Ob man den Mann mit der sehr dicken Brille wirklich Düsseldorf zuschlagen kann, ist eher fraglich. Wohl wurde er hier geboren und besuchte die Oberrealschule am Fürstenwall, aber zum Erfolgsautor der Nazizeit wurde erst nach seinem Umzug nach Berlin. Auf sein Konto gehen die herrliche Pennälerklamotte „Die Feuerzangenbowle“ und der satirische Roman „Der Maulkorb“. Ob er sich bei ersterem auf seine eigene Schulzeit bezog, ist ungeklärt. Die Schote mit dem Maulkorb am Denkmal des Herrschers aber könnte sich so in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg in Düsseldorf abgespielt haben.

Wobei: Natürlich hat ihm der Düsseldorfer Verleger Heinrich Droste den Weg zum Erfolg geebnet, indem er Spoerls „Lausbüberei in der Kleinstadt“ zum ersten Titel seines 1933 gegründeten Buchverlags machte. Bis dahin war Heinrich Spoerl aber schon aktiver Feuilletonist bei der legendären Düsseldorfer Tageszeitung „Der Mittag“ und später beim Düsseldorfer Stadt-Anzeiger. Im Mittag war die erste Version der Feuerzangenbowle unter gewaltiger Begeisterung der Leserschaft als Fortsetzungsroman erschienen.

Heinrich Spoerl (Foto: Stadtarchiv Düsseldorf)

Heinrich Spoerl (Foto: Stadtarchiv Düsseldorf)

Von Hause aus war Spoerl studierter Jurist, der diesen Beruf auch einige Jahre ausgesprochen lustlos ausführte, denn er wollte immer nur eines: Schreiben. Dabei ging es ihm fraglos um Unterhaltung. Ob und wie er den turbulenten Jahren zwischen 1919 und 1933 politisch gepolt war, ist unbekannt. Man kann vermuten, dass er insgesamt eher unpolitisch war. Wir neigen heutzutage ja dazu, allen Zeitgenossen, die während des NSDAP-Regimes nicht irgendwie im Widerstand waren, zu Mitläufern zu erklären. Bei Künstlern, deren einzige Leidenschaft der Beruf war, ist das oft unangemessen – man denke nur an Gustaf Gründgens, dessen Kollaboration mit den Nazis im Film „Mephisto“ in seiner Vielschichtigkeit gezeigt wurde.

Die Feuerzangenbowle (Screenshot)

Die Feuerzangenbowle (Screenshot)

Man denke außerdem an Heinz Rühmann, der ganz ohne Frage massiv von den Führenden der NSDAP gefördert und geschützt wurde, aber vom Publikum nicht als Propagandist der Nazis gesehen wurde. Gemeinsam mit ebendiesem Rühmann schrieb Spoerl das Drehbuch für die legendäre Feuerzangenbowlen-Verfilmung von 1944, bei der beide auch während der Dreharbeiten eng miteinander kooperierten. Überhaupt wandte sich der Bestsellerautor der Dreißigerjahre immer mehr dem Film zu. Auch sein Roman „Der Gasmann“ war schon 1941 mit Rühmann in der Hauptrolle verfilm worden und manifestierte das Bild von Rühmann als dem „kleinen Mann“. „Der Maulkorb“ wurde gleich mehrfach verfilmt: erstmals 1938, dann noch einmal 1958, außerdem gibt es drei TV-Verfilmungen. Auch „Wenn wir alle Engel wären“ war ein Riesenerfolg in den Kinos.

Endlich konnte sich Spoerl ganz aufs Schreiben konzentrieren, gab seine Kanzlei auf und zog 1937 ins Zentrum der deutschen Filmindustrie nach Berlin. Als der Krieg sich näherte, ging er 1941 mit der Familie nach Rottach-Egern, wo er 1955 starb. Den Hang zu Bayern dürfte er vom Vater geerbt haben, denn der war in den 1880er-Jahren aus Hof in Oberfranken ins boomende Düsseldorf gezogen und hatte eine Unternehmen für papierverarbeitende Maschinen gegründet. 1905 ließ er eine Fabrik an der Tussmannstraße in Pempelfort bauen, in deren Räumen heute das gemütliche Restaurant „Spoerl Fabrik“ residiert. Über Sohn Alexander Spoerl, der ebenfalls Schreiber wurde, ist noch zu reden.

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