Meinung · Es gibt da einen sehr alten, sehr guten Freund. Sagen wir: Ja, der interessiert sich für Fußball; also, wenn der Verein aus seiner Heimatstadt spielt oder wenn irgendwelche Weltmeisterschaften laufen, dann sieht er sich das im TV an. Regelmäßig zweifelt der an meinem Verstand, wenn ich von Auswärtsfahrten berichte. „Du bist doch bekloppt, stundenlang im Bus durchs Land zu reisen, bloß um ein Fußballspiel zu gucken.“ Irgendwann habe ich aufgegeben, ihm zu erklären, warum ich meiner geliebten Fortuna hinterherreise, also nicht nur mal eben mit dem Bus nach Bochum, sondern auch mal viereinhalb Stunden mit dem ICE und nach Abpfiff viereinhalb Stunden wieder zurück. Oder mitten in der Nacht in Lautern zu stranden, um dann mit Müh und Not noch eine Mitfahrgelegenheit zu finden, um gegen drei Uhr morgens zu Hause zu sein. Seien wir ehrlich: Normal ist das nicht. Und ich gestehe: Nur wegen Fußball würde ich das nicht tun. [Lesezeit ca. 4 min]

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Im Pokal 2013 gegen Wiedenbrück: In der Hitze von Gütersloh (Foto: TD)

Im Pokal 2013 gegen Wiedenbrück: In der Hitze von Gütersloh (Foto: TD)

Und, nein, auch weil ich mich verpflichtet fühle, das Team auswärts zu supporten, würde ich mir dergleichen nicht (mehr) antun. Es geht um die Menschen, es geht um die Gemeinschaft, es geht um das gemeinsame Erlebnis. Es geht um Begegnungen, es geht um Nähe, Wärme und Vertrauen. Und was es sonst noch so an emotionalem Quatsch gibt. Wie sich das anfühlt, wenn man bei über 30 Grad Hitze in der prallen Sonne in Koblenz im Stadion steht oder einem bei knapp unter Null in Ulm die Füße an den Betonstufen festfrieren, kann man fast nur mit Phrasen und Floskeln beschreiben.

Wie gesagt: Es geht um die Menschen. Leute, die man als Bewohner seiner persönlichen Filterblase ohne Fortuna und Auswärtsfahrten vermutlich nie kennen- und schätzen gelernt hätte. Alte Knacker lernen junge Ultras kennen, arme Schlucker aus einem Hartz-IV-Ghetto sitzen im Fanbus neben dem erfolgreichen Anwalt. Vorurteile gibt’s nicht, denn wir sind allesamt Fortuna-Fans. Diese unmöglichen Begegnungen bereichern, erweitern den Horizont. Auf so mancher Auswärtsfahrt hab ich neben supernetten Menschen mit hochinteressanten Berufen und Lebenswegen gesessen, denen ich sonst nie begegnet wäre.

Relegation 2012: Der Sonderzug zur Hertha (Foto: TD)

Relegation 2012: Der Sonderzug zur Hertha (Foto: TD)

Je öfter du auswärts fährst, desto besser lernst du die anderen Fortuna-Anhänger kennen. Da fragst du nicht mehr „Na, dein Tipp?“ sondern „Und, hat deine Tochter die Prüfung geschafft?“ oder auch mal „Brauchst du noch Hilfe beim Umbau?“ Da sitzt du in einer wildfremden Stadt in einem dir zuvor völlig unbekannten Biergarten mitten zwischen Leuten in Rot und Weiß und diskutierst über politische Fragen. Da landet man bei einem Verein mit bekannt gefährlichen Anhängern mit dem Fanbus auf dem speziellen Parkplatz, und alle passen aufeinander auf, damit man sicher ins Stadion kommt.

Überhaupt: Man achtet aufeinander. Wer Scheiße baut, wird nicht irgendwo angezeigt, den nimmt irgendwer beiseite und macht ihm klar, dass sein Verhalten nicht erwünscht ist. Hat sich einer mit Alkohol oder Substanzen die Rübe weggeknallt, passen die Kolleg:innen auf den auf, dass ihm nichts passiert. Hast du deinen Zug verpassen, findet sich immer ein Bus, ein Neuner oder ein Pkw, mit dem du heimfahren kannst. Es entstehen echte Freundschaften, die über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte Bestand haben.

Fanbus-Tour: Pause irgendwo in Deutschland (Foto: TD)

Fanbus-Tour: Pause irgendwo in Deutschland (Foto: TD)

Aber, am wichtigsten: Es entstehen ungezählte Geschichten, Stories und Anekdoten, die man immer wieder und wieder gern vorkramt. Das beginnt dann mit „Weißt du noch, damals bei Union?“ In der Runde wird genickt. Die lustigsten oder heftigsten Schoten kennt jeder, und jeder hat seine besondere Sicht darauf. Legenden werden gebildet, Helden erschaffen, tatsächlich Erlebtes bunt ausgeschmückt. Und am Ende lachen alle.

Das hat es mit den Auswärtsfahrten auf sich – sie sind so bunt wie der Fußball selbst, der eben nicht nur aus Sport besteht und aus Geschäft, sondern in den vergangenen 50, 60 Jahren tatsächlich eine besondere Kultur hat entstehen lassen, die aus lauter sozialen Kunstwerken besteht. Und ich bin stolz, ein Teil davon zu sein.

2 Kommentare

  1. Fridolin Faber am

    Ich kann mich noch an ein Auswärtsspiel in Meppen auf der Hindenburg-Kampfbahn erinnern. Das war ein Erlebnis für sich.

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