Bericht · Dieser Tage gerieten die Stolpersteine in unsere Stadt wieder einmal in den Fokus des Interesses. Leider aus einem traurigen Grund. Unbekannte Täter hatte die Stolpersteine für das Ehepaar Back an der Venloer Straße 11 ausgegraben und – wie sich später herausstellte – in ein Gebüsch im Hofgarten geworfen. Dort wurden sie zufällig gefunden, und seit Anfang Dezember liegen sie wieder da, wo sie hingehören. Bereits seit 1992 betreibt der Künstler Gunter Demnig dieses einzigartige Projekt, seit 2000 werden Stolpersteine in Deutschland jeweils mit amtlicher Genehmigung gesetzt. In Düsseldorf wurden seit 2003 insgesamt 372 Stolpersteine verlegt, die ganz konkret an Opfer des nationalsozialistischen Regimes erinnern und auf die Biografien der Ermordeten aufmerksam machen. [Lesezeit ca. 4 min]

Der erste Stolperstein, der mir persönlich auffiel, liegt vor dem Haus Kirchfeldstraße 87, gleich gegenüber der Regenbogenschule, in der ich – damals hieß sie noch nicht so – Ende der Fünfzigerjahre drei Jahre meiner Volksschulzeit verbrachte. Er erinnert an den Arbeiter und Feuerwehrmann Georg Gehring, der nach negativen Äußerungen über SA und SS denunziert, im November 1943 zum Tode verurteilt und am 11. März 1944 in der Golzheimer Heide standrechtlich erschossen wurde.

Das ist das besondere an den Stolpersteinen, dass sie nicht einfach an Namen erinnern, sondern beschreiben, wann und warum diese Menschen, vor deren letzten Wohnadressen die Steine liegen, vom NS-Regime deportiert und/oder ermordet wurden. Demnig hat sie entworfen und verlegt sie: quadratischen Messingtafeln mit abgerundeten Ecken und Kanten mit von Hand mittels Hammer und Schlagbuchstaben eingeschlagenen Lettern und von einem angegossenen Betonwürfel mit einer Kantenlänge von 96 × 96 und einer Höhe von 100 Millimetern gehalten. Sie werden bodengleich in den jeweiligen Gehwegbelag eingelassen.

Die gestohlenen und wieder aufgetauchten Stolpersteine vor dem Haus Venloer Straße 11 (Foto: TD)

Die gestohlenen und wieder aufgetauchten Stolpersteine vor dem Haus Venloer Straße 11 (Foto: TD)

Auch wenn eine Anzahl Düsseldorfer Stolpersteine an ermordete Regimegegner, KPD-Mitglieder vor allem, erinnert, so ist die Mehrzahl dieser Denkmäler doch jüdischen Mitbürgern gewidmet. Die waren von der hiesigen Nazi-Verwaltung wenige Wochen nach der Matchergreifung der NSDAP systematischem Druck ausgesetzt. Bereits ab 1934 emigrierten viele Familien, spätestens nach den Novemberpogromen von 1938 versuchten gerade jüdische Geschäftsleute vor dem Terror zu fliehen. Weit vor der ersten großen Deportation von 1003 jüdischen Menschen am 27. Oktober 1941 aber hatten die Nazis alles, was aus der Sicht ihrer perversen Rassegesetze als jüdisch galt, aus dem öffentlichen Leben entfernt.

Natürlich auch in Düsseldorf. Gerade in unserer Stadt fand ab 1939 die sogenannte „Arisierung“ in großem Stil statt, und manche heutzutage als honorig anerkannte Unternehmerfamilie verdankt ihren Wohlstand der Tatsache, dass sie das Eigentum jüdischer Fabrikanten, Ladenbesitzer, Immobilieneigentümer, aber auch einfacher Handwerker für kleines Geld oder umsonst „erwerben“ konnten. Gleichzeitig begann eine Art schleichender Ghettoisierung. Jüdische Familien wurden gezwungen, ihre Wohnungen aufzugeben und mussten in eines der sogenannten „Judenhäuser“ ziehen, während ihre ehemalige Bleibe – oft samt Inventar – an sogenannte „Volksgenossen“ vergeben wurde.

Denkmal für die deportierten und ermordeten NS-Opfer auf der Rather Straße (Foto: TD)

Denkmal für die deportierten und ermordeten NS-Opfer auf der Rather Straße (Foto: TD)

Die NS-Verwaltung machte bei ihrem fürchterlichen Tun gegenüber der jüdischen Bevölkerung keine Unterschiede nach Alter und Geschlecht. Selbst Menschen jüdischer Herkunft, die sich noch vor dem ersten Weltkrieg hatten christlich taufen lassen und/oder sich im Sinne einer patriotischen Überzeugung freiwillig zum kaiserlichen Militär gemeldet hatten, wurden nicht verschont. Max Back, an ihn und sein Gattin Berta erinnern die wieder aufgetauchten Stolpersteine vor dem Haus Venloer Straße 11, war zum Zeitpunkt der Deportation bereits 67 Jahre alt. Seinen Buchdruckerbetrieb hatte er schon 1933 im Rahmen einer absurden Versteigerung abgeben müssen:

Max Back war Kaufmann von Beruf und stammte aus Pasewalk in Pommern. Am 23. Juni 1907 heiratete er die aus Hildesheim stammende Berta Goldberg. Ab 1901 führte er die Buchdruckerei Haas & Wittke in der Bandelstr. 14, die Familie wohnte in der Remscheider Str. 6/II. 1933 wurde er gezwungen, seine Druckerei zu „versteigern“. Die Familie musste fortan von Ersparnissen, der Unterstützung durch Angehörige und vom Gehalt der Tochter Ursula leben, die als Stenotypistin arbeitete. 1933 zog Familie Back in die Venloer Str. 11.
Das Ehepaar hatte zwei Töchter, (Ursula, geb. 1908, und Gertrud, geb. 1911). Die ältere Tochter Gerda folgte 1936 ihrem Ehemann nach Frankreich, ihre Schwester Ursula meldete sich mit ihrem Mann offiziell nach Lima ab, deren Sohn Enrique kam 1936 in Marokko zur Welt. Die Eheleute Back unterhielten regen Briefkontakt zu ihren Töchtern, weshalb Max Back 1941 von der Gestapo verwarnt wurde. Am 27. Oktober 1941 wurden Max Back und seine Frau nach Litzmannstadt deportiert. Im Mai 1942 gelang es ihm, sich und seine Frau von einem Transport in der Vernichtungslager Kulmhof (Chelmno) zurückstellen zu lassen. Zwei Monate später starb er. Berta Back lebte bis zur Auflösung des Ghettos in der Fischstr. 18., Wohnung 3, und arbeitete ab November 1942 in der Handstrickerei-Abteilung. Sie wurde am 12. Juli 1942 nach Kulmhof deportiert und dort ermordet. [Quelle: Wikipedia]

Es ist das Verdienst von Gunter Demnig, dessen Projekt „STOLPERSTEINE / STOLPERSCHWELLEN“ von der STIFTUNG–SPUREN–Gunter Demnig betrieben wird, eine deutlich sichtbare Spur des Nazi-Terrors nachgezeichnet und so an die Menschen erinnert zu haben, deren Namen und Biographien als lebende Denkmäler in unserer täglichen Umgebung stehen. Kontakt in Düsseldorf ist die Mahn- und Gedenkstätte. Wer das Projekt unterstützen will oder konkrete Vorschläge für weitere Stolpersteine in der Stadt hat, wende sich an diese Institution.

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