Sarrazin im Feinstil. Oder: Von schlecht angepassten Inländern

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Damit keine Missverständnisse aufkommen: Natürlich ist der krude, auf Lügen und Statistikfälschungen basierende Rassismus des Sarrazin durch die Meinungsfreiheit gedeckt; selbstverständlich haben die Inhaber des Yuppie-Weinlokals „Feinstil“ am Fürstenplatz jedes Recht, Typen wie den Sarrazin für Lesungen einzuladen. Und, ja, die verwirrten Kids, die sich am Lokal zu schaffen gemacht und Scheiben beschädigt haben, handeln kriminell und schaden der anti-rassistischen Sache. Dass Uwe Breitfeld, einer der beiden InhaberInnen, an der Einladung festgehalten und sogar einen zweiten Termin anberaumt hat, ist fast nur mit massiver politischer Dummheit zu erklären. Und mit einer tiefgehenden Ignoranz gegenüber der Nachbarschaft am Fürstenplatz.

Die Feinstil-Leute scheinen angenommen zu haben, die Gentrifizierung habe den Fürstenplatz schon so im Griff, dass man sich – ganz im Stil der zugezogenen Yuppies – mit den Menschen und den Verhältnissen in der Nachbarschaft gar nicht erst auseinandersetzen muss. Dass diese Nachbarschaft zwischen Bilker Allee, Corneliusstraße, Fürstenwall und Hüttenstraße seit fast 40 Jahren aus einem bunten Gemisch aus Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft mit verschiedenen kulturellen Hintergründen und diversen Religionen besteht, die friedlich, fröhlich und kooperativ zusammenleben, scheint denen egal zu sein. So gut integriert ungefähr 60 verschiedene Nationalitäten diese Nachbarschaft bilden, so schlecht integriert sind die scheinbaren Inländer, die Besserverdienern badischen Wein zu gesalzenen Preisen verkaufen wollen.

Arroganz gegen Nachbarn

Das sehen Gino, der Inhaber der Pizzeria gegenüber, der türkische Betreiber des Büdchens gleich nebenan und viele andere Geschäftsleute mit migrantischem Hintergrund am Platz auch so. Breitfeld und seine Mitinhaberin haben von vornherein jeden Kontaktversuch der anderen Wirte und Ladenbesitzer abgeblockt. Während der Inhaber des türkischen Gemüseladens mittags gern auf ein Zigarettchen mit Gino vor der Tür hockt oder der ehemalige Wirt vom Schlösser am Fürstenplatz seinen Espresso beim Eiscafé Monaco nahm, waren sich die Feinstil-Leute für solch multikulturelle Fraternisierung offensichtlich zu fein. Vielleicht haben sie sich an Stammgast Christian Lindner, dem FDP-Vorturner orientiert, der am Fürstenplatz in diesem Neubau mit den sündhaften teuren Eigentumswohnungen residiert – wenn er denn mal da ist.

Vielleicht aber sind diese Wirtsleute einfach auch von Ressentiments getriebene Rassisten wie der Sarrazin. Vielleicht glauben sie – wie der Sarrazin -, dass die geistigen Fähigkeiten von Nicht-Europäern eben geringer seien, sodass diese es aus eigenem Antrieb nie zu etwas bringen werden. Vielleicht gehören sie aber auch zur bürgerlichen Mitte, die befreit aufatmete, nachdem ihnen der Sarrazin das Go gab, endlich mal das sagen zu dürfen, was sie immer schon gefühlt haben. Aber eigentlich spielt das keine Rolle mehr – sicher ist, dass das Weinlokal Feinstil im Fürstenplatz keine Zukunft hat. Wer mag schon bei einem Glas Weißwein für 16 Euro sitzen und die verachtenden Blicke der Passanten aushalten müssen. Draußen wird wohl kaum noch jemand sitzen wollen, wo doch damit zu rechnen ist, jederzeit in Diskussionen über das Sarrazin-Ding verwickelt zu werden.

Dumpfe Gedanken und dumpfen Räumen

Dabei hätten sich die Betreiber nur ein Beispiel an den drei gastronomischen Betrieben nehmen müssen, die am Nordende des Platzes angesiedelt sind. Denn deren Inhaber habe nicht nur auf plumpe Provokationen gegenüber der Nachbarschaft verzichtet, sondern sind bei Trödelmärkten und anderen Nachbarschafsaktionen aktiv auf die Fürstenplatz-Menschen zugegangen.

Gut, dass sich viele Nachbarn zusammengetan haben, um ein Zeichen gegen den Sarrazin und seine menschenfeindlichen Thesen, die ihn zum Multimillionär gemacht haben, zu setzen. Allein die Anwesenheit von rund 120 Demonstranten am Mittwoch und knapp 200 Feiernden am Donnerstag hat als Statement gereicht. Dass der Sarrazin unter massivem Polizei- und Body-Guard-Schutz in die dunkle Höhle kriechen musste, in die sich nicht annähernd so viel zahlendes Publikum getraut hat wie erwartet, ist ebenfalls ein schönes Symbol: dumpfe Gedanken in dumpfen Räumen, während draußen lebendige Menschen Spaß an Musik und Literatur haben.

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1 Kommentar

  1. Schlichting am

    Wunderbarer Artikel – wieso bloß wundert mich diese Kombi aus einem baldigen Pleite-Weinladen, einem ehemaligen Finanzier mit rassistischem Gedankengut und Christian Lindner nicht?

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