In der Mittagspause flüchtete ich aus der Agentur. Es war ein strahlend sonniger Tag, und ich schlenderte rüber zur Rethelstraße. Wollte Wein kaufen beim Jaques. Damals war ich eng mit Arthur (Name geändert) befreundet. Einem Berg von Kerl. Eine wilde Figur voller Geschichten – selbst erlebter und gut erfundener. Im Weinladen traf ich ihn. Er stand hinten am Probiertresen. Vor sich ein geöffnetes Paket feinster italienischer Salami und Brot. Ließ sich vom Jaques-Pächter mit besten Weinen bewirten. Ich freute mich ihn zu sehen, und er lud mich zum Mitessen ein. Nach einer halben Stunde war ich leicht angetrunken. Kaufte eine Flasche von dem wunderbaren australischen Shiraz, vom dem wir ausgiebig probiert hatten. Zurück in der Firma lag ein unangenehmenes, schwieriges Telefonat vor mir. In englischer Sprache. Danach war ich ein bisschen erschöpft und müde vom Wein. Plötzlich eine Rund-Mail: Das World Trade Center brennt! Mit Link auf die Bildzeitung, wo bereits ein Foto zu sehen war. Dann meldete ein anderer Kollege: Ein Anschlag!

In der Agentur

Nach und nach versammelten sich die Leute im kleinen Konferenzraum in der obersten Etage vor dem Fernseher. Jemand schaltete permanent zwischen ARD, ZDF und CNN hin und her. Irgendwann zeigten sie Bilder von feiernden Palästinensern. Der Chef kommt rein und fordert en passant, Palästina mit einer Atombombe auszulöschen. Am 12. September wird er die Belegschaft im großen Konferenzraum zusammenrufen und eine düstere Rede halten, in der von Weltwirtschaftskrise die Rede ist. Und davon, dass er jetzt die Zügel stärker anziehen wird. Tatsächlich nutzt dieser Typ, der tagtäglich rassistische und vor allem frauenfeindliche Sprüche raushaut, in der Folge die Attentate, um uns allen das Leben schwer zu machen.

Irgendwann am Nachmittag setz ich mich ins Büro und schau mir an, was im Internet zu den Anschlägen zu finden ist. Eine Haltung dazu habe ich noch nicht. Mir ist lediglich klar, dass dieser Angriff das deutlichste Symbol des US-amerikanischen Hegemoniestrebens getroffen hat. Später schießen mir unterschiedlichste Gefühle durch die Seele: Mitleid mit den Toten und Eingeschlossenen, Schadenfreude gegenüber dem US-Schweinesystem, Abscheu gegen jede Form religiös motivierter Gewalt, Furcht vor den Folgen für mich und meine Familie, Angst vor dem Krieg, den die USA des George W. Bush jetzt auf jeden Fall anzetteln werden.

Unterwegs mit Arthur

So weit ich mich erinnere, war meine damalige Partnerin an dem Tag nicht da, vielleicht zu Besuch bei den Eltern. Abends bin ich mit Arthur im Füchschen verabredet. Dort treffen wir uns regelmäßig – zum „kleinen Eisbein-Mett-Büffet mit tiefgreifender Nierenspülung“, wie er das auszudrücken pflegt. Tatsächlich arteten diese Abende meist in wahre Fress- und Altbierorgien aus. Einmal verputzten wir gemeinsam eine Auswahl an Eisbeinen, Haxen, Bratwürsten und nahmen eine große Platte Mettbrötchen zum Dessert. Der Rekorddeckel verzeichnete über hundert Glas Alt. Wobei natürlich meist zwei Drittel in den 150 Kilo Masse Arthurs verschwanden. Und zahlen durfte immer ich…

Am Abend des 11. September war die Stimmung in der Hausbrauerei an der Ratinger Straße nicht viel anders als sonst. Auch wir pflegten unsere üblichen Männerdiskussionen. Allerdings machte Arthur die Frage zum Thema, wie sich die Eingeschlossenen der Türme hätten retten können, und entwarf einen Plan, der auf Fallschirmen beruhte, die jeder in einem Hochhaus haben sollte.

Nie verarbeitet

Nein, ich habe es nie geschafft, die Bilder zu verarbeiten, die Geschehnisse aufzuarbeiten. Auch nach elf Jahren mischen sich vor allem zwei Emotionen: Abscheu vor dem menschenverachtenden US-System und Abscheu vor einer Terrororganisation wie die, die wir allgemein als Al-Qaida kennen. Manchmal scheint es mir, die Größe und, ja, Schönheit der Attentate auf die Twin Towers ist zu gewaltig, als dass sie jemand ganz begreifen könnte. Vor allem ist es kaum zu umreißen, was in den Attentätern und denjenigen, die diesen Anschlag geplant haben, vorgegangen sein muss. Diese Mischung aus wildestem Fanatismus, religiöser Verblendung und eiskalter Arbeit.

Dann die Verschwörungstheorien. Nein, ich habe nie dran geglaubt und werde nie daran glauben, dass es ein Inside Job war. Mir fehlt die Phantasie, mir vorstellen zu können, dass irgendwelche US-Geheimdienstler ein solches Ereignis hätten planen und ausführen können. Und Dabbeljuh Busch war einfach ein viel zu dummer Kerl, als dass er sich dergleichen hätte wünschen können.

Eine Freundin schrieb heute auf Facebook „Alway remembering 9/11“, und ich weiß wie sie es meint. Wenn ich mich nicht täusche, dann war sie in jenen Tagen als Aupair-Frau in den USA, hat also die Attentaten und die Reaktionen amerikanischer Bürger darauf unmittelbar erfahren. Sie ist eine glühende Freundin der Vereinigten Staaten und auf eine geradezu rührende Weise unpolitisch, ja unkritisch gegenüber allem, was in den USA geschieht und daher kommt. Für sie wird es ein lebenslanges Trauma sein, dass Ungläubige (sie ist überzeugte und aktive Christin) ihr geliebtes Amerika angegriffen haben. Mit ihr würde ich niemals über den 11. September diskutieren.

[Artikel zuerst erschienen in der Rainer’schen Post vom 11.09.2012 – Bild von Jeffmock via Wikimedia aufgenommen im März 2001]

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