Ich war 24, ich war geschieden und ich hatte nicht mehr in der Tasche als das Erste Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien im Fach Kunst. Ich war also bestenfalls Kunsterzieher, aber mir fehlte das zweite Fach als Voraussetzung dafür, Lehrer werden zu können. So wurden die Jahre 1976 bis 1979 Jahre zwischen den Stühlen, in denen ich eigentlich nichts tat außer jobben. Ja, sogar als Lehrkraft. Bei der Arbeit für Mannesmann Anlagenbau hatte ich ein paar nette Leute kennengelernt, die auf die Riehlkolleg auf dem zweiten Bildungsweg das Abi nachgemacht hatten sowie deren Freundeskreis. Wir landeten im selben Projekt, unser Vorgesetzter war der junge Herr Weigel, der aus Langenfeld kam und ein gelbes Käfer-Cabrio fuhr. Unsere Abteilung hieß Poc B und war untergebracht auf der Königsalle Ecke Königsstraße. Mannesmann baute damals allerlei Raffinerien, Pumpstationen und Verladeanlagen für die irakische Ölindustrie. Schon 1974 hatte ich erstmals für eine Firma gejobbt, die bei Mannesmann im Haus an der Kö saß und für die Dokumentation dieses Großprojektes zuständig war. !976 lief das immer noch. Das kleine Team des Herrn Weigel hatte die Aufgabe, die ganze Lieferlogistik zu dokumentieren. Das war schnell gemacht, sodass wir jede Menge Zeit für jede Menge Blödsinn hatten – aber das ist eine andere Geschichte.

Jedenfalls gründeten wir eine WG in Straberg, einem heute zu Dormagen zählenden Dorf an der Kante zum Knechtstedener Busch. Wie und warum es dazu kam, weiß ich nicht mehr, aber im ersten Schulhalbjahr war ich plötzlich Kunstlehrer am Gymnasium Horrem, für acht Stunden die Woche. Innerhalb weniger Wochen war mir klar, dass ich nie, nie, nie, nie Lehrer werden wollte. Ich fühlte mich den Schülern und ihrem Verhalten so viel näher als der Institution, dass ich ganz schnell Ärger mit dem Kollegium bekam und froh war, als dann das Schuljahr zu Ende war. Also jobbte ich wieder bei Mannesmann und ging ansonsten allerlei Vergnügungen nach. Für ein paar Hundert Mark hatte ich einen mildgrünen Ford 17m erworben, eine Familienkutsche mit durchgehender Sitzbank und Lenkradschaltung, der leider schlecht ansprang, sodass ich ihn notfalls ganz allein anschob, um pünktlich zur Arbeit zu kommen. Nach Feierabend kehrte ich zurück ins Dorf, um spätestens um acht wieder in die Stadt zu düsen, um die Zeit in der Altstadt zu verbringen. Vor allem mit alten Studienkollegen…

Mit der Kunst hatte ich nun gar nichts mehr am Hut. Meine letzten Arbeiten war die der Examensarbeit unter dem Motto “Spieler in der Pinte”, einem Thema, mit dem ich mich bestens auskannte. So entstanden sieben oder acht verschieden große Malereien, auf denen Billard zu sehen war, Kartenspieler, Spielautomaten und auch Leute beim Knobeln. Zwei oder drei der Bilder habe ich noch. Mir ging’s aber auch ohne Malerei gut: Ich war ungebunden, verdiente gut und konnte tun und lassen, was ich wollte. Das einzige Problem war, dass ich mich sehr heftig in die Schwester eines Mitbewohners verliebt hatte. Wir wurden ein Paar, aber sie hielt die Sache auf der Ebene von Freundschaft – eine frustrierende Erfahrung. Unter der Situation litt ich so sehr, dass ich für Affären nicht empfänglich war, obwohl es dazu – wir reden von den späten Siebzigern – reichlich Gelegenheit gegeben hätte. Auch mit J. entwickelte sich über die Jahre nichts in die von mir gewünschte Richtung.

Ein Jahr voller Liebe
Da lernte ich zu Weihnachten 1977 A. kennen, die spätere Mutter meiner Kinder. Die war Sekretärin bei einem Mannesmann-Abteilungsleiter. Ich dagegen wirkte bei der besagten Beratungsfirma, die ihr Büro im Souterrain direkt neben der Ausgangstür des Gebäudes hatte. Das Team bestand unter dem leitenden Ingenieur, einem gewissen Herrn Esser aus Dortmund, einem Kollegen, dessen Name ich vergessen habe, und dem unvergleichlichen Herrn Krb (siehe Foto), einem Wiener, der nicht nur furchtbar schielte, sondern seine Wiener Mundart auch noch mit erheblichem Stottern garnierte. Außerdem sprang eine junge Studentin namens Helga zwischen uns herum, hauptsächlich mit der Aufgabe, für Kaffee und Imbiss zu sorgen. Am Freitag, dem 17. Dezember hielten wir eine Weihnachtsfeier ab, Alkohol war reichlich vorhanden, auch Musik und ein bisschen was zu essen. Öde war’s, zumal unsere studentische Hilfskraft schon früh abzog. Da sagte der Herr Esser zu mir: Gehen Sie doch mal durchs Haus und suchen sie mal ein paar nette Damen, die mitfeiern wollen. Tatsächlich stieß ich auf zwei verirrte Frauen, die von ihren Chefs an diesem Tag zu Überstunden gezwungen worden waren. Die wollten gerade Schluss machen, waren aber dann sehr glücklich über die Einladung. Eine davon war A., die ich schon vom Fotokopierer her kannte.

Es war eine schweinekalte Nacht, und gegen elf waren Wein. Bier und Schnaps alle. Die ganze Zeit über hatte ich mit A. auf einer Schreibtischkante gesessen, und wir hatten uns buchstäblich über Gott und die Welt unterhalten, mehr über die Welt, versteht sich, und hatten uns nebenbei auch unsere jeweiliges Leben erzählt. Wir fanden schnell, dass wir uns leiden konnten. Und als wir zusammen in die kalte Nacht traten, sagte sie den berühmten Satz: Gehen wir zu dir oder zu mir? Da es zu meiner winzigen Dachwohnung an der Bilker Allee deutlich kürzer zu gehen war, landeten wir bei mit und wärmten uns den ganzen Rest der Nacht über aneinander. Und so… Am Morgen sagte sie dann: So, ich muss noch schnell zuhause vorbei und dann fahr ich mit dem Zug nach Osnabrück zu meiner Mutter, wo ich Weihnachten verbringe. Da sagte mir mein Instinkt: Die Frau siehst du nie wieder. Aber das Gegenteil trat ein. Am Ersten oder Zweiten Weihnachtstag stand sie vor der Tür, und wir machten da weiter, wo wir acht, neun Tage zuvor aufgehört hatten.

Dass sie ihre Wohnung längst gekündigt hatte, um in das Dorf, wo ihre Mutter lebte, zurückzukehren, wusste ich nicht. Jedenfalls erschien sie am Silvestertag mit einem Koffer und einer Reisetasche, um bei mir einzuziehen. Ich war zu überrumpelt, um überhaupt darüber nachzudenken, ob ich das wollte. Im Januar meldeten wir uns beide so um die zehn Tage krank, und ich verließ das Bett nur noch, um gegenüber im Supermarkt Lebensmittel, Bier und Wein zu kaufen. Karneval 1978 fuhren wir mit dem Zug nach Paris, wo sie ein Jahr als Au-pair-Mädchen verbracht hatte, und im Sommer flogen wir nach Korsika in die Ferien. Drei Wochen verbrachten wir in Calvi, eine Zeit, die uns für die nächsten knapp zwanzig Jahre prägte. So war dieses Jahr zwischen den Stühlen und jenseits der Kunst vor allem mit Liebe gefühlt. Dann ereilte mich der Zivildienst. A. hatte wieder einen sehr gut bezahlten Job gefunden und wir waren umgezogen. Geldsorgen hatten wir nicht, und Langeweile kam auch nie auf. Nur ich bekam langsam Angst, Zukunftsangst, denn ich war ja immer noch in keinem Beruf gelandet.

Zukunftsangst
1980 wurde A. schwanger und ich beschloss, doch den Lehrerberuf anzustreben. Also startete ich ein Germanistikstudium an der Heinrich-Heine-Uni. Nie wieder habe ich mich irgendwo so fremd, so fehl am Platz gefühlt wie an der Universität! Betrieb und Atmosphäre waren dermaßen außerirdisch, dass ich mich überhaupt nicht drauf einließ, sondern sturheil drauflos studierte. Tatsächlich absolvierte ich in vier Semestern ein Vollstudium mit allen Scheinen – nicht aus Ehrgeiz, sondern um die Sache schnell hinter mich zu bringen. Im Sommer 1980, A. war schwanger, verbrachten wir fünf Wochen auf Korsika – drei Wochen unternahmen wir mit dem Zelt eine Rundreise, für die restliche Zeit hatten wir ein Ferienhaus an der Ostküste gemietet. A. hatte dafür zwischen zwei Anstellungen den Jahresurlaub genommen, und ich hatte neben dem Studium ziemlich gut beim Jobben verdient.

Und die Malerei? Ich führte ein Skizzenbuch, ich kritzelte hier und da etwas. Das war’s. Zum Jahreswechsel 1980/81 wurde mein Sohn geboren, und am Rosenmontag starb meine Mutter an Krebs. Plötzlich war ich Hausmann. Und das nicht ungern. Die ersten drei Jahre mit Sohnemann waren grandios. Und anstrengend, denn ich jobbte immer weiter. Zum Beispiel in seinem ersten Lebensjahr bei der LZB in der Nachtschicht. Zwischendurch als Aushilfssekretärin (ich hatte Abendkurse belegt und ein Diplom erworben). Schrieb die ersten bezahlten Artikel für die RP und den Überblick. Alle Möglichkeiten standen offen – außer der, Lehrer zu werden. Denn als ich auch Germanistik mit dem Examen beschlossen hatte und mich beim Amt meldete, hieß es, dass ich angesichts des Lehrerüberschusses frühestens in drei Jahren auf eine Stelle als Referendar hoffen konnte. Dafür hatte ich keine Zeit.

Einzelausstellung
Wir hatten nach ihrem Tod die Wohnung meiner Mutter an der Tussmannstraße übernommen, also die elterliche Wohnung, in der meine Geschwister und ich großgeworden waren. Und so fiel mir auch die vom Vater, der das Haus in seiner Eigenschaft als festangestellter für die Hirschbrauerei errichtet hatte, illegal eingebaute Mansarde unter dem Dach zu. Erst malte ich wie zu Teenie-Zeiten dort auf Zeichenblöcken, dann begann ich an meine Examensarbeitsbilder anzuknüpfen, experimentierte – inspiriert vom Kollegen Horst Gläsker – auf Möbelstoff zu malen. Dabei entstand ein lebensgroßer Akt von A. einen Indianerkopfschmuck tragend; das Bild ist leider verloren gegangen. Schon dieses Bild hatte ich mit stinknormalen Abtönfarben gemalt, grundiert wurde der Stoff mit weißer Wandfarbe, die Konturen entstanden Nass in Nass. Nach dieser Methode begann ich wilde Bilder auf Pappkarton zu malen. Da gab es einen fetten weißen Mann mit einer Hand voll Spielkarten, umgeben von süßen Ferkeln, er im Lendenschurz, vor ihm eine Nackte. Einen wasserskifahrenden Afrikaner mit buntem Umhang, der eine Fantasiefahne schwenkte. Und dergleichen mehr. Weil mein Freund bei den Grünen, Dieter R., damals Pächter des Café Souffleur im Kulturzentrum Die Werkstatt an der Börnestraße wurde, bekam ich die Gelegenheit zur Einzelausstellung. Und den Auftrag, das Café künstlerisch zu gestalten. Meine Idee war es, die Wände ab einer gewissen Höhe und die Decke samt der Klimarohre mit verschiedensten Symbolen zu bemalen. Wieder in der Al-fresko-Technik.

Mein Schwager M., seines Zeichens Malermeister, assistierte mir. Das heißt: Er weißte die Fläche, ich begann noch in die nasse Farbe zu malen. So robbten wir zwei Tage übers Gerüst, als plötzlich der Leiter der Werkstatt, ein gewisser B.M. ins Café stürzte und ultimativ forderte, wir sollten aufhören. Man habe ihm zugetragen, wir würden Hammer-und-Sichel-Symbole malen und Hakenkreuze. Das ginge ja wohl gar nicht, Politik habe hier nichts zu suchen. Ja, ich hatte je einmal Hammer und Sichel und ein winziges Hakenkreuz gemalt an sehr dezenten Stellen. Dafür aber haufenweise Sternzeichen, allerlei Kreuze, Frauen- und Männersymbole, mathematische und esoterische Symbole, einfache Punkte, Kreise, Quadrate und Dreiecke. Wir brachen die Arbeit ab, und als ich zwei Tage später wieder im Café aufkreuzte, hatte man die ganze Arbeit weiß übermalt. Weil aber bei der angewendeten Maltechnik die Zeichen leicht räumlich wirkende Pinselspuren ergeben konnten die Wissenden in all den Jahren, in denen es das Café gab, die Spuren meines künstlerischen Treibens auf den Rohren oben an der Ecke erkennen – Hakenkreuz und Hammersichel inklusive.

Die Ausstellung war irgendwie auch ein Erfolg. Jedenfalls berichtete die Lokalpresse, zur Eröffnung kamen über hundert Leute, und von den insgesamt dreißig Arbeiten verkaufte ich immerhin mehr als die Hälfte. Und trotzdem. Beim Abräumen wurde mir plötzlich glasklar, dass ich kein Maler sein könnte, dass es dafür nicht reichen würde, dass ich mit dem Malen niemals genug verdienen würde, um meine Familie zu ernähren. Von den Bildern der Ausstellung, die übrigens unter dem Motto “Zauber der Südsee” lief, behielt ich genau zwei. Den Rest und die meisten zugehörigen Zeichnungen und Skizzen vernichtete ich. Ein paar der Malereien auf Stoff blieben noch eine Zeitlang erhalten. Da war zum Beispiel ein Betttuch, das ich so bemalt hatte, dass es wie ein bunter Teppich aussah. Von dem bröckelte die Farbe sukzessive ab, sodass wir es irgendwann wegwarfen. Danach habe ich nie wieder gemalt und nur ganz wenig gezeichnet. Ich erkannte, dass mein Spielfeld die geschriebene Sprache war. Und blieb dabei.

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