Die Jüngeren unter den Leser:innen werden es kaum glauben: Es gab ein Leben vor IKEA, und damals kaufte man Möbel im Bunker.

Lesestück · Die Freunde waren ziemlich aufgeregt: „Bei Köln gibt es jetzt so ein schwedisches Möbelhaus. Da kriegt man die Sachen billig, muss sie aber selbst zusammenbauen.“ Und so mieteten wir vier uns eines Tages bei Katzur & Faltermeier an der Klosterstraße einen Bulli und fuhren nach Godorf zu IKEA. Robby hatte einen Katalog besorgt, und wir hatten eine Vorauswahl getroffen. Jetzt waren wir alle aufgeregt, denn keiner von uns hatte Erfahrung mit dem Kauf von richtigen, neuen Möbeln. Unsere Quelle für Tische, Stühle, Schreibtische und Schränke waren die Möbelbunker, da fanden wir für ganz kleines Geld ausgemustertes Behördenmobiliar und Möbel aus Haushaltsauflösungen. Manches Stück tischlerten wir aber auch selbst aus Spanplätten, und die Palette als Basis fürs Bett war gang und gäbe. [Lesezeit ca. 4 min]

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Als ich 1973 gemeinsam mit meiner Partnerin die erste eigene Wohnung einrichtete, gab es noch kein IKEA, und wir wollten es schön haben. Also leisteten wir uns ein Polsterbett und ein Schleiflackregal von TECTA, einem dieser schicken Einrichtungshäuser in der Innenstadt. Wir hatten es eben gern stylish. Deshalb führte uns auch mancher sonntäglicher Spaziergang auf die Berliner Allee, wo damals ein gutes Dutzend feiner Läden sündhaft teure Möbelstücke anboten. Da holten wir uns die Inspiration, denn leisten konnten wir armen Studenten uns den Kram natürlich nicht. Und dann waren da noch die Eltern sowie Onkeln und Tanten, die ihre Einrichtung in regelmäßigen Abständen erneuerten und uns die abgelegten Sachen vererbten.

Das war zu einer Zeit, in der es neben den Einrichtungshäusern für Wohlhabende und Besserverdiener mit Hang zum Design noch in jedem Stadtviertel ein örtliches Möbelhaus gab. Die fanden wir durchweg spießig, und als Loriot die in seiner Sendung auf die Schippe nahm, hatten wir unseren Spaß. Dort verkaufte man den Menschen alles Mögliche in Eiche rustikal, nahezu unzerstörbare Polstergarnituren im Brokat-Look und schwere Schrankwände mit kleinen Butzenglasfensterchen, dazu Rauchtischchen und das, was man damals „Schlafzimmer“ nannte. Wer sagte, er plane, ein neues Schlafzimmer zu kaufen, meinte damit, dass er ein Komplettpaket aus Ehebett mit zwei Nachtischchen, einen passenden Kleiderschrank und einen Toilettentisch für die Dame des Hauses zu erwerben trachtete. Dazu gern auch einen Wäschepuff in Pastellfarbe, von außen mit Steppnähten gepolstert.

Wir waren jung, waren gegen die Alten und hatten kein Geld. Da waren die Möbelbunker eine prima Alternative. Davon gab es in Düsseldorf mehrere, mein Favorit war über viele Jahre der Bunker an der Lindenstraße (Nähe Hermannplatz), dem man von außen gar nicht ansah, dass sich hinter der schmucklosen Fassade ein Gebäude des sogenannten „Bevölkerungsschutzes“ verbarg. Der dreistöckige Bau war gestopft voll mit Möbeln. Meist ging man hin, weil man ein bestimmtes Teil – zum Beispiel einen Schreibtisch – suchte und fragte einen Mitarbeiter, wo man es finden könne. Der gab einem eine ungefähre Lagebeschreibung, und die Expedition begann. Natürlich bestanden alle Wände aus rohem Beton, auch die Stufen der engen Treppenhäuser. Tageslicht hatten nur ein paar Räume zur Straße hin, überall waren – oft flackernde – Neonröhren und Kellerleuchten im Drahtkäfig angebracht.

Die angebotenen Möbel waren gestapelt und gestaut. Konnte sein, dass man hinter zwei hässlichen Teilen das Wunschobjekt entdeckte. An den Teilen klebten Zetteln mit Nummern, und nun begab man sich ins Erdgeschoss zum oft einzigen Mitarbeiter, nannte die Nummer und fragte nach dem Preis. Feilschen ging immer. Aber zehn Mark für einen gut erhaltenen Behördenschreibtisch waren auch dann nicht viel, wenn es einem nicht gelang den Preis zu drücken. Es wurde bar bezahlt und ein Abholtermin vereinbart, denn die Burschen vom Möbelbunker mussten das gewünschte Stück ja erstmal aus dem Chaos herausholen. Dann fand man entweder Freunde mit einem Kombi oder welche, die Zugriff auf einen Lieferwagen hatten, und notfalls mietete man sich, genau, einen Bulli bei Katzur & Faltermeier zum Studententarif – ich glaube, der lag bei fünf Mark pro angefangene Stunde. Um diese Kosten niedrig zu halten, musste schnell geladen, gefahren und entladen werden.

So war das in den Siebzigerjahren. Irgendwann hatten sämtliche Behörden sämtliches Mobiliar erneuert, und dieses Angebot fiel weg. Der Möbelbunker an der Lindenstraße verlegte sich danach auf, na ja, Antiquitäten, also Möbel aus der Vorkriegszeit, die bei irgendeiner Haushaltsauflösung angefallen waren; schöne Stücke zu fairen Preisen. In den Neunzigerjahren kaufte ich dort noch ein paar Mal Möbel. Und wenn ich mich recht erinnere, stieg der Laden an der Lindenstraße irgendwann auch in den Handel mit gebrauchten Elektrogeräten ein, bekam allerdings bald Konkurrenz von einem Spezialisten ein paar Blocks weiter, bei dem auch ich eine Waschmaschine erwarb, weil ich es leid war, immer zum Waschsalon tapern zu müssen.

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