Fortuna-Punkte 17/18: Das Klischee vom sich aufopfernden Fan

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Es wird ja kaum je hinterfragt, dieses Klischee vom sich aufopfernden Fan, der seine Mannschaft zu Auswärtsspielen begleitet. Natürlich ist es erfreulich, dass immer mindestens rund 1.000 F95-Fans dem Team auch noch in die entlegensten Winkel der zweiten Liga nachreisen. Aber dass Auswärts- und vor allem Allesfahrer schier unmenschliche Anstrengungen auf sich nehmen und viel Geld und Urlaubstage(!) opfern, ist ja erstmal ein durch und durch freiwilliges Vergnügen. Und trotzdem erntet diese Sorte Anhänger selbst bei Leuten, die nicht so tief in der Fußballkultur stecken, oft tiefe Bewunderung. Dabei wäre ein einfaches „Na und?“ die angemessenere Reaktion.

Der Bewunderung liegt auch eine Annahme zugrunde, die ebenfalls so gut wie nie hinterfragt wird: Nämlich, dass es der Mannschaft nützt, wenn sie auch in fremden Stadien von Fans angefeuert wird. Selbstverständlich werden Offizielle, Trainer und auch Spieler nicht müde, gebetsmühlenartig die „tollen Fans“ zu loben, und viele Kicker beteuern auch ungefragt, wie wertvoll ihnen der Support sei. Befragt man aber Profifußballer ganz direkt, ob und in welchem Maße sie die Anfeuerungen überhaupt wahrnehmen und was diese mit ihnen machen, bekommt man ein etwas anderes Bild. Ohne Namen von noch lebenden Fortuna-Spielern zu nennen: Es gibt genau drei verschiedene Meinungen dazu. Zwei sehr bekannte und hoch beliebte Ex-Kicker der glorreichen Fortuna geben zum Beispiel an, dass sie die sogenannte „Stümmung“ während der Partie so gut wie gar nicht registrieren.

Gute Stümmung nutzt vor allem den Vermarktern

Nur drei von zwölf befragten Kicker profitieren nach eigenem Bekunden sehr von den Gesängen und Schlachtrufen und nennen Beispiele von Begegnungen, bei denen ihnen der Support geholfen hat, sich noch mehr anzustrengen. Einer kritisierte, dass manchmal eine aufgeheizte Stimmung dazu führt, dass er selbst und der eine oder andere Kollege zu aggressivem Verhalten neigten, was bisweilen kontraproduktiv gewirkt habe. Und der Rest sagt aus, dass ein volles Stadion und/oder ein gut gefüllter Auswärtsblock durchaus einen Tacken mehr Motivation bringen. Für spielentscheidend aber hält kein einziger Profi das, was die Fans auf den Rängen veranstalten. Allerdings berichten – bis auf die genannten zwei Jungs – alle Spieler von Situationen in umkämpften Partien, in denen sie wirklich vom Publikum spürbar nach vorne gepuscht wurden; das seien aber absolute Einzelfälle, die ihnen naturgemäß im Gedächtnis geblieben sind.

Da fragt sich schon, ob es wirklich einen Unterschied macht, ob 500, 1.000 oder 2.000 müde und weitgereiste Schlachtenbummler auf gegnerischen Plätzen stehen und sitzen – oder gar keine. Keine Frage, für alle Zuschauer – auch die zuhause oder in der Kneipe vor dem Sky-Bildschirm – ist es schöner, wenn sich rund um den Kick auf dem Rasen möglichst viele engagierte Menschen auf den Tribünen aufhalten und ihre Mannschaft lautstark anfeuern. Gerade in den deutschen Ligen gehört ja diese Stümmung zum „Produkt Fußball“ und ist deshalb von den Veranstaltern und Vermarktern sehr erwünscht. Deshalb trifft ein Stimmungsboykott, wie er gelegentlich von Anhänger einzelner Vereine protestweise durchgeführt wird, noch am ehesten die TV-Versender und nicht die beteiligte Mannschaften.

Die Dolchstoßlegende vom Stimmungsboykott in Offenbach

Und trotzdem: So hält sich bei der Fortuna hartnäckig der Mythos, der Stimmungsboykott vieler mitgereister Fans am 18.12.2012 in Offenbach sei schuld am Ausscheiden der Mannschaft aus dem DFB-Pokal. Der damalige Vorstand Paul Jäger befeuerte dieses Märchen noch vor Ort, in dem er die Anhänger, die ihr Team nicht anfeuerten, als „W***ser“ beschimpfte. Inzwischen wurde aus dem Vorfall eine waschechte Dolchstoßlegende, denn immer wieder hört man die Einschätzung, dieses Ausscheiden habe der Mannschaft einen Knick verpasst, der letztlich sogar zum Abstieg aus der ersten Bundesliga geführt habe. Nüchtern betrachtet kann man nur sagen: Da wird die Wirkung anfeuernder Fans aber doch ganz schön überschätzt.

Klar werden es Allesfahrer und insbesondere Ultra-Gruppierungen als Affront verstehen, wenn man ihr Tun schlicht als Privatvergnügen abtut. Aber aus der Tatsache, dass jemand schon mal in Burghausen, Aue oder Rostock war, um nach stundenlangen Zugfahrten oder kilometerlangen Autobahnstaus bei Eiseskälte, Regen und Wind im fremden Stadion gestanden zu haben, abzuleiten, diese Person sein ein besserer Fan als die Zuhausebleiber, trifft die Sache nicht. Und jeder, der derartige Strapazen nur gelegentlich auf sich genommen hat, wird zustimmen, dass eine solche Auswärtsfahrt mit allem Drum und Dran auf jeden Fall ein tolles Erlebnis war, das man nie mehr missen möchte. Der Begriff „aufopfernd“ passt jedenfalls nicht.

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1 Kommentar

  1. Dann muss man sich fragen warum alle Vereine Stadien haben wollen, wo die Zuschauer direkten Kontakt zum Geschehen haben. Das ist natürlich für die Zuschauer besser aber das ist ja keine einseitige Sache. Natürlich entsteht da eine wechselseitige Angelegenheit. Also vom Zuschauer zum Spieler und vom Spieler zum Zuschauer. Klar soll der Spieler sich nicht auch die Zuschauer konzentrieren.
    Aber natürlich existiert da eine Kommunikation zwischen Zuschauer und Spieler. Bellinghausen ist so ein Spieler (gewesen) dem das voll bewusst ist.

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