Nein, ein „Pinball Wizard“ wie Tommy war ich nie. Wobei ich auch nicht glaube, dass es solche Magier am Flipper wirklich gab. Manche Burschen kannten einfach einen bestimmten Flipper-Automaten in einer bestimmten Kneipe so gut, dass sie nach Belieben Freispiele holen konnten. Aber in den Jahren zwischen ungefähr 1968 und 1978 spielte ich praktisch jeden Tag. Und wenn uns gar nichts einfiel, verbrachten wir eben ganze Tage irgendwo an einem Flipper.

An mein erstes Mal kann ich mich noch genau erinnern. Auf der Münsterstraße zwischen Klever Straße und Münsterplatz, gegenüber der Mercedes-Vertretung und neben dem Bestattungshaus Frankenheim, gab es eine richtig echte Viertelskneipe, die ich schon als Kind kennengelernt hatte. Mein Onkel nahm mich gerne mit, wenn er seinen sonntäglichen Frühschoppen zelebrierte, der uns alle paar Wochen in ebendiese Kneipe führte. Da saß ich dann auf dem Hocker vor dem Geldspielautomat, eine Sinalco neben mir auf dem Tresen, und fütterte das Ding im Auftrag des Onkels – Gewinne durfte ich behalten. Nun hatte sich diese Wirtschaft über die Jahre kaum verändert und lag in Laufweite des Leibniz-Gymnasiums, an dem ich von 1963 bis 1971 meine schulische Ausbildung genoss. Ab der Obertertia kam es vor, dass wir Freistunden hatten. Und die verbrachten wir entweder im Tschibo auf der Nordstraße oder eben in der besagten Kneipe, die inzwischen mit einem Flipper ausgestattet war. Der Kasten stand eingequetscht neben dem Eingang. Wir waren sechzehn, wir durften rauchen und bekamen Bier. Wer die Runde – natürlich tranken wir tagsüber eher Cola oder Fanta – zu zahlen hatte, wurde ausgeflippert.

Ich war von meinem ersten Spiel hin und weg, und konnte fast zehn Jahre lang nicht von den blinkenden, klingelnden und ratternden Kisten lassen. Während meines Studiums an der Kunstakademie war mittags nach der Mensa das Einhorn unser Hauptquartier. Der Laden existierte damals noch in seiner Urform: düster, schmuddelig und immer ein bisschen nach dem Klo auf dem Hof riechend. Neben dem Ausgang zu diesem Hof stand der Flipper. Wenn die Musik gut war und das Bier lecker und die richtige Truppe zusammen, ließen wir Vorlesungen Vorlesungen sein und verbrachten den ganzen Tag am Flipper. Übrigens ohne wirklich Geld investieren zu müssen, denn wir hatten den Einhorn-Kasten so im Griff, dass wir Freispiele nach Belieben rausholten. Und im Hintergrund lief „Riders on the Storm“…

In die Spielhallen, die ab Anfang der Siebzigerjahre überall in der Stadt aufpoppten, hat es mich nie gezogen. Flippern gehörte für mich zur Kneipe, und eine Kneipe ohne Flipper war bedeutungslos. Außerdem habe ich nie Spaß daran gehabt, allein zu flippern. Man musste mindestens zu dritt sein, damit es nicht nur ums Drücken der Tasten und Schieben und Stoßen des Kastens ging, sondern um ein soziales Ereignis. Es spielt ja immer nur einer; die anderen stehen dabei und unterhalten sich über dies und das – allerdings kaum je über das Flippern oder das gerade laufende Spiel. Nein, wir suchten uns die Pinten nicht nach dem jeweiligen Flipper aus, wir nahmen es wie es kam. In den goldenen Jahren war das Angebot unglaublich breit. Die guten, alten vollmechanischen Maschinen waren überall noch im Angebot (erkennbar meist an der nur dreistelligen Punkteanzeige), die modernen, halbelektronischen kamen hier und da dazu, und testweise stellten manche Automatenfirmen schon digitale Flipper auf, die mir persönlich nie gefielen.

Aber schon ab Ende der Achtzigerjahre brach die Flipper-Dämmerung herein. Es begann in den Eck- und Viertelskneipen, denen die Maschinen zu viel Platz wegnahmen, sodass man nur noch in den Treffpunkten des jüngeren Publikums noch gepflegt flippern konnte. Aber auch da waren die Pinball-Kisten auf dem Rückzug. Dafür entdeckten wir dann die Flipper-Simulationen auf den Homecomputer und konnten uns für ein Flipper-Spiel auf dem ersten Apple Mac mit Farbmonitor ernsthaft begeistern. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal an einem richtig echten Flipper einen Tag verbracht habe.

[Titelbild: Pinball Wizard von Angie Garrett via Flickr unter der Lizenz CC BY 2.0]

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