Das sportliche Hauptereignis jedes Jahr war das Schulsportfest im Rheinstadion, an dem Mannschaften aller Düsseldorfer Oberschulen teilnahmen. Ja, damals nannte man die weiterführenden Schulen noch „Oberschulen“, auch wenn die meisten dieser Institute den Begriff Gymnasium im Namen führten. Und wir reden natürlich nur von Jungen-Gymnasien! Denn die heiß diskutierte Koedukation wurde erst zu Beginn der Siebzigerjahre flächendeckend eingeführt. In meiner Alma Mater, dem Leibniz-Gymnasium, begann sie mit einem winzigen Schritt: Plötzlich gab es zum Beginn des Schuljahrs eine Mädchentoilette. Und dann sahen wir sie, die sechs oder sieben Schülerinnen, die den Aufbauzweig unserer Schule besuchten. Das muss im Sommer 1970 oder 1971 gewesen sein. Bis dahin gab’s bei uns und woanders nur Jungs und männliche Lehrer. Ja, zwischendurch hatten wir mal eine Referendarin, eine pferdgesichtige Frau aus reichem Hause, die in einem wahnwitzigen weißen BMW CS vorfuhr. Die meisten waren eher in das Auto als in die Referendarin verliebt.

Alles Jungs

Also: Alles Jungs. Weil man aber nach dem zweiten Weltkrieg auf den Abbau von Eliten gesetzt hatte, gab es wesentlich mehr höhere Lehranstalten als zuvor. Auch das Leibniz-Gymnasium entstand aus einem Realgymnasium, der Oberschule zweiter Klasse. Denn richtig Gymnasien waren humanistische Gymnasien, an denen Latein und Altgriechisch Pflichtfächer waren. Wer zu den nicht ganz so hohen Ständen gehörte, besuchte eben eine Realschule und machte dort das „Einjährige“. Während den Absolventen der Gymnasien die Offizierslaufbahn offenstand, qualifizierte die so genannte „mittlere Reife“ zum verkürzten Wehrdienst und möglicher Beförderung in die Unteroffizierslaufbahn. Das alles hatte sich im Sprachgebrauch der Sechzigerjahre noch erhalten, und man sprach auch noch vom „Reifezeugnis“, das beim Abitur verliehen wurde.

Tatsächlich war auch ungefähr die Hälfte des Lehrkörpers aus der Vorkriegszeit übriggeblieben. Pauker der Jahrgänge 1933 danach galten als Junglehrer und führten sich auch so auf: reformwillig, streitbar, eigensinnig. Unter den älteren Lehrern gab es vereinzelt noch waschechte Nazis, die ihre Altgesinnung kaum verbargen. Auf dem Leibniz zum Beispiel den Herrn P., der im Erdkundeunterricht predigte, dass die Apartheid in Südafrika prima sei und Vorbild für die ganze Welt werden könne. Da fiel mein zwischenzeitlicher Klassenlehrer, der Herr Müller, durchs Raster. Er zählte zur jungen Lehrergeneration, war aber nicht nur NPD-Mitglied, sondern Kandidat der Partei bei verschiedenen Wahlen. Wir befanden uns durchgehend im Widerstand gegen ihn und boykottierten seinen Geschichtsunterricht.

Die Farben meiner Schule

Wie das an den anderen Düsseldorfer Oberschulen aussah, weiß ich nicht. Dass wir aber mit allen anderen Gymnasien im Wettstreit standen, das stand fest. Und zwar vor allem auf sportlichem Gebiet. Tatsächlich trug man beim Sport die Farben seiner Schule mit Stolz. Und die Anschaffung von Sportkleidung in diesen Farben war obligatorisch – Zuwiderhandlungen wurden geahndet. Das Leibniz-Gymnasium trug Schwarz und Gold. Schwarze Turnhosen waren leicht zu kriegen, aber bei den Turnhemden (ärmellose Leibchen à la Spießerfeinripp…) wurde es eng. Nur der legendäre Sportartikelladen auf der Duisburger Straße hatte sie in der offiziellen Leibniz-Farbe vorrätig.

Irgendwann kam der Sohn eines schwäbischen oder badischen Textilfabrikanten in unsere Klasse, und der Vater kündigte bald an, alle Kameraden seines Sohnes kostenlos mit passenden Leibniz-Leibchen auszustatten. Leider traf er die richtige Farbe nicht, und so durften wir mit Ausnahmegenehmigung in – sagen wir mal – dunkelgelben Hemden antreten. Mein echt goldenes Turnhemd habe ich noch gut zwanzig Jahre lang in Ehren gehalten und im Sommer angezogen – bis es irgendwann zu Staub zerfiel.

Natürlich wurden alle Schüler der Unter- und Mittelstufe zum Besuch des Schulsportfestes zwangsverpflichtet. Und so füllten bis zu 20.000 Düsseldorfer Schüler die alte Schüssel, um die Teilnehmer der eigenen Schule lautstark anzufeuern. Königsdisziplinen waren die Staffelläufe, von denen es gut ein Dutzend gab, also nicht bloß 4×100 und 4×400, sondern auch Langstreckenstaffeln wie 3×1000 und so weiter. Im Rheinstadion kannten wir uns bestens aus, weil dort ein Teil der Leibeserziehung stattfand – auch das ein Begriff, der in den Sechzigern gang und gäbe war. Bei uns hieß das „Sport II“, was bedeutete, dass wir uns nachmittags – ich glaube um halb drei – im Rheinstadion einzufinden hatten, um dort unter Anleitung der Sportlehrer Leichtathletik zu betreiben. Ich erinnere mich an drei Sportlehrer am Leibniz: Herr Ries, der auch Erdkunde gab, Herr Rönnberg, ein echter Sportfex, und Herr Brouwers, eine coole Type, den alle bewunderten.

Handball war wichtig

Viel wichtiger aber als das Schulsportfest waren die Turniere in den Mannschaftssportarten – allen voran dem Hallenhandball. Zwischen 1963 und 1971 waren die Endspiele im Handball absolute Highlights des Schuljahrs. Leibniz war privilegiert, weil Rönnberg ein großer Freund des modernen Handballs war. Ich selbst spielte Handball auch außerhalb der Schule in verschiedenen Vereinen. Dabei handelte es sich aber meist um Feldhandball, das auf dem großen Fußballrasen nach alten Regeln gespielt wurde. Oder um Partien auf dem Kleinfeld. Entweder auf Rasen oder auf Beton oder Asphalt. Am Rather Waldstadion gab es einen solchen Hartplatz, den ich als Torwart natürlich hasste. Dass Hallenhandball immer mehr angesagt war, hing auch mit der wachsenden Zahl an Sporthallen an den Schulen zusammen. So bekam das Leibniz Anfang der Sechzigerjahre zur Jülicher Straße hin einen großen Neubau: Über der Pausenhalle war die Sporthalle untergebracht und darüber die Aula – Ort legendärer Schulfeste…

Unser Gymnasium war jahrelang führend im Handball und in ständiger Konkurrenz mit dem Rethel-Gymnasium (heute: Heinrich-Heine-Gesamtschule). Die Endspiele waren gesellschaftliche Ereignisse, und in der folgenden Woche wurde an den beteiligten Schulen intensiv über die Partie diskutiert. Leider war das Rethel aber deutlich cooler als das Leibniz, was vor allem damit zusammenhing, dass es dort zwei Schülerbands gab, die eine wichtige Rolle in der Düsseldorfer Beatmusik spielten. Der Sänger der einen war gleichzeitig Käpt’n der Handballmannschaft – ein großer gutaussehender Kerl mit einem brutal harten Wurf. Der Titel des „Stadtmeisters“ wechselte in diesen Jahren häufig zwischen uns und denen. Und ich kann mich nicht daran erinnern, dass irgendeines der anderen Gymnasien beim Handball irgendeine Rolle gespielt hätte.

Apropos: Jedes Jungen-Gymnasium hatte sein spezielles Image. So galt das Görres an der Kö (wie das Mädchen-Pendant „Luisen“ schräg gegenüber) als Bonzenschule. Für modern hielt man vor allem das Humboldt- das Max-Plank- und das Geschwister-Scholl-Gymnasium. Am Comenius waren die hochnäsigen Oberkasseler, vom Fliedner in Kaiserswerth ganz zu schweigen. Das Lessing-Gymnasium an der Ellerstraße war dagegen voll proll und deshalb einen Hauch gefährlich, während man das neue Gymnasium an der Koblenzer Straße (das oft die Staffeln gewann) nicht ganz ernstnahm. Unerwartet hip kam das Benrather Schloss-Gymnasium daher; das Gymnasium Gerresheim spielte in einer Liga mit dem Lessing. Und völlig außerhalb der Wahrnehmung war das Aufbaugymnasium, wo die Schlauen mit Mittlerer Reife das Abitur erringen konnten. Auf Goethe waren die Schöngeister, denen man eher bei Theaterwettbewerben begegnete.

Legendäre Schulfeste

Es waren die neuen, die jungen Lehrer, die uns halfen, Schulfeste zu organisieren. Das hatte in den Fünfzigern noch nicht gegeben. Aber mit der wachsenden Eigenständigkeit der Jugendkultur ab der Rock’n’Roll-Zeit stieg der Bedarf an Feten. Als dann die Beatmusik ab etwa 1964 alle jungen Menschen erfasste, brauchte man Orte und Gelegenheiten, diese Musik zu hören und dazu zu tanzen. Wobei etwa gleichzeitig auch die erste Hochphase der Bandgründungen einsetzte; jedes Gymnasium hatte nun mindestens eine eigene Beatgruppe. Wobei manche dieser frühen Bands schnell einen semiprofessionellen Status bekamen. Und dann gab es die Kapellen, die keiner Schule zuzuordnen waren, aber rasch zu Stars in der Stadt aufstiegen – allen voran die Beathovens mit Wolfgang Flür am Schlagzeug und später die Spirits of Sound mit starkem Bezug zum Rethel-Gymnasium.

Und dann war da noch Harkiri Whoom! von Marius Müller-Westernhagen mit Bodo Staiger an der Gitarre, Allen Warren an den Drums und Patty, dem Sohn des belgischen Generalkonsuls, am Bass. Eine dieser Bands zu verpflichten, gehörte zu den Kernaufgaben des jeweiligen Festkomitees. Und so kam es zu Schulfeten, die sich tief ins Gedächtnis der Beteiligten gegraben haben. Natürlich besuchte man auch die Feste der Konkurrenz. Gerade im Herbst und Winter konnte man an jedem Wochenende an irgendeiner Oberschule feiern gehen. Und natürlich herrschte auch auf diesem Feld ein scharfer Wettbewerb zwischen den Gymnasien. Wichtig neben der Bandauswahl: Wo gingen die schärfsten Bräute hin? Leider muss man sagen, dass das Rethel in dieser Disziplin die Nase meist vorn hatte.

Aber im Winter 1969/70 holte sich das Fliedner die Siegespalme. Es begann mit einem skurrilen Auftritt von Harakiri, vermutlich dem letzten der Band. Die Jungs begannen oben auf der Bühne mit einer atonalen Kakophonie, bei der sich alle die Uhren zuhielten. dann öffnete sich die Eingangstür, und Marius, der schmale Hering, schritt in einen gewaltigen Pelzmantel gehüllt durch die Menge zur Bühne. Und dann rockten die Herren was das Zeig hielt. Die Mehrheit der Anwesenden war bekifft, betrunken oder beides, und mancher hatte auch andere Rauschmittel intus. Jedenfalls drangen ein paar Testosteronbömbchen in die Nebenräume ein, schleppten die dort anwesenden Feuerlöscher an, um anschließend die Aula unter Schaum zu setzen. Man sagt, dies sei das letzte Schulfest am Fliedner jener Ära gewesen.

Bleibt noch eine kleine Erinnerung an ein Schulfest am Leibniz im August 1967. Es spielten die Beathovens. Gleichzeitig trat die glorreiche Fortuna zum ersten Spiel nach dem Aufstieg in der Bundesliga gegen Borussia Dortmund an. Als der 2:1-Sieg für F95 feststand, wurde die Musik unterbrochen und das Ergebnis bekanntgegeben. Jubel brach aus, und die Massen strömten aus der Aula auf die Straße Richtung Altstadt, um das Ereignis zu feiern.

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4 Kommentare

  1. Ali Brouwers kenne ich auch noch, obwohl ich 1994 am Humboldt Abi gemacht habe. Die gute Nachricht ist, er ist immer noch aktiv: als Trainer im Düsseldorfer Hafen für die jungen Ruderer

  2. Also: die Harakiri Whoom hatten ihren ersten Auftritt im Comenius Gymnasium, das damals in der Presse als linke Kaderschmiede galt. Ich selber habe sie gemanagt. Wir haben bei Patty in Meerbusch geprobt und es sogar zu Auftritten bis in den Golfclub Ratingen geschafft. Die Schnösel aus Oberkassel waren da schon längst in den Marsch der Revolutionen integriert. (ouphs , wo ist hier der smiley?) Aber, liebe Leibnitzer, ihr galt als recht verschnarcht oder tue ich euch da Unrecht?

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