Meinung · Erneut zogen etliche tausend Leute durch Düsseldorfs Straßen, um gegen eine mögliche Imppflicht und immer noch die Anti-Corona-Maßnahmen der Regierungen zu protestieren. Die Initiative „Düsseldorf stellt sich quer“ (DSSQ) hatte die Bürger:innen dazu aufgerufen, am Zugweg ihre Gegenmeinung zu zeigen. Besonders an der Oberbilker Allee folgten relativ viele Menschen diesem Aufruf; zwischen der Cornelius- und der Hüttenstraße dürften es an die 200 Nachbar:innen gewesen sein. Ich war als Gegendemonstrant dabei. Zunächst: Dass auch Leute, die Impfungen ablehnen und die besagten Maßnahmen für falsch halten, demonstrieren, ist ihr gutes Recht. Darüber kann es keine zwei Meinungen geben. Klar ist aber auch, dass seit Langem rechtextreme, rechtsradikale und demokratiefeindliche Kräfte versuchen diese Demonstrationen zu instrumentalisieren. [Lesezeit ca. 5 min]

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Wer sich ausreichend informiert, weiß auch, dass es sich bei den sogenannten „Querdenkern“ um keine homogene Masse handelt. Diese Menschen unter dem Etikett „Schwurbler“ zusammenzufassen, halte ich für unangemessen. Dafür sind auch ihre Forderungen zu unterschiedlich. Aber: Wer sich in einer solchen Pandemie nicht impfen lassen will, obwohl mehr oder weniger wirkungsvolle Impfstoffe für jede:n zur Verfügung stehen, handelt mindestens unvernünftig. Auch das sollte klar sein.

Oberbilker Alle: Sie kommen! (Foto: TD)

Oberbilker Alle: Sie kommen! (Foto: TD)

Bekannt ist mittlerweile auch, dass unter den Demonstrierenden, die seit Wochen samstags durch die Stadt marschieren, relativ wenige Düsseldorfer:innen sind. Immerhin gelang es den Organisatoren vorgestern, dass keine bekannten Neonazis mitmarschierten und die rechtsextremen Parteien wie die AFD nicht Flagge zeigten. Nur eine Splitterpartei namens „Die Basis“ outete sich auf mitgeführten Plakaten. Dafür aber missachtete eine übergroße Mehrheit der Mitläufer die seit zwei Jahren bekannten Corona-Regeln, hielten nirgends ausreichend Abstand und verweigerte das Tragen von Masken.

An der Ecke der Oberbilker Allee mit der Philip-Reis-Straße, Standort der Kneipen „Pitcher“ und „Konvex“ sowie des Imbisess „Pfeffermühle“ und des Restaurants „Scaramangas“ hatten sich ungefähr 60 Personen versammelt. Konzertiert war der Gegenprotest nicht. Manche hielten Schilder mit Sprüchen hoch, einige machten Lärm mit Trillerpfeifen und Topfdeckeln, es gab Transparente und viele rote Karten, die den Impfgegner gezeigt wurden. Die reagierten sehr unterschiedlich und teilweise vollkommen verrückt: So gab es aus den Reihen der „Querdenker“ immer wieder lautstarke Rufe „Nazis raus“ in unsere Richtung.

Und die Polizist:innen müssen es ausbaden... (Foto: TD)

Und die Polizist:innen müssen es ausbaden… (Foto: TD)

Beliebt waren Handzeichen wie das Herzchensymbol und der nach unten gerichtete Daumen, aber nicht wenige Demonstrierende konnten sich nicht enthalten den Stinkefinger zu zeigen; teilweise aus nächster Nähe. Die Gegendemonstranten antwortete mit „Helau!“-Rufen und sangen „Ihr seid nur ein Karnevalsverein“. Besonders gern schrien Mitlaufende wüste Parolen, verstärkt über eine Vielzahl mitgeführter Megafone. Weil die Ecke durchgehend von acht bis zehn Polizist:innen gesichert war, blieben Handgemenge, die es woanders gab, aus. Jedes Mal, wenn die Ordnungshüter:innen nicht so genau hinsahen, kamen uns Gegendemonstranten die Teilnehmer des Marsches gefährlich nahe.

Nachdem es vor acht Tagen beinahe eine Stunde dauerte, bis der Demonstrationszug in voller Länge vorbeigelaufen war, dauerte der Vorbeimarsch vorgestern nur rund 35 Minuten (an der besagten Ecke von 16:18 bis 16:55). Schwer zu sagen, ob das an einer geringeren Zahl Demonstrierender lag. Mir fiel es nicht leicht, meine Emotionen gegenüber den Impfgegner im Zaum zu halten. Trotzdem kriegte ich es irgendwie hin, mir die Frauen und Männer (einige mit Kindern und Hunden) genauer anzuschauen und eine Art Typologie aufzustellen.

Da gab es eine Sorte ältere Männer wie man sie schon vor 40 Jahren bei den Aktionen der Umwelt- und Friedensbewegung immer gesehen hat: Vom Leben gezeichnet und oft verbittert wirkend. Gern mit ungewöhnlicher, altmodischer Kleidung, weißen Bärten und Zöpfen. Schon damals ging es diesen Herren nie so sehr um das jeweilige Thema, sondern um den Widerstand gegen das, was sie „das System“ nennen, von dem sie sich zeit Lebens ungerecht behandelt fühlen.

Ebenfalls auffällig Männer zwischen 30 und 40, teils mit deutlichem Machogehabe, die sich übrigens als einzige ernsthaft aggressiv gegenüber Frauen der Gegenaktion aufführten. Sie skandierten, wenn überhaupt, nur Slogans mit, in denen es um „Freiheit“ ging. Viele sahen aus wie Männer, die man seit einiger Zeit „Incels“ nennt, die also ein gestörtes Verhältnis zu Frauen haben. Es handelt sich vermutlich um den Typus, der meint, ein Recht darauf zu haben, machen zu können, was er will.

Der Anteil an deutlich als Anhänger:innen irgendwelcher Esoterik-Ideologien zu erkennenden Menschen lag bei mindestens einem Viertel. Auch bei dieser Gruppe handelt es sich vor allem um Leute, die fast alles verachten, was die Gesellschaft ausmacht, die ständig das Gefühl haben, das etwas falsch läuft und nicht selten einer der bekannten Verschwörungstheorien zuneigen. Eine Dame dieser Sorte brachte das auch recht laut zum Ausdruck. So wie es einige ältere Herren der abgehängten Art gab, so waren auch viele ältere Frauen zu sehen, die den merkwürdigsten Religionen und Ideologien anhängen und denen man im normalen Leben so gut wie nie begegnet.

Und dann waren da noch die vielen Menschen, die einfach Angst haben und unsicher sind, auch weil sie nicht verstehen, was sich durch die Corona-Pandemie verändert hat. Die vielleicht überhaupt von der Komplexität der Welt und den ständigen rasend schnellen Veränderungen überfordert sind. Dies ist meiner Meinung nach eine Gruppe, die ernstzunehmen ist und mit denen sich die Diskussion noch lohnt. Hier findet sich auch (mehr oder weniger fundierte) Kritik an dem, was Politiker im Bund, in den Ländern und den Städten und Gemeinden seit dem Beginn der Pandemie getrieben haben. Grundsätzlich ist diese Kritik notwendig, so wie die Kritik an den Mächtigen immer dann wichtig ist, wenn deren Maßnahmen und Beschlüsse den Normalbürger:innen ohne hinreichende Aufklärung verordnet wird.

So etwa würde ich die Gemengelage der Demonstrierenden einschätzen, von denen sich ein übergroßer Teil aber als historisch völlig ungebildet und frei jeder Medienkompetenz präsentiert. Das führte dazu, dass Symbole, Slogans und Songs aus früheren Bürgerbewegungen nach Belieben missbraucht werden. Als jemand, der besonders in den Siebziger- und Achtzigerjahren politisch aktiv und Teil der Anti-AKW-, der Ökologie- und der Friedensbewegung war, ist das für mich nur schwer erträglich. Da werden Fahnen mit Friedenstauben mitgeführt, und den Vogel schoss ein Idiot ab, der eine Israel-Flagge präsentierte. Ich gestehe: Dieser Missbrauch macht mich sehr, sehr wütend. Bekloppt wird es auch, wenn aus den Lautsprechern Marius Müller-Westernhagens Song „Freiheit“ läuft, dessen Aussagen eine völlig andere ist.

Vermutlich ist es die Heterogenität der Massen, die den Anschein erweckt, als handle es sich bei den – fassen wir sie einmal vereinfacht so zusammen – Impfgegnern um eine breite Bewegung. Wenn sich aber in ganz NRW mit seinen knapp 18 Millionen Einwohner:innen landesweit gerade einmal um die 10.000 Personen pro Wochenende für solche Demonstrationen finden, dann erkennt man, wie sehr es sich um eine winzige Randgruppe handelt. Wer die einschlägigen Kommunikationskanäle der sogenannten „Querdenker“ beobachtet, wird außerdem feststellen, dass die Beteiligung kontinuierlich zurückgeht und sich erhebliche Spannungen zwischen verschiedenen Interessengruppen zeigen.

Fragt sich also, wie oft es diese Demonstrationszüge in Düsseldorf noch geben wird. Fragt sich weit, ob und welche Art des dezentralen Gegenprotestes wirklich sinnvoll sind. Vorgestern war der wichtigste Effekt, dass sich der vernünftige Teil der Nachbarschaft zusammenfand und man so feststellen konnte, dass man mit der eigenen Haltung zu der Sache nicht allein ist.

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