Die Mannesmann-Jahre – von Wohlstand und Verrat

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Manchmal erscheint mir die widerliche Fratze des Verräters tatsächlich im Traum. Aus rechtlichen Gründen darf ich den Namen des Verräters hier nicht angeben. Es wird aber von ihm später die Rede sein. Reden wir lieber von Mannesmann und den goldenen Mannesmann-Jahren in Düsseldorf. Denn es gab Zeiten, da war Mannesmann Düsseldorf und Düsseldorf war Mannesmann. Deutlichste Symbole dieser Ära sind das Mannesmann-Hochhaus und der von Peter Behrens gestaltete Verwaltungsbau am Rheinufer, das hier sogar offiziell Mannesmannufer heißt.

Google-Map: Mannesmann Rath

Google-Map: Mannesmann Rath

Mindestens genauso prägnant, aber nicht so symbolträchtig zeigt sich das Gelände der ehemaligen Mannesmann-Röhrenwerke in Rath. Es erstreckt sich zwischen der Kürten- und der Theodorstraße, gehört heute Vallourec und wird nach und nach als Industriegebiet verschwinden. Dass zudem mehrere Häuserblöcke an der Königsallee und der Breite Straße früher Bürogebäude verschiedener Mannesmann-Töchter beherbergten, weiß dagegen kaum noch jemand. In diesen Verwaltungsgebäuden wimmelte es in den Siebzigerjahren von Studenten, die in den Semesterferien mit Hilfsarbeiten sehr gutes Geld bei Mannesmann verdienten.

Jede Menge Arbeitsplätze

Das legendäre Mannesmann-Logo

Das legendäre Mannesmann-Logo

Und wenn man einmal einen Job bei Mannesmann bekommen hatte, dann waren alle weiteren Semesterferienarbeitsplätze gesichert. Von Mindestlohn war keine Rede, wenn man zum Beispiel bei Mannesmann Anlagenbau als Bürobote jobbte. Der Stundenlohn war gut, das Essen in einer der Kantinen preiswert und gut. Und weil das Arbeitsklima ausgesprochen locker war – um es einmal vorsichtig auszudrücken – arbeiteten Aushilfen sehr, sehr gern bei Mannesmann. Auch wenn die Maloche der Arbeiter im Röhrenwerk echte Knochenjobs waren, auch dort arbeiteten die Menschen gern. Denn Mannesmann sorgte gut für seine Arbeitnehmer. Und das nicht nur in Form ordentlicher Löhne, sondern auch von ordentlichen Sozialleistungen. So baute man in den Zwanzigerjahren – ähnliche wie Krupp und die Zechen im Ruhrgebiet – ganze Siedlungen, in denen die Arbeiter sich ihr Häuschen kaufen konnten. Zu sehen ist das heute noch am oberen Ende der Hoferhofstraße in Unterrath und zwischen Werksgelände und Rather Kreuzweg.

In der Spitze werden es mehrere Zehntausend Menschen gewesen sein, die bei Mannesmann in Düsseldorf in Lohn und Brot standen; die Mehrheit davon Düsseldorfer Bürger, denn traditionell siedelten sich Mannesmann-Mitarbeiter gern in der Nähe des Arbeitsplatzes an. Gerade die Stadtteile Rath, Unterrath und Oberrath waren praktisch Mannesmann-Country. Wer in den Sechzigerjahren Klassenkameraden hatten, die von da kamen, konnte sicher sein, Kinder von Mannesmann-Arbeitnehmern in den eigenen Reihen zu haben.

Erfolgreicher Strukturwandel

Das Logo des D2-Netzes von Mannesmann

Das Logo des D2-Netzes von Mannesmann

Über Jahreszehnte war der Begriff „Mannesmannrohre“ synonym mit „nahtlose Stahlrohre“, denn die Gründung des Mannesmann-Konzern war die Folge einer der großen Industrieerfindungen des 19. Jahrhunderts. Max und Reinhard Mannesmann waren Söhne eines Unternehmens aus Remscheid. Das Bergische Land war schon sehr früh im Jahrhundert der Industrialisierung zu einem führenden Zentrum der Metallbearbeitung geworden – die Messerhersteller rund um Solingen bezeugen das noch heute. Hier wurden vor allem Werkzeuge geschmiedet und bearbeitet. Der Vater der Mannesmann-Brüder war auf Feilen spezialisiert, aber seinen Söhnen spukte eine Idee in den Köpfen herum, die zu Dutzenden von Experimenten führten und am Ende das Schrägwalzverfahren ergab, mit dem nahtlose Rohre angefertigt werden konnten.

Die Umsetzung in die industrielle Fertigung verlief zu schnell und verschlang zu viel Geld, sodass das vom Vater und den Söhnen gegründete Unternehmen bald Pleite machte und 1890 noch einmal gegründet wurde. Sitz wurde Düsseldorf, und ab 1893 verlegte man die gesamte Verwaltung in die schöne Stadt am Rhein. Aus den Mannesmann-Röhrenwerken entwickelt sich rasch ein Konzern, den man investierte bald in Zechen und Hütten und baute zudem eine eigene Handelsorganisation samt Binnenschiffreederei auf.

Anlagenbau und Handel

Selbst die zwangsweise Entflechtung des Konzerns nach dem Krieg, bei der unter dem Zwang der Alliierten die verschiedenen Bereiche in selbstständige Firmen überführt wurden, änderten nichts am Grundprinzip, am Kern der Mannesmann-Denke. Die besagte, sich niemals auf nur ein Geschäftsfeld zu konzentrieren, sondern immer nach Synergien zu suchen und geeignete Unternehmen in den Konzern zu integrieren. Übrigens: Bei keinem Ankauf fremder Unternehmen durch den Mannesmann-Konzern nach dem zweiten Weltkrieg gingen Arbeitsplätze in nennenswertem Umfang verloren – weder bei der gekauften Firma, noch bei Mannesmann.

In Österreich gibt es sie noch, die Mannesmann Anlagenbau AG

In Österreich gibt es sie noch, die Mannesmann Anlagenbau AG

Im Jahr 1960 war Mannesmann so eines der größten und erfolgreichsten deutschen Unternehmen, also auf einer Höhe mit Thyssen und Krupp. Damals war bei Mannesmann noch Vieles auf das Ruhrgebiet, den Kohlebergbau, die Erzverhüttung und die Stahlherstellung fokussiert. Aber schon mit der ersten Ruhrkohlekrise begannen die Verantwortlichen einen tiefgreifenden Umbau. Der Konzern sollte unabhängiger von den klassischen Feldern werden, denen man keine langfristige Zukunft zutraute. So engagierte man sich – zum Teil in enger Kooperation mit Thyssen – im weltweiten Pipeline-Bau. Dabei sammelte man erhebliches Know-how rund um die Realisierung komplexer Projekte an. So entstand Anfang der Siebzigerjahre die Firma Mannesmann Anlagenbau, eine Art Consulting-Unternehmen, das als Generalunternehmer tätig wurde. Legendär die Projekte rund um die Förderung, Verarbeitung und den Transport von Erdöl und Erdgas – vor allem die im Irak und in Nigeria. Auch die ehemals auf eigene Produkte fokussierte Handelsorganisation namens Mannesmann Export wuchs und etablierte sich als Unternehmen, dass global mit Industriegütern jeder Art handelte.

Nur noch Telekom

Bis etwa 1990 war so ein stark diversifizierter Technologiekonzern entstanden, der glänzend dastand und dessen Struktur Manager anderer Konzerne weltweit neidisch bewunderten. Aber wieder war den Verantwortlichen klar, dass der nächste Strukturwandel unvermeidlich sein würde, weil sich abzeichnete, dass jede Form industrieller Produktion und nachgelagerter Prozesse immer weniger Märkte finden würde. So erwarb man schon 1990 die Lizenz zum Betrieb eines D-Netzes für Mobiltelefonie und baute in rasanter Geschwindigkeit das D2-Netz auf und aus. Dabei kam dem Unternehmen die massive Expertise seiner Ingenieure bei der Steuerung komplexer Projekte zugute.

Dass Mannesmann im Mobilfunk so schnell so enorm erfolgreich wurde und dabei irrsinnige Gewinner erzielte, führte zum fatalen Schluss, sich ganz auf die Telekommunikationsbranche zu konzentrieren. Und damit geriet man in einen der brutalsten Konkurrenzkampf, den die kapitalistische Wirtschaftsordnung je erlebt hat. Zwischen 1996 und etwa 2000 drehte sich das Karussell der Firmenübernahmen und Fusionen in der Telekommunikation mit rasender Geschwindigkeit. Die Manager der Branche waren der Auffassung, dass nur wenige Unternehmen, die alle Bereiche – vom Netzbetrieb bis zum Privatkundengeschäft – abdeckten, überleben würde.

Der Verrat

Eine beschleunigende Wirkung hatten vor allem personelle und institutionelle Anleger, die Milliarden in die Telekom-Konzerne ihrer Wahl steckten. So waren 1999 eigentlich alle Firmen in diesem Bereich potenzielle Übernahmekandidaten – auch Mannesmann. Und obwohl der Konzern selbst seine Hände nach konkurrierenden Firmen ausstreckte, wurde er zur Zielscheibe einer versuchten feindlichen Übernahme durch Vodafone. Um allem juristischen Ärger aus dem Weg zu gehen, zitieren wir hier einfach die Wikipedia:

Die Umstände der Übernahme und die für deutsche Verhältnisse hohen Abfindungen an führende Köpfe des Unternehmens führten 2004 zur Eröffnung eines strafrechtlichen Verfahrens vor dem Landgericht Düsseldorf (sog. „Mannesmann-Prozess“). Die Angeklagten, darunter der zum Zeitpunkt der Übernahme amtierende Vorsitzende des Aufsichtsrats Josef Ackermann und der Vorstandsvorsitzende Klaus Esser, wurden am 22. Juli 2004 vom Landgericht zunächst freigesprochen. Nach einem Revisionsverfahren hob der Bundesgerichtshof am 21. Dezember 2005 die Freisprüche wieder auf und verwies das Verfahren zur Neuverhandlung an das Landgericht zurück. Am 29. November 2006 wurde das Verfahren jedoch gegen Zahlung einer Geldauflage in Millionenhöhe eingestellt. [Quelle: Wikipedia]

Wie gesagt: Manchmal erscheint mir die widerliche Fratze des Verräters im Traum. Natürlich hat er nicht allein gehandelt – die Deutsche Bank hat in Gestalt ihres damaligen Chefs mitgespielt, und auch Mannesmann-Betriebsräte haben sich kaufen lassen. Am Ende stand die Zerschlagung des Mannesmann-Konzerns bei gleichzeitigem Verlust von rund 11.000 Arbeitsplätzen allein in Deutschland. Und um den Düsseldorfer den schändlichen Verrat ständig vor Augen zu führen, brachte Vodafone sein frech grinsendes Firmenzeichen am Mannesmann-Hochhaus an.

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