New Fall: Agnes Obel liest uns die Messe

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Es ist fast November, ein herbstlicher Freitagabend mit leichtem Nieselregen: Der nahezu perfekte Zeitpunkt, sich mit einem schweren Rotwein vor den lodernden Kamin zu setzen und den daneben drapierten Golden Retriever totzustreicheln. Wer weder über einen Kamin, noch über einen Golden Retriever verfügt, der geht stattdessen in ein Agnes-Obel-Konzert! Agnes wer? Bekannt geworden ist die Frau aus Kopenhagen 2008 mit ihrem Song „Just so“, der irgendwie so klang wie die damalige Werbung von Apple. Hierzulande nutzte denn auch die Deutsche Telekom das hübsche Geklimper für einen Werbespot für Smartphones, die damals noch Internet-Handy hießen. Das Obel-Lied hielt sich neun Wochen lang in den deutschen Charts. Im Konzert in der Johanneskirche wird „Just so“ nicht gespielt.

Der frühe Durchbruch dürfte für Agnes Obel bis heute bittersüß schmecken, denn einerseits landet sie damit gleich zu Beginn ihrer Karriere einen beachtlichen, kommerziellen Erfolg. Andererseits ist sie in vielen Köpfen nun für alle Zeit das Mädchen mit dem niedlichen Telekom-Klimpersong und wird künstlerisch darauf festgenagelt. Geschadet hat es ihrer Anerkennung freilich nicht. Ihr Debütalbum „Philharmonics“, das im Herbst 2010 erschien, wurde in Dänemark mit 4-fach-Platin ausgezeichnet. Ihre nunmehr drei erschienen Platten finden eine treue Käuferschar, ihre Konzerte sind sehr häufig ausverkauft. Das gilt auch für ihre beiden Auftritte im Rahmen des New Fall Festival 2016 in Düsseldorf. Und das, obwohl die Tickets mit 45 bis zu rund 100 Euro nicht gerade zum Schnäppchenpreis angeboten wurden. Das Publikum in der schönen Johanneskirche ist bunt gemischt zwischen 20 und 60. Der eine oder andere mag über Rotwein, Kamin und Golden Retriever verfügen.

Was die Frau da auf der Bühne unter dem Jesus-Kreuz zaubert, sind nur vordergründig Popsongs mit manchmal nicht so richtig tiefschürfenden Texten: „Somebody calls you, somebody says – Swim with the current and float away – Down by the river everyday“. Tatsächlich liefert uns Agnes Obel – eiskalt-blau oder dämonisch-rot illuminiert – den perfekten Soundtrack für eine bessere, relaxte Welt mit sauberen Flüssen, immerwährender Liebe und Biowurst. Agnes Obel versammelt in der Kathedrale Menschen, die wohl größtenteils nicht mehr an den Mann am Kreuz glauben, aber dennoch dringend Kontemplation benötigen. Nicht wenigen von uns mangelt es in unserer Digitalisierungswelt ja daran, kaum noch runterkommen zu können, nicht mehr durchzuatmen. Die harten Kirchenbänke, die im Lichtschein tanzenden Altarkerzen – das alles passt perfekt. Agnes Obel liest uns ungläubigen Konsumkindern die Messe.

Während die seit ein paar Jahren in Berlin-Neukölln lebende Sängerin und ihre neu zusammengestellte Band im Lichtschein fast verschwindet, trägt uns der Sound davon. Fast zwei Stunden lang dürfen wir mit ihr abtauchen. Zwischendurch erfahren wir, dass sie heute Geburtstag hat und jetzt so alt ist, dass sie doch glatt einen Song vergessen hat. Er wird aber selbstverständlich zum Ende des Konzertabends noch nachgeliefert. Der Abend in Düsseldorf ist für Agnes Obel nicht nur wegen ihres 36. Geburtstags ein ganz besonderer Tag: Erst vor einer Woche ist ihr drittes Album „Citizen of Glass“ erschienen. Hier ist zudem der Ausgangspunkt ihrer Tournee, die mit dem heutigen Tag beginnt.

Am Ende des sakralen Abends stehen wir dann wieder auf der Straße im Nieselregen. Der letzte Song von Agnes Obel ist verhallt. Die Welt ist nicht besser geworden. Vielleicht sollte man am Sonntag mal in die Johanneskirche zur Messe gehen?

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1 Kommentar

  1. Bernd Überacker am

    Ob nun „Agnes“ oder „Regina“ Obel „unter dem Jesus-Kreuz“ für teuer Geld ungläubigen „schweren“ Rotweinnasen und „Golden Retrievern“ die Leviten gelesen hat, mag dahingestellt bleiben.

    Begeisterung liest sich anders.

    „Niedlicher Telekom-Klimpersong mit manchmal nicht so richtig tiefschürfenden Texten“ sagt eigentlich alles.

    Dass der Autor nach seinem empathischen Verriss schließĺich seinen Lesern demzufolge empfiehlt, “Sonntag mal in die Johanneskirche zur (kostenlosen) Messe (zu) gehen“, scheint nach einem solchen vergeblichen musikalischen Missionierungsversuch fast folgerichtig.

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