Foto Söhn – Tradition überlebt dank Diversifikation

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Als 1967 der Film „Blow Up“ in die deutschen Kinos kam, wurde das Fotografieren bei den jungen Leuten plötzlich ultrahip. Plötzlich wollten Kerle, die zuvor noch zur Feuerwehr wollten, Profifotografen werden. Und natürlich wurde auch die Marke Nikon Kult, weil Thomas im Film, der zu allem Überfluss auch noch ein cooles Rolls-Royce-Cabrio fuhr, mit Kameras aus diesem Haus arbeitete. Fotofachgeschäfte, die zuvor gestandene Hobbyknipser und die wenigen Profis versorgten, wurden innerhalb kurzer Zeit zu Wallfahrtsorten der potenziellen Bildkünstler. Und so drückte man sich auch an den Schaufensterscheiben von Foto Söhn in der Altstadt die Nasen platt, denn die begehrten Nikons gab es dort. Und jede Menge Sachverstand beim Verkaufspersonal dazu. Wir alle wissen, wie die Geschichte der Fotografie weiterging…

Die goldene Ära der Amateurfotografie

Die Siebziger- und Achtzigerjahre wurden zur goldenen Ära, in der selbst dem unbegabtesten Schnappschützen noch sündhaft teure Spiegelreflexmaschinen samt Wechselobjektive und Zubehör vertickt werden konnte, und die Freunde und Familien langanhaltend unter Diaabenden und überambitionierten Kunstphotos zu leiden hatten. Dann kamen Ende der Neunzigerjahre die ersten digitalen Fotoapparate, wenig später die Billigknipsen, dann die Handys mit Fotofunktion, schließlich die Smartphones und zu allem Überfluss auch noch Amazon. Und so wie Otto Normalkonsument zwischen etwa 1970 und 1995 scharenweise in die Fotoläden und Filialen der Ketten gepilgert war, um sich eine Knipse zu kaufen, so orderte er jetzt fast nur noch bei Amazon oder in Online-Shops, wo’s das Zeug billig gab.

Das Fotogeschäft Julius Söhn an der Kasernenstraße vor dem ersten Weltkrieg

Das Fotogeschäft Julius Söhn an der Kasernenstraße vor dem ersten Weltkrieg

Was den Photofachgeschäften (nur echt mit einem „ph“) widerfuhr als Krise zu bezeichnen, wäre untertrieben – es war ein Kampf ums nackte Überleben. Und all die Gellerts und Leistenschneiders und Kochs und eben auch Söhns entwickelte ganz unterschiedliche Strategien, um nicht unter die Amazon-Digital-Räder zu geraten. Aus heutiger Sicht den verrücktesten Weg ging genau das Haus Foto Söhn mit seiner langen, langen Tradition in Sachen Photographie (nur echt mit zwei „ph), die 1892 mit einem gewissen Julius Söhn begann, einem jungen Mann aus dem Saarland, der sich diesem neumodischen Kram verschrieben hatte und mit 24 Jahren ein Photoatelier an der Kasernenstraße eröffnete.

Der besessene Fotograf

Wohlgemerkt: Zu einer Zeit, als Fotograf noch ein reiner Dienstleistungsberuf war und daran, dass Otto Normalbürger selbst fotografieren könnte, noch nicht zu denken war. Dieser Julius Söhn war ein Besessener, der – so sagen Zeitzeugen – an wenig anderes denken konnte als daran zu fotografieren. Das Ablichten von Menschen zu Erinnerungszwecken, also bei deren Taufe, Hochzeit oder Beerdigung, beim Feiern und Schützenkrönungen, das Anfertigen von repräsentativen Porträts bildeten das Butter-und-Brot-Geschäft. Aber außerhalb dieser den Lebenserhalt sichernden Tätigkeit war Söhn ständig mit der Kamera unterwegs und dokumentierte das Düsseldorf der Jahre zwischen etwa 1902 und 1938. Über 2.200 Glasplatten mit solchen Aufnahmen bilden heute den Kern der fotografischen Abteilung des hiesigen Stadtarchivs.

Aus dem Atelier war erst ein Fotostudio und schließlich ein richtiges Fachgeschäft mit einem guten Dutzend Angestellten geworden. Und mit der „Erfindung“ der handlichen Kleinbildkamera sowie der Markteinführung des ersten Leica-35mmm-Fotoapparats Mitte der Zwanzigerjahre bewegte sich dieses Geschäft langsam in Richtung neuer Zielgruppen, nämlich der Menschen, die aus Spaß an der Freude fotografieren wollten und der Profis, die schnelle, handliche Kameras suchten, mit denen sie nah am Geschehen schießen konnten.

An der Schneider-Wibbel-Gasse

Nach dem zweiten Weltkrieg zog man in einen Neubau an der Flinger Straße um, der einen Durchgang zur Schneider-Wibbel-Gasse hat. Für fotoverrückte Altstadtgänger wurde es zum Ritual, beim Weg in die Stammpinte hier einen Zwischenstopp einzulegen, denn in den Vitrinen im Durchgang lagerten die Objekte der Begierde … zu erschwinglicheren Preisen. Denn hier fand man die gebrauchten Kameras und Objektive. Mancher angehende Bildkünstler träumte also angesichts einer gar nicht soo teuren Nikon F von seiner künftigen Karriere als Mode- oder Sonst-was-Fotograf. Und wer auf Nikon stand, bekam im Laden die bestmögliche Beratung.

Wie ein Andenkenladen - der erste Eindruck vom Foto Söhn...

Wie ein Andenkenladen – der erste Eindruck vom Foto Söhn…

Wer so spezialisiert und qualifiziert ist, fällt Veränderungen wie die oben beschriebenen oft als Erster zum Opfer. Aber bei Söhn war man schlau und beharrte nicht auf dem angestammten Angebot. Kenner der hiesigen Fotoszene möge die Nase rümpfen, wenn sie die Flinger Straße entlangschlendern und den ganzen Souvenir-Kram vor dem Laden und in den Schaufenstern sehen; sie sollten genauer hinschauen: Foto Söhn hat sich einfach mehrere Standbeine geschaffen. Eines davon ist der Handel mit Sachen, die Touristen gern aus Düsseldorf nehmen – Mützen, unnütze Sachen, T-Shirts, Kuckucksuhren, Ansichtskarten und und und. Auch Fortuna-Fan-Artikel gibt es beim Söhn. Aber eben auch nach wie vor Kameras samt Zubehör und – wie früher – fach- und sachkundige Beratung. Selbst das Fotostudio, also die Dienstleistung, mit der alles begann, existiert und produziert hochprofessionelle Fotos von Menschen, die hochprofessionelle Fotos brauchen oder sich wünschen.

Und selbstverständlich bietet Foto Söhn auch das, was man neudeutsch „Medien- & Printservice“ nennt, also das Aufbringen von Fotos auf T-Shirts, Tassen, Mousepads und andere Gegenstände. Schließlich kann man seine Bilddateien auf Speicherkarte oder USB-Stick zum Söhn bringen, wenn man Ausdrücke davon haben will – also das, was früher „Abzüge“ hieß. Kurz und gut: Es gibt immer noch viele Gründe, einfach einmal bei Foto Söhn in der Altstadt vorbeizuschauen – auch wenn man kein Touri auf der Suche nach Souvenirs ist.

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