Bericht · Zugegeben, meine persönliche Erinnerung an den sagenumwobenen Altstadtgastronomen Helmut Mattner ist äußerst verschwommen. Schließlich war ich in den Jahren, in denen ich ihm begegnet bin, gerade einmal neun oder zehn Jahre alt. Aus Erzählungen wusste ich nur, dass mein Vater mit ihm befreundet war. Nun fand ich kürzlich im Rahmen eines Umzugs und dem dabei üblichen Wühlen in alten Familienunterlagen einen kurzen handschriftlichen Brief, den ich kaum anders interpretieren kann, denn als Jobangebot von Mattner an meinen Vater. [Lesezeit ca. 4 min]

Unterstützt TD! Dir gefällt, was wir schreiben? Du möchtest unsere Arbeit unterstützen? Nichts leichter als das! Unterstütze uns durch das Abschließen eines Abos oder durch den Kauf einer Lesebeteiligung – und zeige damit, dass The Düsseldorfer dir etwas wert ist.

Wie hier schon öfters erwähnt, arbeitete mein Vater ab 1955 als Architekt für die Hirschbrauerei und war vor allem für den Wiederaufbau sowie die Renovierung und Sanierung der Gastwirtschaften tätig, die von der Brauerei verpachtet wurden, darunter zwei, drei Dutzend Altstadtkneipen. So wurde er natürlich ein Teil der dortigen Gastronomieszene, kannte viele der aus heutiger Sicht legendären Wirte und war mit einigen von ihnen eng befreundet. Dazu gehörte auch Helmut Mattner, eine wahrhaft schillernde Persönlichkeit, berühmt für Lokale wie die “Datscha“, das “Töff-Töff”, das “Lord Nelson” und auch das “Nähkörbchen“. Der besagte Brief ist kurz: “Lieber Martin, ich würde mich sehr freuen, wenn Du für mich arbeiten würdest. Herzliche Grüße – Dein Helmut.” Das Schreiben ist undatiert, ein Absender wird nicht genannt.

So sah es in Mattners "Lord Nelson" aus (Abb.: Ansichtskarte)

So sah es in Mattners “Lord Nelson” aus (Abb.: Ansichtskarte)

Alle Erinnerungen an meinen 1967 verstorbenen Vater und das, was er zuhause über seine Arbeit erzählte, zusammengenommen, würde ich den Brief auf den Zeitraum 1962 bis 1964 datieren. Denn in dieser Ära schwang sich Helmut Mattner zum König (wenn nicht dem Paten) der längsten Theke der Welt auf. Begonnen hatten die Altstadtaktivitäten der geheimnisvollen Persönlichkeit mit der Eröffnung der “Datscha” 1962. Man kann das Lokal auch als einen ersten Vertreter der Erlebnisgastronomie betrachten (mit Bob Naglers “Wilddieb” setzte sich der Trend fort – dazu demnächst mehr). Die “Datscha” war im altrussischen Stil eingerichtet, die Gäste saßen auf echten Zobelpelzen in nachempfundenen Troika-Schlitten, und wer es sich leisten konnte, trank Champagner aus der echtgoldenen Nachbbildung der Zarenkrone, Wert damals: gut 50.000 DM.

Das Russische des Schuppens kam nicht von ungefähr, hatte Mattner doch vorher schon lange beste Kontakte in die Sowjetunion. In seiner Zeit als Impresario hatte er den weltberühmten Moskauer Staatszirkus nach Deutschland geholt. Dass es eine Freundschaft zwischen ihm und meinem Vater gab, zeigt sich auch daran, dass wir als Familie einmal eine Vorstellung dieses wundervollen Zirkus’ in Düsseldorf als Ehrengäste in einer Loge ganz vorne erleben durften. Zuvor hatte er auch das Bolschoi-Thater in die junge Bundesrepublik geholt, außerdem die Show “Holidy on Ice” und die legendären “Harlem Globetrotters”.

1982: Mattner, Beuys und die einzuschmelzende Zarenkrone (Foto: HNA)

1982: Mattner, Beuys und die einzuschmelzende Zarenkrone (Foto: HNA)

Seine Nähe zu den bösen Kommunisten trug ihm übrigens die Beobachtung durch BND und Verfassungsschutz ein, und die BILD-Zeitung mutmaßte noch 2019, es gäbe Geheimakten zu ihm. Zumal er auch eng mit einigen Großpolitikern der Sechziger- und Siebzigerjahre verbunden war. Unter älteren Düsseldorfern kursieren bis heute wüsteste Gerüchte über Mattner als Spion, der Wirtschaftsführern und Politikern durch großzügige Bewirtung und/oder Erpressung Geheimnisse entlockte und an den sowjetischen Geheimdienst weitergab. Dazu passt natürlich die Tatsache, dass dieser Helmut Mattner in den Achtzigerjahren von der Bildfläche verschwand, als verschollen galt und dass sein Schicksal bis heute ungeklärt bleibt.

Einen letzten großen Auftritt in der Öffentlichkeit hatte Helmut Mattner 1982 im Umfeld der Documenta 7 in Kassel. Die berühmte Zarenkrone aus der da schon seit vielen Jahren geschlossenen “Datscha” stellte er Joseph Beuys für eine Kunstaktion zur Verfügung, die große Aufmerksamkeit erregte. Beuys persönlich demontierte die Krone und wollte sie vom Hannoveraner Juwelier Gerlach einschmelzen lassen, um aus dem Gold einen Hasen gießen zu lassen. Da dieser absagte wurde die Aktion dann in Kassel selbst von einem nicht genannten Goldschmied ausgeführt. Beuys und Mattner waren ebenfalls gut befreundet, trafen sich häufig und diskutierten nächtelang in Mattners Lokalitäten. Wie es zu dieser Verbindung kam, ist unbekannt.

Der unbekannte Mann mit dem Geparden auf der Kö - war es Mattner (Foto: Stadtarchiv Düsseldorf)

Der unbekannte Mann mit dem Geparden auf der Kö – war es Mattner (Foto: Stadtarchiv Düsseldorf)

Ob Helmut Mattner auch an einer anderen Aktion im Jahr 1958 beteiligt war, ist ungewiss. Ein kürzlich im Stadtarchiv entdecktes Foto zeigt einen elegant gekleideten Herrn mit Hut, der einen Geparden an der Leine über die Kö führt. Ich bin mir relativ sicher, dass es sich bei dem Mann um ebendiesen Helmut Mattner handelt. Dass er ein großer Tierfreund war und mehrere (große!) Hunde besaß, ist mir in Erinnerung geblieben. Und sich einen Geparden für einen PR-Auftritt beim Moskauer Zirkus auszuleihen, dürfte ihm auch keine Schwierigkeiten gemacht haben.

Eine andere Theorie besagt übrigens, dass es sich beim Gepardenführer um den in den Fünfzigerjahren äußerst populären Zauberkünstler Kalanag gehandelt habe, der mit seinen gigantischen Shows mehrfach im Düsseldorfer Varieté Apollo gastierte, das sich damals am unteren Ende Kö befand und fast den ganzen Häuserblock zwischen Kö und Jahnstraße sowie Aders- und Luisenstraße einnahm. Da das Foto nachweisbar von 1958 stammt und Kalanag zum letzten Mal 1957 in der Stadt auftrat, kann er es nicht gewesen sein.

Weitere Fakten über Helmut Mattner herauszufinden, erweist sich als schwierig, denn außer einen nicht allzu langen Reihe von Zeitungsausschnitten findet man im Internet keinerlei Aussagen von Zeitzeugen, die ihn persönlich gekannt haben. Und aus dem, was man findet, ergibt sich kein geschlossenes Bild, schon gar keines, das das Verschwinden von Mattner in den Achtziger erklären könnte. Übrigens ist mein Vater auf das Abwerbeangebot – wenn es denn eines war – nicht eingegangen, sondern blieb der Hirschbrauerei bis zu seinem Lebensende treu.

1 Kommentar

  1. Izabela Mattner am

    I have literally googled JH Mattner and Helmut Mattner minutes ago as we were discussing my kid’s Grandfather’s disappearance in the 80ties and how little they know about him and his past.
    Then I found this article and all known facts check out but, now I have even more questions!

Antworten