Rosensonntagszoch 2016: Ganz entspannt im Hier und Jetzt

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An der Kö hatte sich eine Handvoll kölscher Testosteronbömbchen versammelt. Vermutlich im Sozialverhalten durch das Aufwachsen im Domdorf versaut. Denn anstatt durch laute Helau-Rufe Balkes anzufordern, riefen die Jungs ein ums andere Mal „Hallo!“, und als das nicht fruchtete, bedachten sie die Karnevalisten auf den Wagen je nach Geschlecht mit dem F- oder dem W-Wort. So, dachte Ihr sehr ergebener Zoch-Beobachter, geht’s also in Kölle im Karneval zu. Vorher an der Ecke Talstraße erklärte ein Pänz mit Migrationshintergrund einem anderen, der mit einer Aldi-Tüte bewaffnet war, worum’s beim Zoch geht: „Musst du Helau rufen. Werfen die Zeuch. Kannste einsammeln und nachhause bringen.“ Und dann waren da am Graf-Adolf-Platz noch die volltrunken Mädels im Teen-Alter, die sich gegenseitig auf den Arm nahmen um Selfies zu machen, wobei sie immer umfielen und as hysterisch belachten. Oder die tiefenentspannten Cops, die geradezu zwanghaft lächelten und versuchten lustig zu sein – selbst als Ihr Ergebener folgendes Lied anstimmte, das er aus dem Karneval der Sechzigerjahre kennt: „Da stonnt ne Schutzmann, da stonnt ne Schutzmann, dä hätt dä janze Tach noch nix jedonn.“

Ansonsten war das Wetter schön, und Menschen aus Düsseldorf, Köln, Holland und angrenzenden Ländern hatten es sich mit Kund & Kegel längs des Zugwegs gemütlich gemacht. Selten standen die Leute mit mehr als Dreierreihen an den Absperrungen bzw. Straßenkanten, und wie die offiziellen Schätzungen auf über eine Mio Zuschauer hocgeschätzt werden konnten, wird Ihrem Berichterstatter ein Rätsel bleiben; aber beim Marathon im vergangenen Jahr waren es ja angeblich auch rund 500.000 Fans… Man fragt sich aber, weshalb müssen diese Zahlen überhaupt hochgejazzt werden, wo es doch einfach rundherum schön war beim Rosensonntsgaszoch 2016? Ja, die Sonne war am Scheinen und der Wind war ziemlich frisch, und wer keinen Kalender zur Hand hatte, hätte meinen mögen, es wär ein ganz normaler Rosenmontag, der ja bekanntlich spätestens am 7. März stattfinden kann. Dagegen sprachen: Kaum Alkoholmissbrauch, geringes Aggressionsniveau und kaum blöde Anmache von Frauen durch Testosteronbömbchen.

Familien beherrschten das Bild. Der Prozentsatz derjenigen, die sich mindestens eine Papiernelke ins Knopfloch oder ein lustiges Hütchen auf die Birne gepflanzt hatten, war hoch, und bei den richtigen Kostümen dominierten nicht diese Plüschanzüge vom kölschen Karnevalsdiscounter, die bekanntlich für kleinestes Geld von blutenden Kinderhändchen in Bangladesh verfertigt werden und erheblich chemisch belastet sind. So war alles ganz im Sinne der Karnevalisten im Zoch angerichtet, die aber mal so richtig Spasss an den Backen hatten. Selten sah man so viel echtes Lachen und Jubeln bei den Fußgruppen und auf den Wagen – alle hatten ernsthaft Freude daran, bunt und fröhlich durch die schönste Stadt am Rhein zu ziehen.

Da waren die neuen Mottowagen des genialen Jaques Tilly beinahe schon fehl am Platz in ihrer karikaturhaften Überspitzung der schrecklichen Realitäten unserer Zeit. Wenn „die Rüstungsindustrie“ „der Politik“ die Kanone eines Panzers in den Mund stopft und so erpresst, bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Auch bei dem Wagen, der sehr deutlich die These aufstellt, dass Rechtspopulismus und Verschwörungstheorien mit Putin’schem Geld in ganz Europa verbreitet werden. Da war dann noch Donald Trump als Arsch mit Ohren das Lustigste. Immer wieder störend die bescheuerte Schleichwerbung im Zoch durch Wagen, denen man erst auf den zweiten Blick anmerkt, dass sie im Sinne eines Unternehmens rollen, das uns die Kohle aus der Tasche ziehen will. Das ist nicht modern und zeitgemäß, das ist einfach nur doof.

Dass ausgerechnet in dem Moment, als einer der kölschen Typen im Umfeld Ihres Ergebenen „Scheiß-Fortuna!“ skandierte, sich ein Wagen näherte, auf dem ein passendes Lied erklang, war ein Highlight des Tages. So sang der Berichterstatter fröhlich und lauthals mit: „Da schwimmt ne Kölner, dann schwimmt ne Kölner, da schwimmt ne Kölner am Schlossturm vorbei.“ Die Burschen verstummten rasch und grübelten lange nach, was wohl gemeint war. Zur Ehrenrettung der armen Menschen, die in der hässlichen Stadt mit dem Bahnhofskapellchen ohne Uhr leben müssen, sei gesagt: Die im Zoch verteilten kölschen Gruppen waren mit die fröhlichsten, und mehrfach war zu sehen, wie Kölner Karnevalisten Düsseldorfer Karnevalisten mit Karnevalsorden behängten und umgekehrt. Gegen Ende des Zochs an der „Blende“ in Bilk standen dann auch Typen, die an ihrer Kleidung eindeutig als Kölner zu identifizieren waren, friedlich beim Alt mit Normalmenschen herum.

Währenddessen rollte Wagen 15 vorbei, betrieben von der Gruppe „Halbangst“, die just in diesem Moment ihren Hit vom „Haus vom Veh“ zelebrierten – dies eine der witzigsten Truppen im ganzen Rosensonntagszoch 2016.

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8 Kommentare

  1. Ich brech ab, einfach klasse geschrieben! Das ist mein Düsseldorf 🙂 – Grüße in die Heimat

  2. ChristianAlbertOtto am

    „Immer wieder störend die bescheuerte Schleichwerbung im Zoch durch Wagen, denen man erst auf den zweiten Blick anmerkt, dass sie im Sinne eines Unternehmens rollen, das uns die Kohle aus der Tasche ziehen will. Das ist nicht modern und zeitgemäß, das ist einfach nur doof.“

    Sind damit die Sprinter gemeint oder etwas anderes? Ich war leider nicht beim Zug, da ich Sonntag Abend/Nacht an der Entstehung solcher Wägelchen beteiligt war. Oder ist doch etwas anderes gemeint?

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