Düsseldorfer Gesichter (9): Anatol Herzfeld – Polizist, Verkehrskasper, Bildhauer, Arbeiter

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Am Freitag kommt der Verkehrskasper, sagt Frau Lehmann. Nicht nur wir aus der 4. Klasse der Volksschule an der Lennéstraße freuen uns drauf. Und dann steht das kleine Theater vor der Bühne im Singsaal. Es geht los, und der Verkehrskasper kämpft mit freundlicher Unterstützung des Schutzmanns gegen den Verkehrsteufel. Dann tritt ein großer Mann in Polizeiuniform hervor und fragt mit lauter Stimme: Und, alles verstanden? Soll ich mal abfragen? Selten als Kind eine solch respekteinflößende Person erlebt. Und dieser Verkehrskasper ist Karl-Heinz Herzfeld, der sich als Künstler Anatol nennt und parallel zu seinem Dienst bei Joseph Beuys Kunst studieren wird.

Kunstakademie, Siebzigerjahre

Die Sekretariatsbesetzung: Demokratie ist lustig (Postkarte)

Die Sekretariatsbesetzung: Demokratie ist lustig (Postkarte)

Eher zufällig hat es mich an die Düsseldorfer Kunstakademie verschlagen. An meinem ersten Tag im beeindruckenden Gebäude läuft die Besetzung des Sekretariats durch die von Joseph Beuys angenommenen Studenten, die der zuständige Minister Johannes Rau nicht immatrikulieren lassen will. In der Menge der Zuschauer derselbe große Kerl, in Schaffellwest und mit einem breitkrempigen, schwarzen Hut. Es ist Anatol, der Beuys glühend verehrt, aber als Beamter nicht mit dabei sein kann.

Wochen später: Im Gang im Erdgeschoss vor den Räumen der Beuys-Klasse steht allerlei Zeug herum. An der Wand ein durchgesessenes Sofa, gegenüber auf einem wackligen Regal ein altmodisches Radio, es läuft Rock’n’Roll der Fünfziger. Eine Traube Studenten haben sich rund um Beuys versammelt, der eine heftige Diskussion führt – dabei nicht nur Jörg Immendorff, sondern auch Anatol. Der übertönt die Musik und die anderen mit Leichtigkeit: Weißt du, was eine Plastik ist, Beuys? Das ist eine Plastik! Er zerquetscht eine große, rohe(?) Kartoffel mit einer seiner riesigen Pranken wie Raimund Harmsdorf im Seewolf.

Die Heimholung des Joseph Beuys

Die Heimholung des Joseph Beuys (Foto: Brigitte Hellgoth)

Die Heimholung des Joseph Beuys (Foto: Brigitte Hellgoth)

Oktober 1973: Rau hat Beuys als Professor entlassen, ein jahrelanger Prozess hat begonnen, und die Beuys-Klasse, die weiter besteht, arbeitet einfach weiter. Zusammen mit Schülern dieser Klasse hat Anatol aus einem acht Meter langen Stamm einen waschechten Einbaum geschnitzt und blau bemalt. Das Blaue Wunder nennt er das Gefährt, und am 20. holen sie Beuys damit am Oberkasseler Rheinufer ab und bringen ihn zurück zur Kunstakademie – die Heimholung des Joseph Beuys.

Im Januar 1986 stirbt Joseph Beuys. Anatol ist nach der Demilitarisierung des Gebietes an der Erft bei Kapellen auf die Insel Hombroich gezogen, wo er sich ein Haus im Stil ostpreußischer Bauernkotten hat bauen lassen. Immer noch im Polizeidienst arbeitet er hier unermüdlich an seinen Skulpturen – oft aus riesigen Findlingen gehauen oder aus starken Baumstämmen geschlagen. Jahre später entsteht sein Denkmal zu Ehren des geliebten Lehrers, und ein Streit darum beginnt, wo das 12-Tonnen-Stück aufgestellt werden soll. Man findet einen unverfänglichen Platz auf dem linken Rheindeich bei Büderich, direkt an der Stadtgrenze zu Düsseldorf.

Kunst = Arbeit, Arbeit = Kunst

Anatols Beuys-Denkmal auf dem Büdericher Rheindeich

Anatols Beuys-Denkmal auf dem Büdericher Rheindeich

Anatol Herzig ist Ostpreuße, wie er es ausdrückt: überzeugter Christ und seit Jahrzehnten CDU-Mitglied. Mit dem Düsseldorfer CDU-MdB Wolfgang Schulhoff (einem weiteren Kandidaten für die Reihe „Düsseldorfer Gesichter) ist er eng befreundet; Schulhoff wird auch durch Anatols Einfluss zum Freund und Förderer der Kunst in der Stadt. Anatol, gelernter Hufschmied, bleibt bis zur Pensionierung Polizist. Sein Credo: Alles ist von der Kunst unterwandert, sie lauert überall. Skulpturen zu schaffen, ist für ihn Arbeit, also: echte Arbeit:

ARBEITSZEIT // Schaut ein Mensch auf einen arbeitenden Menschen, tut er dieses / gezielt und bewußt, so nimmt er einen tiefen Kontakt auf. / Er wird zum Mitarbeiter // zum Mitmenschen // er ist gefangen. // Warum verstecken sich viele Former (Künstler), sind sie wie / Zauberer? Ich meine nicht den guten, wichtigen Zauberer des / frühen Menschen, nein, die späteren, die uns immer so schöne / Stunden des Einlullens schenken! Zeigt Euch mal, kommt heraus / aus den Deuterbuden! // Ist es nicht eine Gemeinheit an dem heutigen, oft verplanten / Menschen, ihm das Bilderlebnis einer entstehenden Form, gleich / welcher Art, vorzuenthalten. // Bei mir darf jeder Mensch dabeisein, ja, sogar anfassen. / Wer gut zeichnen kann, kann und darf auch Zeichen geben. // Arbeit ist Kunst // Kunst ist Arbeit // Das sind die kleinen Gedanken zur Arbeitszeit. // Düsseldorf, den 16. 2. 1972 [Documenta 5, 1972, Katalog]

Diesen Kunstbegriff, der natürlich massiv durch Beuys beeinflusst ist, hat Anatol danach immer wieder erweitert. So rechnet er Gespräche mit Besuchern von Ausstellungen oder seines Domizils auf der Insel Hombroich ebenso zur künstlerischen Arbeit wie seinen Polizeidienst. Das Erzählen gehört dazu und das Formen. Wo Joseph Beuys eher Theoretiker war, da ist Anatol Praktiker.

[Fotos: Heimholung – Brigitte Hellgoth; Beuys-Denkmal – www.gut-engagiert.de]

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