Analyse · Auf solch ein Fußballspiel gibt es immer diverse Blickwinkel und Methoden der Bewertung. Kläuschen Normalfan nennt eine Partie wie die gestern dann „unterirdisch“ und „Grottenkick“, natürlich aus dem Bauch heraus. Aber, man schätze diese Beurteilung bitte nicht gering, denn der engagierte Anhänger hat in seinem Leben vorher meist schon einige hundert Spiele gesehen und ein Gefühl für die Qualität entwickelt. Wer – wie Ihr massiv Ergebener – die Sache ein bisschen mehr analytisch angeht, kommt manchmal zu anderen Ergebnissen. Nicht so bei der Betrachtung der Begegnung der glorreichen Fortuna gegen Sandhausen. Ja, es war – zumindest in der ersten Halbzeit – ein unterirdischer Grottenkick. Die „Leistung“ der Rotweißen drückt sich in einem statistischen Wert aus: Passquote 66 Prozent [Lesezeit ca. 10 min]

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Haben wir alle nach den fürchterlichen Auftritten in Hannover und Nürnberg noch gedacht, schlimmer kann’s nicht werden, wurden wir gestern zwischen An- und Pausenpfiff eines Besseren belehrt: Ja, es geht immer noch schlechter. Und auch wenn es in der zweiten Hälfte besser aussah, und auch wenn F95 durch einen berechtigten und klasse verwandelten Elfer mit 1:0 gewonnen hat, die Bilanz am Ende ist erbärmlich. Denn die Schützlinge von Uwe Rösler, Tom Kleine und Axel Bellinghausen haben nicht nur beim Passspiel völlig versagt, auch in den Statistikspalten für die Zweikampfquote und den Ballbesitz finden sich schauerliche Werte.

F95 vs SVS: Diese Aktion hätte zum 2:0 führen können (Screenshot)

Wenn ein Kick aber so jämmerlich, so grottig war, dann neigt der bereits erwähnte Klaus Normalfan dazu, alles und alle niederzumachen. So wurde von rund der Hälfte der Social-Media-Nutzer, die sich zum Thema geäußert haben, Kuba Piotrowski als Fehlpasskönig ausgemacht. Falsch: Der kam auf 80 Prozent, was nicht gut, aber eben auch nicht miserabel ist. Übertroffen wurde er – gell, da schaugst? – von Käpt’n Bodze mit 87 Prozent. Die mit weitem Abstand schlechteste Quote dieser Art mit knapp über 50 Prozent brachte übrigens Cello Sobottka auf den Platz. Man muss aus den statistischen Werten aber auch mal Wettkampfrealität machen: Eine Passquote von 66 Prozent sagt, dass beim Versuch, die Pille einem Kollegen zukommen zu lassen, das Ding in jedem dritten Versuch beim Gegner landete. Das ist Wahnsinn.

Was machen wir mittelfristig mit Rouwen Hennings?

Und dieses jetzt schon in allen Spielen der Saison zu beobachtende Riesenmanko im Passspiel ist auch tatsächlich die Hauptursache für die schlechten Leistungen und den mäßigen Erfolg der Fortuna unter Cheftrainer Uwe Rösler. Dass diese Truppe überhaupt schon so viele Punkte auf dem Konto hat, liegt vor allem daran, dass einige der bisherigen Kontrahenten einfach noch schlechter sind. So auch der SV Sandhausen, der aber mit den Hausherren auch nicht viel Arbeit hatte, sondern durch bloßes Einhalten defensiver Disziplin dem F95-Stürmchen die Zähne zog.

Apropos: Rouwen Hennings ist ein netter Kerl, ein knallharter Knipser und ein verdienter Fortune, in dieser Mannschaft – egal wie das konkrete System aussieht – aber ein Fremdkörper. Das hat aber nicht nur etwas mit seinen Mitspielern zu tun, die ihm viel zu selten die Flanken servieren, die er zum Einlochen braucht, sondern auch mit ihm selbst und – ja, man muss es mal klar aussprechen – mit seinen äußerst beschränkten fußballerischen Mitteln. Nachdem das mit den Bällen zum Versenken schon von Spieltag 1 an nicht klappt, weicht der gute Rouwen immer öfter auf den linken Flügel aus. Kriegt er dort das Leder, geht es unweigerlich verloren, weil er nun eben kein Dribbler ist, der seine Gegner als Slalomstangen benutzt, und das Schlagen präziser Flanken ist auch nicht seine Kernkompetenz. Aber das Elfmeterschießen. Wie wär’s denn, wenn man Hennings immer erst einwechselt, wenn es einen Elfer für die Fortuna gibt? Und nach dem Verwandeln gleich wieder auswechselt?

F95 vs SVS: Es soll auch gelungene Kombinationen gegeben haben… (Screenshot)

So wie jetzt geht es mit Hennings jedenfalls nicht weiter. Und spätestens, wenn Dawid Kownacki voll fit ist, und allerspätestens, wenn Emma Iyoha wieder mitmachen kann (und Kenan Karaman nicht im Winter verscherbelt wird), wird für den Aufstiegshelden von 2018 kein Stammplatz mehr da sein. Und vielleicht wäre das sogar eine Befreiung für das schaurige Offensivspiel des aktuellen Kaders. Denn wenn spitz auf einen Vollstrecker zugespielt werden soll, wird die Palette der möglichen Spielzüge schmaler, eine Mannschaft wird leichter ausrechenbar. Und weil der Knipser das weiß, gibt er seine eigentliche Rolle intuitiv auf und nützt seinem Team nur noch wenig.

Was soll das mit Borrello?

Als die Startaufstellung bekanntgegeben wurde, fiel Ihrem Ergebenen beinahe der Kaffee aus dem Gesicht. Borrello als zweite Spitze? Wirklich? Ernstgemeint? Überhaupt: Brandon Borello in der Startelf? Der Borrello, der noch immer nicht kapiert hat, dass Fußball ein Teamsport ist? Der mit seinen Nebenleuten keinerlei Kontakt hat? Wie kommt ein Trainer auf so etwas? Dass Rösler nach 45 Minuten klar war, wie bescheuert diese Variante war, merkte man daran, dass Borrello nach der Pause nicht mehr ran durfte. Und wer mal Revue passieren lässt, wann UR gewöhnlich Wechsel vornimmt, muss die Auswechslung von Borrello als Schuldeingeständnis verstehen. BB rennt ja immer die ganze Zeit, hin und her, vor und zurück, mit Ball am Fuß und ohne, aber selten mit einem Blick für die Kollegen und meistens schweigend. Eine Entwicklung ist beim Australier nicht zu sehen, wenn er im Winter wieder zurück nach Freiburg ginge, wäre das gut für alle Beteiligten.

Reden wir über Kristoffer Peterson und Kelvin Ofori, die ja die Flügel besetzen sollten, aber beide ebenfalls vorzeitig gehen mussten. Wobei der gute Kristoffer gern auch schon in der Pause hätte auf die Bank wechseln können, denn ihm gelang nichts, gar nichts, überhaupt nichts. Trotz allen Bemühens. Nehmen wir zu seinen Gunsten einfach mal an, er habe einfach einen schlechten Tag beim Frühstück in den Haferflocken gefunden, denn dass er’s besser kann, hat er bei seinen ersten Einsätzen schon aufblitzen lassen. Komplizierter liegt der Fall beim guten Kelvin, der einfach nicht mit der üblichen Härte in den Zweikämpfen klarkommt, ja, dabei manchmal hilflos wirkt, wenn er bei ganz legalen Aktionen Foulspiel reklamiert. Er würde einfach gern spielen und dabei von Gegnern nicht behelligt werden. In der Ballbehauptung fehlt ihm dabei gar nicht mal so sehr die körperliche Härte, sondern eher die geistige Einstellung. Gut, der Bursche ist 19, der wird das noch lernen, wenn man ihn lässt.

Ansonsten ist das mit der schlechten Zweikampfbilanz auch eine Folge der bescheidenen Schiri-Leistungen GEGEN die Fortuna in dieser Saison. Wenn man im Hinterkopf hat, dass Referees mit Gelb gegen Rotweiß um sich werfen, wird man sich im körperlichen Kontakt mit dem Gegner nach und nach zurückhalten. Das ist ein nachvollziehbares Verhalten. Aber, daran muss gearbeitet werden! Wofür haben wir denn einen sogenannten „Mentaltrainer“? Hey, wie sollen die Gegner den Manschetten vor F95 kriegen, wenn sie wissen, dass die ihnen nicht auf die Knochen steigen? Viel mehr Härte ist zwingend notwendig! Liebe Coaches, bläut den Jungs das bitte ein.

Wo waren die tollen, eingeübten Standards?

Als Liebhaber der launischen Diva und enger Beobachter ihres Treibens kann man inzwischen ohnehin Zweifel am generellen Trainingsaufbau bekommen. Da heißt es in der Pressekonferenz vor dem Spiel, man habe intensiv Standards trainiert, wovon man im Spiel nichts merkt. Außer, dass wieder diese gescheiterte Variante mit zwei Spielern beim Eckball an der Fahne vorgeführt wird. Der einzige Kicker im Team, der womöglich intensiv einen Standard trainiert hat, war wohl Rouwen Hennings – wobei der Elfer einfach auch so kann.

Gäbe es einen TÜV für Zweitligaauftritte, wäre die Mängelliste an dieser Stelle noch längst nicht zu Ende. Allerdings stünden da ein paar Punkte drauf, die Ihr Ergebener schon in den ersten acht Wochen der Saison vermerkt hat und die ihre Ursache in den Aufstellungsproblemen dank Verletztenlage hatten. Wenn die Herren nördlich der Viererkette jede Woche andere sind und/oder anders positioniert werden müssen, stellen sich eben keine festen Laufwege ein; das kriegen nicht mal die weltbesten Fußballer hin (was man bei Benefizspielen, wo die Stars zusammengewürfelt werden, immer schön sehen kann). Dieses Manko wird sich erst bereinigen lassen, wenn feste Mittelfeld- und Sturmkonstellationen entstehen. Für diesen Mangel können weder die Kicker noch die Coaches was.

Nun ist unser coachender Englischsachse ja einer, der während der Partie eigentlich ständig ins Geschehen reincoacht, also Anweisungen ruft, Gestik und Mimik bemüht – quasi das Gegenteil von Jogi Löw (und übrigens auch Friedhelm Funkel). Diese spezifische Arbeitsweise ist auch ein ziemlich zweischneidiges Messer; im Fall Piotrowski gegen Heidenheim hat es perfekt funktioniert, gestern hatte Ihr ganz schön ergebener Beobachter den Eindruck, dass von den Linienanweisung wenig bis nichts ankam. Dafür ragte eine Kommunikationsgeschichte heraus: Die beiden Polen Bodzek und Piotrowski tauschen sich viel und gern aus, was die Zusammenarbeit der beiden Sechser stark beförderte.

Wo bleibt denn das Posititve?

Und damit kommen wir zum positiven Teil dieser Spielanalyse, die ganz ohne Spielfilm auskommt, weil es einfach zu wenige Szenen gab, die man hätte detailliert schildern müssen. Jakub „Kuba“ Piotrowski lieferte eine supersolide Leistung, eine, die auf eine positive Entwicklung hindeutet, war also nicht nur bemüht und fleißig, sondern als – ja, was eigentlich? – Siebeneinhalber sogar sichtbar wirkungsvoll. Man stelle sich jetzt mal vor, Sobottka könne wieder zurück ins Mittelfeld und Eddie Prib wäre ganz fit – ui, das könnte eine schöne Raute geben.

Die schönsten Nachrichten waren ja wohl, dass Eddie Prib wieder mitmachen konnte und das in der 85. Minute Dawid Kownacki auf den Platz stürmte und sich in den verbleibende Minute voll in die Partie warf. Bleibt der gute Dawid unverletzt und wird er nicht wieder auf dem Flügel verheizt, könnte er zu dem werden, was heutzutage „Unterschiedsspieler“ heißt. Ob der gute Eddie aber der Held im Mittelfeld wird oder eine Option für die Position des Regisseurs, wird sich weisen. Immerhin sah eine Zusammenarbeit mit Shinta Appelkamp ganz gut aus.

F95 vs SVS: Wie schön! Dawid Kownacki wieder dabei (Screenshot)

Das Allerpositivste am gestrigen schmutzgrauen Nachmittag in der Arena mit den 2.000 Martinslaternen auf der Süd aber war – ta-taaaa! – unsere Innenverteidigung; ganz besonders dieser kantige Blondösi namens Klarer. Selten hat ein Fortuna-Spieler seinen Namen so sehr zu Recht getragen, denn der Christoph, der spielt einen kantigen, klaren Defensivmann, wie man ihn gerade in der zweiten Liga zwingend braucht. Und weil Ösi mit Ösi bekanntlich immer gut geht, zieht er seinen Landsmann, den Danso Kevin, mit. Könnte gut sein, dass wir mit den beiden Recken die derzeit beste Innenverteidigung der zweiten Liga haben. Und wenn man sich den Andre Hoffmann dazudenkt, kommt man auf eine Dreierkette, die keinen Gegner fürchten muss.

Wie lange bleibt uns Karaman?

Auf den Außenseiten machten sowohl Zimmermann als auch Sobottka defensiv ihre Arbeit gut, ihre offensiven Bemühungen waren dagegen eher dürftig. Bei Zimmermann lag es an der fehlenden Bindung nach vorne, die wiederum in der nicht vorhandenen Bindung von Borrello an Ofori ihre Ursache hatte. Ganz ähnlich lag die Sache auf der anderen Seite, denn ein Zusammenspiel zwischen Sobottka und Peterson fand 45 Minuten lang nicht satt. Hinter dieser soliden Kette turnte wie immer Flo Kastenmeier herum, der einmal im Stile eines Welttorhüters klärte, was gar nicht nötig war, weil dem Schuss ein Abseits vorausging. Seine mittlerweile übliche kleine Schwäche nahm sich der Flo in Form eines Ausrutschers, der zwingend den Ausgleich hätte auslösen können…

…hätten da nicht gleich fünf Fortunen das Tor gesichert und Shinta Appelkamp den Schuss geblockt. Der kam nach einer Stunde völlig zu Recht anstelle von Ofori und änderte das Spiel in hohem Maße. Wobei nicht ganz klar wurde, wer mehr für die deutlich bessere Offensivleistung der letzten 30 Minuten getan hat: Appelkamp, Tony Pledl oder Kenan Karaman. Der Wechsel von Prib für Bodzek war es jedenfalls nicht, der war aber so auch nicht gemeint. Jedenfalls zeigte der gute Shinta (auch erst 19) wieder, was für ein kluger Fußballer er ist – was er beginnt, hat immer Hand und Fuß, auch wenn’s manchmal einfach schiefgeht. Bemerkenswert seine Ernsthaftigkeit bei Defensivaufgaben.

Bei Karaman wirkt es in letzter Zeit immer so, als habe er endlich seine Rolle in diesem Kader gefunden, seine spezielle Rolle, die Karaman-Rolle. Viel öfter als früher bringt er seine Körperkräfte ins Spiel, immer flexibler gestaltet er seine Laufweg und – besonders wichtig – immer mehr kommuniziert er mit seinen Mitspielern. Es wäre jammerschade, würde er uns verlassen, und wenn es auch nur den Hauch einer Chance gäbe, ihn über sein Vertragsende im kommenden Sommer zu verpflichten, dann sollte man es versuchen. Tony Pledl ist dagegen ein Überraschungs-Ei. Einsatzbereit ist er immer, seine Laufbereitschaft ist groß, seine spielerischen Mittel ausgereifter als man meint. An manchen Tagen läuft er jedoch einfach neben seiner Spur. Gestern aber war er mitverantwortlich dafür, dass überhaupt so etwas wie ein Flügelspiel entstand – leider gelang ihm dabei nicht wirklich viel.

Wo bleibt denn die Stabilität?

Auch das ist ein beunruhigendes Problem der Saison und des Kaders: die enormen Formschwankungen einzelner Spieler. Wie soll ein Team stabil auftreten, wenn dessen Insassen keine Stabilität hinkriegen? Nur, wie kriegt man diese persönliche Stabilität hin? Nein, es liegt nicht daran, dass die Kicker doof sind, dass sie keinen Bock haben oder es ihnen egal ist. Es liegt daran, dass ihre Durchhänger nicht immer richtig aufgefangen werden – dies wäre Aufgabe des gesamten Funktionsteams. Komischerweise ist – bei allen gesehenen Slapstick-Einlagen – ja unser Florian Kastenmeier der stabilste, der als Keeper seinen eigenen Torwarttrainer hat.

Klar ist: Niemand im Verein und in der Anhängerschaft wird sich von diesem Heimsieg und dem daraus (zurzeit) resultierenden siebten Platz, der heute Abend schon wieder „nur“ ein zehnter werden kann, einlullen lassen. Nichts ist gut, es gibt nichts zu beschönigen, und den Aussagen des Cheftrainers nach den Spielen sollten wir einfach keine wirkliche Bedeutung mehr beimessen. Das Beste an diesem Sieg, der ja auch nur einmal so richtig gefährdet war, ist, dass er die Möglichkeiten nach oben offenlässt. Mehr aber auch nicht. Und, ja, eine Trainerdiskussion muss kontinuierlich geführt werden, damit eine mögliche Demission nicht als Reaktion auf irgendein verkacktes Spiel erfolgen muss, sondern – wenn sie denn nötig wird – im geordneten Verfahren.