Die Jobs der frühen Jahre (3) – Rund um Xerox und den Fotokopierer – Teil 2

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Unser Teamleiter hieß Schmidt, den Vornamen habe ich vergessen. Er war ein echtes Rank-Xerox-Urgestein, der über Jahre im Vertrieb tätig gewesen war, was ihn zum Alkoholiker gemacht hatte. Nun sollte er im stressarmen Sonderjob sein Gnadenbrot fressen. Der kam auf die Idee, dass die Teams sich auf ganz bestimmte Städte spezialisieren sollten. Tatsächlich führte das dazu, dass einige von uns nach einiger Zeit ganze Stadtpläne AUSWENDIG kannten! Rief man Manfred, einen Frankfurt-Spezialisten, zum Beispiel „Heussallee 7“ zu, konnte er die richtige Zellennummer ohne Nachschauen zurückgeben. Diese Inselbegabungen würden uns später noch sehr zugute kommen. Zunächst aber enstanden so Legenden. So wusste jeder unter dem guten Dutzend Taskforce-Mitglieder, dass in Berlin im Europacenter die größte Anzahl Maschinen unter ein und derselben Adresse existierte. Der beschriebene Effekt führte später übrigens dazu, dass einige Hochhäuser in mehrere Zellen aufgeteilt wurden, von denen jede eine gewisse Anzahl Etagen umfasste.

Dank Herrn Schmidt hatten wir im Frühjahr und Frühsommer ein richtige gute Zeit. Er wusste unseren Arbeitseifer und unsere Eigeninitiative zu schätzen, wir genossen den Komfort des Großunternehmens und den wirklich guten Verdienst. Allerdings waren wir wirklich nur ein Jobteam. In dieser Phase des Projekts hatten wir untereinander kaum privaten Kontakt. Deshalb erinnere ich mich auch nur noch sehr vage an die Kolleginnen und Kollegen. Außer an Marion, die mir gefiel und mit der ich viele Pausen verbrachte und quatschte. Bald galten Marion und ich unter den Kollegen als Paar. Und das obwohl wir das noch lange nicht waren. Schließlich steckten wir beide damals in mehr oder weniger festen Beziehungen. Aber was hieß das in den libertären Spätsiebzigern schon? Damals wurde fröhlich querbeet gebumst, und ein Fick mit einer fremden Person galt nicht viel.

Heute heißt es dann ja immer, es sei die Zeit vor Aids gewesen, da hätten die Menschen beim Sex noch keine Angst verspürt. Das ist sicher der eine Grund für das unbeschwerte Durcheinander (das natürlich vor allem durch den allfälligen Gebrauch von Verhütungsmitteln, insbesondere der Pille, möglich wurde – Kerle lehnten damals jede Verantwortung für eine ungewollte Schwangerschaft ab mit der Begründung, die Frau hätte ja einfach die Pille nehmen können; Damen, die diese nicht vertrugen oder sie aus gesundheitlichen Gründen nicht nehmen wollten, waren deshalb sexuell wenig attraktiv). In der Zeit vor Porno und Aids war Sex in den meisten Fällen eine schöne Sache, die Frauen und Männer gleichermaßen genossen. Und – wie gesagt – so ein gemeinsames Vergnügen wurde meist weder als Fehltritt oder als Seitensprung gesehen und hatte oft für die Beteiligten keine Auswirkungen. Für uns Menschen Mitte Zwanzig bedeutete das aber auch, dass mehrmaliges Miteinanderschlafen noch lange nicht den Beginn einer Beziehung bedeutete. Man sah das lockerer. Und hoffentlich sahen das beide Beteiligten einer Noch-nicht-Beziehung so. Im Jahr dieses tollen Jobs, der vom Frühjahr bis in den Winter hinein lief, wurde ich 27 Jahre alt. Marion war drei oder vier Jahre jünger. Kaum kleiner als ich, wohlgeformt mit dunklen, glatten Haaren und einer beeindruckenden Mimik. Vielleicht war es ihr winzig kleiner Sprachfehler, der mich zu ihr hinzog. Der Vokal A hörte sich bei ihr immer ein wenig wie ein O an. Sie sagte „Hoab gut geschloofen“, zum Beispiel.

Reisezeiten – quer durch die Republik

Klar dass wir beide im selben Team sein wollten – erst recht als unsere Reisezeit begann. Wir würden nun in kleinen Gruppen in den jeweiligen Rank-Xerox-Geschäftsstellen einfallen und uns von dort aus auf die Suche nach falsch zugeordneten oder gar verschwundenen Kopierern machen, um die dann ordentlich ihrer Zelle zuzuordnen. Weil ja unsere Teams schon bei der Arbeit an den Stadtplänen zu Spezialisten geworden waren, blieben die auch unterwegs gleich. Spätestens jetzt begann der Traumjob: Wir reisten entweder mit Dienstwagen, in der ersten Klasse im Zug oder per Flugzeug. So kam es auch, dass wir mit einer 16-sitzigen Turboprop nach Konstanz fliegen sollten. Nach einer Stunde Flugzeit fiel mir auf, dass an meiner Seite unten der immergleiche Fabrikschornstein zu sehen war. Dann drehte sich der Co-Pilot auf seinem Sitz um, steckte den Kopf durch den Zugang zum Cockpit und sagte: „Tja, Nebel in Friedrichshafen. Wir müssen außerplanmäßig in Ravensburg zwischenlanden. Machen Sie sich keine Sorgen, die Landebahn ist ein wenig zu kurz für uns, aber wir kriegen das hin.“ Tatsächlich brachten uns die Höllenflieger mit einer rasanten Sturzfluglandung sicher zu Boden, und zwar auf den Privatflugplatz der Fürsten zu Sayn-Wittgenstein oder eines ähnlichen Adelsgeschlechts. Wir rollten zur Baracke. Alle stiegen aus. Dann las der Pilot einen Zettel an der Wand des Gebäudes und lachte laut: „Ich soll eine bestimmte Nummer anrufen, dann käme der Hausmeister.“ Nach einer Stunde starteten wir wieder. Am Ende der Bahn, knapp außerhalb des eingezäunten Flugplatzes verlief quer eine stark befahrene Straße. Just als wir die nach dem Start überquerten, sah ich einen Bus, und ich schwöre, dessen Dach war nur ein paar Meter von unserem Fahrwerk entfernt.

Das Dollste an den Reisejobs waren die Zuschläge und die Spesen. Wir bekamen dermaßen viel Verpflegungsgeld, dass wir eigentlich immer fürstlich speisten – nicht selten ließen wir fette Steaks aufs Hotelzimmer bringen, wo wir dann gemeinsam tafelten und soffen. Ich erinnere mich nicht mehr an alle Stationen, aber Braunschweig, Freiburg und Ludwigshafen sind mit fest im Gedächtnis geblieben. Meist reisten wir montags an, um am Donnerstag wieder nachhause zu kommen. Braunschweig war bereits das vierte oder fünfte Ziel. Wir fielen in der Geschäftsstelle ein, machten die Kollegen völlig konfus und zogen nach Feierabend durch Braunschweig. Montagabend in Braunschweig im Jahr 1979… Ja, es gab eine Straßenbeleuchtung. Ja, es gab auch Kneipen. Aber als wir nach dem Essen in einem Balkanrestaurant auf die Suche nach einer Wirtschaft durch die tote City tapperten, war es schon nach zehn, und alles war geschlossen.

In Freiburg wohnten wir in einem wunderschönen Hotel hoch über der Stadt. Es gab eine Sauna und ein Schwimmbad, und weil wir beinahe die einzige Gäste waren, hatten wir den Nassbereich für uns allein. In Ludwigshafen waren wir dann im November. An meinem Geburtstag lud Herr Schmidt uns zum Essen ein. Wir alle tranken ziemlich viel, und obwohl es recht kalt war, tanzten wir durch die Nacht zum Hotel, Mäntel und Jacken durch die Luft wirbelnd.

Die Nachwehen

Dann endete die Deutschlandtournee. Herr Schmidt hatte erkannt, dass Marion und ich nicht nur verliebt waren, sondern auf bestem Weg, ein Paar zu werden. Er war es, der uns die Flause einer gemeinsamen Zukunft in die Köpfe setzte. Damals begann Rank Xerox in den großen Städten Copyshops zu eröffnen, damit auch Normalmenschen ohne Zugang zu einem Bürokopierer ihre Dokumente vervielfältigen konnten. Die Firma suchte dazu Betreiber, also Leute, die solche Läden führen wollten – entweder als Angestellte oder als Franchise-Nehmer. Er könne, sagte er uns, was dafür tun, dass wir den Laden in Neuss übernehmen könnten. Ich malte mir eine gemeinsame Zukunft mit dieser Frau aus, auch eine Lösung aus meiner unklaren Berufszukunft, denn mit nur einem abgeschlossenen Fach stand ich praktisch ohne Abschluss da.

Man hatte die Truppe halbiert, und wir Übriggebliebenen fuhren wieder Tag für Tag zur Wiesenstraße und vollendeten das Werk, indem wir die Ergebnisse der Vorortrecherchen in die Formulare eingaben, die dann abgelocht wurden und so in die EDV eingingen. Das war öde und deprimierend nach der tollen Reisezeit. Viele Mittagspausen verbrachten Marion und ich gemeinsam in ihrer Wohnung. Da wir aber beide noch unsicher war, was unsere jeweilige Beziehung anging, verhielten wir uns unauffällig und gingen nie ohne Kollegen abends aus. Aber bald stellten wir beide fest, dass unsere Partner doch die besser zu uns passenden Menschen waren. Dann endete der Job bei Rank Xerox. Wir sahen uns noch ein-, zweimal. Dann telefonierten wir noch ein paar Mal. Und dann verloren wir uns aus den Augen.

Übrigens: Die goldene Ära der Copyshops dauerte von etwa 1980 bis Mitte der Neunzigerjahre. Xerox aber zog sich schon nach kaum zehn Jahren wieder aus diesem Geschäft zurück, weil die freien Kopierläden mit ihrer breiten Auswahl an Maschinen und Dienstleistungen den auf Xerox-Maschinen und das Kopieren beschränkten Shops weit überlegen waren. Die meisten Xerox-Shops wurden geschlossen, einige wurden von den Franchise-Nehmern übernommen und existieren noch heute.

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