Fortuna-Punkte 17/18: F95 und die NS-Vergangenheit. Oder: Vom FC St. Pauli lernen…

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Nicht wenigen Vereinsmitgliedern stellt sich die Frage, wann die Fortuna, der Deutsche Meister des Jahres 1933, bereit ist, seine Vergangenheit in aller Klarheit aufzuarbeiten. Bislang wich der Verein diesem Thema eher aus und überließ die Recherche nebst Dokumentation ausschließlich seinen Fans, wie z.B. Stephan Vogel. Doch anscheinend tut sich was. Tom Koster, der gemeinsam mit Paul Jäger für die Archivsammlung der Fortuna zuständig ist, stellte die umfassende Aufarbeitung der Fortunageschichte in Aussicht.

The Düsseldorf ist froh und glücklich, den in Fortuna-Kreisen bestens bekannten Autor Michael Bolten, unter anderem Verfasser des wunderbaren Titel „Wir sind die Fortuna!„, als Mitstreiter gewonnen zu haben. Michael ist geborener Fortuna-Fan und lebt heute in Hamburg.

Dies soll unter anderem in Kooperation mit dem Historischen Seminar der Heinrich-Heine-Universität vonstattengehen. Nicht zuletzt soll aus dieser Arbeit das „Fortuneum“, ein Fortuna-Museum in Form einer „begehbaren Sportsammlung“, entstehen. Als zeitliche „Zielmarke“ hierfür gibt Koster das Jahr 2020 an. Bleibt zu wünschen, dass das Fortuneum mehr leistet als das anscheinend willkürliche Dekorieren von Sammlerstücken, wie es in der Ausstellung zu Beginn des Jahres 2014 leider der Fall war. Bleibt weiter zu wünschen, dass sich die Fortuna-Archivare dieser Tage auf den Weg machen, um sich die Ausstellung „FC St. Pauli im ‚Dritten Reich‘“, die seit dem 6. November im Millerntor-Stadion, in den Räumen des künftigen St. Pauli-Museums, zu sehen ist, anzuschauen und davon zu lernen.

Die Reichskriegsflagge beim linken FC St. Pauli

Angesichts dieser Ausstellung ist kaum zu glauben, dass noch bis Anfang der Neunzigerjahre bei Spielen des FC St. Pauli eine Reichskriegsflagge am Zaun – selten bei Heim-, doch wiederholt bei Auswärtsspielen – der Kicker vom Hamburger Kiez hing. Erst zähe und mitunter handfeste Auseinandersetzungen führten dazu, dass der FC St. Pauli mittlerweile bekannt ist für seine Einstellung: „Klare Kante gegen Rechts“.

Eine kurze Darstellung dieser Entwicklung bildet auch den Prolog der Ausstellung. Die Entwicklung des Hamburger Vereins, dessen Keimzelle ähnlich wie bei der Fortuna in einem Turnverein zu finden ist, während der NS-Herrschaft wird dabei nicht nur an chronologisch angeordneten Texttafeln und Fotos erklärt. Die AusstellungsmacherInnen verdeutlichen anhand der Biografien von acht Paulianern welche Zwänge, aber auch welche Möglichkeiten die Jahre boten.

Für Zwang stehen beispielsweise die Brüder Paul und Otto Lang, die Anfang 1933 dem Verein beitraten, eine Rugbyabteilung gründeten und am 3. September 1933 gemeinsam im Spiel gegen den Eimsbütteler TV auf dem Platz standen. Zu einer Zeit, in der bereits etliche Vereine des Deutschen Reichs nicht-arischen Mitgliedern die Mitgliedschaft kündigten, liefen die beiden Deutschen jüdischen Glaubens noch in den Farben des FC St. Pauli auf. Allerdings durften auch sie nur kurzfristig aktiv mitwirken. Schon ein Jahr später sind sie auf den Mannschaftsfotos nicht mehr zu finden. Immerhin überlebten beide den Holocaust.

Für die Möglichkeiten steht dann Dr. Otto Wolff, NSDAP-, SS- und langjähriges St. Pauli-Mitglied. Wolff, ein nationalsozialistischer Multifunktionär, nutzte seine Position nicht nur zur Unterstützung seines Vereins aus. Er sorgte auch gut für sein eigenes Wohlergehen, indem er in Hamburg mindestens zwei „arisierte“ Häuser erwarb. In einem Nachruf in der St. Pauli-Vereinszeitung anlässlich seines Todes im Jahr 1992 wurde dem Träger der „Goldenen Ehrennadel“ für seine „segensreiche“ Arbeit gedankt. Erst 18 Jahre später wurde ihm aufgrund seines Wirkens während der NS-Zeit die goldene Vereinsnadel aberkannt.

Stramme Nazis, Mitläufer und die Grauzone

Und dazwischen, da herrschten die Grautöne: Spieler, wie Karl Miller, der zwölfmal mit dem Hakenkreuz auf der Brust für die Nationalelf des Deutschen Reichs auflief – elfmal an der Seite von Fortunas Paul Janes. Funktionäre wie Wilhelm Koch, der als NSDAP-Mitglied und „Vereinsführer“ immer das Wohl des Vereins im Blick hatte. Koch trat 1937 in die Partei ein, spielte aber keine besondere Rolle und wurde im Entnazifizierungsverfahren als „Mitläufer“ eingeschätzt. Das erst 1970 nach ihm umbenannte St. Pauli-Stadion wurde nach zwei turbulenten Jahreshauptversammlungen und der Vorlage eines vom Verein in Auftrag gegebenen Gutachtens aufgrund Kochs NSDAP-Mitgliedschaft ab der Saison 1999/2000 in Millerntor-Stadion umbenannt.

Und ähnlich wie in Düsseldorf, wo der im Wehrbereichskommando tätige Johann Nüsser dafür sorgte, dass der eine oder andere Spieler erst verspätet zur Wehrmacht eingezogen werden konnte, arbeitete das St. Pauli-Mitglied Peter Jürs in Hamburg für seinen Klub. Er fälschte Wehrstammbücher, um Einberufungen von Pauli-Fußballern zu verhindern. Beide wurden wegen Wehrkraftzersetzung angeklagt und zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

FC St. Pauli links? Nicht in der DNA…

Das Fazit der kleinen, aber feinen Ausstellung: Der FC St. Pauli glänzte während der NS-Diktatur weder als Hort des Widerstands, noch fiel der Verein durch eine allzu große Nähe zu den Nazis auf. Ähnlich wie viele andere Klubs in Deutschland stellte er sich erst spät seiner Vergangenheit und zog daraus seine Konsequenzen.

Die heute erklärtermaßen antifaschistische, antirassistische und antisexistische Einstellung des Vereins und der meisten seiner AnhängerInnen ist also kein Teil einer DNA. Sie ist vielmehr das Resultat des Engagements vieler St.-Pauli-Fans, langer vereinsinterner Diskussionen und Auseinandersetzungen, journalistischer Mühen und wissenschaftlicher Analysen seit Ende der Achtzigerjahre. Auch wenn es vielen anderen Fußballfans als Attitüde erscheinen mag: Das Herz des FC St. Pauli schlägt links.

Die Ausstellung befindet sich in der Gegengerade des Millerntor-Stadion und ist dort noch bis zum 10. Dezember täglich zu besichtigen.

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