Lautern vs. F95 1:3 – Wenn Torhüter austitschen. Oder: Kein Mitleid mit der Region

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Dass Trainer Friedhelm Funkel in der Pressekonferenz dem 1. FCK minutenlang Honig ums Maul schmierte und Mut im Kampf gegen den Abstieg machte, ist sicher seiner Zeit als Spieler in Kaiserslautern geschuldet. Warum aber eine Mehrheit der Reporter und Kommentatoren die ziemlich schlimme Leistung der Pfälzer so methodisch schönredete, lässt sich nur mit dem mittlerweile übelriechenden Mitleidsbonus gegenüber „der Region“ erklären. Da hat ein Haufen Nichtskönner einen wahren Traditionsverein, der über Jahrzehnte durch indirekte Subventionen aus der Kasse des Bundeslandes Rheinland-Pfalz am Leben erhalten wurde, systematisch an den Rand des Untergangs gebracht, und plötzlich würde halb Fußballdeutschland es bedauern, wenn der Fritz-Walter-Verein in die dritte Liga absteigen müsste. Das alles erinnert aber stark an den Zustand von Fortuna Düsseldorf etwa um das Jahr 2000 herum. Auch damals war es eine Mischung aus eklatanter Inkompetenz auf allen Ebenen und dramatischer Selbstüberschätzung, die einen Traditionsverein beinahe final gekillt hätte.

Runtergebrochen auf das gestrige Spiel muss man sagen, dass am Betzenberg aktuell eine Truppe am Werk ist, bei der außer Torhüter Müller lauter Luschen herumhampeln. Klar, kämpferisch war das ziemlich okay, wie die Lauterer angefangen und später dagegengehalten haben, aber spielerisch und auch vom taktischen System her… Da muss man als jemand, der das Team lobt, schon eine dunkelrosa Brille aufgehabt haben. Beispiel: Ungefähr um die 30. Minute herum spielen sich die Mannen der glorreichen Fortuna langsam und systematisch auf den Kreis der Gastgeber zu; Neuhaus spielt einen öffnenden Pass auf Zimmer, der strebt die Ecke des Sechzehners an – und plötzlich rennen acht Spieler in dunkelrot wie ein Hühnerhaufen vor ihrem Keeper hin und her. Wie desolat diese Mannschaft ist, konnte man auch an einer geradezu lächerlichen Schwalbe des Spielers Borello festmachen, die der hervorragende Schiri Stieler natürlich erkannte und mit Gelb bestrafte. Machen wir’s kurz: Diesen Gegner hätte das F95-Team in seiner Eigenschaft als Spitzenreiter nach Strich und Faden auseinandernehmen müssen.

Sie tagte wider: Die Expertenrunde im Bilker Häzz

Sie tagte wider: Die Expertenrunde im Bilker Häzz

Hat sie aber nicht. Nicht einmal nach dem Rausschmiss des größten Rückhalts der Lauterer, dem Klassetorwart Müller, und gegen elf Mann wirkte die Funkel-Truppe wirklich überlegen. Erst nach dem wunderschönen Führungstreffer durch Benito Raman in der 78. Minute sah das Ganze aus wie „Tabellenführer vs Tabellenletzter“. Es war übrigens auch die einzige bemerkenswerte Tat des jungen Belgiers, der ja nun auf jeden Fall bis Ende der Saison 2018/19 in Düsseldorf bleiben wird. Nach seiner Auswechslung in der 86. Minute aber wurde er von Funkel geküsst und geherzt als habe er das Spiel seines Lebens absolviert. Bis dahin war Raman aber vorwiegend orientierungs- und wirkungslos vorne herumgeirrt und hatte durch eine strunzblöde Aktion einen Elfer für die Lauterer verschuldet.

Nun kann und muss man sich fragen: Liegt’s am Spieler oder am System? Die Aufstellung löste bei der Expertenrunde um Bilker Häzz ein mildes „Aha“ aus, denn tatsächlich sollten die beiden geborenen Außenflitzer Raman und Genki Haraguchi quasi Sturmspitzen geben, und zwar im Verbund mit Käpt’n Oliver Fink dahinter. Interessante Variante, hätte man denken können, aber die Realität zeigte: So findet Offensive nicht statt, weil es für etwaige Flanken und Steilpässe einfach keinen Abnehmer gibt. Nun war die Sache wohl so angelegt, dass in eigenen Druckphasen Florian Neuhaus oder Marcel Sobottka in den gegnerischen Sechzehner gehen sollten, um als Teilzeitknipser zu agieren. Da hatten die Coaches die Rechnung aber ohne die dunkelroten Teufelchen gemacht, die den Weg Richtung Elfmeterpunkt immer zustellten. Nur ein waschechter Mittelstürmer hätte diesen Knoten lösen können. Und so waren sich auch die Auguren im Häzz recht sicher, dass Harvard Nielsen spätestens zur zweiten Halbzeit kommen und diese Rolle ausfüllen würde.

Tatsächlich aber kam der Norweger mit der ansteigenden Formkurve erst in der 76. Minute, und zwar für Adam Bodzek. Der bildete – das als zweite milde Aufstellungsüberraschung – mit Kaan Ayhan und Robin Bormuth die Dreierkette. Auch wenn Nielsen nicht unmittelbar am herrlichen Raman-Treffer beteiligt war: Seine Anwesenheit befreite auf einen Schlag sowohl den Torschützen, als auch seinen japanischen Counterpart auf links von der Last, gleichzeitig Vorlagengeber und Vollstrecker zu sein. Man kann auch sagen: Nach dem Wackeln des Duos Bodzek / Bormuth am Mittwoch gegen Aue, ist die Flügelzange ohne Mittelstürmer ein weiteres taktisch-personelles Experiment, das man lieber nicht noch einmal sehen möchte. Was das auch beweist: Die einzige Konstante im aktuellen Team ist die Doppelsechs mit Neuhaus und Sobottka, die sich aufs Allerfeinste und in jeder Hinsicht ergänzen.

Reden wir vom Platzverweis für den 1.FCK-Torwart Müller. Wie alle Torwarte in den letzten knapp 20 Jahren ist auch der ein Ziehkind vom legendären Keeper Gerry Ehrmann. Was alle von Ehrmann geförderten Keeper auszeichnet ist, dass sie auf die eine oder andere Art einen an der Klatsche haben – wie ihr Coach auch. Das bewies der beste Mann im Dress der Lauterer in der 51. Minute eindrucksvoll. Ayhan hielt sich bei einer Flanke mit dem Rücken zur Bude im Fünfer auf, Müller sprang hoch, um das Ei zu greifen, und landete halb auf Ayhan. Beide gehen zu Boden. Der Tormann wertet die Sache offensichtlich als „Angriff auf den Torhüter in seiner Schutzzone“ und regt sich tierisch auf. Dann stehen sich die Beiden gegenüber, und nach einem kurzen Wortgefecht (Ayhan ist ja nun auch nicht auf den Mund gefallen…) stößt, schubst oder haut Müller den Düsseldorfer um. Wie tätlich diese Aktion war, ist schwer zu werten, die von Referee Stieler vergebene gelbe Karte war in jedem Fall berechtigt.

Mit einem Strich auf der gelben Karte des Schiris würde jeder vernunftbegabte Torwart umsichtiger agieren; nicht aber Müller, der zehn Minuten später, mehr oder weniger unnötig unseren Genki im Strafraum von den Beinen holt. Das brachte eben nicht bloß einen Elfer, sondern weiteres Gelb für Müller und damit Platzverweis wegen Gelb-Rot. Viel mehr kann man der eigenen Mannschaft in einer solchen Situation nicht schaden.

Raphael Wolf, das fortunistische Gegenstück, blieb dagegen nicht nur fehlerlos, sondern hatte auch vergleichsweise wenig zu tun. Und das, obwohl das Team vom Betze in den ersten 20 Minuten beinahe bedingungslos stürmten. Da hatte nicht nur die Dreierkette alle Füße voll zu tun; auch das Mittelfeld musste viel hinten aushelfen, und Raman hat ja eh keine Probleme, weite Wege zu gehen, um in der Defensive auszuhelfen. So kompromisslos Bormuth wieder klärte, so bedenklich war erneut seine Fehlpassquote in der ersten Halbzeit. So wird der junge Mann zu einer Null in Sachen Spielaufbau. Aber auch Bodzek trug in dieser Hinsicht wenig zum Spiel bei, war jedoch sicherer als noch gegen Aue. Ayhan knüpfte dagegen fast nahtlos an seinen Leistungen vor der Sperre an und harmoniert prima mit der Doppel-Sechs.

Keiner der Fortuna-Kicker war gestern in der Pfalz so richtig schlecht, keiner aber so richtig gut. Der Schlampereifaktor war etwa so hoch wie gegen Aue und recht gleichmäßig verteilt. Große Ausnahme: Der frisch aus Berlin gelieferte Haraguchi, der nicht nur ungeheuer quick ist, sondern Spielsituationen prächtig erkennt und darauf reagiert und vor allem: der sich regelmäßig verbal mit seinen Kollegen austauscht! Selten hat ein später Wintertransfer so schnell so deutlich gewirkt wie der Mann, der den an ihm verschuldeten Strafstoß selbst verwandelte.

Ja, doch, die Lauterer hatten auch Torchancen, insgesamt waren es laut offizieller Statistik neun Torschüsse, davon sieben im Sechzehner. So richtige Möglichkeiten jenseits der 90-Prozent-Marke gab es bestenfalls drei für die Pfälzer. Apropos Statistik und Schönreden: Die glorreiche Fortuna war gestern der Heimmannschaft in jedem einzelnen Wert deutlich überlegen – so viel zur Legende vom „guten Spiel“ des 1. FCK. Und die Werte für F95 sind – im Vergleich zu den richtig guten Partien – sogar eher unterdurchschnittlich.

Vielleicht war es ja der Kollaps von Trainer Jeff Strasser am vergangenen Spieltag, der den traditionellen Mitleidsbonus für die Region aufgefrischt hat. Übel erwischt hat es damit vor allem den völlig wahnsinnigen Kommentator des Bezahlsenders Sky, der nicht müde wurde, die Lauterer hervorzuheben, zu loben und zu bebauchpinseln. Annähernd genau so peinlich der Schwenk der Kameras des Aktuellen Sportstudios auf den 1.FCK-Ultra-Block, wo man dem kranken Coach gerade ein „You’ll never walk alone“ vorsang, der von der Moderatorin in Richtung Gänsehaut und große Stimmung gewertet wurde. Tatsächlich zeigten die Kameras kilometerweise leere Ränge, denn die gern jammernden Kaiserslauterer Bürger haben sich eigentlich schon vom 1. FCK abgewendet.

F95-Fans, die mit dem Verein die dunklen Jahre um die Jahrtausendwende miterlebt haben, kennen das aus Düsseldorf. Als man von Mitbürgern gefragt wurde „In welcher Liga spielt die Fortuna eigentlich?“, wusste man: der Tiefpunkt ist erreicht. Ob der Traditionsverein aus der abgehängten Region für eine Runderneuerung tatsächlich einen Abstieg in die dritte Liga braucht, ist unklar. Vereinen wie Bielefeld und dem MSV hat die Ehrenrunde à la longue scheints ganz gutgetan.

Die Anhänger der manchmal aufrechten, manchmal leicht gekrümmten Diva schwimmen dagegen aktuell auf einer ganz anderen Welle. Man redet vom Aufstieg, und nicht wenige fürchten ihn. Das gilt natürlich für die rotweißen Menschen, die in der bereits erwähnten dunklen Zeit (und davor!) schon dabei waren. Ganz besonders aber für diejenigen, die für sich in Anspruch nehmen, auf die eine oder andere Art am langsamen, aber stetigen Aufstieg der Fortuna ab 2004 mehr oder weniger aktiv beteiligt gewesen zu sein. Viele von denen fühlen sich jetzt schon abgehängt und hadern mit den Vereinsorganen und einzelnen Personen, die jetzt das Sagen haben; sie fürchten, dass sie und ihre Kampfkumpane der wilden Jahre nach dem Aufstieg der Fortuna in die erste Bundesliga erst recht nicht mehr gebraucht werden. Sowohl dies, als auch der Zustand des 1. FC Kaiserslautern zeigen wieder einmal, dass der Fußball in jeder Facette ein Spiegelbild dessen ist, was in unserer Gesellschaft läuft.

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1 Kommentar

  1. Angst vor dem Aufstieg ist begründet wenn man an Beispiele wie Paderborn oder Darmstadt denkt. Ich denke es kann nur funktionieren wenn man sich ein Beispiel nimmt an Vereinen wie Freiburg . Das setzt voraus, dass man auch mal bereit ist mit einem Trainer ab-und wieder aufzusteigen. Ob Fortuna so ein Verein werden kann oder vielleicht schon ist, weiß ich nicht.

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