Kunstakademie: Rundgang 2016 – deprimierend bürgerlich

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Wir ollen Sozialromantiker glauben ja teilweise, dass nur Kunst, Musik, Tanz und Theater diese Welt noch retten können, weil die Künste fernab vom kapitalistischen Wahnsinn nach dem Guten, Schönen, Wahren suchen. In der asozialen Realität aber, da haben die Bereiche des menschlichen Schaffens und Schöpfens eben sowohl eine systemwidrige, als auch ein strikt bürgerlich-kapitalistische Seite. Das war auch bei der bildenden Kunst über die Jahrhunderte fast immer so. Darüber sich zu erregen oder deprimiert zu sein, lohnt sich nicht. Wenn man sich als ehemaliger Student der hiesigen Kunstakademie aber nach Jahren der Abstinenz mal wieder auf den sogenannten „Rundgang“ einlässt, dann verlässt man das klassizistische Gebäude nach zwei, drei Stunden mit einem tiefen Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Denn was einst als Demokratisierung der Kunst gemeint war, ist zu reinen Casting-Show verkommen. Und wenn man den Vergleich zu den entsprechenden Formaten im Privatfernsehen weiter betreiben möchte, dann ist die Aufnahme in die Kunstakademie Düsseldorf ja schon so etwas wie die Zulassung zu den Live-Shows. Der wesentliche Unterschied zu DSDS, GNTM oder auch TVOG: Wo sich im TV eher die Brut der Unterschicht prostituiert, sind es beim Rundgang die kreuzbraven Bürgerkinder, die einen auf Künstler machen.

Nun gab es an der Akademie immer schon bestimmte Stereotypen: blaße, dünnhäutige Mädchen mit großen Bambiaugen, die mit haarfeinen Pinseln winzige Aquarelle zisilierten; stampfbeinige Großmaul-Testosteronbomber, die mächtig in den Ton griffen und monströse Plastiken mit den bloßen Fäusten schufen; fröhliche Bonvivants, die im Kunststudium eine feine Möglichkeit sahen, nichts tun zu müssen, aber jede Menge Spaß zu haben; gequälte Seelen aus unklaren Verhältnissen, die ihr Leid auf die eine oder andere Art Leinwänden überantworteten. Und zwischen diesen Polen allerlei Sensible, Mutige, Gestörte und Hochbegabte, die von sozialverantwortlichen Professoren irgendwie fürs wahre Leben vorbereitet wurden. Eine Ihrem ergebenen Berichterstatter sehr nahestehende junge Dame war vor nicht ganz einem Dutzend Jahre durch die Aufnahme geflutscht und im sogenannten „Orientierungsbereich“ gelandet. Dorthin tun die Professoren alle, die sich nicht in ihren Klassen haben wollen, deren Arbeiten sie aber auch wieder nicht so scheiße finden, dass sie diese Leute ganz abweisen wollen. Knapp zwei Semester hielt die junge Frau durch bis sie das Handtuch warf. Ihre Diagnose: „Die sind ja alle schon Künstler, die wollen bloß lernen wie sie sich am besten vermarkten können.“

Genau das strahlt auch der diesjährige Rundgang aus. Die ausstellenden Studenten preisen sich nicht direkt an, nein, aber Listen mit den Namen der Aussteller und einer Handynummer daneben, sind die Regel. Manche haben auch kleine Visitenkärtchen oder wenigstens Zettel, und alle versuchen, irgendwie künstlerisch auszusehen. Es könnte ja ein Sammler vorbeikommen oder gar ein Galerist. Dabei sind diejenigen, die im Rahmen des Rundgangs auf ihre Entdeckung hoffen, eigentlich schon die Abgehängten, den in den Kunstmarkt kommt man praktisch nur noch per Professor. Sicher wird sich manches pensionierte Lehrerehepaar in ein Bild vergucken und dieses anschaffen, vielleicht kommt auch ein kunstsinniger Gastronom auf die Idee, sich von einer Bande Kunststudenten billig die Kneipe ausmalen zu lassen. Aber den Durchbruch, den wird niemand durch seine Beteiligung am Rundgang erzielen.

Das sehen die Studenten übrigens nicht so viel anders. Befragt, ob denn alle Studenten der Klasse teilnähmen, sagte eine Studentin: „Nö, die jetzt schon Galeristen haben dürfen nicht, und die mit den nonkonformen Arbeiten wollen nicht.“ Also sieht man von Raum 1 bis Raum 321 unterm Dach ganz hinten vor allem Gängiges, Leichtverdauliches, Nettes in allen Formen, Farben und Größen. Wer selbst einmal versucht hat, Kunst zu bilden und sich auch sonst mit Malerei und Bildhauerei befasst, erschrickt: Es ist ja alles schon dagewesen. Jedes ästhetische Experimente der vergangenen 70 Jahre findet in den studentischen Arbeiten sein Echo, ein demonstrativer Stinkefinger, der aus einer eher abstrakten Plastik ragt, ist schon der Gipfel der Provokation. Dies alles in sauber aufgeräumten, frisch gekälkten und ausgefegten Räumen, die der Akademie die Armosphäre einer Klinik verleihen.

Dass sich an einem Donnerstagnachmittag Massen durch die Gänge wälzen, scheint zunächst erfreulich als Zeichen dafür, dass die bildende Kunst immer noch oder wieder was gilt. Allerdings machen Schulklassen, die von ihren Kunstlehrern hierher gezwungen wurden, einen großen Anteil aus. Der Rest ist die übliche Melange aus Bildungsbürgern und Kunstgeiern, leicht erkennbar am leicht verrückten Outfit – mindestens ein jecker Hut muss sein, bei Herren gern auch eine Rastamütze. Die wohlhabenderen Greise tragen wuchtige Lederhosen, während ihre Drittgattinen was Schickes vom Designer vorführen. Und damit fällt die flanierende Bourgeosie schon mehr aus dem Rahmen der modischen Uniformität als vorwiegend dunkel gekleideten Studenten, die an Marken tragen, was man an Marken so trägt. Ui, plötzlich stürmt einer um die Ecke im antiken Pfeffer-und-Salz-Wintermantel, der hat eine entkorkte Weinflasche in der Hand und Farbspritzer auf der Hose. Das muss der Maler sein!

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4 Kommentare

  1. Lieber Berichterstatter, das wird schon noch!
    Mal ist uns Alten die Jugend zu angepasst und mal regen wir uns darüber auf, dass die Jungen auf alle Regeln pfeifen.
    Für mich bleibt der Akademierundgang ein inspirierendes Erlebnis.
    Schönes Wochenende noch 🙂

  2. Bissig, aber (leider) nicht ganz unpassend. Allerdings drängt sich auch mir der Gedanke auf, als ob die wirklich provokanten, unartigen Exponate hinter Schloss und Riegel gehalten werden. Aber falls es diese gar nicht geben sollte … so what? Dann ist das auch kein Untergang, denn es gilt nun einmal primär l’art pour l’art.

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