Bericht · Am 26. April 1956, also vor über 65 Jahren, hat die wunderbare Wochenzeitung die ZEIT einen ausgesprochen kritischen, beinahe schon polemischen Artikel zur Eröffnung der Düsseldorfer Oper nach weitgehenden Umbauarbeiten gebracht. In den Tagen, in denen nun über das Schicksal des Hauses an der Heinrich-Heine-Allee und einen Neubau diskutiert wird, ist da eine durchaus amüsante Lektüre, die – kaum zu glauben – damals schon Fragen über die Funktion eines Opernhauses aufwirft, die auch heutzutage wieder aktuell sind. [Lesezeit ca. 5 min]

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Unter der Überschrift „Geflickte Oper in Düsseldorf“ beginnt Autor Johannes Jacobi gleich mit einer Klatsche:

Düsseldorfs Opernhausneubau, der jetzt eröffnet wurde, ist der fast reaktionär anmutende Gegensatz zu dem bisher konsequentesten Vorstoß in Neuland, der in Köln als „Großes Haus“ schon unter Dach ist. [Quelle: Die ZEIT]

Und das aus den Tasten eines der renommiertesten und auf das Thema „Theater“ spezialisierten Kulturjournalisten seiner Zeit, der dann gleich zum zweiten Mal zuschlägt:

In seiner verlegen ironisierenden Eröffnungsrede nahm Oberbürgermeister Gockeln ein Wort der Enttäuschung aus der Presse als Bekenntnis der Landeshauptstadt auf: „Solide Repräsentation.“ [Quelle: Die ZEIT]

Anschließend bereitet er das skandalträchtige Geschehen um den Umbau und die Kosten aus; man könnte angesichts der 700+ Millionen Euro für den nun geplanten Umbau in Kürze ein Déjà-vu-Erlebnis haben:

Da das Düsseldorfer Opernhaus, auf die Fragwürdigkeit von Besucherorganisationen bauend, seine Platzzahl von 800 auf 1400 erhöht hat, hätte das Zuschauerhaus insgesamt höchstens fünf Millionen kosten dürfen. 5,6 wurde veranschlagt und überschritten. Die Bühne hat zwar ein elektromagnetisches Beleuchtungsstellwerk, eine Hinter- und Seitenbühne erhalten. Sie ist aber im übrigen eine Durchschnittsbühne geblieben. Auch der Architektentraum von den konventionell geschwungenen Linien wurde gestört, indem der Akustiker – erst nachträglich hinzugezogen – eine scheußliche Proszeniumszone mit Gipsprismen und eine unkünstlerische Deckenveränderung verlangte. Und dieses vielfache Kompromiß eines „Wiederaufbaues“ kostet 10 Millionen DM. Für 12 hätte man ein völlig neues, organisch geformtes Opernhaus und eine moderne Bühneneinrichtung haben können. [Quelle: Die ZEIT]

Wohlgemerkt: 5 Millionen DM wären angemessen gewesen, 10 Millionen DM wurden es am Ende, und für 12 Millionen hätte man ein zeitgemäßes Opernhaus neu bauen können. Gut dass unsere Stadtmütter und -väter inzwischen eingesehen haben, dass eine erneute Sanierung des ehrwürdigen Kastens an der Heinrich-Heine-Allee nicht in Frage kommt. Man sollte aber auch einmal Johannes Jacobis folgendem Gedankengang eine Meditation widmen:

Was aber bedeutet heute die Oper? In Hamburg versteht man sie als „musikalisches Theater“. Die Hamburgische Staatsoper wurde also ein Bau, dessen Schwerpunkt die Bühne ist. Dagegen sagte uns der Leiter des Düsseldorfer Hochbauamtes, Professor Schulte-Frohlinde, der den Vorentwurf des neuen Düsseldorfer Opernhauses ausarbeitete: „Ein Opernhaus soll kein Experiment sein; denn das Repertoire der Oper ist konventioneller als das des Schauspiels.“ Damit hatte der maßgebende Architekt selbst die Formel für das Düsseldorfer Opernhaus geprägt: Oper als Konvention. [Quelle: Die ZEIT]

Spätestens da sind wir in der Gegenwart angelangt. Denn die hiesigen Sozialdemokraten haben sich nun einmal sehr intensiv mit dem kommenden Opernneubau befasst und zerpflücken die Argumentation von OB Keller mit schlauen Begründungen. Der hatte ja davon gesprochen, das neue Haus solle zu einem „Wahrzeichen“ werden. Die SPD merkt zu Recht an, dass Düsseldorf alles Mögliche brauche, nicht aber ein weiteres Wahrzeichen. Anscheinend hat diese Keller-Äußerung vor allem die Fantasie diverser Architekten beflügelt, die sich im Größenwahn suhlen. Die beklopptesten sind die Düsseldorfer Projektentwickler Centrum, die an alter Stelle ein bisschen Oper auf Kosten des Hofgartens, vor allem aber zwei irrsinnige schiefe Türme von 140 und 115 Metern Höhe (zum Vergleich: das Dreischeibenhaus ist 94 Meter hoch), die morgens die Altstadt verschatten und ständig auf diese zu fallen drohen.

Eingang zum "alten" Opernhaus (Foto: TD)

Eingang zum „alten“ Opernhaus (Foto: TD)

Auch dem Etikett „Oper für alle“ geben die Sozen kräftig einen mit. Denn die Oper würde so zu einem musikalische Gemischtwarenladen mit Elementen fürs Volk; der erwünschten Kulturvermittlung diene sie nicht. Und von einem kleinen Teil der diskutierten 700 Millionen Euro (die erfahrungsgemäß am Ende als annähernd 1 Milliarde daherkommen werden) könnte man die unabhängige Kulturszene der Stadt über Jahrzehnte substanziell fördern. Bei starkem Einkochen der Baufantasien auf menschliches Maß wäre, so die SPD, auch noch ein schickes Programm für den Bau von 8.000 Wohnungen drin.

Gegtenüber des "alten" Opernhauses (Foto: TD)

Gegtenüber des „alten“ Opernhauses (Foto: TD)

Große und berechtigte Sorgen um den Hofgarten – eines der wirklich wahren Wahrzeichen unserer schönen Stadt – macht sich auch die Aktionsgemeinschaft Düsseldorfer Heimat- und Bürgervereine (AGD). Die hatte sich schon im Januar ausgesprochen fundiert in die Standortdiskussion eingebracht und meldet sich jetzt mit einem offenen Brief an den Oberbürgermeister, die Bürgermeister:innen und die Fraktionsvorsitzenden im Rat der Stadt:

in den nächsten Tagen soll über die Zukunft der ALTEN OPER und der Planung einer NEUEN OPER für Düsseldorf durch die Fachgremien und den Stadtrat beraten und entschieden werden. Wir bitten Sie, bei Ihrer Entscheidung folgende Informationen zu berücksichtigen:
• Grundsätzlich führt jede Entscheidung, die zu Eingriffen in den Hofgarten führt, zu erheblichen Widerstand in der Bevölkerung. Gerade in der heutigen Zeit ist es nicht zu akzeptieren, wenn innerstädtische Grünflächen beschädigt werden. Außerdem handelt es sich beim Hofgarten um ein bedeutendes Gartendenkmal.
• Die Entscheidungen zu der ALTEN OPER und zu einer NEUEN OPER müssen getrennt voneinander geführt werden. Bei der Alten Oper handelt es sich um ein Denkmal, entsprechend muss die weitere Verwendung auch in Verantwortung der nächsten Generationen getroffen werden.
• Der Flächenbedarf für eine OPER DER ZUKUNFT lässt sich ohnehin auf dem Grundstück an der Heinrich Heine Allee nicht realisieren: Gebäude steht unter Denkmalschutz, Eingriff in das Gartendenkmal Hofgarten etc.. Daher ist jegliche Planung an diesem Standort wenig zielführend.
• Beschlüsse der Parteien zum Klimaschutz und damit gerade auch zum Schutz von innerstädtischen Grünflächen verbieten jeden Eingriff in den Hofgarten.
• Der Koalitionsvertrag der aktuellen Stadtregierung gibt hier den Bürgern (Wählern) zusätzliche Sicherheit:
Seite 53 > wir schützen und erhalten den Hofgarten.
Seite 55 > Wir setzen uns zudem vorbeugend für den Denkmalschutz ein.
Seite 74 > Wir wollen die öffentlichen Kulturbauten langfristig als solche erhalten, im Eigentum der Stadt belassen und zukunftssicher machen.
• Im Interesse einer konstruktiven Diskussion haben wir die Situation der ALTEN OPER und einer neuen Kulturstätte in Versammlungen erörtert. Den klaren Beschluss hierzu erhalten Sie als Anlage. Deutlich wurde in diesen Diskussionen auch, dass sich bei weiteren Eingriffen in den Hofgarten erheblicher Widerstand formieren wird.
• Daher wurde der Schutz des Hofgartens intensiv beraten und ein Beschluss gefasst, den wir als Anlage beifüge.
Im Interesse einer konstruktiven Diskussion zu diesem wichtigen Thema hoffen wir auf Berücksichtigung, [Quelle: AGD auf Facebook]

Damit ist neues Feuer unter dem Topf mit der Standortfrage. Die war 1956 nicht offen, denn nachdem die Planung für das Schauspielhaus am Gustav-Gründgens-Platz beschlossen war, kam nur der Umbau des ehemaligen Stadttheaters zum Opern-, Konzert- und Ballethaus in Betracht. Gut 66 Jahre später stellt sich aber wieder die Frage, die Johannes Jacobi in der ZEIT aufwarf: Was aber bedeutet heute die Oper? Von einer schlüssigen Antwort hängt ab, wieviel neues Opernhaus an welchem Standort wirklich braucht und was der Spaß kosten darf.

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