Fortuna-Punkte: Geh mir bloß weg mit dieser blöden Küchenpsychologie!

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Wie so oft trifft die Sportjournalisten, vor allem die Sprechpuppen im Fernsehen die Schuld an einem nervigen Ding: dem ständigen Gefasel über angeblich psychologische Dinge im Profifußball. Ich fing damit an, dass Reporter die schweißnassen und keuchenden Spieler nach dem Abpfiff nach ihrer Befindlichkeit fragten. „Was geht nach dieser Niederlage in Ihnen vor?“ löste damals bei manchem Kicker noch Abwehrreaktionen aus, die meist in einem „Ja, gut, äh…“ mündeten. Inzwischen kommen selbst halbwegs erträgliche Kommentatoren kaum noch ohne Floskeln über die Körpersprache, die mentale Stärke oder Schwäche oder die vorhandene oder nicht vorhandene Motivation aus. Dabei ist die Psychologie eine halbwegs exakte Wissenschaft, die nicht selten dem sogenannten „gesunden Menschenverstand“ widerspricht. Und leider, leider, leider haben die Fans diese dümmliche Küchenpsychologie großflächig übernommen.

Da wird während der Fachsimpelei im Block und auf der Tribüne darüber gemutmaßt, ob dieser oder jener Spieler keinen Bock habe oder ob die Mannschaft gegen den Trainer spiele. Das, so hört man dann, könne man ja leicht an der Körpersprache ablesen. Wenn ein Kicker eher langsam über den Platz trottet – vielleicht, weil er am Ende seiner Luft angekommen ist -, dann wird das unter der Rubrik „mangelnde Körpersprache“ angebaut – eine Begriffskombination wie sie blöder kaum sein kann. Denn aus fachlicher Sicht ist diese Körpersprache erst einmal so wie sie ist, also weder toll oder schlecht oder ausreichend oder mangelhaft – und was es sonst noch so an Schulnoten gibt.

Ich kann’s nicht mehr hören!

Ehrlich: Ich kann’s nicht mehr hören! Und finde, dass der Umstand mit dem Begriff „Küchenpsychologie“ noch milde etikettiert wird. Ich nenne dieses haltlose Rumgemeine lieber „Schmierölpsychologie“, weil es insgesamt eher schmierig und übelriechend ist. Wie will jemand aus fünfzig, hundert oder mehr Metern Entfernung oder gar vor dem Flachbildschirm über die tatsächliche psychische Befindlichkeit eines Menschen urteilen, den er persönlich nicht kennt? Das ist mindestens respektlos, wenn nicht gar bösartig.

Tatsächlich existiert etwas, dass die Experten „Alltagspsychologie“ nennen. Damit bezeichnen sie den Versuch von Menschen, das Verhalten von Individuen, mit denen sie in irgendeiner Art sozialem Kontakt stehen, so zu deuten, dass die mit diesen umgehen können. Das wird dann meist in Merksätze gegossen, die oft so prägnant wie falsch sind. „Der geht Problemen immer aus dem Weg“, ist eine solche Phrase, die in aller Regel nicht auf belegbaren Fakten, sondern auf ganz subjektiven Erfahrungen beruhen. Nun hat aber nur eine ganz kleine Teilmenge der Fußballfans echte, persönliche und unmittelbare Erfahrungen mit Profikickern, sondern machen sich ein Bild von jedem dieser Individuen auf der Basis ihrer hochemotionalen und strikt subjektiveren Wahrnehmung während der Spiele und bei öffentlichen Auftritten.

Klopp und die Psycho-Verweigerer

Es ist das Verdienst von Jürgen Klopp als kongenialer Ko-Experte während der Fußballweltmeisterschaft 2006, der sich im ZDF genau dieser pseudopsychologischen Interpretationen konsequent verweigerte und das Augenmerk der Zuschauer auf die objektiv fassbaren Dinge, die während der Partien zu beobachten waren, lenkte. Es ist übrigens derselbe Klopp, der fragende Sportreporter, die solche Schmierölfragen stellen, ein ums andere Mal abbügelt. Das gilt – allerdings auf eine eher sanfte Art – auch dem Freiburger Trainer Christian Streich. Ein Meister der Verweigerung in diesem Punkt war übrigens auch der legendäre Hans Meyer. Und unser Friedhelm Funkel? Der hat eine andere Strategie im Umgang mit diesem Blödsinn, indem er Befindlichkeitsfragen in seinen Antworten quasi ignoriert und sich in dieser Sache konsequent vor seine Spieler stellt. Leider haben sich die Kicker an die Sucht vieler Journalisten, ihnen Gefühle abzuringen, inzwischen so weit angepasst, dass gern ein bisschen mittun und manchmal auch die Bäh-Wörter „Körpersprache“ und „Mentalität“ aufgreifen und mit passenden oder unpassenden Adjektiven belegen.

Das Schlimme an der grassierenden Schmierölpsychologie ist, dass die messbaren Fakten, die taktischen Feinheiten, die Prinzipien des Spiels auch beim Fachsimpeln der Fans immer mehr in den Hintergrund treten. Das ist besonders absurd, weil inzwischen fast jeder Fußballinteressierte Zugang zu den Theorien und den Statistiken hat, also sich – zumindest nach einer Begegnung – ein halbwegs objektives Bild der Partie, der Mannschaften und der Akteure machen könnte. Und obwohl wirklich detaillierte und belastbare Statistiken angeboten werden, wird lieber über angeblich unmotivierte Spieler, Animositäten unter den Kickern und zwischen Team und Trainer sowie allerlei angenommenen Geisteszustände der Leute auf dem Platz spekuliert. Weil viele Journalisten, die über Fußballspiele berichten, inzwischen den Sport kaum noch verstehen und auch nicht in der Lage sind, die ermittelten Zahlen einer Partie richtig zu deuten, verlegen sie sich darauf, aus Statistiken irgendwelche Serien, Flüche und sonstigen Schwachsinn abzuleiten. Fällt ihnen dazu auch nichts mehr ein, labern sie unentwegt über Transfers und Spielerwechsel. Das ist unerträglich.

Deshalb plädiere ich an die wahren Liebhaber des Fußballsports, auf diesen ganze pseudopsychologischen Quatsch in Zukunft einfach zu verzichten. Vor allem: Nicht von sich selbst, der eigenen Lebens- und Berufssituation auf die von Profikickern zu schließen. Das wird den jungen Männern auf dem Rasen nicht gerecht.

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