Kiel vs F95 2:2 – So muss Fußball

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Wer oberhalb der Amateurligen einmal ein so richtig echtes Fußballspiel erleben wollte, der hätte am vergangenen Samstag nach Kiel kommen sollen: Ein legendärer Fußballplatz, zwei Traditionsmannschaften und so richtig ungemütliches Wetter – so muss Fußball! Am Ende stand ein absolut gerechtes Unentschieden, und zwischendurch zeigten beide Teams, wie das funktionieren sollte beim Fußball. Es gab tolles Kombinationen, harte Zweikämpfe blöde Fehler, maximalen Einsatz, Kampfes- und Siegeswillen … und leider (erneut) einen Schiedsrichter, der nicht mithalten konnte.

Während der Dauerwerbebeschallung vor dem Anpfiff konnte man die Befürchtung haben, Holstein Kiel wolle ganz doll Kommerz nachholen. Erst recht als dann drei Gruppen junger Menschen mit glänzenden Puscheln auf den Platz hoppelten. Aber das waren keine handelsüblichen Cheerleaders, sondern Akrobatikturnerinnen und -turner, die menschliche Pyramiden bauten und mit Körpern Jonglierten. Als in der Halbzeitpause die ganz jungen Akteure dieser Sorte mit Nikolausmützen ihre Künste direkt vor der Gästekurve zeigten, gab’s freundlichen Applaus als Anerkennung für diese sportliche Leistung. Die fand merkwürdigerweise das F95-Team nicht durchgehend unter den angereisten Anhängern aus Düsseldorf. Denn eigentlich lieferten die Herren in den winterdunklen Jerseys eine ziemlich gute Partie ab, aber eben keine spektakuläre. Aber wenn dann ein paar Zuschauer im Block unentwegt darüber meckerten, dass dieses Holstein-Stadion ein Schießplatz sei, weil man ja nichts sehen könne, wusste man woher der Wind weht. Die am Fußball Interessierten sind haltlos verwöhnt!

Eine Frage der Perspektive

Sie sehen die virtuellen Soccer-Simulationen auf ihren Konsolen in jeder erdenklichen Perspektive, sie sind es gewohnt, dass im TV Dutzende Kameras zeigen, was gespielt wird, und schließlich kennen sie ja vor allem diese Arenen, bei denen selbst die untersten Reihe drei, fünf Meter über dem Spielfeld liegen, sodass man selbst da einen Überblick übers Spielfeld hat; ganz zu schweigen davon, wie man das Spiel lesen kann, wenn man sich im Oberrang aufhält. So etwas gibt es in Kiel nicht. Das Stadion im Stadtteil Wik hieß noch bis vor wenigen Jahren „Holstein-Platz“. Der liegt seit 1909 genau dort, und damit zählt er zu den ältesten Fußballplätzen Deutschland, auf denen noch heute dem runden Leder nachgejagt wird. Herrlich dieses Patchwork aus einer Tribüne, deren erste Version in den Dreißigerjahren errichtet wurde, einer irgendwie konfus geratenen Tribüne für die Reichen & Wichtigen, der Hintertortribüne für die anfeuernden Fans und der Kurve für die Gäste, die tatsächlich aus einem Halbrund flacher Steinstufen in Form der ehemaligen Laufbahn besteht. Nur dort gibt es Zäune – überall sonst könnte das Publikum nach Belieben auf den Platz kommen. Das alles hat einen Charme, den keine moderne Arena – auch die in Düsseldorf-Stockum nicht – je erlangen wird.

Dazu dann das Personal an den Versorgungsständen, die auf gut 2.300 Anreisende noch nicht richtig gut vorbereitet sind. Schon gar nicht bei feuchtkaltem Wetter mit Temperaturen knapp im positiven Bereich. Der (alkoholfreie) Punsch war lange vor Anpfiff ausverkauft, und wenn der Kaffee alle war, musste frischer gebrüht und in Pumpkannen von der Hauptgastronomie hergeschafft werden. Aber auch die heimischen Ordner und die Polizistinnen und Polizisten waren nordisch entspannt. Zumal ja eine Gesamtmenge von 11.780 Zuschauern recht leicht in Sicherheit gehalten werden kann. Natürlich nahmen die Düsseldorfer Testosteronbömbchen ihre männlichen Gegenstücke nicht wirklich ernst, und die Ultras waren sehr bemüht, denen da drüben mal zu zeigen, was eine richtige Pyroshow ist. So schön Feuer und Rauch und bunte Raketen auch sein mögen, die dem Platz und der Begegnung angemessene Anfangs-Choreo aus roten und weißen Überhängern, massenhaften roten und weißen Luftschlangen und tütenweise Konfetti war mindestens genauso spektakulär.

Nörgler, Meckerer und Grantler

Apropos: Die fortunatypischen Nörgler, Meckerer und Grantler hatten den weiten Weg auch nicht gescheut und zeigten sich bis zum grandiosen Tor durch Benito Raman eher enttäuscht – es sei ein müder Kick, meinte einer. Ja, in der Tat, das was die teilverblödeten Sprechpuppen im TV ein „Spektakel“ nennen, war die Partie nicht. Aber wer hat denn den Fußballfreunden versprochen, dass es immer zu „Dramen“ kommen muss? Nein, Fußball ist auffem Platz, und am Samstag war Fußball in Kiel. Daran hatten beide Mannschaften ungefähr denselben Anteil. Die Kicker der KSV zeigten besonders in der zweiten Spielhälfte warum und dass sie völlig zurecht an der Tabellenspitze herumturnen. Vor allem durch ein sehr konzentriertes Spiel mit massiver körperlicher Präsenz. Das Team des TSV Fortuna Düsseldorf 1895 bewies dagegen in der ersten Halbzeit, dass es selbst unter widrigen Wetterbedingungen zu flüssigen Kombinationsspiel in der Lage ist. Da verzahnten sich die beiden grundsätzlichen Spielphilosophien aufs Feinste.

Während die Fortunen versuchten, den Gegner auszuspielen und dabei nicht ins offene Messer zu laufen, war es der Plan der Kieler, dieses Spiel frühzeitig zu unterbinden und schon ab der Mittellinie die Oberhand zu gewinnen. In der Offensive spielten die sogenannten „Störche“ sehr schnell, aber ganz wenig über Außen. In der Mitte lauert ein Funkturm von gut zwei Metern Länge auf Kopfballmöglichkeiten, während die nominellen Stürmer gern aus der Halbdistanz abziehen. Witzigerweise präsentierten auch die Jungs von Friedhelm Funkel deutlich mehr Distanzschüsse als zuvor. Aber das Grundmuster ist schon: Angriff an der Außenlinie entlang, Flanken entweder auf Höhe des Sechzehners hoch und weit in die Mitte oder von der Grundlinie aus scharf und flach in den Fünfmeterraum. Das herrliche Führungstor kurz vor der Pause fiel aber anders. Es war Rouwen Hennings, der einen abgefangenen Ball von Oliver Fink übernahm und von halblinks recht hoch in den Lauf von Raman passte, der allein auf den Tormann zu läuft und das Ding aus rund acht Metern in die Kasten haut. Übrigens: Mit Kenneth Kronholm hütet ein Mann mit Fortuna-Kasten den Kieler Kasten, genau wie der verdiente Fortune Markus Anfang als Trainer in Holstein wirkt. Hinzu kommt natürlich Jojo van den Bergh, der die 90 Minuten durchspielte. Vierter im Bund der Ex-Fortunen in Kiel ist Sebastian Heidinger, der aber nicht zum Einsatz kam.

Lasst Schauerte in Ruhe!

Nachdem missglückten Experiment, eine Doppelsechs aus Kaan Ayhan und Lukas Schmitz agieren zu lassen, hatte sich Funkel dazu entschlossen, Ayhan wieder auf diese Position zu beordern, dieses Mal aber im Verbund mit Marcel Sobottka, der wieder an Bord war. Allerdings variierte das System vor der eher festen Viererkette ständig. Aber auch die unterschiedliche Spielanlage der Außenverteidiger, links Niko Gießelmann, rechts Julian Schauerte, sah zumindest höchst kreativ aus. Schauerte legte seine Rolle – wie gewohnt – sehr viel offensiver an, was aber – ebenfalls wie gewohnt – oft zu Defensivproblemen auf seiner Seite führt. Außerdem tendiert (der völlig zu Unrecht von vielen Fans dauernd gescholtene) nominelle AV nach eigenen Offensivaktionen dazu, seinen nominellen Gegenspielern zu viel Raum zu lassen. Und noch ein Verwirrspielchen, das man als F95-Beobachter aber schon kennt: Wird Raman auf der angestammten linken Seite dauernd gedoppelt, tauscht er einfach mit Jean Zimmer die Seiten, und – schwupps – muss der Gegner sich etwas Neues überlegen. Übrigens spielte Raman wieder eher einen Außenstürmer und nicht wie gegen Dresden eine zweite Spitze neben Hennings.

Auch wenn viele Fans diesen als Spieler des Tages sehen, muss festgestellt werden: Mann der Partie auf Seiten der Rotweißen war erneut der exzellente Torwart Raphael Wolf, der mindestens fünf ziemlich gute Chancen der Kieler entschärfte. Dieser Keeper ist eine Bank und hat per Saldo einen enorm hohen Anteil am Erfolg der Fortuna in der Hinrunde. Ja, Erfolg in der Hinrunde. Wer sich als Anhänger der Fortuna nach diesem Fußballspiel nicht über den Punkt und den zweiten Tabellenplatz freut, sondern die Serie von fünf sieglosen Partien bejammert, hat gar nichts kapiert. Wie drückte es Funkel sinngemäß aus: Formschwankungen einzelner Spieler und auch der ganzen Mannschaft sind normal, sich von ihnen nicht verrückt machen zu lassen, ist ein Erfolgsfaktor. Womit wir bei der Innenverteidigung aus Andre Hoffmann und Robin Bormuth sind. Dieses Duo stand erneut sicher, machte sehr wenig Fehler, hat aber auch erfahrungsgemäß am Spielaufbau so gut wie keinen Anteil. Im Gegensatz dazu war Käpt’n Oliver Fink, obwohl immer noch nicht wieder ganz auf der Höhe, ein Kreativposten, der in der Zone zwischen den Sechsern und der Spitze nach Lust und Laune rochiert, immer um Balleroberung bemüht. Ist das Bemühen von Erfolg gekrönt, entstehen meist Offensivaktionen in der Mitte – insofern ist Fink das Pendant zu den beiden Außenstürmern.

Der verwirrte Schiri

Dem Ausgleich ging eine unübersichtliche Aktion voraus, die der zunehmend verwirrte Schiri Petersen falsch bewertet, weil er einen Balleroberungsversuch von Fink als Foul bewertete. Witzigerweise bestrafte er damit eine Situation, bei der mit umgekehrten Vorzeichen auf „Ball gespielt“ entschied. Das wurde dann zum Running Gag der zweiten Halbzeit und brachte die Fortunen zunehmend auf den Baum. Der Verdacht, der Kieler Torschütze habe den Ball im Strafraum mit der Hand gestoppt, erhärtete sich nach Ansicht der TV-Bilder nicht. Insofern ging der Treffer, den er dann im liegenden Nachsetzen erzielte, in Ordnung. Nicht in Ordnung ging aber, dass er ein rüdes Foul an Ayhan nicht mit Gelb ahndete, sondern den holzhackenden Kieler nur ermahnte. Noch schlimmer: Der Käpt’n der KSV hätte nach einem taktischen Foul ZWINGEND den gelben Karton sehen und als Vorbestrafter den Platz verlassen müssen. Auch hier entschied der Referee nicht regelkonform. Und was ihn geritten haben mag, die Doppelpirouette von Gießelmann mit einem Stürmer der Störche als elfmeterreifes Foul zu ahnden, wird man wohl nie herausfinden.

Übrigens: Die vielen DFB-hörigen Jungs an den Live-Tickern (namentlich: Der Kicker) und die Kommentatoren der Spielzusammenschnitte (hier vor allem Die Sportschau) redeten sich damit raus, es habe „eine Berührung“ gegeben, und die Entscheidung auf Strafstoß sei zwar hart, aber irgendwie dann doch schon, ja, ähem, vertretbar. Das ist in jeder Hinsicht nackter Blödsinn. Beide Spieler waren an einem leicht skurrilen Zweikampf beteiligt, der ganz ohne Grätsche, ohne Tritt und ohne Grabschen ablief – ein Foul war von beiden nicht zu sehen. Natürlich und zu Recht regten sich die Fortunen tierisch auf. Ein Kieler schoss, und Wolf hielt! Ließ aber die Pille abprallen. Ein Kieler kam herbei und versenkte das Ei dann doch nicht. Was beim Spiel des FCB am Abend zu einer Wiederholung des Elfers führte, ignorierte der irre Schiri völlig: Der Torschütze war – wie einige Kieler und Düsseldorfer – schon einige Zehntelsekunde vor dem Strafschuss in den Sechzehner gestürmt. Das Tor hätte nicht zählen dürfen.

Durchgefroren, aber gut gelaunt

Aber wenn etwas in der DNA der Fortuna steckt, dann das: Wird die Lage dank dauerfoulender Gegner oder fehlgeleiteter Schiedsrichter besonders emotional, erwacht das rotweiße Monster, das sich einfach nichts gefallen lassen will. Zwar musste sich die Fortunen nach dem 2:1 für die Heimmannschaft weiter heftiger Angriffe erwehren, kam aber ab etwa der 75. Minute noch einmal so richtig in Offensivfahrt. Der Anteil der eingewechselten Harvard Nielsen und Takashi Usami daran war zunächst eher gering. Was genau Funkel dazu gebracht hat, sie als Ersatz für Zimmer und Fink zu holen, liegt im Dunkel des Trainerhirns. Auch änderte sich die systemische Anlage durch den Doppelwechsel kaum. Nur das Tempo zog ein wenig an. Außerdem stellte Hennings seine Wühlerei ein und postierte sich als klassische Sturmspitze. Zu Recht wie sich in der 85. Minute zeigte. Da steht der Torjäger mittig und gerade so im Kieler Sechzehner – mit dem Rücken zum Tor, wohlgemerkt. Das Zuspiel von Nielsen ist präzise, Hennings nimmt an, dreht sich schnell und schiebt die Kugel durch die Beine des Verteidigers in Richtung Kasten: Ausgleich zum 2:2!

Aber selbst das war in diesem Original-Fußballspiel noch nicht alles. Die Herren mit den roten Strümpfen drückten nun noch mehr und hatten in der 90. und in der Nachspielzeit zwei starke Möglichkeiten, doch noch drei Punkte dazubehalten und sich vorzeitig als Herbstmeister feiern zu lassen. So aber blieb das alles in allem korrekte Unentschieden stehen, was insgesamt betrachtet beiden Teams nützt, die nun weiter auf den Plätze 1 und 2 der zweiten Bundesliga hausen. Das anwesende Volk war durchgefroren, aber guter Laune. Wer sich stattdessen in irgendeiner beheizten Arenen von Reklame und der blödesten Musik, die man für Geld kaufen kann, hat beschallen lassen, um dann einem hochfrequenten Kick hochbezahlter Kicker, die von den Medienmenschen allesamt als Superstars apostrophiert werden, zu folgen, wird nie, nie, nie nachvollziehen können, wie Fußball eigentlich sein muss.

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8 Kommentare

  1. Ein Artikel, der riesig Spaß gemacht hat beim Lesen!!

    Kleine Anmerkung: Mit Johannes van den Bergh, dem Schrecken aller Trikot-Beflocker, war noch ein anderer Ehemaliger bei Kiel mit dabei.

  2. Es will schon viel heißen, wenn selbst der Sky-Reporter den Schiedsrichter permanent kritisiert. Es macht tatsächlich bald keinen Spaß mehr, Spiele zu sehen, deren Ergebnisse durch überforderte Pfeifenmänner auf Kreisliganiveau entschieden werden.

  3. Schöner Artikel, leider musste ich im Büro Dienst schieben und konnte das Spiel gar nicht verfolgen.
    Anzumerken sei noch, dass mit van Bergh noch ein weiterer Ex-Fortune auf dem Platz stand.

  4. Wirklich mal ein Kompliment: Bei der unsagbar schlechten Fußballberichterstattung in der Düsseldorfer Presse stechen Deine Text wirklich hervor. Sowohl fachlich als auch stilistisch. Nur über den Schauerte sprechen wir besser nicht… 😉

  5. Super Artikel. Habe teilweise Tränen gelacht. Alles, was Du geschrieben hast: total Deiner Meinung. DAS ist Fußball… Ich war als Dauerkartenbesitzerin natürlich wieder im Stadion „meiner“ Störche. Und ich muß sagen: ZWEI völlig verdiente „Sieger“ gingen vom Platz. Alle auf dem Feld haben ihr bestes gegeben – nur der Schiri nicht… So einen Dussel sieht man nicht oft.
    In einer Situation dachte ich sogar: nun hauen ihm die Düsseldorfer auf die Fresse. Und ein paar von unseren Jungs machen mit. Klasse!!! Verdient hätte er es! Aber dann doch nicht…
    Übrigens:
    Super Pyro…

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