Die ewige Sehnsucht der Fortuna-Fans nach dem Superstürmer

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Der große Vorteil des Internets und der sogenannten „sozialen“ Medien liegt für einen Berichterstatter darin, dass er ohne das Haus verlassen zu müssen, sein Ohr dicht am Fan-Mund haben kann. Das war beispielsweise 1995 anders, als die glorreiche Fortuna den jugoslawischen Wunderstürmer Darko Pančev verpflichtete, der sich beim ewigen Meister Roter Stern Belgrad zum internationalen Star gemausert hatte. Wer wissen wollte, was die Anhänger dachten, musste sich im Rheinstadion durch die Blöcke mogeln und dabei ein offenes Ohr haben oder eine Runde durch die einschlägigen Kneipen unternehmen. Vielleicht wäre damals genau so viel Skepsis zu hören gewesen wie aktuell bei der Vorstellung von Nikola Djurdjic, den man sich beim FC Augsburg ausgeliehen hat. Diese Skepsis hat in Düsseldorf eine lange Tradition und beruht auf der ewigen Sehnsucht der Fortuna-Fans nach dem Superstürmer. Der Beginn dieser Dauerträume lässt sich ziemlich genau festmachen mit dem Wechsel von Pitter Meyer zu den ostholländischen Kleinpferdfreunden im Sommer 1967.

Denn der Pitter, der war in der Tat ein Wunderstürmer und über alles gerechnet der erfolgreichste Knipser, der je das F95 auf der Brust trug. In den drei Spielzeiten vor der erfolgreich absolvierten Aufstiegsrunde 1966 machte der Mann mit dem speziellen Humor 72 Tore in 93 Spielen. Bei BMG schlug er gleich ein und hatte am 15. Spieltag schon 19 Treffer auf dem Konto. Dass ihn eine Verletzung dann für den kurzen Rest seiner Karriere ausbremste, macht die besondere Tragik des Mannes aus, der sonst Vielleich (noch vor Gerd Müller) der Bomber der Nation hätte werden können. Bei den Fortunen aber hat Pitter Meyer als der Mittelstürmer aller Mittelstürmer immer noch einen Platz in den Herzen.

Der nächste Wunderknisper in Rot-Weiß war wieder än ächte Düsseldorfer: Der Gerresheimer Jong Klaus Allofs spielte bis 1981 169 mal für die Fortuna und netzte dabei 71 mal ein. Und sein Bruder Thomas, mit dem er nur eine Saison lang für F95 kickte, löste ihn quasi ab und machte in 113 Spielen immerhin 34 Tore – bevor er dann beim Äff-Zeh aus dem Domdorf in der Saison 1988/89 sogar Bundesligatorschützenkönig wurde. Natürlich sind die Allofs-Brüder heute noch Volkshelden in der schönsten Stadt am Rhein. Dieses Dreigestirn – Meyer, Allofs, Allofs – aber bilden den Kern dieses irrationalen Verlangens der F95-Anhänger nach DEM Stürmer, der es rausreißt, der die Gegner reihenweise abschießt und so die Fortuna ganz nach oben bringt.

Diese Sehnsucht fand auch ihren Weg in die Köpfe der Präsidenten, die den Niedergang der Fortuna nach den erfolgreichen Jahren ab 1987 begleiteten und teils beschleunigten. Symbolisch dafür steht die bereits erwähnte Verpflichtung von Herrn Pančev, der nach einer finanziell eher mageren Zeit in Belgrad und hochdotierten Jahren in Mailand in Düsseldorf noch einmal so richtig absahnen wollte – ohne sich sonderlich anstrengen zu müssen. Bei Fans, die jene Jahre live miterlebten und diesen Spieler dabei ertragen mussten, gilt Pančev immer noch als personifizierte Lustlosigkeit. Diese Verpflichtung als Missverständnis zu interpretieren, ist die freundlichst mögliche Darstellung.

Noch verrückter trieb es der nächste Wunderstürmer, der als ehemaliger Olympia-Goldmedaillen-Gewinner und Fußballer des Jahres der UdSSR sowie diversen Stationen im europäischen Profifußball 1996 bei der Fortuna landete: Igor Dobrowolski. So richtig erfolgreich war er nicht, dafür aber eine bizarre Erscheinung mit großem Hang zur Kö – und zu schönen Frauen, die nicht unbedingt single sein mussten. Legendär sein Auftritte mitten im Sommer im Wolfspelzmantel und seine denkwürdigen Interview, bei denen am Ende Interviewer und Interviewter sich ratlos ansahen, weil beide Seiten vergessen hatten, worüber man gesprochen hatte. Über die Namen „Frank Mill“ und „Marcus Marin“ sei hier mit Rücksicht auf den Blutdruck altgedienter Fortuna-Fans der Mantel des Schweigens gedeckt.

Geht’s auch ne Nummer kleiner?
Kein Wunder also, dass im Internet und den sogenannten „sozialen“ Medien heutzutage in jeder Transferperiode der Wunsch nach dem Knipser laut wird und praktisch immer alle Namen aller gerade verfügbaren Torschützen aus dem In- und Ausland als Wunschspieler genannt werden. Und das unabhängig vom jeweiligen spochtlichen und wirtschaftlichen Zustand der Fortuna. Dabei sind die Rosinen oft größer als die Köpfe in den sie stecken, denn gern wird übersehen, dass der TSV Fortuna Düsseldorf 1895 durchaus nicht der attraktive Verein ist als den ihn seine Liebhaber sehen. Und das nicht nur in sportlicher Hinsicht, sondern eben auch in Bezug auf Vergütung und Karriere. Ein echter Superstürmer wird immer auch überlegen, ob ein Engagement bei F95 seinem Fortkommen nützlich sein könnte. Zumal die Fortuna in den vergangenen 12, 15 Jahren nicht gerade als Karrieresprungbrett bekannt geworden ist.

Opfer dieser Spinnereien sind dann gern die jeweiligen Manager bzw. Sportvorstände. Die – wie im Fall des betagten Herrn Werner – von den Fans erst im Nachhinein begnadigt werden, während man ihnen zu Amtszeiten eigentlich durchgängig die Frage stellt, warum sie diesen oder jenen nicht geholt hätten, der sei doch zu haben gewesen. Dass so extrem und unangenehm viele Fans sich derart äußern, hat auch etwas mit der Digitalisierung zu tun. Immer mehr Anhänger halten sich in Sachen Spielereinkäufe für sachkundig, weil sie sich teils seit Jahren und teils höchst intensiv mit Soccer-Simulationen auf Konsolen und Computern befassen. Dort gilt es ja, tolle Teams durch Kauf zu basteln, also ein optimales Portfolio an Spielern mit unterschiedlichen Fähigkeiten zusammenzustellen, das am Ende eben gewinnt und so mehr Kohle einfährt. Leider läuft’s in der Echtwelt nicht so, weil da der unberechenbare Faktor Mensch mitspielt. In diesen Tagen lernen wir zum Beispiel, dass ein Spieler einen Kollegen während einer Busfahrt verdrischt, weil der sich abfällig über seine Freundin ausgelassen hat (so die Gerüchte). Das beendet die Laufbahn des Kloppers bei seinem angestammten Verein und führt dazu, dass er woanders sein Brötchen erkicken muss. Solche Szenarien kommen in Fifa 16 jedoch nicht vor…

Seien wir Fortuna-Fans doch einfach froh, dass Spieler mit nachweisbarem Potenzial bereit sind, dieses für unsere launische Diva einzusetzen, und hoffen wir doch einfach darauf, dass es klappt. Und seien wir auch solchen Kickern dankbar, die es versucht haben, aber nicht erfolgreich waren – wie aktuell dem netten Herrn van Duinen, der setz bemüht war. Und vielleicht wird ja der gute Herr Djurdjic genau der Superstürmer, von dem wir alle seit ewigen Zeiten träumen.

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3 Kommentare

  1. Für Igor Dobrowolski möchte ich hier eine Lanze brechen: Seine Position war das Mittelfeld und nicht die eines reinen Knipsers. Er hat durchaus große Spiele für die Fortuna geliefert und sich immerhin während der Zeit bei Fortuna zwei Kreuzbandrisse geholt, die ihn in seiner Leistung sicher nicht gefördert haben. Einer dieser Risse war ein böses Foul bei einem Spiel im Südstadion der Kapellenstadt. Gemeinsam mit Sergej Juran (der war eigentlich der Knipser) bildeten sie ein Gespann, dass einen sehr guten Lauf bekam (die Blöd schwärmte bereits vom genialen Duo), bis die Verletzungsmisere begann.

    Pancev hätte wohl im Mittelkreis telefoniert, wenn es damals schon Smartphones gegeben hätte.

    Nicht unerwähnt bleiben sollte auch der Wunderstürmer Kocis, der als Millioneneinkauf (damals der teuertes Einkauf aller Fortuna-Zeiten) nie gespielt hat, soweit ich weiß.

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