Nein, Ihr meistens Ergebener hat auch dieses Spiel der glorreichen Fortuna nicht live erlebt. Ja, überhaupt nicht erlebt. Sondern verschlafen. Also den Liveticker. Statt gebannt auf das Bildschirmchen des winzigen Notebooks zu starren und alle paar Minuten auf „Aktualisieren“ zu klicken, schlief er den Schlaf der Noch-nicht-Gerächten, um nach der Wiedererwachung einen kurzen Blick auf den erwähnten zu werfen und kurz „Oh, Scheiße, wieder verloren“ zu murmeln. Ein Verhalten, das sich der Ihre für sich selbst noch vor knapp zwölf Monaten niemals hätte vorstellen können. Daraus entstand die Frage: Ist die Liebe erkaltet? Und wenn ja, warum? Wobei es auch eine Betrachtung wert wäre, ob es das, was Extremfans permanent für sich reklamieren, also die Liebe zum Verein, überhaupt gibt. Oder ob das nur ein ständig wieder aufgewärmtes Klischee ist, an dem sich Fans nun mal gern hochziehen, wenn sie sonst nichts haben. Gut, wir alle wissen, dass es lächerlich, wenn das ständige Auswärtsfahren als Liebesbeweis herangezogen wird und das viele Geld, das man dabei ausgeht, und dass das alles unter dem widerlichen Militär-Etikett „Arschaufreißen“ glorifiziert wird. Ob es nicht bloß irrationaler Götzendienst ist, über Monaten Arbeitsstunden zu leisten, um dem Verein ein choreographisches Denkmal zu setzen – mit dem man eh nur die Anderen beeindrucken will.

Aber diese Debatte sparen wir uns noch ein paar Spieltage auf. Denn auch Ihr erheblich Ergebener hat spätestens seit seiner Wiederbekehrung zur Church of Fortuna so um 2002 immer wieder mit dem Begriff „Liebe“ hantiert. Dass ihn eine Niederlage wie heute kaum kratzt, sondern beinahe am Heck vorbeigeht, muss ja Gründe haben. Wertet man die Reaktionen der Fortunisten im Web kurz nach Spielende aus, trieft das alles vor enttäuschter Liebe. Und so wie der Kerl, den seine Olle nicht mehr so toll beschwärmt und begehrt, enttäuscht ist, sucht auch der F95-Anhänger nach Schuldigen für seine Enttäuschung.

Dabei lohnt es sich, den Kopp einzuschalten und mal nach den Bedingungen der Liebe und der Enttäuschung zu forschen. Gesamtglobal und jenseits von Fußball betrachtet kann man sagen: In einer lieblosen Welt wird Liebe immer enttäuscht werden. Was wir momentan rund um die Erste Mannschaft des TSV Fortuna Düsseldorf 1895 erleben, ist letztlich auch nur das Abbild der Fußballwelt wie sie in den vergangenen zehn Jahren geworden ist. Die Ära „11 Freunde müsst ihr sein“ ist ja schon lange passè, aber auch die Vorstellung vom Fußball als einem Mannschaftssport hat sich auf breiter Front erledigt.

Und, ja, es muss sein: Es ist der Kapitalismus mit seiner kulturzerstörenden Gewalt, der den Fußball wie wir ihn mochten, kaputtgemacht hat. Denn so wie die Menschen in der kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung systematisch vereinzelt und entsolidarisiert werden, so sind auch die Profikicker heutzutage nur mehr egoistische Monaden, die sich nur nichts bekennen außer zum persönlichen Erfolg. Man muss den Jungmillionären das gar nicht vorwerfen, dass sie mit einem „Die Mannschaft ist der Star“ frech in die Kameras grinsen, denn es ist das Prinzip Soccer since 2006. Dass der DFB (den der Blitz täglich beim Scheißen treffen möge) ausgerechnet am Ende der Umwandlungsphase vom Mehrpersonen- zum Individualstarsport das Etikett „Die Mannschaft“ für die Auswahl der individuellsten und skrupellosesten Kicker reklamiert, ist nicht zynischer als wenn Nutella von Reklamefuzzis zu einer idealen Sportlernahrung stilisiert wird.

Wir Fans, die wir immer wieder unsere Liebe zum Verein herausschreien, der uns zugefallen ist, sind im Glauben an König/Gott Fußball nicht mehr als Sozialromantiker. In kaum einer anderen sozialen Gruppe wird öfter über früher fabuliert, wo alles noch besser war, als unter den Anhängern des getretenen Rundballs. Für Fortunen sind es historische Highlights namens Basel und Pokalsiege, die erinnert werden wie Entscheidungsschlachten in großen Kriegen. Wer dabei war, brüstet sich damit dabeigewesen zu sein, und die Spieler dieser Spiele sind Helden, nicht nur Legenden.

Alles irrational und damit wehr- und hilflos gegen die kapitalistische-rationale Logik des Soccer-Entertainment-Business. Dass jetzt mit siebenstelligen Ablösesummen jongliert wird, ist auch nichts anderes als das, was rund um eine Immobilien- oder die globale Finazmarktkrise passiert. Denn den Zigmillionen stehen ja keine Produkte, keine Werte gegenüber, sondern nur Glauben – und das nennt man Spekulation. Wie windig ist ein Geschäftsmodell, dass viele Milliarden in TV-Rechte investiert, die man durch Werbeeinnahmen zu refinanzieren hofft? Welchen Sinn hat eine Wirtschaftsordnung noch, in der Wachstum nur noch durch Konsum und Krieg zu erzielen ist? Wie viele Dosen Energiebrause müssen die armen Menschen kaufen und saufen, damit der Hersteller den TV-Firmen genug Kohle für Werbespots rüberschieben können, damit diese eine Rendite auf ihre Investitionen in Rechte erzielen?

Das alles ist krank und kaputt, aber alle machen es mit. Und damit kommen wir zur Generalkritik an den Fortuna-Verantwortlichen – spätestens seit dem Abstieg am Ende der Saison 2012/13. Weil es kein richtiges Leben im falschen gibt, ist es völlig sinnlos, denen irgendwelche Fehlentscheidungen im Detail vorzuwerfen. Sie sind ja auch bloß Papiertiger in dem, was auch sie gern das „Fußballgeschäft“ nennen. Der Fehler ist ein Grundfehler, nämlich seinerzeit auf die Methode des Soccer-Business eingestiegen zu sein. Wen wundert es bei einem Ex-Aufsichtsratsvorsitzenden und aktuellem Vorstandsvorsitzenden, der vorwiegend in der Sprache der Quartalsberichte von Telekommunikationsverarschern redet? Da kann er noch so oft das Wort „nachhaltig“ verwenden – Kapitalismus ist qua Definition nicht nachhaltig. Wer sich also aufs Geschäft und damit den Kapitalismus einlässt, der hat die Seele des Vereins schon verkauft.

Das ist traurig, aber wahr, und niemand hat so richtig Schuld. Trainerwechsel sind da auch nur vernunftfreie Rituale, genau wie das Verpflichten und Verkaufen von Spielern nach dem Muster der Soccer-Simulationen auf der Playstation. Das ist nicht mehr die Realität, das ist globalkapitalistische Simulation. Wir romantischen Fußballfreunde, wir haben kaum eine Chance, als auf diese gigantische Umwälzung mit den Ritualen und Floskeln zu reagieren, die ja auch das am Fußball ausmachen, was wir Kultur nennen. Diese Kultur hat sich das Business längst gekrallt, um sie zu Geld zu machen – die inzwischen fast durchgehend verblödeten Fußballschreib- und sprechfinken verfördern diese feindliche Übernahme nach Kräften.

So kommt es, das zum wiederholten Mal eine reine Söldnertruppe mit dem F und der 95 auf der Brust über den Rasen hoppelt, ohne an mehr denken zu können als an den individuellen Erfolg. Dass dabei die skrupellosen „Berater“, die inzwischen bis zu 40 Prozent der Einnahmen ihrer Schützlinge absahnen, nicht an Nachhaltigkeit interessiert sind, sondern an häufigen, profitträchtigen Wechseln, liegt auf der Hand. Und diesen Arschgeigen fallen dann Jungs mit siebzehn, achtzehn, neunzehn in die Hände, die zwar durch den Selektionsprozess der Nachwuchsarbeit auch schon hart geworden sind, aber wirklich noch Fußballträume haben. Die wird man ihnen austreiben und durch einen Baukasten aus Phrasen und Formeln ersetzen, die den Spochtrepochtern gefallen.

Hauptsache das Show-Geschäft geht weiter. Gerade wir Fortunen hatten das unglaubliche Privileg, mit dem Daueraufstieg aus der vierten bis in die erste Liga ein Märchen mitzuerleben – wie es derzeit die Fans der Lilien erleben. Aber: Das Märchen ist mit dem gewohnten „Und wenn sie nicht gestorben…“ sind und dem Rauswurf von Norbert Meier zu Ende gegangen und wird sich nicht wiederholen, nie wieder. Wir aber können einfach so weitermachen wie immer und dafür verschiedenste Pseudogründe finden, die sich in den hinlänglich bekannten Sprüchen niederschlagen wie „Wer Fortuna-Fan ist, braucht das Leben nicht zu fürchten“ oder „Wir sind Fortuna, wir können alles.“ Da möchte man dann rufen: „Mag sein, aber nicht die Zeit zurückdrehen.“

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4 Kommentare

  1. Rainer, guter Mann. Ich hab es heute live erlebt. Heute ist irgendwas in mir kaputt gegangen, was Fortuna angeht.

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