Meinung · Am 24. Oktober 2020 in Hannover wurde Florian Kastenmeier in der 85. Minute zum Depp des Tages – er haute über eine Rückgabe von Mister Borrello, und die Pille trudelte in seinen Kasten. Für den Ausgangs des Spiels war das Eigentor zum 3:0 für Hannover nicht von Bedeutung, es steht aber geradezu idealtypisch für die Risiken des modernen Torwartspiels; und unser Flo ist einer der typischsten Vertreter dieser Spielweise. Meinte der große Ruud Gullit einst, „Ein Torwart ist Torwart, weil er nicht Fußball spielen kann“, sagte Andy Köpke, der Torwarttrainer der DFB-Auswahl, schon 2010 über den modernen Keeper: „Er muss Fußball spielen können, möglichst mit links und rechts. Er muss ein Spiel lesen können, eine Art Libero spielen, Gegenangriffe einleiten, möglichst Abwürfe haben wie Manuel Neuer, nicht nur den Fünf-, sondern den 16-Meter-Raum beherrschen, eine Persönlichkeit haben und seine Abwehr bis hinein ins Mittelfeld dirigieren können.“ Dieses Anforderungsprofil trifft auf Florian Kastenmeier weitgehend zu. [Lesezeit ca. 6 min]

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Die Rede ist vom „mitspielenden Torhüter“, der über 90 Minuten immer auch als Anspielstation für die Kollegen zu fungieren hat. Wie jedem anderen Spieler unterlaufen aber auch dem Torwart fußballerische Fehler – so wie Flo Kastenmeier in der erwähnten Partie in Hannover. Solche Fehler bei der Ballannahme und auch beim Passspiel stellen das größte Risiko des modernen Tormannspiels dar – nicht das weite Aufrücken, das Verlassen des eigenen Sechzehners oder die sogenannten „Ausflüge“. Dabei begann alles genau mit diesen spektakulären Aktionen einiger Schlussleute.

Hannover vs F95 - Flo Kastenmeier und sein Eigentor (Youtube-Screenshot)

Hannover vs F95 – Flo Kastenmeier und sein Eigentor (Youtube-Screenshot)

„Torhüter und Linksaußen sind alle bekloppt,“ hieß es schon in den Fünfzigerjahren. Als besonders bekloppt galten Keeper, die nicht bloß bestrebt waren, ihren Kasten sauber zu halten, sondern die bisweilen mitspielen wollten. Beim Deutschen Meister von 1966, dem TSV 1860 München, spielte ein solcher Verrückter. Petar Radenković konnte es einfach nicht lassen bei Bedarf (oder wenn ihm gerade danach war) weit aus dem Tor, dem Fünfer und den Sechzehner und manchmal bis an die Mittellinie zu rennen, manchmal mit Ball, meist ohne, aber immer bemüht, den Gegner zu verwirren. Eine spezielle taktische Bedeutung hatte das in aller Regel nicht.

Radenković war kein besonders begnadeter Fußballer und konnte am Ball wenig mehr als dass Ding nach vorne zu dreschen. Aber Torhüter, die ein fußballerisches Talent gerade in Sachen Torschüssen hatten, gab es in der Geschichte einige. Man denke an José Luis Chilavert aus Paraguay, der regelmäßig direkte Freistöße und Elfmeter für seine Mannschaft schoss – und zwar erfolgreich. Oder an Hans Jörg Butt, der in seiner Karriere mehr Strafstöße verwandelte als mancher „richtige“ Fußballer. Auch den Paradiesvogel unter den Tormänner, der schrille Kolumbianer René Higuita, zog es oft aus seinem Gehäuse, wobei er nicht durch Ballbehandlung glänzte als vielmehr durch humorloses Grätschen.

Da lacht der Flo schon wieder - nachdem er zuvor einen Ball voll in die Fresse gekriegt hat (Screenshot Sky)

Da lacht der Flo schon wieder – nachdem er zuvor einen Ball voll in die Fresse gekriegt hat (Screenshot Sky)

Bis weit in die Neunzigerjahre hinein wurden solche Torleute noch mehr belacht als bewundert. Denn eigentlich war das Bild des Keepers in den Köpfen der Fußballfreunde immer noch das des reaktionsschnellen Beherrschers des Fünfmeterraums, die furchtlose Katze. Also Typen wie Lew Jaschin, der Europas Fußballer des Jahres von 1963, der später zum „Fußballer des Jahrhunderts“ gewählt wurde. In Deutschland bewunderte man darum auch Toni Turek und Hans Tilkowski. Diese Sichtweise beeinflusste bis Ende der Achtzigerjahre die Ausbildung der Torleute. In der Regel wurden schon in der D-Jugend die künftigen Torhüter ausgewählt und aus dem Training der Spieler ausgesondert, um sie einer Sonderbehandlung zu unterziehen.

Spätestens Mitte der Neunziger zeigte sich aber, dass viele Keeper, die erst mit 13, 14, 15 Jahren zum Torwart umgeschult waren, Qualitäten mitbrachten, die zur aufkommenden Auffassung vom Fußball passten. Möglicherweise war aber der schon erwähnte Chilavert, der dreimal (1995, 1997 und 1998) zum Welttorhüter des Jahres gewählt wurde, die Figur, die ein Umdenken einleitete. Während der Tormann in früheren Zeiten gelangweilt auf der Linie hin und her tigerte, während seine Kollegen sich vorne abmühten, war der Paraguayer einer, der das Spiel, oft auf dem Elfmeterpunkt stehend, durchgehend beobachtet und gerade gegnerische Konter früh antizipierte und so nicht überrumpelt werden konnte. Auch wenn Oliver Kahn schon mit neun zum Torwart wurde, zeichnete auch ihn vor allem das fußballerische Mitdenken aus – sichtbar im wilden Herausstürmen und körperlichen Attackieren der gegnerischen Stürmer.

Würzburg vs F95: Da schwor sich die Truppe noch ein... (Screenshot Sky)

Würzburg vs F95: Da schwor sich die Truppe noch ein… (Screenshot Sky)

Sowohl Chilavert, als auch Kahn waren die ersten erfolgreichen Tormänner, der überhaupt so etwas wie ein Stellungsspiel entwickelten; und dass nich nur im eigenen Fünfmeterraum. Beiden waren zudem für die Genauigkeit bei weiten Abschlägen oder, im Fall von Kahn, auch Abschlägen berühmt. Der erste Torwart weltweit, der sich aber selbst als Mitspieler verstand und alle Eigenschaften hat, dies auch in die Tat umzusetzen, ist Manuel Neuer. Das Spiel der DFB-Auswahl gegen Algerien bei der WM 2014 wird auf ewig als die Partie zu verstehen sein, in der ein Schlussmann mehr als Libero tätig war denn als Torhüter. Neuer sicherte den Raum hinter der Viererkette ab, lief serienweise Gegner ab und eroberte Bälle durch beherztes Grätschen. Das hatte man so zuvor noch nie gesehen.

Wie Andy Köpke schon forderte: Ein solcher mitspielender Tormann muss nicht nur bestimmte körperliche Fähigkeiten mitbringen, sondern auch als Persönlichkeit ein besonderes Profil aufweisen. Dazu gehört die Grundaggressivität eines Oliver Kahn, das Selbstbewusstsein eines Manuel Neuer und eine außergewöhnliche Teamfähigkeit (die Torhüter früher oft nicht hatten). Und damit sind wir wieder bei Florian Kastenmeier, dem Keeper, den der ehemalige Sportvorstand Lutz Pfannenstiel bei der Zwoten des VfB Stuttgart entdeckt hat. Im März 2019 hatte Pfannenstiel den damaligen F95-Torwarttrainer Claus Reitmeier und den damaligen Chefscout Uwe Klein zum Spiel der Stuttgarter in der Regionalliga gegen den TS Haiger Steinbach geschickt, um sich mal diesen jungen, wilden Keeper anzuschauen, der mit 20 einmal in der U18 des DFB gespielt hatte, beim VfB aber keine Chance in der ersten Mannschaft bekam.

F95 vs R’burg: Flo Kastenmeier

Kastenmeier hielt gut, Reitmeier und Klein waren von Flo überzeugt, selbst als er in der 72. Minute mit einer gelben und in derselben Minute einer gelbroten Karte vom Platz gestellt wurde. Denn die Karten waren Folgen der gewünschten Grundaggressivität, die man sich bei einem modernen Torhüter wünscht. Wie Pfannenstiel sagt, war Flo zunächst nicht einmal als Nummer Zwei hinter Zack Steffen gedacht, sondern sollte langsam aufgebaut werden, besonders im Hinblick auf die Rolle des modernen Torwarts als Regisseur der Abwehr – aber die Dinge entwickelten sich bekanntlich. Nachdem sowohl Steffen, als auch Raphael Wolf verletzt waren, musste Kastenmeier ran. Und hat bis heute seine Aufgabe hervorragend gelöst – besonders jetzt in der Zweitligasaison.

Der Unterschied seiner Spielweise gegenüber seinen eigentlichen Vorgängern im Tor, Michael Rensing und Raphael Wolf, könnte größer kaum sein – gerade gegenüber Rense, der während seiner gesamten Karriere den Typ des altmodischen Keepers verkörperte, der so lange wie möglich in seinem Fünfmeterraum verharrte und bei Ausflügen zu nicht mehr in der Lage war, als das Ei über die Auslinie zu dreschen. Aber auch bei Wolf reicht die Modernität über eine ordentliche Strafraumbeherrschung nicht hinaus. Außerdem ist Kastenmeier rein physisch um einiges robuster als seine Vorgänger. In Sachen Stellungsspiel und Reaktionsgeschwindigkeit kann er dagegen mit den beiden mithalten. Bleibt er von Verletzungen verschont und entwickelt er sich im selben Tempo wie bisher weiter, kann dieser Florian Kastenmeier einer der großen deutschen Torhüter werden.

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