Mai 2009: Mein Fortuna-Aufstiegswochenende

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[Vielen Fortuna-Freunde kommt es vor, als sei der Mai der Schicksalsmonat der launischen Diva. Dabei häufen sich die Erinnerungen einfach deshalb, weil Auf- und Abstiege sowie Pokalendspiele häufig im Wonnemonat stattfinden – so auch das entscheidende Spiel in der Saison 2008/09 gegen Werder Bremen II vor 55.000 Zuschauern in der Arena. Hier ein Bericht von damals:] Eigentlich beginnt die Geschichte schon im vergangenen Oktober. Meinem Bruder habe ich zu seinem sechzigsten Geburtstag das große Fortuna-Aufstiegspaket geschenkt, bestehend aus der Eintrittskarte für die Support-Area beim letzten Spiel der Saison, Tickets für die Saisonabschlussparty und eine Übernachtung von Samstag auf Sonntag. Natürlich konnte ich nicht ahnen, dass genau dieser Samstag, der 23.05.2009, die Entscheidung bringen würde, und schon gar nicht, dass wir an diesem Tag den Aufstieg feiern würden. Nach einer Woche mit wilden Gedanken, mangelnder Konzentration und schlechtem Schlaf wachte ich am Samstag gegen sieben auf. Mein Gast sollte gegen 10:00 eintreffen. Ich dachte an Fortuna und ging ne Runde mit dem Hund. Nach der Rückkehr klingelte es, und mein Bruder war da. Wir tranken noch einen Kaffee und redeten über Fortuna. Natürlich ist er Düsseldorfer wie ich, musste aber lange Jahre in Hannover wohnen und vegetiert jetzt fernab der Zivilsation im westerwäldischen Hinterwald dahin. Schon vor drei Jahren hatte ich ihn mal zu einem Fortuna-Spiel gelotst – es ging vor um die 25.000 Leute gegen den FC St. Pauli, und mein Bruder war ganz beeindruckt. Aber nicht beeindruckt genug. Das sollte sich an diesem Tag ändern.

Die Anreise

Nun sind wir ja schon alte Säcke. Und ich hatte in weiser Voraussicht geplant, so früh in der Arena zu sein, dass wir uns Plätze an der Treppe sichern könnten. Also im Block 41 direkt neben dem Eingang. So reisten wir mit der 701 gegen viertel nach zehn ab. An der Steinstraße wollten wir umsteigen, aber ich verfehlte den richtigen Zugang (ich dachte nämlich an Fortuna und redete darüber). Schließlich gelang es uns, den korrekten Bahnsteig zu erreichen. Eine knallvolle U-Bahn lief ein, aber knallgefüllt war sie nicht mit F95-Fans, sondern den Teilnehmern des Europäischen Jugendtags der Neuapostolischen Kirche. Die hatten am Vorabend einen Gottesdienst mit über 30.000 Teilnehmern in der Arena gefeiert und wollten anden weiteren Veranstaltungen in den Messehallen teilnehmen.

Wir kamen mit einer Frau mittleren Alters und einigen Jugendlichen ins Gespräch. Ich bekannte, Atheist zu sein, aber das machte denen nichts aus. Im Gegenteil: Nachdem ich die fortunistische Situation erklärt hatte, versprach die Neuapostolin, für die Fortuna zu beten. Da es geholfen hat, muss ich meine unchristliche Position jetzt wohl überdenken.

Die Ankunft

Wir waren nun also rund zweieinhalb Stunden vor Spielbeginn auf der Terrasse vor den Südeingängen. Die Sonne schien, die wenigen Leute dort waren freudig erregt. Ich traf ein paar mir bekannte Nase, unter anderem Marcel und Volker. Ex-Aufsichratsvorsitzender Reinhold Ernst lief mit zwei Kindern auf dem Arm im Trikot umher. Langsam bildeten sich Schlangen vor den Einlässen, und wir stellten uns dann doch an. Wie gesagt: Zwei Stunden vor dem Anpfiff.

Mit jedem Zug, der ankam, mehrte sich das anstehende Volk. Dann begannen die Gesänge. „Dritte Liga war schön – Zeit für uns zu gehn“ hieß einer Hits, „Die Fortuna ist mein Verein…“ der andere. Es wurde wechselhaft gesungen („Fooortuna! – Düüüüselsdorf!“) und gehüpft, dass das Plateau bebte. Dann begannen die gelben Männchen an den Toren zu leben, Leute abzutasten und durchzulassen.

Wir stürmten hinein, gingen schnurstracks zum Eingang des 41er und reservierten die gewünschten Plätze. Ein erstes Bier half die aufkommende Nervosität zu bekämpfen.

Das Vorspiel

Im 42er trafen Ultras die üblichen Vorbereitungen, weitere Bekannte waren zu begrüßen. Man hatte rote und weiße Luftballons abgelegt, die beim Auflauf geschwenkt werden sollten. In Nullkommanix war der Unterrang der Südtribüne voll. Das war anderthalb Stunden vor Spielbeginn. Dann wurde es eng, denn gefühlte 50 Prozent mehr Leute als reinpassen, enterten auf die eine oder andere Art die Support-Area. Das alles halbwegs diszipliniert und friedlich.

Wann hat man je eine fast vollständig in Rot und Weiß gefleckte Haupttribüne gesehen? Oder einen vollen Oberrang auf der Nord? Mit jeder Minute veränderte sich das Bild, und es wurde dem, was man als Arenagänger gewohnt ist, immer unähnlicher. Uns war klar: Nicht nur wegen der ausverkauften Hütte würden uns diese Bilder im Hirn stecken bleiben, nein, vermutlich würden wir Ähnliches erst wieder beim Aufstieg in die Erste Bundesliga sehen … hoffentlich noch zu Lebzeiten.

Der Einlauf

Schon beim Warmmachen wurden die Jungs frenetisch gefeiert. Alle wichtigen Lieder und Sprechchöre erklangen. Brüllte die Kurve was, hörten wir nicht nur das Echo, sondern die ebenfalls brüllende Nordtribüne, die Stadtsparkassentribüne und große Teile der Haupttribüne. Dann die Mannschaftsaufstellungen. Wie mag man sich fühlen, wenn 50.000 freundliche Menschen den eigenen Nachnamen schreien, dass sich die Sitzschalen biegen?

Dann kam Schiriin Bibi mit den Herren auf den Platz. Überall diverseste Choreografien: die dunkelroten Fähnchen von UD, die rot-weißen Luftballons der Hypers und die 1.000 Fahnen der Difo-Aktion. Dazu Abertausende Schals, Mützen, rot-weiß-karierte Topflappen, Küchentücher, Papiertaschentücher, T-Shirt und Dessous. Ein Meer aus Weiß und Rot, mit ein bisschen fortunistischem Schwarz getupft.

Mein Bruder ohne nachzudenken: „Und was wenn’s nicht klappt?“ Die süße junge Frau mit dem Karottenkopp vor uns dreht sich mit aufgerissenen Augen um, starrt ihn an und meint: „Wie kann man das aussprechen?“ Klaus kommt vorbei und küsst mich mit seinem kratzigen Bart. Der Mattn und Frédéric videografieren, und auch ich mache eine Aussage.

Das Spiel

Anstoß, Vorstoß … Torchance!!! Nach wenigen Sekunden toben die Massen. Fortuna geht ab wie Zäpfchen. Eine Minute später: die nächste Riesengelegenheit, die erste Hütte zu machen. Wenn das so weiter geht. Tut es aber nicht, denn die Ballkinder der grün-weißen Fischköppe haben das Kicken auch nicht bei den Nonnen gelernt. Eher im Gegenteil. Die U23 von Werder setzt sich aus ausgesprochen ballgewandten und -sicheren Kickern zusammen, die bloß immer ein bisschen zu schön spielen. Die Teams agieren auf Augenhöhe.

Dann kriegt Marco Christ auf rechts die Pille unter dem strahlend blauen Frühsommerhimmel. Läuft und zieht nach innen. Erreicht eine Position etwa drei Meter vom Strafraumeck entfernt und … flankt. Der Ball hebt von seinem Spann ab, bewegt sich Richtung Oberrang, überlegt es sich anders, leugnet die Gesetze der Physik und senkt sich hinter dem Fischkopp-Keeper ins Netz. Ja, das ist ein Tor. Bevor die Menge abgeht, herrscht ein paar Zehntelsekunden gespenstische Ruhe. Aber dann sind sich alle sicher: Fortuna hat das 1:0 erzielt. Und das würde für den direkten Aufstieg reichen – ganz gleich, was die dumpfen Paddelbirnen und die sinnlosen Vorstädter aus München machen.

Was losbricht kann man Jubel nicht mehr nennen. Es ist Ekstase. Die Luft über dem 41er ist voller Bier, es regnet Glück. Es schreit, es klatscht, es liegt sich in den Armen. Ist das der Anfang?

Bis zum Halbzeitpfiff der schönen Bibi, die das Spiel annähernd perfekt leitet, wogt es hin und her, wobei so richtige Chancen auf beiden Seiten eher selten sind. Dann schrillt’s, und wir alten Säcke lassen uns in die Sitzschalen fallen. Es ist so schön und so anstregend.

Die zweite Spielhälfte ist merkwürdig. Unsere Jungs sind scheinbar fix und fertig. Es gelingt zunächst wenig. Die Werderaner spielen einen gefälligen Ball und kommen dauernd in unsere Hälfte. Aber schießen oder flanken tun sie selten und wenn, dann ziemlich schlecht. So geht das bis zur siebzigsten Minute. Die Fortunesen auf dem Platz geben nochmal Gas, und die 50.095 Heimfans, die auch ein bisschen nachgelassen haben, tun’s ihnen nach. Plötzlich kommen die Männer mit dem F95-Wappen über dem Herzen wieder an den gegnerischen Strafraum. Aber eine echte Chance entsteht nicht.

Und noch einmal ändert sich das Spiel. Vermutlich haben die Küstenbubis mitgekriegt, dass ihnen der Abstieg nicht mehr droht. Jedenfalls beschränken sie sich zunehmend darauf, schön zu spielen und niemandem wehzutun. Vielleicht, denke ich, wollen die uns einfach nicht diese bombastische Massenparty kaputt machen. Wahrscheinlich hätten sie’s gekonnt, wenn sie’s wirklich gewollt hätten.

Die Uhr steht bei 90. Wie lange wird die süße Bibi uns quälen. Ballgestocher an der Werder-Eckfahne. Jovanovic beschwört die Schiriin mit gefalteten Händen, sie möge abpfeifen. Es ist 15:16. Bibi steht am Mittelkreis. Ein Bremer schlägt den Ball nach vorn. Die niedersächsische Polizistin führt die Pfeife an die wunderbaren Lippen und pustet hinein. Aus! Aus! Aus! Fortuna ist aufgestiegen! Halten Sie mich für verrückt, halten Sie mich für übergeschnappt…

Der Platzsturm

Der Sturm bricht los. Das ganze Spiel über standen die Leute auf der Treppe. Jetzt springen die ersten über die Brüstung. Die Tore werden geöffnet. Fortunisti stürmen auf den Platz. Von hinten drängen die Wilden. Neben uns kugeln die Menschen übereinander. Eine Frau fällt in unsere Sitzreihe. Mein Bruder hilft ihr hoch. Ein Bekloppter will über die Stühle zwischen uns. Der Wahnsinn hat Methode, und in Sekunden ist das Spielfeld voller Fans.

Es werden später wohl zwanzig-, dreißigtausend sein, die den Innenraum fühlen. Kein Stück Rasen ist zu sehen, nur Leute, die mit dem Taschenmesser Grasstücke ausgraben. In der Mitte werden Bengalos gezündet. Man schreit, man läuft durcheinander, und immer noch versuchen Fans den heiligen Grund zu erreichen.

Die Spieler! Wo sind die Spieler? Die sind geflüchtet und tauchen wenig später auf dem Balkon einer Loge auf. Ob das die Fans auf dem Platz überhaupt merken?

Das Gefühl

Wir brechen etwa zwanzig Minuten nach dem Schlusspfiff auf. Das ist alles zuviel für zwei alte Säcke. Mit dem Taxi geht’s nach Hause zu Kaffee, Altbier und Bundesliga. Ich weiß eigentlich nicht, was genau jetzt ist. Gut, „wir“ sind aufgestiegen, aber was kommt jetzt? Mir ist gar nicht nach wüster Party oder Alkoholmissbrauch. Eher nach Verarbeitung – von zehn Jahren Fortuna-Gucken auf Viert- und Drittligaplätzen, von unsäglichen Gurkenspielen, von unfähigen Managern und Trainern, von Frust nach vergeigten Spielen und von der ewigen Hoffnung, die sich nun erfüllt hat.

Der Fernseher sagt, dass VW-Burg Meister ist. So what. Die haben nicht mal nen Balkon. Die Scheißbayern sind noch Zweiter geworden. Who cares? Cottbus hat sich in die Reli gerettet. Aach was? Die ostholländische Borussia ist nicht abgestiegen. Scheiße! Und den Statistikvorlesern geht einer nach dem anderen ab, von wegen der Emotzjohnen. In Wolfsburg drücken sich paar Hundert Zwangsfans auf dem Rasen, und der Reporter findet die enthusiastisch. Hey, was heute in Düsseldorf in der Arena abgegangen ist, das war groß, das war echt, das würdet ihr Syntheseclowns nie verstehen!

Der Abend

Wir gehen zur Pfeffermühle und pfeifen uns Gyros ein. Leute in Rot-Weiß-Klamotten kommen vorbei. Die sehen alle so müde aus. Mit dem Taxi zum Stahlwerk. Im Biergarten sitzen sie und sehen müde aus, erschöpft, zufrieden, aber fix und fertig. Langeneke und die Sieger laufen auf. Zwei Dutzend Anwesende bemühen sich hin, um die Jungs zu feiern. Vielleicht täusche ich mich, aber die Luft roch nach Ratlosigkeit. Entsprechend die Gespräche an den Biertischen: Ob wir in der Zweiten Liga mithalten können?

Dann geht nochmal ein Ruck durch die Gemeinde. Die Mannschaft ist da! Sie thront auf der Empore in der großen Halle. Das Volk stürmt rein und huldigt. Die Jungs oben stimmen Gesänge an, wir machen mit. Wieder diese Euphorie, diese Freude. Cebe will die Humba machen. „Gib mir ein…“ beginnt er, aber da kommt nur noch ein Krächzlaut. Irgendwie klappt’s, und an der Stelle „Wir hassen Köln und RWE!“ bebt der Saal im Fundament. Irgendwer stimmt „Cologne, Cologne, die Scheiße vom Dom“ an. Auch „Scheiß-Wuppertal“ kommt aus einem Spielermund. Dann die Hits der Saison, und der gute Stefan Sieger lässt sich mit einem selbst angestimmten „So sehn Sieger aus, scha-lala-lala“ feiern.

Ich falle Opa in den Arm. Der gesteht, er habe oben in der Musikkabine der Arena Tränchen vergossen. Sigi sei schuld, die habe ihn angesteckt. Ja, nee, iss klar. Pyro kriegt einen dicken Bearhug von mir. Peter Rueben lässt sich nicht knuddeln. Der ist schon geschminkt, weil die Aktuelle Stunde gleich live berichten wird. Das tut sie auch, und wir machen den Hintergrundchor.

Dann sitzen mein Bruder und ich im Biergarten. In der Halle tobt die Musik. Draußen regnet es sanft, und wir suchen einen beschirmten Platz. Wir reden nicht über Fortuna, jedenfalls kaum. Wir führen Gespräche, die lange überfällig waren unter Brüdern. Danke für diese Gelegenheit, Fortuna.

Der Sonntag

Wir frühstücken zusammen. Langsam wird klar, was da am Vortag geschehen ist. Wir planen gemeinsame Auswärtsfahrten. Nach Koblenz, meint mein Bruder, denn das ist schön nah für ihn. Nix da, kontere ich, München, Nürnberg, Hamburg sind dran. Wir einigen uns darauf, dass wir das alles erst in vollem Umfang verstehen und entscheiden werden, wenn der Spielplan für die Saison 2009/10 der zweiten Liga vorliegt.

Dann reist er ab, und ich mache mich auf den Weg zum Rathaus. Die Informationen zu den Feierlichkeiten waren verwirrend. 13:00 solle es losgehen, hieß es. Auf dem Burgplatz, sagte man. Ne, ne, die Mannschaft wird so gegen halb zwölf auf dem Rathausbalkon erscheinen. Gut dass ich so früh losgegangen bin, denn tatsächlich ist gegen 11:00 der Platz schon voll. Ich treffe Bernd und Niko. Alle sehen ziemlich kaputt aus.

Dann hört man Stimmen vom Balkon. Und dann kommen die Spieler, immer zu zwei. Und wieder sind sie es, die den Gesang anstimmen. Auch hier wieder die beliebten Schmählieder gegen den Äff-Zeh (die kriegen wir in der übernächsten Saison, versprochen!), den RWE und den WSV.

Dann heißt es „Hinsetzen! Hinsetzen!“ Jemand singt oben vor. Es ist dieser Song, bei dem die erste Strophe („Fortuna Düsseldorf, schalalalalalaaa“) in Zimmerlautstärke gesungen wird, für die zweite Strophe (gleicher Text) springen alle auf und geben volles Rohr. 9.000 Fortunesen auf dem Rathausplatz sitzen oder hocken, singen und springen auf. Erst da schießen mir Tränen in die Augen. Ja, ich fühle Liebe in mir und Glück, die Dankbarkeit, Düsseldorfer sein dürfen, in der schönsten Stadt am Rhein leben zu dürfen und Anhänger dieses wunderbaren Fußballvereins mit diesem so extrem zutreffenden Namen sein zu dürfen. Ich bin ein Emotionsbündel und schleiche mich davon.

Rund um den Häuserblock stehen Polizeitransporter, Dutzende Ninja Turtles in vollster Kriegsmontur lungern herum. Von den Vorfällen in der Nacht weiß ich noch nichts. Übrigens: Um 13:00 wanderte die Versammlung dann rüber zum Burgplatz, wo ein Programm angeboten werden sollte. Da war ich längst zuhause.

Und jetzt?

Inzwischen finde ich langsam den Übergang in den Alltag. Aber die Bilder und die Töne dieser zwei Tage, die schwirren immer noch durch meinen sensorischen Apparat. Wird wohl ne Weile dauern…

[Zuerst erschienen am 24.05.2009 im Vorgänger-Blog „Rainer’sche Post“ – Foto: fortuna-videos.de]

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