Ortsangabe: Nordstraße – von Geschäften und Institutionen

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Ganz ähnlich wie die Oststraße (die wir kürzlich vorgestellt haben) gehört auch die Nordstraße zu den uralten Ausfallstraßen des ehemals winzig kleinen Düsseldorf. Was heute „Altstadt“ heißt, war damals umgeben von der Landwirtschaft einiger verschieden großer Gutshöfe, die das Städtchen von den teils größeren und/oder wichtigeren Nachbargemeinden trennte. Also hauptsächlich von Bilk, Flingern, Gerresheim und Rath. Alle heutigen Viertel, die sich rund um die Alstadt anordnen, sind entweder aus den genannten Höfen entstanden oder wurden – beispielsweise Friedrichstadt – am Reißbrett entworfen. 1854 war ein entscheidendes Jahr für den Schritt Düsseldorfs vom Städtchen zur Großstadt. Man hatte beschlossen, neue Stadtviertel zu errichten, um den Wachstum gerecht zu werden. Eines davon wurde Pempelfort, das ja mit dem Schloss Jägerhof und dem Haus der Jacobis schon zentrale Bauten hatte. Und eben mit der Straße, die wir heute als Nordstraße kennen, eine passende Lebensader.

Sie war Teil einer Fernstraße, die von Düsseldorf (= Altstadt) nordostwärts Richtung Ratingen und weiter nach Westfalen Richtung Münster führte. Heute lässt sich der gesamte Weg nur noch teilweise nachvollziehen. Zwar wird die Münsterstraße als Verlängerung der Nordstraße deutlich, aber spätestens in Rath ist nur noch die Westfalenstraße als Verlängerung erkennbar. Durch die massive Industrieansiedlung hier und die ehemals flächenfressenden Gleisanlagen lässt sich nicht einfach ablesen, dass die Oberrather Straße und die Reichswaldallee ebenfalls Stücke der genannten Fernverbindung sind.

Randbebauung ab 1854

Es gab die Nordstraße also schon bevor sie so hieß. Im besagten Jahr 1854 waren die Kataster aber so definiert worden, dass Bürger Grundstücke unmittelbar an der Straße erwerben und bebauen konnten. Gleichzeitig wurden Querstraßen angelegt. Die vollständige Bebauung Pempelforts war dann aber erst Ende des neunzehnten Jahrhunderts abgeschlossen. Schon immer begann die Nordstraße am äußersten Nordwestzipfel des Hofgartens, an der Gabelung zur Kaiserstraße, die ihren Namen einem Besuch von Napoleon im Jahre 1811 verdankt. Gleich gegenüber stand die Gartenwirtschaft „Zum Luftballon„, die erst mit dem Bau der ersten Hallen der sogenannten „Alten Messe“an der Fischerstraße abgerissen wurde. Noch heute nennen ältere Düsseldorfer die gesamte Fläche zwischen der Nordstraße und dem Gelände der Ergo „Luftballon“. Hier bestand ab etwa 1800 eine Wiese für die wagemutigen Luftschiffer, die in der Nachfolge der Gebrüder Montgolfière dort Heißluftballons starteten – daher der Name.

Google-Map: Nordstraße

Google-Map: Nordstraße

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Nordstraße durch die Bomben der britischen und US-amerikanischen Flieger stark beschädigt. Allerdings blieben gut zwei Dutzend Gebäude erhalten, die etwa ab 1890 errichtet worden waren. Wenn man den Blick einmal von den Schaufenstern der Läden nach oben wendet, erkennt man diese alten Häuser problemlos. Tatsächlich gibt es zwischen dem Beginn der Nordstraße an der Kaiser-/Fischerstraße und dem Ende am Dreieck kein Haus, das im Erdgeschoss keinen Laden hat. Apropos Dreieck: Das ist die halboffizielle Bezeichnung für den tatsächlich dreieckigen Häuserblock zwischen der Münster-, der Roß- und der Collenbachstraße im Schatten der Kreuzkirche. Hier fand sich der Ausgangspunkt für Pempelfort, das Gut Collenbach, das 1903 komplett dem Erdboden gleichgemacht wurde, weil man die Grundstücke für die weitere Urbanisierung brauchte.

Schon seit dieser Zeit ist die Nordstraße auch eine Einkaufsmeile als Mischung aus Lebensmittelgeschäfte, Bäckereien und Metzgereien, Gemischtwarenläden, Wirtshäusern, Banken, Bekleidungsgeschäften und kleinen Spezialläden. Fast genauso lange gibt es schon Schienen der Straßenbahn hier. Natürlich hat man in den Sechziger- und Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts darüber nachgedacht, die Bahn aus der Nordstraße zu verbannen und die ganze Meile gleich ganz zur Fußgängerzone zu machen. Aber aktuell im Januar 2017 kann man hautnah erleben, weshalb das nicht ging – ist die Nordstraße für Bahnen nicht passierbar, kann die Sperre nur großräumig bis hoch zur Blücherstraße umfahren werden. Noch bis Ende der Sechziger war sie aber eine Durchgangsstraße in beide Richtungen und für den Autoverkehr ein wichtiger Teil der Nord-Süd-Achse.

Woolworth am Dreiecke

Am oberen Ende findet sich seit Alters her die Haltestelle „Dreieck“, sowohl an der Nord-, als auch an der Blücherstraße. Als in den Fünfzigerjahren nicht nur das Woolworth-Kaufhaus, sondern kurz danach direkt gegenüber die Kaufhalle eröffnet wurden, schwoll der Fußgängerverkehr deutlich an. Also machte man in den späten Sechzigern nur den Bereich zwischen der Goebenstraße und dem Dreieck zur Fußgängerzone. Weil gleichzeitig auch die Münsterstraße an der Kreuzung zur Jülicher Straße getrennt wurde, nahm der Verkehrsstrom von Norden nach Süden den Weg über die Kleverstraße bis zum Rhein. Diese Sechzigerjahre waren aber auch die erste große Blütezeit der Münsterstraße, in der sich viele Geschäfte ansiedelten, die wir heute als Institutionen betrachten.

Dazu zählte bis vor Kurzem auch die legendäre Goethe-Buchhandlung, die auf der Duisburger Straße begann und sich nach und nach durch den Häuserblock bis zur südlichen Nordstraße durchfraß. Wer zu den legendären Zeiten der Lehrmittelfreiheit, als Eltern Schulbücher nicht kaufen und bezahlen mussten im Norden der Stadt aufgewachsen ist, kennt die Goethe-Buchhandlung sicher noch als Ausgabestelle für diese Bücher. Zwischenzeitlich war sie die umsatzstärkste Buchhandlung der Stadt mit Vollprogramm und einer nur noch vom Sternverlag erreichten Sortimentsbreite. Ende 2016 schloss die Goethe-Buchhandlung nach 70 Jahren an der Nordstraße. Bis zur Ankubft von McDonald’s in Deutschland war auch das „Dietrich“ an der Ecke zur Duisburger Straße eine Institution. Es war der Brauereiausschank der benachbarten Dietrich-Brauerei, die nicht nur wegen ihres Altbieres, sondern vor allem wegen ihrer Pferdefuhrwerke mit den dicken Kaltblütlern in der Stadt populär war. Inzwischen hat McD seine Filiale dort geschlossen und ein neumodischer Essladen hat die Räume übernommen.

Noch mehr Institutionen

Zu den Institutionen auf dieser Meile muss aber unbedingt die Konditorie Liebeck & Gabel gezählt werden, die bis heute überlebt hat. Sie liegt an der Ecke zur Goebenstraße und ist genau das, was der Name sagt: eine Konditorei, wo die Nachbarschaft nicht nur am Sonntag den Kuchen für den Nachmittagskaffee holt. Immer noch gibt es dort trotz allen „New York Cheesecake“-Hypes ordentlichen Käsekuchen und natürlich auch traditionelle Dinge wie Tusnelda, Bienenstich und Schwarzwälder Kirsch. Immer noch wird man beim Beginn der Bestellung gefragt „Wie viele Stücke?“ damit die Verkäuferin das passende Papptablett wählen kann. Auch die Frage „mit Sahne?“ gehört noch zum Standard. Ebenfalls trotz aller Hipster-Trends hat Liebeck & Gabel schon immer eigenes angefertigte Kaffeesorten im Angebot, die man sich vor Ort mahlen lassen kann. Und wer ein altmodisches Café liebt, findet drinnen ein paar niedliche Tische.

Heimlich, still und leise ist aber auch der Tabakladen schräg gegenüber zur Institution geworden. Über 50 Jahre gibt es den schmalen Schlauch mit dem Vollsortiment an Zigaretten und Druckerzeugnissen schon, in dem freitags die Stammkunden Schlange stehen, um ihre Lottoscheine abzugeben. Noch unauffälige vollzog sich die Entwicklung zur Institution bei der Obstkiste gleich neben Woolworth. Ursprünglich ein Tapeziertisch mit ein paar Äpfel, Birnen und Orangen ist daraus ein mobiler Verkaufsstand geworden, wie man sie aus München kennt und in Düsseldorf oft vermisst. Auch der Tschibo auf halber Höhe zwischen Mauer- und Schwerinstraße ist hier ein Traditionsgeschäft – eröffnet um etwa 1965 herum zählte diese Filiale zu den ersten, in denen man einkehrte, um rasch einen ordentlichen Bohnenkaffee zu trinken. Ganze Generationen Schüler der benachbarten weiterführenden Schulen (der Verfasser dieses Berichts eingeschlossen) verbrachten dort ihre Freistunden. Gern auch mit einem eckeren Gebäck vom Behmer schräg gegenüber. Das ist eine der wirklich bedeutenden Bäckereien in der Stadt, was mit dem goldenen Schriftzug über den Schaufenstern deutlich gemacht wird.

Und noch mehr Tradition…

Noch mehr Tradition gefällig? Um die Ecke der Duisburger Straße gibt es die Metzgerei Brosi, die als erste in der Stadt einen Imbiss im Laden betrieb. Gleich neben Brosi gibt es das leicht altmodische Bekleidungsgeschäft Mohren, das schon mehr als 65 Jahren am selben Standard auf dem Buckel hat. Auch das Eiscafé San Remo ist nicht erst mit der Gentrifizierung gekommen – auch wenn es in dieser Hinsicht nicht an Da Forno um die Ecke auf der Schwerinstraße heranreicht. Diese Eisdiele gibt es schon seit 1912, sie ist damit die älteste noch existierende der Stadt. Wann sich das Samen-Geschäft an der Kaiserswerther Straße dort angesiedelt hat, konnte niemand schlüssig berichten. Dafür hat aber die Bank an der Ecke zur Blücherstraße eine lange Geschichte, und ist ein historischer Ort, weil hier 1981 Unterlagen gefunden wurden, die die Flick-Affäre auslösten. Und dann war da noch die Tapeten-Passage, die – vernichtet durch das großspurige „Nord-Carreé“ – an der Duisburger Straße begann und als Gang quer durch den Häuserblock bis zur Nordstraße reichte; für uns als Kinder nicht nur eine willkommene Abkürzung, sondern auch der Ort, an dem wir abenteuerliche Landschaften auf Bildtapeten bewunderten.

Momentan beklagen viele Anlieger – besonders am südlichen Ende – den schon existierenden oder drohenden Leerstand. Gerade hier haben über die vergangenen zehn Jahre viele Institutionen aufgeben und schnellen Ladenideen Platz machen müssen, die dann auch nicht lange gehalten haben. Tatsächlich gibt es diesen Effekt, der andere Verkaufsstraßen schon seit Jahren plagt, zum ersten Mal auf der Nordstraße. Hoffen wir, dass daraus kein Trend wird und die Nordstraße weiterhin die schöne und lebendige Einkaufmeile bleibt, die sie schon seit über 80 Jahren ist.

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1 Kommentar

  1. Boris Bartels am

    Danke für diese interessante Geschichtsstunde rund um „meine zweite Heimat“ inkl. 8 Jahren Wohnen über McD und nun schon wieder fast 7 Jahren Agentur neben dem Luftballonhaus. Kleine Kleinigkeit, über die ich auch immer gestolpert bin: Es ist die Dieterich-Brauerei mit „e“ dazwischen, nach der auch das Dieterich-Karree benannt ist. Ob das Lokal Ecke Duisburger auch so hier, weiß ich nicht. Ein Geschäft, das es leider schon lange nicht mehr im Knick der Nordstraße gibt, fand ich immer ganz besonders faszinierend: Das kleine „Rasierapparate Fachgeschäft“. Genaus so vermisse ich das Eisenwarengeschäft zwischen Venloer und Kaiserstraße. Der Zerfall des südlichen Endes ist leider dramatisch. Leerstand, Fingernagelstudios, „Spielcasino“, „1-€-Laden“, die geliebte Goethe-Buchhandlung weg… Dagegen halten wenigstens z.B. das Centro und seit einem Jahr das verdammt gute Restaurant „Ratatuille“.

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