Die Jobs der frühen Jahre (1): Das Schulkollegium im Stahlhof

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In den frühen Siebzigerjahren war es überhaupt kein Problem, als Schüler oder Student einen Ferienjob zu bekommen. Meistens reichte es, die Nachricht, man wolle in den Ferien bisschen Geld verdienen, in der Verwandtschaft oder Nachbarschaft zu streuen. Ob in großen Unternehmen, in Behörden, bei Handwerkern oder in Läden – überall ließ man junge Leute jobben. Oft für gutes Geld, schwarz natürlich. Sollte etwas Seriöseres und Besserbezahltes sein, half der Gang zum Arbeitsamt, zur Studentenvermittlung. Da saß man da und wurde aufgerufen. Entweder indem ein/e Arbeitsbeamte/r so etwas in den Raum rief wie „Hat jemand Erfahrung mit Gartenarbeit?“ oder per Termin. Und wenn man einmal bei einem Job den Fuß in der Tür hatte, konnte man in allen Ferien wiederkommen. So ging’s mir mit dem Schulkollegium beim Regierungspräsidenten, dem Amt, das für die Verwaltung der Besoldung von Lehrern an höheren Schulen zuständig war, die dann vom Landesamt für Besoldung und Versorgung (LBV) durchgeführt wurde.

Studentenjob im Spukschloss

Diese Behörde residierte im Stahlhof an der Bastionstraße, indem eine ganze Reihe Zweigstellen von Landesämter und vom Verwaltungsgericht untergebracht waren. Um das Jahr 1972 herum hatte dieses inzwischen picobello luxussanierte Gebäude etwas von einem Spukschloss. Außer im Souterrain, wo unter anderem die Poststelle und die Materialausgabe residierten, lag die Deckenhöhe bei gut fünf Metern. In der obersten Etage hatte man teilweise Zwischengeschosse eingezogen, die über versteckte Treppenhäuser zu erreichen waren. Der Clou war aber die Geheimtreppe hoch zum Türmchen, auf dem weithin sichtbar die Kogge als Windhuhn thronte. Von dort hatte man einen tollen Blick über die Altstadt und über die Kö bis zum Hauptbahnhof.

In jenem Sommer hatte man ein gutes Dutzend Studenten angeheuert, weil auf EDV umgerüstet werden sollte. Denn das Schulkollegium beim Regierungspräsidenten war zuständig für das Berechnen der Bezüge verbeamteter Lehrer. Für jeden Pauker gab es einen DIN-A3-großen gelben Karton, auf dem mit spitzer Feder und sehr penibel Monat für Monat die Vergütung sowie die diversen Zulagen eingetragen und aufsummiert wurden. Hatten die Sachbearbeiter im Laufe des Monats diese mühselige und verantwortungsvolle Arbeit getan, wurden Listen erzeugt und manuell dupliziert. Darin waren – nach Schulen sortiert – die Lehrer und ihre Bezüge verzeichnet. Eine Liste blieb vor Ort, die andere ging per Boten an das Landesamt für Besoldung und Versorgung, wo entsprechend die Überweisungen veranlasst wurden.

Alles wird zur EDV

Der kühne Plan der sozialdemokratischen Landesregierung war es, diesen ganz Prozess zu computerisieren! Man hatte eine Kommission für die Planung und Überwachung gegründet und einen Sondereinsatzgruppe für das praktische Tun. Die unterstand einer höhergestellten Beamtin, einer freundlichen, ältlichen Jungfer, die aber von der Materie keine Ahnung hatte und deshalb ganz auf einen jungen Kollegen namens von Grabczewski (oder ähnlich…) vertraute. Und dem unterstand die Studententruppe, die in einem gut 300 Quadratmeter großen, staubigen Raum mit angeranzten Möbeln untergebracht wurde. Unsere Aufgabe war es im ersten Sommer, alle Adressen der Lehrer auf den gelben Karten mit der jeweiligen Postleitzahl zu versehen, denn in Zukunft wollten man den Beamten ihren Besoldungsbescheid per Post ins Haus schicken. Wir nahmen uns Zeit, viel Zeit, und niemand hetzte uns.

In den folgenden Semesterferien waren wir da nur noch zu sechst oder siebt und gingen gemeinsam mit unserem Vorturner ans Eingemachte. Nun wurde Karteikarte für Karteikarte auf Lesbarkeit überprüft, denn mit den dort handschriftlich verfertigten Einträgen sollten in einem weiteren Schrift Formulare ausgefüllt werden, die dann im LBV von so genannten „Ablocherinnen“ abgetippt und in Lochkarten verwandelt wurden. Immer wenn eine nennenswerte Anzahl Formulare fertig war, fuhr von Grabczewski ins Landesamt, wo die Daten erfasst und Probeläufe durchgeführt wurden.

Das süße Behördenleben

In meiner dritten Amtszeit im Schulkollegium war ich dann schon so fit in allen Abläufen, dass ich nebenbei eine Urlaubsvertretung übernahm. Inzwischen waren ich und drei weitere Jungs praktisch Teil der Belegschaft und nahmen am süßen Leben der Minibehörde teil. Denn das bisschen Arbeit stand nicht im Vordergrund. Pünktlich musste man sein und die Pausenzeiten penibelst einhalten. Aber ansonsten konnte man die Tage nett verbringen. Einer der jüngeren Kollegen hatte ein Verhältnis mit einer etwas älteren Damen orientalischer Herkunft, und mindestens jeden zweiten Tag verschwanden die beiden in einem Abstellraum, um nach einer halben Stunde etwas derangiert wieder aufzutauchen. Wenn jemand Geburtstag oder Jubiläum hatte, wurde ab mittags für den Rest des Tages gefeiert. Weil es auch weitere Anlässe für Kaffee und Kuchen samt Likörchen, Schnäpschen und Sekt gab, wurde eigentlich immer gefeiert. Und dann zog man nach Feierabend gern auch weiter in die Altstadt, wo es dann regelmäßig zu Alkoholexzessen kam.

Ich hatte mich mit einem Typ angefreundet, der auf der Hohe Straße im Anbau eines Hauses auf Gartenhöhe wohnte. In der Mittagspause holten wir uns beim Tante-Emma-Laden auf der Bastionsstraße einen Imbiss und verzogen uns in seine Bude zum Schachspielen. Ein Kommilitone, der über die Jahre zum meinem besten Freund wurde, war ebenfalls im Stahlhof gelandet. Wir saßen mit von Grabczewski in einem Büro. Der rauchte unentwegt und sah sich Erotikheftchen an, die er in der Schublade verwahrte. Manchmal regte ihn das so an, dass er schnell aufs Klo verschwinden musste. Und wenn er laut furzte, verteilte er rasch eine Runde Kippen, damit wir gemeinsam den Geruch überdeckten.

Das richtige Parteibuch

Es gab dann auch noch einen altgedienten Kollegen namens Reiner Brücken, der sich mit diesem Spruch vorstellte: „Großes B und kleiner Rücken.“ Der war glühender Sozialdemokrat und hat sein Parteibuch immer dabei. Einmal war der Besuch eines – ebenfalls sozialdemokratischen – Staatssekretärs angekündigt, und Herr Brücken hatte zur Feier des Tages eine SPD-rote Krawatte angelegt und sein Parteibuch gut sichtbar auf dem Schreibtisch platziert. Der Besuch ließ aber genau den Raum aus, in dem er saß. Er wohnte in einem dieser Einfamilienhäusern im noch jungen Stadtteil Garath, in dem die Sozen bei Wahlen gern auf 70 und mehr Prozent der Stimmen kamen. Herr Brücken („Nenn mich Reiner. Ach, nee, so heißt du ja auch…“) war Kriegsvollwaise und erzählte spannenden Geschichten davon, wie er sich als Junge von nicht einmal zwölf Jahren allein einmal quer durch ganz Deutschland geschlagen hatte und erst nach einer Odyssee von vier Jahren wieder in seiner Heimatstadt Düsseldorf landete, wo eine Verwandte ihn aufnahm und wie einen Sohn großzog.

Der ließ sich gern etwas aus der Kantine mitbringen. Die war im Souterrain untergebracht und roch auch so. Zum Mittagessen bin ich dort nie hingegangen, sondern eher, um Brötchen, Cola und Schokoriegel zu kaufen, die es dort zu subventionierten Preisen gab. Ein Brötchen mit Fleischwurst gab es für unglaublich 20 Pfennig! Da das Schulkollegium in den oberen Stockwerken hauste und es nur einen Aufzug gab, der sehr, sehr, sehr langsam war, dauerte eine Reise in die Kantine und zurück auch gern mal eine Stunde, wogegen niemand etwas einzuwenden hatte. Ähnliches galt auch für den Gang zur Toilette, denn auf unseren Etagen gab es keine Klos. Und wenn man schon mal ganz unten war, konnte man auch auf ein Schwätzchen in der Poststelle auflaufen, wo ohnehin die interessantesten Leute wirkten.

Das Fortuna-Virus

Dies ist ein Geständnis: 1972 interessierte ich mich nicht wirklich für die Fortuna. Als Kunstakademiestudent schien es mir unter meiner Würde, mich für den Prollsport zu begeistern. Denn in jenen Jahren gingen Intellektuelle und auch Besserverdiener nicht zum Fußball. Die Altstadt-Szene hatte da eher das Eishockey im Blick und besuchte gerne die Spiele der Düsseldorfer EG im legendären Stadion an der Brehmstraße. Aber dort unten in der Poststelle, da hingen sie an den Wänden, die Fortuna-Poster und Spielerporträts sowie Zeitungsausschnitte über die glorreiche Diva. Hier wurde stundenlang diskutiert, hier lernte ich die Namen der Helden: Geye, Herzog, Biesenkamp, Brei, Budde, Kriegler, Zewe und Woyke. Und in den Semesterferien im Herbst feierten wir den zweiten Platz der Fortuna in der Bundesliga und träumten gemeinsam vom Europapokal.

Im Sommer 1975 war die Arbeit getan. Die Sachbeamten mussten nur noch Bleistiftstriche auf computerlesbare Formulare setzen. Einige Veteranen hatte die vorzeitige Pensionierung vorgezogen, und der Auszug aus dem Stahlhof stand an. Ich drehte meine letzte Runde als Urlaubsvertretung, und das war’s dann. Der Stahlhof wurde geräumt und über zwei oder drei Jahre hinweg saniert und umgebaut, damit dort das Verwaltungsgericht mit all seinen Abteilungen Platz finden konnte. Und so betrat ich das Gebäude erst wieder im Jahr 1978 – zur Verhandlung über meine Kriegsdienstverweigerung, die positiv für mich ausging.

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