[Dieser Beitrag erschien zuerst am 05.02.2012 im Vorgänger-Bog Rainer’sche Post]So lange ich denken kann, bestimmten die Schornsteine auf der Lausward das Eingangsbild der Stadt Düsseldorf, wenn man sich ihr von Südwesten näherte. Bis vor wenigen Jahren waren es jeweils drei davon – einer mit 100 Metern Höhe, zwei zu je 150 Metern. Die gehörten zu den alten Steinkohleblöcken Anton, Berta, Cäsar und Dora, die ab 1957 die schönste Stadt am Rhein mit Strom versorgten. Und nicht nur die: Etwa ab 1960 wurde eine Hochspannungsleitung abgezweigt, die direkt an der Hammer Eisenbahnbrücke über den Fluss verläuft und den Zugverkehr mit Energie versorgt. Seit 1998 hat sich nicht nur das Bild deutlich geändert, sondern auch das, was in diesem beinahe innerstädtischen Kraftwerk steckt. Von den drei Schloten blieb nur noch einer, die Blöcke B, C und D wurden ebenfalls abgerissen. Anton wurde mit einer modernen GuD-Anlage – dazu später mehr – ausgerüstet; nur der in den siebzigern entstandene Erdgasblock Emil blieb unverändert. Momentan stehen also noch zwei Blöcke. Dass in den nächsten Jahren mit dem Bau eines weiteren, hochmodernen Blocks begonnen wird, hat seine Ursache in diversen energiepolitischen Verwicklungen rund um die altehrwürdigen Düsseldorfer Stadtwerke.

Verkauftes Tafelsilber

Wer weniger geschichtsbewusst lebt, wird sich an die Zeiten vor der Ära der schonungslosen Privatisierung staatlicher und kommunaler Infrastruktur kaum erinnern. Dass die Stadtwerke Düsseldorf nach dem Krieg und bis 1972 eine städtische Einrichtung namens „Amt 81“ waren, wissen wohl nur ehemalige Mitarbeiter. Aus dem Amt wurde dann eine Aktiengesellschaft, an der die Stadt Düsseldorf zunächst 100 Prozent hielt. Zehn Jahre später wird RWE durch eine Sacheinlage Inhaber von 20 Prozent der Anteile. Erst der verstorbene Oberbürgermeister Joachim Erwin betrieb dann die Privatisierung der städtischen Energieversorgung. Wäre es nach ihm gegangen, wären schon im Jahr 2001 – zwei Jahre nach seiner überraschenden Wahl ins Amt – knapp unter 50 Prozent der Anteile an die EnBW verkauft worden. Das verhinderte ein erfolgreich verlaufener Bürgerentscheid, und die EnBW bekam nur knapp 30 Prozent.

Ziel Erwins war es, durch den Verkauf von Anteilen an der SWD AG die „Schulden“ der Stadt komplett abzubauen. Dies gelang dann dann später durch den Verkauf weiterer Anteile an die EnBW sowie den Verkauf von städtischen Anteilen an der RWE. Medienwirksam wurde Ende 2007 die „Schuldenfreiheit“ der Stadt Düsseldorf verkündet. Der Trick Erwins bestand darin, den politisch weniger interessierten Bürgern zu suggerieren, dass es für eine Großstadt von Vorteil sei, keine Verbindlichkeiten zu haben. Tatsächlich – und das zeigt die Entwicklung seit 2008 – wird die Schuldenfreiheit vom politisch konservativen Lager als Keule benutzt, um Investitionen auf allen sozialen Feldern abzubügeln. Dass auf Betreiben Erwins und der Pressure-Group, deren Interessen er als OB vertrat, Anteile an der RWE und der SWD AG verkauft wurden, wird vom politischen Gegner nicht zu Unrecht als „Verkauf des Tafelsilbers“ bezeichnet. Zudem hat die Stadt Düsseldorf durch die Übergabe der Aktienmehrheit (derzeit 54,95 Prozent) an den Stadtwerken an EnBW die Kontrolle über die städtische Energieversorgung weitgehend verloren.

Atomkraft im Hafen

Noch weniger Düsseldorfer werden wissen, dass es Ende der siebziger Jahre – in der Blüte der Atomgläubigkeit – ernsthafte Überlegungen gab, ein damals so genanntes „kleines Kernkraftwerk“ (kKKW) auf der Lausward zu bauen. Das Thema erreichte eigentlich nie die Öffentlichkeit, weil die Idee in eine Zeit fiel, in der die Anti-Atomkraft-Bewegung ihrer erste Blütezeit hatte. Treiber in dieser Sache war natürlich die Firma Siemens, die wohl schon schlüsselfertige Pläne für solche KKW-Blöcke hatte. Die sollten so wenig spaltbares Material enthalten, dass „zu keiner Zeit eine Gefährdung der Bevölkerung“ bestanden hätte. Bauartbedingt hätte sich diese Perversion besonders für den Umbau von stadtnahen Kraftwerken an Flüssen geeignet. Im Internet findet man merkwürdigerweise keinerlei Informationen zu diesem Komplex.

Das gilt auch für die verrückte Idee, in unmittelbarer Nähe der Aluminiumwerke bei Neuss-Norf ein unterirdisches AKW zu errichten, um die Stromversorgung der Fabriken zu sichern. Ob und wie ernsthaft das geplant war, liegt im Unklaren. Der Verfasser selbst hat zur Erster-Mai-Demo 1980 gemeinsam mit dem verstorbenen Künstler Jörg Immendorff an einem Transparent gemalt, das diesen Plan illustrierte und den Protest dagegen ausdrückte.

Die Energiewende

Es wird immer ein Treppenwitz der deutschen Energiepolitik bleiben, dass kurz nachdem die schwarzgelbe Regierung den Atomausstieg kippte, in Fukushima die AKW-Blöcke schmolzen. Die Kanzlerin verzichtete trotzdem nicht darauf, die Atomtechnologie als Brückentechnologie zu bezeichnen, um so der mächtigen Atomlobby nach dem Maul zu reden. Der Gedanke hinter dem Spruch von der „Brückentechnologie“ ist es, dem braven Bürger weiszumachen, alternative Energiequellen, vor allem regenerierbare, wären noch nicht so weit, dass man auf konventionelle Kraftwerke verzichten könne. Ja, wieder andere, gewissenlose Lobbyisten versuchten sogar eine Renaissance der Energiegewinnung aus Kohle herbeizuschwafeln. Plötzlich wurden überall wieder Kohleblöcke geplant – meistens gegen den Widerstand nicht nur der Umweltschutzorganisationen, sondern auch den der Bürger.

Denn recht eigentlich ist das oberste Ziel der Energiewende ja, den CO2-Ausstoß drastisch zu verringern. Das geht grundsätzlich nur, wenn auf das Verfeuern fossiler Brennstoffe verzichtet wird. CO2-freien Strom erzeugen aber nur Anlagen, die Wind und Wasser nutzen und eben Atomkraftwerke. Die Idee hinter der Pro-Kohle-Kampagne war möglicherweise, den Widerstand zu provozieren, um dann doch wieder den für Unternehmen extrem lukrative Atomstrom herbeizureden.

Jedenfalls war so ab 2008 auf einmal auch für den Standort Lausward von einem Kohlekraftwerk die Rede. Als dieses Gerede die Öffentlichkeit erreichte, formierte sich aber alsbald massiver Widerstand. Letztlich wurde der schwarzgelben Truppe im Düsseldorfer Stadtrat schnell klar, dass derlei nicht würde durchzusetzen sein. Schließlich brachte im Verlauf des Jahres der neu formierte Vorstand der SWD AG ein hochmoderne Gas-und-Dampf-Kombikraftwerk (GuD-Anlage) ins Spiel. Die führende Umweltschutzorganisation Greenpeace ist sich sicher, dass nicht AKWs die Brücke zur umfassenden Nutzung erneuerbarer Energiequellen darstellen, sondern eben solche mit Erdgas betriebenen Anlagen, die vor allem mit einem enormen Wirkungsgrad von 60 Prozent und mehr arbeiten – rechnet man die produzierte Fernwärme dazu, ergeben sich sogar Wirkungsgrade von deutlich über 80 Prozent.

Leuchtturmprojekt Lausward

Der Grundsatzbeschluss fiel – zur Freude vieler Düsseldorfer und mit breiter Zustimmung aus allen Kreisen der Lokalpolitik – im Dezember 2011. Die Planung ist bereits recht weit. Besonders für den Hersteller der verwendeten Gasturbinen, die Firma Siemens, dürfte die GuD-Anlage auf der Lausward ein Leuchtturmprojekt werden. Möglicherweise wird der neue Block einen neuen Weltrekord in Sachen Wirkungsgrad aufstellen. Vorzeigbar wird die Anlage aber allein schon deshalb sein, weil es sich um eines der wenigen Großkraftwerke quasi im Inneren einer Großstadt handelt.

Da eine GuD-Anlage zudem in Kilowatt gemessen fast genau so viel Fernwärem wie Strom liefert, wird die Existenz des neuen Blocks auch die Nutzung von Fernwärem in Düsseldorf beschleunigen – was ebenfalls zu verbesserten Umweltwerten in der Stadt führen wird. Tatsächlich sind weite Teile der citynahen Viertel schon ans Fernwärmenetz angeschlossen, leider aber immer noch relativ wenige Häuser. Das soll sich in Zukunft ändern.

Ob die Tatsache, dass die Stadtwerke Düsseldorf AG mehrheitlich im Besitz von EnBW ist, dazu beigetragen hat, dass dieses Projekt gestartet wurde, ist unklar. Auch eigenständige kommunale Energieversorger sind mittlerweile wieder in der Lage, solche Großprojekte zu initiieren und zu realisieren. Fragt sich nur, wie lange die Besitzverhältnisse bleiben wie sie sind und was passieren würde, gäbe EnBW die Anteile an der SWD AG weiter. Im Interesse der Düsseldorfer Bürger liegt es aber in jedem Fall, dass die neue GuD-Anlage auf der Lausward gebaut und in Betrieb genommen wird – das sollte bereits 2015 der Fall sein.

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