Gestern bin ich nun doch bei einem waschechten Rudelguck gelandet. Also da wo viele Menschen in komischen Gewändern mit bescheuerten Kopfbedeckungen sich die Birne zuknallen, um Schland-Fantum zu simulieren. Leute, die alle zwei Jahren den Fußballfreund in sich entdecken, aber einen Doppelpass nicht von einer Schwalbe unterscheiden können. Es handelte sich um den Biergarten eines ansässigen Lokals, das einst als linksradikal galt. Nachdem der KB und der KBW und alles mit K sich aufgelöst hatte, war dies ein Öko-Treffpunkt. Auch das haben die Insassen hinter sich, weil Karriere gemacht, ein Kind mit der dritten Gattin und eine geldbringende Einnahmequelle entdeckt. Normal gibt man sich spieß- bis bürgerlich. Gelegentlich zuckt das alte Rebellentum, und man ist dann bei einer WM -sammerma- für Jamaika. Gestern war für diese Mit- bis Endfuffzger Prolliges angesagt. Man imitierte das, was man für den typischen Fan hält, griff aber zur Weißweinschorle. Ich auch. Schon lange vor Spielbeginn.

Ich weiß nicht, wie’s Ihnen geht. Mich macht Weißwein albern. So bekam ich meinen ersten Kicheranfall bei den Bildern vom einlaufenden deutschen Mannschaftsbus und dem Jogi, der von einem UEFA-Offezjellen abgeführt wurde in sein Guantànamo unterm Stadiondach. Dann der deutsche Ersatztrainer Hansi, der aussah wie eine schweißnasse Hand. Immerhin hatte der nicht das offezjelle Wursthemd des Nationalteams an, das von der Frau Strenesse mit dem Zweck entwickelt wurde, dessen Träger doof aussehen zu lassen. Irgendwer brüllte schon bei der Hymne „Schweini!“ – ich schloss mich an und rief „Poldi!“. Mit zunehmendem Weinspiegel gab ich Unsenjungs dann süße Namen: Im Tor der Lehmi, davor der Metzi und der Merti. Nebenan unser Musterschüler, der Lahmi. Nur beim Arne aus Berlin fiel mir nix ein. Klosi kriegt den Ball von Balli und passt auf Rolfi, der auf Hitzi weiterleitet. Flanke von Poldi auf Schweini: Tor!

Einmal hab ich’s vor Lachen nicht mehr aufs Klo geschafft. Macht nix, der Garten roch eh nach Urin. Das muss so um das 3:1 herum gewesen sein. Schätze ich mal, denn das Gemisch aus saurem Traubensaft und sprudeligem Brackwasser ließ mich Raum und Zeit vergessen. Ich wähnte mich im WM-Endspiel. Beim ersten Gegentreffer der Heulsusen aus Loositanien, das berichtet ein Typ neben mir, habe ich dann geschrien „Tor! Tor! Tor! Deutschland ist Weltmeister“, was bei einem ehemals prominenten und pazifistischen Atomkraftgegner mit schlimmbadischem Akzent beinahe eine Gewaltattacke gegen mich ausgelöst hätte. Ich goß nach und fiel in einen tiefen Schlaf.

Als ich erwachte, sangen die ersten Vögel mehrstimmig „Schland, schland“, und ich lag in einer vielfarbigen Pfütze. Hatte geträumt, Deutschland hätte Portugal mit 3:2 aus dem Turnier geschmissen, und Günther Netzer habe den Beckenbauer umarmt. Kann ja gar nicht.

[Dieser Beitrag erschien zuerst am 20.06.2008 in der Rainer’schen Post]

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