Lesestück · Schach erlebt derzeit einen unerwarteten globalen Boom. Unter anderem befeuert von der kontinuierlichen Berichterstattung über die Begegnungen der Großmeister, die es so lange Jahre nicht gab, und befördert durch die grandiose Netflix-TV-Serie „Das Damengambit“ haben Millionen Menschen das königliche Spiel während der Corona-Pandemie als Freizeitbeschäftigung für sich (wieder)entdeckt. Waren Online-Plattformen wie Chess.com und Lichess jahrelang etwas für Enthusiasten, tummeln sich dort täglich Hunderttausende in freien Partien und Turnieren; die YouTube-Kanäle von Großmeistern und Schachexpert*innen erreichen ebenfalls Follower im sechs- und siebenstelligen Bereich. Dass unsere schöne Stadt über lange Zeit eine deutsche Schachhochburg war und vor etwas 160 Jahren entscheidend am Übergang zwischen Schachspiel und Schachsport mitgewirkt hat, wissen aber nur wenige Düsseldorfer*innen. [Lesezeit ca. 4 min]

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Mein Vater hatte Schachfiguren aus Bakelit aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft mitgebracht und brachte mir das Spiel bei; nicht ohne klarzustellen, dass es sich dabei um etwas anderes handelt als Halma oder Mensch-ärgere-dich-nicht, dass Schach eine ernsthafte Sache ist, die ernsthaft zu betreiben sei. Im Alter von sieben oder acht Jahren begann es, und mit elf oder zwölf gewann ich die erste Partie gegen ihn. Danach war ich immer auf der Suche nach Gegner. Die fand ich ab 1971 in der Kunstakademie; in der Hüppi-Klasse war immer ein Brett aufgebaut, und ich fand dort immer jemanden für ein Spielchen.

Großmeister Jan Timman spielt für den DSK 14/25 in der zweiten Schachbundesliga (Foto via Wikimedia)

Großmeister Jan Timman spielt für den DSK 14/25 in der zweiten Schachbundesliga (Foto via Wikimedia)

Schließlich trat ich 1974 dem damals kleinsten Schachverein Düsseldorf bei: den Schachfreunden Caissa von 1955, benannt nach der 1763 von William Jones erfundenen Schachgöttin. Acht bis zehn der Mitglieder trafen sich Donnerstagabends im Haus Peter an der Oberkasseler Straße im Hinterzimmer zum Üben – wie damals üblich im dichten Zigarettenqualm. Dabei wurde wöchentlich ausgekegelt, wer am Wochenende an welchem Brett für den Club antreten sollte. Meistens schaffte ich es ans achte Brett und verbrachte viele Sonntagmorgen in miefigen Kneipen, ungeheizten Gemeinderäumen oder Turnhallen bei Partien gegen mir unbekannte Gegner. Dabei führte ich natürlich brav meine Partienhefte – einige davon besitze ich noch heute. Schach war ein wichtiger Teil meines Lebens.

Schachfreunde Caissa – Düsseldorfs kleinster Schachclub

Wenn mich der Ehrgeiz trieb, besuchte ich die offenen Abende der DSG Rochade in einer weiträumigen Gastwirtschaft an der Haroldstraße. Da wurde nicht selten an zwanzig oder mehr Brettern gespielt; wer selbst nicht dran war, machte den Kibitz an einem der Tische. Die richtig guten Spieler traten regelmäßig in Simultanpartien an, bei denen manchmal mehr als hundert Zuschauer das Geschehen verfolgten. Düsseldorf zählte in den ersten Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg mit insgesamt drei Vereinen zu den führenden Standorten im deutschen Schachsport; die SG Düsseldorf gewann 1955 und 1960 die deutsche Mannschaftsmeisterschaft. 1992 fusionierten Rochade und die DSG zum aktuell mit Abstand wichtigsten Schachklub der Stadt, dem Düsseldorfer SK 1914/25.

Ludwig Engels, einer der besten Düsseldorfer Schachspieler aller Zeiten (1937; Foto: DSV 1854)

Ludwig Engels, einer der besten Düsseldorfer Schachspieler aller Zeiten (1937; Foto: DSV 1854)

Da dümpelte einer der ältesten Schachvereine, der Düsseldorfer Schachverein von 1854 mit nur noch wenigen Mitglieder und abseits der Mannschaftsmeisterschaften, die ab 1980 in einer in vier Staffeln aufgeteilten Bundesliga um den Titel kämpften. Das sah beim DSK 1914/1925 ganz anders aus, denn der durch die Fusionen zum größten Klub der Stadt avancierte Verein spielt seitdem durchgehend in der heute eingleisigen ersten oder der viergleisigen zweiten Liga mit. Übrigens: Mehrere bekannte Fußballklubs haben in den vergangenen gut 40 Jahren eigene Schachabteilungen gegründet oder existierende Klubs integriert; in Liga 1 findet man sowohl Bayern München als auch Werder Bremen.

Die deutsche Schachbundesliga gilt als die beste der Welt, was vor allem daran liegt, dass die Vereine immer wieder die führenden Großmeister aus der ganzen Welt als Profis verpflichten. Mit Anton Demchenko trat in der (Abstiegs)Saison 2018/19 der damals spielstärkste Großmeister (ELO 2670) für den Düsseldorfer SK an. Aktuell stehen Evgeny Alekseev (ELO 2635) und der niederländische Großmeister Jan Timmann (ELO 2530), ehemals zweiter Weltrangliste hinter Anatoli Karpov, im Kader des Zweitligisten. Insgesamt lässt der DSK acht Senioren- und sieben Nachwuchsteams an Meisterschaften starten.

Düsseldorfer Schachverein von 1854 – Geburtshelfer des Schachsports

Historisch betrachtet ist – nicht nur wegen seines Gründungsjahr – der DSV 1854 von wesentlich größerer Bedeutung für den deutschen Schachsport. Sport? Ja, Schachsport. Immer wieder taucht die Frage auf, ob Schachspieler überhaupt Sportler sind, wo sie doch immer nur herumsitzen. Das ist das Gegenargument, das Pro-Argument ist aber, dass Schach weltweit nach festen, verbindlichen Regeln gespielt und auch die Wettkämpfe nach den Regeln sportlicher Bewerbe organisiert und bewertet werden. Tatsächlich unternahm der deutsche Schachbund in den späten Siebzigerjahren den Versuch, Mitglied des Deutschen Sportbundes (heute: DOSB) zu werden. Dabei ging es natürlich auch um die staatliche Förderung, die den Mitgliedsverbänden zukam. Der Versuch scheiterte, aber seit den Neunzigerjahren kommt der Schachsport in den Genuss von Förderung durch das Bundesinnenministerium.

Schacholympiade 1982 in Luzern - ein Lebensereignis (Foto via Wikimedia)

Schacholympiade 1982 in Luzern – ein Lebensereignis (Foto via Wikimedia)

Aber olympisch wurde Schach nie. Warum auch, es gibt ja seit 1926 die Schacholympiade als anerkannte Weltmeisterschaft der Nationalmannschaften. Seit 1950 heißt das ehemalige Nationenturnier so und wird alle zwei Jahre ausgetragen. 1982 fand die Schacholympiade der Männer im schweizerischen Luzern statt, und ich hatte das Glück als Zuschauer dabei sein zu können. Die PR-Agentur, in der ich damals tätig war, hatte den Deutschen Schachbund als Kunden gewonnen, und mein Chef meinte, wir müssten uns ins Thema einarbeiten. Zufällig waren wir im Deutschen Mannschaftshotel untergebracht, und ganz zufällig wurde Abend für Abend, teils unter deutlichem Alkoholeinfluss, weitergezockt: Teilnehmer gegen Funktionäre, Gäste gegen Großmeister, jeder gegen jeden. Robert Hübner, damals unter den zwanzig Besten der Welt, beteiligte sich nicht, aber Helmut Pfleger war immer dabei … und hatte Spaß. Meinem Chef und mir gelang es in einer merkwürdigen Partie, die ich leider nicht notiert habe, dem Großmeister Dr. Pfleger (mit Schwarz) beim Wein ein Remis abzutrotzen.

Ein Düsseldorfer Schachhöhepunkt: Lasker vs Tarrasch 1908 um die Weltmeisterschaft

Dass der Schach sich ähnlich wie andere Arten des Leistungssports organisiert haben, ja, sogar deutlich früher als andere Sportarten, hat mit dem Engagement des Düsseldorfer Schachverein von 1854 zu tun, die gemeinsam mit Klubs aus Elberfeld und Krefeld die Gründung des Westdeutschen Schachbundes betrieben, dem Vorläufer des Deutschen Schachbundes wie wir ihn heute kennen. Der in Düsseldorf durchgeführte Rheinische Schachkongress von 1861 gilt als Geburtsstunde des DSB. Ab diesem Zeitpunkt fanden in Düsseldorf regelmäßig solche Kongresse, später immer in Verbindung mit Turnieren statt. Einen Höhepunkt gab es im Jahr 1908: Der DSV 1854 veranstaltete den Kongress des Deutschen Schachbundes ein, das zugehörige Meisterturnier gewann Frank Marshall. Außerdem fand der erste Teil des Weltmeisterschaftskampfes zwischen Emanuel Lasker und Siegbert Tarrasch im Kunstpalast statt.

Lasker vs Tarrasch 1908 um die Weltmeisterschaft im Kunstpalast Düsseldorf (Foto via Wikimedia)

Lasker vs Tarrasch 1908 um die Weltmeisterschaft im Kunstpalast Düsseldorf (Foto via Wikimedia)

Es war Helmut Pfleger, der den Schachsport in den Achtzigerjahren ins Fernsehen brachte. Damals produzierte der WDR mehrfach ein Format namens Schach dem Großmeister, bei dem namhafte Spieler live gegeneinander antraten, kommentiert von Pfleger und seinem Kumpel Vlastimil Hort, geleitet vom langjährigen Schachbund-Boss Horst Metzing. Der war ab den Neunzigerjahren Geschäftsführer des Deutschen Schachbundes und von 2007 bis zu seinem Amtsende 2013 auch Sportdirektor. Leider gelang es den Düsseldorfer Schachklubs nicht, in dieser kurzen goldenen Ära des Schachsports im Fernsehen Events in die Stadt zu locken. Und leider war es 2005 wieder vorbei mit dem kurzen Aufschwung – Schach war nicht mehr populär, die Quoten waren schon ab 1999 in den Keller gegangen. Diese Krise erfassten den Schachsport auf allen Ebenen; Schachprogramm für Computer verkauften sich kaum noch, und die Vereine hatten enorme Nachwuchssorgen.

Schach der Großmeister: Ahnand vs Kramnik 1996 live im Fernsehen (Foto via Wikimedia)

Schach der Großmeister: Ahnand vs Kramnik 1996 live im Fernsehen (Foto via Wikimedia)

Das könnte sich nun wieder ändern, wenn es den Verantwortlichen für den Schachsport gelingt, den aktuellen Boom langfristig zu nutzen. Noch beobachten die Düsseldorfer Schachklubs keinen großen Zulauf, was aber natürlich vor allem daran liegt, dass während der Pandemie weder Meisterschaftsspiele noch Turniere stattfinden und die regelmäßigen Übungsabends seit über einem Jahr ausfallen. Der Deutsche Schachbund, der die Digitalisierung trotz aller Entwicklungen des Computerschachs weitgehend verschlafen hat, bemüht sich nun darum, auf den Erfolgszug der Online-Schachplattformen aufzuspringen.

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