Niemand käme auf die Idee, einen Menschen mit claustrophbischer Angststörung Dummheit zu unterstellen. Wie ja mittlerweile auch kaum noch jemand einem Menschen mit Angststörung zurufen würde: Nu stell dich mal nicht so an. Denn in allen Fällen, in denen das Wörtchen Phobie eine Rolle spielt, reden wir von irrationalen Ängsten, also Ängsten, die im betroffenen Individuum ganz unwillkürlich aufkommen, ihm zumindest unangenehm sind oder sogar in Panik versetzen. Viele dieser Phobien haben evolutionsbiologische Wurzeln. So ist uns zum Beispiel die Xenophobie in die Gene geschrieben als die Angst vor den Fremden (nicht vor DEM Fremden). Und das aus gutem Grund. Denn in einer sehr frühen Phase der Menschheitsentwicklung war es in 99,9 Prozent der Fälle mit Ärger verbunden, wenn ein fremder Clan zu Besuch kam. Damals lebten die Stämme weit entfernt voneinander, die Ressourcen waren vor der Entwicklung des Ackerbaus knapp, und wenn einer Sippe Beeren, Pilze und Wurzeln ausgingen, machte sie sich zwangsläufig auf die Suche nach neuen Jagd- und Sammelgründen. Kam sie dabei durchs Revier eines anderen Volkes, gab’s Zoff. Und weil in aller Regel die Wandernden die Aggressiveren waren und sich ohne Rücksicht auf Verluste neues Gebiet anzueignen gedachten, machten sie keine Gefangenen. Davor Angst zu haben, war nützlich, weil es wachsam machte und die Abwehrkräfte stärkte.

Der Fremde ist also genetisch immer der Böse, der Gefährliche, derjenigen, der einem nach Hab und Gut sowie Leib und Leben trachtet. Diese Phobie zählt zu den am tiefsten verwurzelten im aktuellen Homo Sapiens. Nein, auf einer ganz tief unterbewussten Ebene ist der Mensch nicht neugierig auf das Andere, auf das Unbekannte, auf den Fremden. Dass er das inzwischen sein kann, ist ein Erfolg der Aufklärung. Also der philosophisch-gesellschaftlichen Errungenschaft des 18. Jahrhunderts, die den Menschen aus der Dunkelheit und dem Aberglaube des Mittelalters ans Licht der Erkenntnis holen sollte – und dies auch teilweise geschafft hat. Ja, der Mensch begann, sein Gehirn einzuschalten. Also Fakten gegen Gefühle zu setzen, Ratio gegen Irratio, Vernünftiges gegen Vorurteile. Die Idee der Aufklärung war es, dass der Mensch sich die Welt durch Information über ihre Bedingungen aneignet, also Wissen akkumuliert, um so zu Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zu gelangen.

Im Licht der Aufklärung
Und gleichzeitig sollte der Mensch so – zumindest teilweise – von den Fesseln seiner Urängste befreit werden, von religiösen erzeugten Ängsten und von der Furcht vor den Autoritäten. Immerhin sorgte der Teilerfolg der Französischen Revolution, die ja im Grunde der Versuch war, Aufklärung machtpolitisch durchzusetzen, zu einer massiven Ausweitung von Selbstbestimmung auf soziale Gruppen, auf ganze Klassen und damit zu einer Entfesselung menschlicher Ressourcen wie Kreativität und Erfindergeist. Leider hat das zwanzigste Jahrhundert dann gezeigt, dass die Menschheit insgesamt offensichtlich die falschen Schlüsse aus dieser Entwicklung gezogen hat.

Dass mit dem Nationalsozialismus die irrationalste Form der Xenophobie qua Pseudowissenschaft (Rassenlehre) in den radikalsten Genozid aller Zeiten führen konnte, ist nur ein Beleg dafür, dass es schiefgelaufen ist. Denn die sogenannten „Rassenlehre“ ist nichts weiter als die Pseudorationalisierung der Urangst vor dem Fremden. Da wird postuliert, dass die Eigenen (nordische Rasse) alle anderen überlegen sind, weil nur sie kulturstiftend wirken, während die Anderen bestenfalls kulturerhaltend agieren, während der Jude ausschließlich kulturzerstörend arbeitet.

Die diversen, verrückterweise nicht nur immer noch existierenden, ja, bei den Querfront-Anhängern sogar fröhlich aufgekochten antisemitischen Verschwörungstheorien sind, beim Licht des Verstandes betrachtet, so bescheuert, dass man drüber lachen möchte, wenn’s nicht so tödlich wäre.

Dunkelheit, nicht Dummheit
Da kann man dem gemeinen Rassisten und Fremdenfeind schon einen Hauch weniger Albernheit zubilligen. Denn dessen irrationale Angst vor dem Fremden ist von Hause aus mit Scheinargumenten gepflastert. Wer mit seiner Existenz unzufrieden ist, wird immer Angst haben, das Wenige, das er besitzt, zu verlieren. Wenn Fremde in den Lebensraum von Unterprivilegierten gesetzt werden, werden sie zwangsläufig als Futterkonkurrenten betrachtet. Auch das ist tief in den Urängsten verankert, weshalb es in der Ära der Völkerwanderungen so gut wie nie zu einer friedlichen Koexistenz zwischen den Eingeborenen und den Zuwanderer kam. Übrigens: Die Vermischung der beiden Parteien durch Querheirat führte in den meisten Fällen innerhalb von drei, vier Generationen dazu, dass die Grenze zwischen den Dagebliebenen und Hinzugekommenen sich verwischten und Konflikte abnahmen. In der Ära der großen Handelswege waren es dann die spezifischen Produkte der Fremden, die diese für die Eigenen attraktiv machten und Feindseligkeiten kaum aufkommen ließen.

Xenophobie ist eine Urangst, auf die offensichtlich nie genug Aufklärungslicht gefallen ist, denn sie ist weltweit die Phobie, die praktisch überall anzutreffen ist und in den meisten Fällen aggressive Handlungen auslöst. Aber: Wer Angst vor dem Fremden hat, ist nicht dumm, sondern nur nicht aufgeklärt. Also nicht in der Lage, beim Anblick und bei der Begegnung mit dem Fremden den Verstand einzuschalten und die Lage rational zu beurteilen. Insofern ist es grundfalsch – und leider ist dies zurzeit angesichts der beginnenden Pogrome gegen Flüchtlinge in unserem Land Mode -, die Menschen, die gegen die Aufnahme von Flüchtlingen vorgehen, die versuchen, deren Ansiedlung zu verhindern, die gegen alles Fremde auf die Straße gehen, einfach nur als dumm zu etikettieren.

Nachhilfe und Therapie
Zumal man die Masse, die da als Pegida firmierte, die in Heidenau vor Heimen demonstriert und besorgt vor Turnhallen rumlungert (übrigens ganz im Sinne des Satzes „Intelligenz heißt unterscheiden können.“) auseinanderfieseln muss. Denn die politischen Rassisten, die Rechtsradikalen und Rechtsextremisten, die sind sich völlig bewusst dessen, was sie da tun. Die verfolgen benennbare Ziele – mit mehr Ratio als Irratio. Die wollen einen Systemumsturz. Weg von demokratischen zu totalitären Strukturen, weg von der Kooperation der Nationen hin zur Ab- und Ausgrenzung. Das mag irrationale Ursachen haben, wird aber durchweg unter Einschaltung des Verstandes verfolgt. Aktuell lässt sich das sehr genau an der Propagandaschlacht ablesen, die in den sozialen Medien geschlagen wird. Denn die Fälschungs- und Desinformationskampagnen der organisierten Rechten sind sorgfältig geplant und werden planvoll durchgeführt. Der Erfolg gibt dieser Methode recht. Mit diesen rechtsextremen Kräften ist kein Diskutieren mehr. Sie sind zu bekämpfen – vom Staat und seinen Instanzen, aber auch von den Bürgern. Mit Worten und Taten. Hier stehen wir rassistischen Terroristen gegenüber, die Argumenten gegenüber vollkommen und hermetisch verschlossen sind.

Und dann sind da noch die verschiedenen Geschmacksrichtungen der Ja-aber-Rassisten, die sich bei den Krawallen gegen Flüchtlinge mit Sicherheitsabstand an den Rändern aufhalten und nur dann lauthals mitgrölen, wenn der Alkoholspiegel hoch genug ist. Diese Spezies kennen wir spätestens seit Rostock-Lichtenhagen. Die in dieser Spezies enthaltenen Individuen sind nicht durchweg dumm, aber durchweg von Ängsten getrieben, vor allem von der Xenophobie. Ihnen mangelt es vor allem am rationalen Gegengewicht gegen ihre dumpfen Ressentiments, die aus der Urangst geboren werden. Sie haben Zugriff auf alle rationalen Argumente und die belegbaren Fakten dahinter, aber sie ignorieren diese oder lehnen sie ohne Begründung ab.

Was diese Bürger betrifft, haben wir es also mit einer kollektiven fremdenfeindlichen Angststörung zu tun, die dringend einer umfassenden Therapie bedarf. Der falschestmögliche Ansatz ist es aber, diese Masse einfach für dumm zu halten und dies fortwährend so zu äußern. Denn wer nicht dumm ist, aber ständig für dumm gehalten wird, der wird sich allmählich mit allen anderen, die für dumm gehalten werden, zusammenschließen – gegen die Nichtdummen. Und wenn man die Befindlichkeit dieser Gruppe als Dummheit bezeichnet, dann muss man fragen, woher diese Dummheit denn kommt. Denn – wie es im Rheinischen heißt – „Keiner hat sich selbst gemacht.“ Dummheit und Ignoranz sind erworbene Eigenschaften, die aus einem Mangel an Bildung entstehen. Nur durch Nachhilfe könnte man diese Menschen aus ihrer angenommenen Dummheit ans Licht der Intelligenz führen.

Nicht einfach wegwünschen
Auf eine Stufe mit den Angstgetriebenen stellen sich aber diejenigen, die ihre genetische Xenophobie überwunden haben, wenn sie sich diese Menschen einfach wegwünschen. Nicht einmal der Wunsch, alle Nazis mögen sich verpissen, ist auch nur einen Deut besser als die dumpfe Angst vor dem Fremden. Und wer ernsthaft über einen „Säxit“ fabuliert und die gesamte Bevölkerung von Orten wie Freital und Heidenau aus der Bundesrepublik ausschließen will, redet dummes Zeug, weil er nicht differenziert. Im Sinne von Nachhilfe und Therapie wäre es wesentlich sinnvoller, die aufrechten Bürger, die Anständigen, die Aufgeklärten in den Gemeinden zu stärken, in denen die Rechtsextremen momentan die Deutungshoheit und Straßenmacht übernommen haben. Denn wenn hier Sippenhaft verlangt wird, treibt man die Betroffenen den Rassisten in die Arme.

[Bild aus der Wikimedia]

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6 Kommentare

  1. Stimmt, sehe ich auch so. Der Mensch schaltet sein Gehirn ein. Und merkt: Dieser Wohlstand ist teuer erkauft, der Preis dafür kommt boomeranghaft zurück. Der werte Herr Autor dieses Wiki-Wohlfühltextes möchte das unschöne Ergebnis dieser geplatzen Kinderparty menschlich-emotional Unreifen in die Schuhe schieben. Kann ich verstehen, fühlt sich gut an – und richtig. Aber ich hätte mir einen Text gewünscht – und dem Autor auch zugetraut – der bei sich anfängt. Und seinen Ängsten. Und den vorgeschobenen Ängsten, die wir alle kennen.

    Die „Rechten“ machen doch nur die Drecksarbeit für die reichen Wohlfühlbürger. Die, wenn die „Gib uns was ab“-Welle abgewehrt wurde, wieder einen auf Internationalist und Kultureuropäer machen können.

    Oder kürzer gefasst: Die Ängste sind völlig rational. Was Freizeit-Antikapitalisten natürlich nicht tangiert, solange man ihnen keine Trinkpäckchen in den Vorgarten wirft.

    • Rainer Bartel am

      Na, da hat aber jemand den Text ganz falsch verstanden und unterstellt dem Autor eine Haltung, die diesem aber sowas von fremd ist. Die Ursache der Situation sind ein anderes Thema, das hier auch schon behandelt wurde.

      Blöd nur, dass der Autor weder einen Vorgarten, noch Wohlstand besitzt, der versuchte Schlag am Ende ihn also nicht trifft.

  2. Nochmalig gelesen: Ja, ja! Pardon. Nachdem ich den ganzen Abend – durchaus auch differenziert – über dieses Thema
    diskutiert habe, habe ich dann doch in pawlow’scher Manier den aktuellen Gedankenstrom abgeladen. Kennt man ja von facebook (((-:

    Finde den Beitrag tatsächlich gut. Sorry nochmal. Suche mir dann was anderes, wo ich rumhacken kann…

    • Rainer Bartel am

      Lieber treuer Leser Wilm, du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr mich dein zweiter Kommentar erleichtert. Wobei ich deinen pawlow’schen Reflex sogar nachvollziehen kann.

  3. Ja, da war nach oberflächlichem Lesen der Provokationsreflex mit mir durchgegangen – sehr unseriös.

    Nach tieferem Lesen muss ich feststellen, dass die Gedankengänge Ähnlichkeiten aufweisen: Aus Deinem Artikel lese ich heraus,
    dass es auch für Dich nicht damit getan ist, rechtem Mob (völlig zu Recht) schlechtes Benehmen und fremdenfeindliche Neurosen vorzuwerfen,
    seine eigene Haltung als Leistung zu empfinden und damit eine moralisch überlegene Position einnehmen zu dürfen –
    wie es jetzt die Front der Aufrichtigen mit Genuss tut – sondern das Problem tiefer analysiert werden muss. Ich frage mich nur, wie weit wirtschaftlich orientierte Interessenten,
    und Wohlstandsinteressenten sind wir wohl alle, auch die Aufgeklärten, die aktuelle Entwicklung mit einer gewissen, zynischen Distanz betrachten,
    machen doch die Rechten derzeit eine Öffentlichkeitsarbeit, die in Australien, USA oder Ungarn der Staat für seine „besorgten Bürger“ übernehmen „muss“.

    Dass ich gerade Dir in personalisierter Weise diese Haltung unterstellt habe, ist unhöflich und unbegründet. Vielleicht kannst Du dem allgemeinen Gedankengang aber folgen
    und eine gewisse innere Aufregung über diese „Wirkungswege“, so sie denn so sind, nachvollziehen.

    Mit den besten Grüßen!

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