Stadtgeschichte: Der starke Uwe (1)

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Wenn eines über Uwe sicher ist, dann das: Er machte, was er wollte. Hielt sich nicht an Konventionen, war sein eigener Herr. Und konnte sich das leisten. Knapp zwei Meter hoch und mit einem Kampfgewicht zwischen 120 und über 160 Kilo. Keiner konnte ihn davon abhalten, mit den Hunden in die Agentur zu kommen. Eines Tages hörte ich aus einem der Büros Pfotengetrappel auf dem feinen Parkett. Vorweg ein spindeldürrer Windhund, gefolgt von einem tabakbraunem Muskelpaket. Das war Uwes Köter. Die Hippe, sagte er, die ist von meinem Psychofreggel. Damit meinte er die Frau, mit der er damals so eine Art Beziehung pflegte. Die war Therapeutin. Dann hatte ich seine Töle vor mir. Ich hielt Fridolin, so nannte Uwe ihn, für einen Kampfhund, aber das Herrchen schwor Stein und Bein, dass Fri, so wurde das Hundchen gerufen, ein harmloser Mischling sei. Den habe er als winzige Welpe illegal im Flugzeug aus der Dominikanischen mitgebracht, versteckt unter der Jacke. Und dann großgezogen und ausgebildet.

Nun war Uwe nicht der Typ, der Pauschalurlaube buchte. Da interessierte mich schon, was ihn denn in das karibische Ferienparadies getrieben hatte. Später als wir uns gegenseitig als Freunde betrachteten, erzählte er auch diese Geschichte. Wie er eigentlich bei jedem Treffen eine Geschichte erzählte. Und sich selten wiederholte. Fridolin hörte natürlich aufs Wort. Auch wenn Uwe es nur flüsterte. Mit einem leisen „Fri zu mir“ konnte er den Hund über weite Entfernungen zu sich rufen. Am Tag unserer ersten Begegnung galt sein Besuch unserem Agenturchef. Der rief mich in sein Büro. Uwe saß auf dem Designersofa, das er ausfüllte und hatte einen Pott Milchkaffee vor sich stehen. Neben der Couch lag seine gammelige Lederjacke auf dem Boden und darauf hatte es sich Fridolin bequem gemacht. Das war die Normalsituation bei Uwes Besuchen in der Agentur. Auch an diesem Nachmittag trug er einen öligen Monteursoverall – sein Standard-Outfit im Winter. Im Sommer war es dann eine nicht weniger speckige, blaue Latzhose. Bei seinem Volumen kam Uwe, obwohl meist in optimalem Fitnesszustand, leicht ins Schwitzen. Und stank. So nannte es jedenfalls die zart besaiteten Kolleginnen, denen so viel Testosteron einfach nur Angst machte.

Die Jobs
Hast du n Job für Uwe? fragte mein Boss. Klar, sagte ich, wir haben da doch so ne blöde Messeshow in der nächsten Woche, da fehlt noch ein fototrächtiges Highlight. Ja, dann nimm den Uwe mal mit. Wir wechselten in mein Büro. Es ging damals um eine Innovation, von der man nie wieder was hören würde, eine Art Spezial-DVD. Was man denn damit machen könnte, fragten wir uns. Hast du so’n Ding da? fragte er. Ich gab ihm eine Scheibe, und er nahm sie in die Hand. Die DVD verschwand vollkommen in dieser Bratpfanne. Und dann drückte er zu und ließ das Ding in Tausend Splitter zerspringe. Toll, sagte ich, das machen wir. Auf der Fahrt nach Köln zur Messe lernten wir uns dann ein bisschen besser kennen. Also, ich lernte Uwe besser kennen, denn ich kam praktisch nicht zu Wort. Am Stand des Kunden waren drei, vier Pressefotografen aufgelaufen, und der starke Uwe zog seine Show ab. Das Ganze dauerte kaum eine Dreiviertelstunde, und er bekam 1.000 Mark. In bar, das hatte er sich ausbedungen.

Ein paar Wochen später erfuhr ich erst, wie schlecht es ihm zu diesem Zeitpunkt gegangen war. Dass er vollkommen pleite war, dass er die Miete nicht bezahlen konnte und das Futter für sich und den Hund. Dass er schon eine seiner Schusswaffen aus einem Depot im Wald gebuddelt hatte, um den geliebten Köter zu erschießen, damit der nicht verhungern würde. Dass er dann einen Überfall unternehmen würde, ungeplant und mit dem Risiko, selbst dabei draufzugehen. Wie meist lag der Wahrheitsgehalt ungefähr bei sechzig Prozent. Zum Glück fand Uwe in jenen Wochen einen Schwarzarbeiterjob am Schlachthof. Der war nicht besonders gut bezahlt. Aber erstens hatte er immer Fleisch für sich und seinen Kumpel. Und außerdem fiel immer mal ein schönes Rinderfilet ab, dass er gern für recht kleines Geld verkaufte.

Nierenspülung
Wir trafen uns nun mindestens alle zwei Wochen außerhalb der Agentur. Es hatte sich zum Ritual ausgebildet, dass er über die Zoobrücke kam und mich an der Bagelstraße abholte, von wo aus wir durch den Hofgarten zur Ratinger Straße gingen. Das Füchschen war unser Ziel. Meist saßen wir direkt links neben der Eingangstür, oder im Sommer draußen. Uwe orderte das Bier in Zehnerpacks. In der Zeit, in der ich das erste Glas leerte, waren mindestens zwei, eher drei Nullzweifünfer in ihn hineingelaufen. Nierenspülung nannte er das. Dazu gehörte die – wie er es ausdrückte – „kleine Schlachtplatte“, also mindestens zwei Haxen oder wirklich eine doppelte Portion Wurst und Fleisch mit Sauerkraut.

Gegen Mitternacht bestellten er dann noch einen großen Teller Mettbrötchen, den wir ebenfalls leerten. Unser Rekord lag, wir waren an einem milden Abend gegen sechs eingelaufen und hatten bis zum Schluss gut gearbeitet, bei knapp achtzig Glas Altbier. Ich kenne meine Grenzen und schätze, dass mein Anteil bei etwas mehr als einem Viertel gelegen haben mag. Natürlich fühlte Uwe sich immer eingeladen. Für mich ging das in Ordnung, denn ich kannte aus der Phase meines Lebens, in der ich sehr arm gewesen war, das Prinzip: Du erzählst Geschichten, der oder die Zuhörer zahlen die Zeche. Außerdem stellte sich bald heraus, dass Uwe bei aller Übertreibung und auch Selbststilisierung ein kluger Menschenkenner und zuverlässiger Ratgeber war. Das zeigte sich etwa neun Monate nach unserer ersten Begegnung, als wir uns auf der Straße über den Weg liefen. Damals war meine spätere dritte Ehefrau gerade nach Düsseldorf gezogen. Ich war sehr verliebt, und ihr imponierte Uwe sehr. Er begrüßte sie mit Handkuss, setzte ein paar seiner Sprüche ab und marschierte weiter.

Zwei Wochen später saßen wir beim Bier. Und, wie findest du sie? fragte ich ihn in der Hoffnung, zu dieser Eroberung beglückwünscht zu werden. Er hatte gerade einen Brocken Eisbein auf der Gabel und sah mich darüber hinweg an. Auffällig an diesem Gesicht waren die unterschiedlichen Augen. Beinahe wie bei jemandem, der bereits einen Schlaganfall hinter sich hatte. Wenn er sich aufregte, kniff er das eine Auge leicht zu, während er das andere weit aufriss. Dann sah er aus wie ein irrer Amokläufer. Die ist ne Schlampe, sagte er leichthin, nimm dich in Acht, die wird dich schneller verarschen als du gucken kannst. Die hat nur Ficken im Kopp. Ich war empört, und wir beendeten den Abend beinahe schweigend und vorzeitig. Leider erwies sich seine Prognose zwei Jahre später als ziemlich zutreffend. In der Zeit meiner Ehekrise gab Uwe mir dann eher grobe Ratschläge – die Olle mal zu verkloppen, war noch der harmloseste.

Gewalt ist gut
Diese Szene stand stellvertretend für zwei Dinge, die Uwes Leben immer schon bestimmt hatten und vermutlich heute, wo wir keinen Kontakt mehr zueinander haben, bestimmen werden: Frauenverachtung und Gewaltanwendung. Auf den ersten Blick trug er eine Macho-Attitüde vor sich her wie eine Flagge. Frauen, so gab er mehr als einmal zu Protokoll, gehören ordentlich durchgefickt, und wenn sie nicht spuren, werden sie vermöbelt. Viele seiner Anekdoten drehten sich darum, dass sich ihm die eine oder andere Dame an den Hals geworfen hatte und – so drückte er es aus – genau das bekam, was sie verdiente.

Nun war Uwe in der Zeit, in der wie befreundet waren, schon deutlich über vierzig und sicher kein attraktiver Kerl. Imposant trifft es besser. Aber im direkten Umgang mit Frauen, gleich welchen Aussehens, gleich welchen Alters und gleich welchen sozialen Statusses zeigte er großen Charme, viel Witz und hervorragende Umgangsformen. Und gebildet war er. Über seine Schulbildung machte er sich widersprechende Angaben. Mal hatte er das Abi am humanistischen Gymnasium gebaut, konnte also Latein und Altgriechisch, dann war es wieder die Metzgerlehre oder die Story davon, dass er sich mit gefälschten Papieren mit sechzehn freiwillig zum Bund gemeldet hatte.

Sicher las er viel und konnte sich ganze Passagen aus Büchern merken und vortragen. Man konnte mit ihm über fast jedes Thema reden, außer über Politik. Die hielt er für sinnlos und vertrat die These, dass die einzige handfeste Politik die militärische Intervention sei. Ja, er war durch und durch Militarist. Ich vermute, dass er tatsächlich einige Jahre bei der Bundeswehr gearbeitet hat, denn er war – und das führte er häufig mit großem Stolz an – Laser-Spezialist. Dann zeigte er gern das zugehörige Diplom vor, dass er klein zusammengefaltet in einer Plastikhülle immer bei sich trug. Mehrmals berichtete er auch von der Fremdenlegion. Und von seinen Jobs als Söldner. Vor allem in Südafrika. Ja, Uwe war Rassist. Jedenfalls wenn man seinen Kriegsgeschichten glauben will. Da galten die Afrikaner, die es zu killen galt, nichts. Und einmal erzählte er, dass eine Minengesellschaft seine Söldnertruppe geordert hatte, um einen Haufen Streikende zusammenzuschießen. Ob er je verwundet worden sei? fragte ich. Ja, sagte er, einmal; da ist mir nach der Landung mit dem Fallschirm ne Kokosnuss auf den Kopf gefallen – Platzwunde.

Danach verfolgte mich lange das Bild von einem dicken Mann, der am Fallschirm in den Palmenhain einer Oase schwebt, unter einem Baum landet, nach oben schaut, von wo gerade eine Mordsnuss herabfällt und auf seinem Schädel zerplatzt. Ob seine Militärgeschichten stimmten? Ich weiß es nicht. Plausibel waren sie und wunderbar erzählt. Und ich gebe zu, dass ich mich voll und ganz darauf einließ und das alles einfach für die Wahrheit nahm. Ja, als Uwe zwei, drei Jahre später berichtete, sein alter Colonel, ein Franzose, der inwzischen weit über Siebzig sei, habe ihn kontaktiert, es gäbe da einen Einsatz am persischen Golf, da habe ich nächtelang am Telefon und im Füchschen mit ihm ernsthaft darüber diskutiert, ob er das Risiko eingehen solle.

Der Psychofreggel
An diesen einen Samstagabend kann ich mich noch genau erinnern. Wir hatten gerade gegessen und strebten einen eher gemütlichen Sonnabend an. Uwe erwischte mich am Telefon, seine Mutter läge im Sterben. Das war die einzige Frau, die er rundum liebte und bewunderte. Auch weil sein Vater ein Schläger war, der ihn und die Gattin regelmäßig verprügelte. Bis Uwe groß und stark genug war, seinem Erzeuger die Scheiße aus dem Leib zu kloppen, was er auch tat. Dann verschwand dieser Vater irgendwann und Jahrzehnte später erreichte Uwe die Nachricht vom Tod des verhassten Vaters.
Ich hatte ihn noch nie so gehört. Er hatte Tränen in der Stimme, er schwankte zwischen weinerlicher Trauer und kaum zu bändigender Wut auf alles und jeden. Sie sei dabei, von innen heraus zu verfaulen, berichtete er. Erzählte davon, dass seine Mutter inzwischen so stänke, dass er ihr Zimmer nur noch mit einem feuchten Tuch vor dem Mund betrete. Dass er den Arzt mit Arschtrittn verscheucht hätte. Dass er die Mutter stundenlang im Arm gehalten habe. Dass sie gelächelt habe. Und dass er gerade überlege, ob er ihr den Gnadenschuss verpassen solle. Ich sagte nur MMmh und Ja und hörte zu. Zwei Stunden lang. Wir einigten uns darauf, dass Sterben einfach scheiße sei, immer.

[Hinweis: Dies ist eine wahre Geschichte. Die Namen sind verändert, die Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen aber unvermeidlich.]

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