafür spricht die enge Zusammenarbeit zwischen Matthäus und WAS?!Sports und die noch engere Vernetzung des ehemaligen Fußballstars mit der BILD-Zeitung. Seit Jahren bringt sich der Laber-Loddar bei den verschiedensten Vereinen als Nachfolger entlassener Trainer ins Gespräch. Aber niemand will ihn haben. Eine Verpflichtung beim 1. FC Nürnberg im Jahr 2005 scheiterte an heftigen Fan-Protesten. Doch der geborenen Schaufensterdekorateur lässt nicht locker. Er will es allen zeigen, dass er auch so’n richtig doller Trainer sein kann. Das aktuelle Opfer seiner Bemühungen heißt Fortuna Düsseldorf, seine Helfer heißen WAS?!Sports, BILD und Daniel Jammer.

Bleibt zu hoffen, dass sich weder die Verantwortlichen des Vereins, noch die Fans mit angeblichen, nicht mehr im Raum stehenden Millionen über den Tisch ziehen. Dass es Transparente und Fan-Proteste geben sollte, würde Matthäus tatsächlich am Saisonbeginn auf der Bank sitzen, ist auf jeden Fall sicher.

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5 Kommentare

  1. Heveltom am

    Jetzt wird also der Chaotenclub 1860 dafür herhalten ,dass Investoren des Teufels sind. Einfach mal hin die englische Liga schauen z.B. Tottenham oder nach Spanien Athletico Madrid. Dort haben Investoren durchaus positives bewirkt. In München herrschte auch schon vor Ismaik Chaos.

    • Rainer Bartel am

      Den deutschen Fußball mit den Zuständen in England oder Spanien zu vergleichen, ist schon so ein bisschen wie das Ding mit den Äpfeln und Birnen. Zumal man ja gerade an der Premier League sehen kann, wie die Investiererei die Fußballkultur in Nullkommanix kaputt macht. Investoren im Fußball sind des Teufels. Es sei denn, man ist einverstanden damit, dass aus dem traditionellen Fußball eine Soccer-Entertainment-Industrie wird.

      • EDIT

        Und bei der im Artikel angesprochenen Veräußerung von Name, Logo und anderen stilbildenden Elementen liegt die Hürde sogar bei 4/5.

        $ 1, Abs. 5

        „Der Vereinsname, die Vereinsfarben, das Vereinsemblem und der Sitz des Vereins bilden besondere
        identitätsstiftende Merkmale des Vereins. Eine Änderung der Absätze 1, 3 und 4 dieser Vorschrift ist
        daher, abweichend von § 10 Abs. 5 der Satzung, nur mit einer Mehrheit von vier Fünfteln der
        abgegebenen Stimmen der Mitgliederversammlung möglich.“

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