Fortuna-Punkte 17/18: Der Mythos vom Block A

0

Jedem Fortuna-Fan, der auf sich hält, ist die Bedeutung des Block 36 im 2002 gesprengten Rheinstadion bekannt, auch denen, die nie persönlich dort ein Spiel sahen. Der Mythos ist bis heute so mächtig, dass ein Originalschild „36“ hinter der Nordstehtribüne im Paul-Janes-Stadion angebracht wurde. Dass aber auch der Block A auf der Haupttribüne am Flinger Broich für ein paar Jahre eine ähnlich mystische Rolle spielte, ist weniger bekannt. Das liegt auch daran, dass es eben keine Zehntausende Fans waren, die jene „Singing Area“ miterlebten, sondern nie mehr als 7.200 Zuschauer. Nach dem Abstieg in die Oberliga Nordrhein im Frühjahr 2002 zog die glorreiche Fortuna nämlich für rund drei Jahre zurück zum Broich. Und genau in dieser Phase formierte sich die Art Fanszene, an die wir uns in den vergangenen gut 15 Jahre gewöhnt haben.

Nicht nur bei F95 gab es nämlich ab Anfang, Mitte der Neunzigerjahre ein drastischer Umbruch der Fankultur. Auch verbunden mit dem Rückgang der Zuschauerzahlen und der Tatsache, dass sich breite Schichten ehemaliger Anhänger vom Profifußball verabschiedeten. Aber ab etwa 1998/99 fand eine neue Generation zum Fußball. In Düsseldorf gründeten sich 1999 die „Lostboyz Flingern“ (LBF), eine Formation, die man vielleicht als erste Ultra-Gruppierung sehen kann. In den altgedienten Fanclubs gab es ebenfalls einen Generationswechsel, und mit dem Niedergang der Fortuna fanden plötzlich und unerwartet jede Menge Leute aus den kreativen Berufen und aus der Musikszene zu den Spielen. Natürlich waren die altgedienten Block-36-Steher nicht einfach verschwunden. Im Gegenteil: Eine bunte Mischung aus Kuttenträgern und Hools standen weiter zur Fortuna.

Zurück zum Flinger Broich

Denn zur Saison 2002/03 war der Deutsche Meister von 1933 aus der Regionalliga in die viertklassige Oberliga Nordrhein abgestiegen. Weil da schon klar war, dass das altehrwürdige Rheinstadion pulverisiert und durch einen modernen Event-Tempel ersetzt werden würde, zog man zurück an den Flinger Broich, ins mild umgebaute und renovierte Paul-Janes-Stadion. Welche Individuen und Gruppen nun ausgerechnet den Block A der Haupttribüne, vor allem den Bereich direkt unter dem Dach für sich entdeckte, lässt sich nicht mehr ganz klären. Tatsache ist, dass bis zum Erscheinen der Ultras Düsseldorf auf der Osttribüne die poseteff Bekloppten fast komplett in besagtem Block saßen bzw. lieber standen.

Maximal 7.200 Schlachtenbummler fanden im urigen Fußballstadion Platz, aber gerade in der erste Saison in der Oberliga waren es selten mehr als 3.500 Zuschauer, die sich Partien gegen Adler Osterfeld, Ratingen 08/15 oder GFC Düren antaten. Voll war eigentlich immer nur die Haupttribüne, die sich aber rasch segmentierte. Auf Höhe der Mittellinie hausten die VIPs – die vor und nach dem Spiel und in der Pause in einem Zelt durchaus rustikal verköstigt wurden -, darüber die Presse. Der Block E ganz außen Richtung Gästetribüne im Süden wurde vor allem von Gelegenheitsbesuchern frequentiert. Die Musik spielte aber in den Blöcken A und B. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn dort wurde die Mannschaft nicht nur mit diversen lautstarken Rufen – üble Beleidigungen des Gegners inklusive – angefeuert, dort wurde auch gesungen. Und an guten Spieltagen hatte das was von den Männerchören auf den Stehplätzen alter englischer Stadien.

Mit Spaß, Witz und Ironie

Bierernst war der Support der Jungs in der Singing Area nie. Im Gegenteil: Es war hier, wo man Goran Vucic zum Fußballgott erklärte und etliche fotokopierte Zettel mit seinem Porträt hochhielt. „Keiner mag uns“ wurde zum Hit, wann immer es in der entmilitarisierten Zone zwischen Gästeblock und Haupttribüne zu Scharmützeln kam. Spielte die Fortuna mal, ähem, gut, tanzte 9-Punkte-Hain durch die Reihen und sang „Brazil – da-da-da-da-dadada“. Es wurde viel gelacht im Block A. Und jeder hatte das uneingeschränkte Recht a) eine witzige Bemerkung in die Runde zu werfen und b) einen Ruf oder Gesang anzustimmen. Ja, so etwas wie eine „Blockhierarchie“ die später von den Ultras in Anspruch genommen wurde, bestand nicht. Der Held der Massen war Stürmer Frank Mayer, der sich als Teil der Fans verstand. Legendär sein Sprung mitten hinein in den Block nach einer Auswechslung.

Im Block A, auf der Pressetribüne und, ja, auch im VIP-Zelt wurde im Laufe der Saison 2002/03 die Idee geboren, der notleidenden Diva mit einer Aktion in die Strümpfe zu helfen. Und so fand am Vatertag des Jahres 2003 im Rahmen einer Sache namens „Mythos Fortuna“ das Familienduell des aktuellen Teams gegen die Sensationsmannschaft statt, die 1993 den Abstieg in die damalige Oberliga fabriziert und damit die erste „Tour über die Dörfer“ möglich gemacht hatte. Es war ein großes, buntes und wildes Fest, bei dem einzelne Fans und Fangruppen erschienen, die man lange nicht gesehen hatte. Wie wir heute wissen, war diese Aktion der Beginn des unaufhaltsamen Aufstiegs der Fortuna bis in die erste Bundesliga in der Saison 2012/13.

[Foto: Maik Gahlmann – es zeigt den Verfasser (im schwarzen DTH-Trikot) mit seinem Schwager beim Spiel gegen Union Solingen am 21.09.2002 im Block]

Download PDF
Teilen.

Antworten