Gedenken und mahnen reicht nicht – Anmerkungen zum Jahrestag der Pogromnacht 1938

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Nein, es reicht nicht, Bilder von eingeschlagenen Schaufensterscheiben, beschmiert mit „Kauft nicht beim Juden“, und von brennenden Synagogen zu publizieren und ein „Niemals vergessen“ hinterherzuschicken. Wie sollte man die Pogrome im November 1938 vergessen, zu dessen Höhepunkt in Deutschland die Synagogen brannten, wenn doch in den Neunzigern Häuser brannten, in den Migrantenfamilien lebten, und wenn seit 2015 mindestens jede Woche, und inzwischen fast täglich Unterkünfte für Flüchtlinge angezündet werden? Nein, es reicht eben nicht Stolpersteine zu polieren und irgendwie diffus gegen „diesen ganzen Hass“ zu sein. Wir sollten angesichts dieser Jahrestage das Hirn einschalten und klar analysieren, wie es dazu kommt, dass Leute in Deutschland immer wieder Fremde verbrennen wollen.

Was früher mit dem fürchterlichen Ausdruck „Kristallnacht“ oder gar „Reichskristallnacht“ belegt war, war eben nicht nur diese eine Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, sondern der bittere Höhepunkt dessen, was inzwischen von Historikern „Novemberpogrome“ genannt wird. Nach einem klaren Konzept der SA wurden ab Ende Oktober systematisch Ladengeschäfte gekennzeichnet, die im Besitz von deutschen Juden waren. Und obwohl es diese Kampftruppe der NSDAP war, die massenhaft Plakate auf Schaufensterscheiben klebten, wurde offiziell vom „Volkszorn“ gesprochen, der sich gegen die „jüdischen Blutsauger“ richtete. So wie heute die Rassisten bei Demonstrationen „Wir sind das Volk“ plärren und wütend sind auf das „Merkel-Regime“.

Wer nun glaubt, der böse, alte Antisemitismus, der in Europa schon seit 1.000 Jahren bei den sogenannten „Christen“ aller Schichten en vogue war und ist, sei der Ausgangspunkt, der irrt. Oder übersieht zumindest die knallharten wirtschaftlichen Interessen der Leute, denen die Enteignung des Besitzes deutscher Juden Nutzen brachten. Ob die deutschen Unternehmer und Mittelständler, die davon profitierten, allesamt Antisemiten waren, sei dahingestellt. Aber sie waren die Profiteure. So wie die Vertreter des Großkapitals den Aufstieg und die Machtübernahme der Faschisten freudig förderten in der Erwartung galoppierender Gewinne.

Natürlich saßen und sitzen Antisemitismus, Rassismus und Chauvinismus in Deutschland immer in der Mitte der Gesellschaft. Wer in der jeweiligen Mittelschicht ganz unten ist, fürchtet den Abstieg und projiziert seine Ängste auf „die Fremden“. Wer dagegen gerade auf der Gewinnerseite lebt freut sich über diese Ängste und den daraus resultierenden Hass, weil unter solchen Bedingungen gut Geschäfte zu machen sind. Und die Investoren, die sich vom aktuellen deutschen Wirtschaftsboom fett fressen, freuen sich an den wachsenden Rüstungsexporten. Sie sind Kriegsprofiteure, so wie die Flüchtlinge Kriegsopfer sind.

Daran ist zu denken, wenn wie jedes Jahr die Bilder von brennenden Synagogen durchs Web wabern und alle Gutwilligen zum Gedenken mahnen, dass „das“ nie wieder passieren dürfe.

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