Fortuna-Punkte 17/18: Verschiedene Fans in der Stadt, die es nicht gibt

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Wenn das so weitergeht, werde ich noch Fan von dieser Fortuna. Ich, Nick, der Klempner aus Leeds. Das Leben ist schon verrückt. Aber was ich in Bielefeld erlebt habe, hat mich an die schönsten Zeiten rund um meinen eigentlichen Club erinnert, an die großen Zeiten, an die glänzenden Siege, an die Tage als ich mit Dad und Onkel Paul im Stadion war und United siegen sah. Peter hatte einen Neuner-Bus organisiert, also fuhr ich mit den Kumpels aus Block 3 nach Bielefeld. Den Gag, dass es die Stadt gar nicht gibt, kannte ich nicht, hab ich aber auch nicht verstanden. Denn dieses hässliche Kaff existiert. Warum ausgerechnet Holger den Chauffeur und Reiseleiter machen musste weiß ich nicht. Der tat so als würde er sich auskennen und steuerte ein Parkhaus an der Universität an.

Ich finde, die Wörter „Bielefeld“ und „Universität“ passen nicht zusammen. Man sieht ja auch, dass die diese „Hochschule“ irgendwann an den Ort drangeklatscht hat. Sieht alles aus wie früher in der DDR, so farblose – wie sagt man? – Plattenbauten. Jedenfalls meinte Holger, er wüsste auch, wo man lang gehen müsse, um zum Stadion zu kommen. Wusste er aber nicht. Und der Akku von seinem Smartphone war leer. Da konnte er nicht mal mehr bei Google nachgucken. Hab ich heute gemacht. Wir haben für eine Strecke von vielleicht 1,5 Kilometer Luftlinie fast eine halbe Stunde zu Fuß gebraucht und sind dabei durch Viertel gekommen, die man nicht kennenlernen möchte. Da gibt es eine blaue Tankstelle, die heißt „12. Mann“ – da und überall schlichen deprimierte Typen in Blau und Schwarz durch die Gegend, Fans von Arminia Bielefeld. Was für ein bescheuerter Name! Da könnte sich ja ein Club in England auch FC Boudicca Swansea oder so nennen…

Wellblechbude in Bielefeld

Das Stadion dieses Clubs in Bielefeld heißt „Schüco-Arena“ und sieht deutlich mehr nach Schüco aus als nach Arena. Viel Wellblech. Ingo erzählt, dass der Verein an der Renovierung dieses Fußballplatzes, der unter wahren Fußballfreunden die Bielefelder Alm heißt, pleite gegangen ist. Ey, wenn du für diesen trostlosen Kasten so viel Geld ausgegeben haben, möchte ich nicht wissen, wie’s da vorher aussah. Um die generischen Fans zu ärgern, hat man in die eine Ecke einen Käfig geklebt. Da hat man als Zuschauer keine gute Sicht auf den Rasen, um es mal milde auszudrücken. Wir standen auf den Sitzplätzen gleich daneben. Vor uns die geballten Ultras mit ihren Fahnen, die sie dauernd schwenken, sodass man vom Spiel manchmal nur wenig sieht. Besonders den Strafraum auf unserer Seite, den hab ich nur selten ganz gesehen.

Also hatte ich mehr Möglichkeit, mir die verschiedenen Sorten Fans anzugucken. Bei einem Auswärtsspiel ist die Mischung ja ganz anders, weil die Leute fehlen, die oft böse als „Eventies“ bezeichnet werden. Vermutlich besteht die Mehrheit aus den Leuten, die zuhause auf der Südtribüne stehen. Und aus den älteren Lads, die schon immer zur Fortuna gehen. So wie meine Kumpels. Aber ansonsten ist viel Testosteron in der Luft. Die Youngster interessieren sich stellenweise offensichtlich nicht besonders für Fußball. Die wollen einfach was erleben. Also singen und klatschen sie, hüpfen und grölen und … werden von der einen oder anderen Substanz angetrieben. Das führt bei manchen zu Kontrollverlust. Paar Reihen entfernt zappelte ein Typ so doll rum, dass er gleich ein paar Sitzschalen abbrach. Ein anderer rotzte dauernd auf die Sitze vor sich. Und außerdem sind die ständig in Bewegung und rennen hin und her.

Kräuter und andere Substanzen

Später roch es im ganzen Block stark nach gerauchten Kräuter, sodass sich die Hormonbömbchen ein bisschen beruhigten. Es hieß ja, die 400 Lads, die im Sonderzug reisten, hätten die Waggons systematisch auseinandergenommen. Jedenfalls konnte dieser Zug nicht mehr zurückfahren. Sehr komisch: Wir haben es damals in der guten alten Hool-Zeit nicht so mit der Gewalt gegen Sachen gehabt, eher gegen die Gegner. Was mir dagegen bei den Ultras auffällt, von denen Ingo immer sagt, dass die nicht dazu neigen, Sachen zu zerstören: Die sind total ernsthaft bei der Sache; irgendwie völlig humorlos. Schön war in Bielefeld, dass nicht die ganze Anfeuerung immer nur von den Ultras kam, dass auch andere Fans Gesänge und Rufe angestimmt haben. Sogar die ältere Fortuna-Leute haben das gemacht – die kennen ja das F95-Gesangbuch auch auswendig.

Hinter uns aber standen ein paar Männer, die selbst in den wildesten Situation mit den Armen vor der Brust gekreuzt dastanden und eher missmutig guckten – „typische Fortuna-Grantler“, nannte Öppes die. Auf der Seitentribüne, die wir von unserem Standort gut beobachten konnten, gab es eine Auswahl an Fortuna-Anhängern, die Ingo „Edelfans“ nannte. Die waren zunächst sehr zurückhaltend, ließen sich später aber von der guten Stimmung aus der Ecke anstecken. Ein paar Kerle zogen sich sogar die Hemden aus und zeigten ihre Bäuche. In der Pause und nach dem Spiel habe ich mit ein paar sehr verschiedenen Fans geredet. Irgendwie sind die alle auf ihre Art klasse. Und du merkst nach so einem Sieg, dass da es einen tiefen Zusammenhalt gibt zwischen allen, die Fortuna lieben. Auf einmal hatte ich das Gefühl, da gehöre ich eigentlich schon dazu…

Ein Bier mit Bielefeldern

Auf dem Rückweg haben wir uns dann extrem verlaufen. Ist eine sehr hübsche blonde Polizistin schuld, die rechts und links verwechselte und uns in die genau falsche Richtung schickte. Plötzlich liefen wir durch Straßen mit älteren Häusern und dann durch eine mit lauter Kneipen. Da standen dann überall Arminia-Fans davor. Paar böse Sprüche mussten wir uns anhören, aber nichts Aggressives. Im Gegenteil. Als wir sieben älteren Herren in rotweißem Outfit an einer Imbissbude vorbeikamen, wo viele Bielefelder standen, kamen zwei auf uns zu und boten uns Bierflaschen an. Bis auf Holger, der musste ja noch fahren, nahmen wir an, tranken und quatschten eine Weile mit denen. „Wechselgesang Scheiß-DFB war geil,“ sagte einer der Arminia-Typen. Wir nickten, und ein anderer im blauen Trikot sagte noch: „In den Farben getrennt, in der Sache vereint.“ Bei Hagen kamen wir in eine Vollsperrung der Autobahn. Wir mussten einmal quer durch Hagen, und ich muss sagen: Hagen ist auch nicht viel schöner als Bielefeld.

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