Lesestück · [Dieser Beitrag erschien zuerst am 29. August 2011 in unserem Vorgänger-Blog „Rainer’sche Post; er wurde überarbeitet und ergänzt] In Griechenland, so lernte ich vor einiger Zeit, nennen die Bürger einen Polizisten fast durchweg „Malakas“ – und das ist kein Kosewort. Ähnlich sieht es in vielen Ländern aus, in denen die uniformierten Ordnungskräfte als korruptes, gewaltgeiles Gesindel erlebt werden, dem man keinen Respekt entgegenbringen muss. Diese Haltung hat auch in Deutschland einige Tradition und verbreitet sich immer mehr. Um es ganz klar zu sagen: Schuld daran sind gut 50 Jahre völlig verfehlter Polizeipolitik. Aber auch die Cops selbst müssen sich mal an die Nase fassen. Wer so Typen wie den notorischen Wendt (DPolG) oder die schwer erträgliche Sprechmaschine Witthaut (Witthaut war bis 2013 Vorsitzender der GdP) zu Vertretern des eigenen Berufsstandes wählt, kann ich nicht ganz dicht sein. [Lesezeit ca. 7 min]

Die beiden Nasen übertrumpfen sich im Konkurrenzkampf ihrer Gewerkschaften in immer schärferen Law-and-Order-Appelle und fordern eigentlich immer nur mehr Polizei. Die Hauptschuld am miserablen Image der Polizei tragen aber die Politiker. Wann immer deren verfehlte Sozialpolitik sich in irgendwelchen kriminellen Aktionen zeigt, fordern sie mehr Polizisten – da stellt auch der Noch-Oberbürgermeister Düsseldorfs (Dirk Elbers – Stand: 2011) keine Ausnahme dar. Wie immer hilft es, die Situation und mögliche Auswege zu erkennen, wenn man sich dem Problem historisch nähert. Und da stellt sich die Frage: Wer kennt die Polizei noch als Freund und Helfer?

Der Schupo als Freund und Helfer

Der erste mir persönlich bekannte Polizeibeamte war der im weißen Kunstledermantel steckende Mann, der in den Fünfzigerjahren den Verkehr auf der Kreuzung der Corneliusstraße mit der Bilker bzw. Oberbilker Allee regelte. Das war ein staatlicher Herr mit sehr beruhigender Ausstrahlung. Wenn er mitten auf der Fahrbahn stand und den Autofahrern mit den weißbehandschuhten Händen signalisierte, ob sie fahren dürften und anhalten müssten, dann war er mir das Symbol für Autorität schlechthin. Im heißen Sommer 1961 sahen wir ihn in der prallen Sonne arbeiten, und er tat uns ein bisschen leid. Wir vier oder fünf Kinder schmissen ein paar Groschen zusammen und kauften eine Flasche Sprudel. Als er eine kurze Pause einlegte, übergaben wir ihm das Getränk. Er strahlte und bedankte sich.

Natürlich kannten wir auch die zwei oder drei Streifenbeamten, die in unserem Viertel herumschlenderten und für Sicherheit sorgten. Im Düsseldorfer Karneval machte man sich lustig über die Polizei und sang: „Da stonnt ne Schutzmann, da stonnt ne Schutzmann, dä hätt dä janze Tach noch nix jedonn“[*] Die Beamten, die den Rosenmontagszug begleiteten, lachten mit, und manche angeschickerte Frau stahl so einem Schutzman flugs den Tschako, um sich damit fotografieren zu lassen. „Schupo“ nannte mein aus Stettin stammender Vater die uniformierten Beamten, die man im Straßenbild sah, und das Wort steht für „Schutzpolizist“. Das sagt heute kaum noch jemand, obwohl der Begriff „Schutzpolizei“ nach wie vor eine Ordnungseinheit der Polizei bezeichnet.

Obwohl wir Kinder einen Mordsrespekt vor den Schupos hatten, ja, sogar einen Hauch Angst, sahen wir sie nicht als Feinde an. Natürlich meist auch nicht als Freunde, aber doch eher als potenzielle Helfer. Eines Tages – ich muss fünf Jahre alt gewesen, denn ich ging noch nicht zur Schule – verlief ich mich bei dem Versuch, vom Fürstenplatz aus zu Fuß zu meiner Tante zu gehen, die direkt am Vinzenzkrankenhaus in Pempelfort wohnte. Keine Ahnung, wo ich landete. Aber es war für mich als Rotzich völlig selbstverständlich, einen Schupo anzusprechen. Der nahm mich an der Hand und brachte mich zur nächstgelegenen Wache. Von dort aus chauffierte man mich im VW Käfer nachhause.

Ich war einigermaßen schockiert, als ich zum ersten Mal hörte, wie jemand die Polizei „die Schmiere“ nannte. Es handelte sich um einen Nachbarsburschen – er wird wohl schon 18 gewesen sein – von dem es hieß, er sei ein Einbrecher, also ein Verbrecher, wie man solche Typen damals nannte.

Bullen in Wannen

Gab es damals mehr oder weniger Polizeibeamte? Ich weiß es nicht. Jedenfalls waren sie präsent, ja, die Streifenbeamten gehörten zum Inventar des Viertels. Man kannte sie, man sprach sie an und man musste keine Angst vor ihnen haben. Das änderte sich im Verlauf der sechziger Jahre ganz dramatisch. Wer heute die Berichte von den Aktionen der Berliner Polizei rund um den 2. Juni 1967 liest, wird mit den Schultern zucken und sagen: Na und? Tatsächlich waren die Berichte über diese Ereignisse und vor allem der Mord an Benno Ohnesorg durch den Bullen Kurras ein intensiver Schock, der nicht nur mein persönliches Verhältnis zur Polizei nachhaltig beschädigte.

Natürlich geht es vor allem auf das Konto der RAF-Arschgeigen, dass wir Angst bekamen vor der Polizei. Es war ja eine wesentliche Strategie der bewaffneten Scheinrevolutionäre, uns weißzumachen, dass die Bundesrepublik de facto ein faschistischer Staat sein, dass man das aber von wegen der „repressiven Toleranz“ nicht so spüre. Also müsse man den Kampf gegen die Bullen so weit eskalieren, dass die ihr wahres Gesicht als Schutzmacht des Kapitals zeigten. Wir wissen heute, dass dieses schlimme Spiel von beiden Seiten genutzt wurde, und dass die Scharfmacher der damals quicklebendigen Law-and-Order-Fraktion auf Seiten der CDU/CSU sich klammheimlich die Hände rieben, wenn RAF-Spinner:innen Polizisten angriffen, denn dann hatten sie wieder Argumente für die Aufrüstung.

Tatsächlich spaltete dieser Konflikt zwischen den linksmotivierten Bankräubern und den Machtpolitikern die Bevölkerung, was das Verhältnis zur Polizei anging. Denn natürlich war im Verhältnis zwischen Bevölkerung und Ordnungsmacht auch in den Fünfziger- und Sechzigerjahren nicht alles kuschelig. Am 11. Mai 1952 erschossen Bullen in Essen den Arbeiter Philipp Müller:

Eine Konferenz von Vertretern verschiedener Jugendorganisationen unter Leitung des dortigen Pfarrers Herbert Mochalski, eines engen Vertrauten des hessen-nassauischen Kirchenpräsidenten Martin Niemöller, rief am 2. März 1952 in Darmstadt zu einer „Jugendkarawane gegen Wiederaufrüstung und Generalvertrag“ am 11. Mai 1952 in Essen auf. Am 10. Mai verbot der Innenminister von Nordrhein-Westfalen, Karl Arnold (CDU), der zugleich Ministerpräsident war, die Demonstration mit der Begründung, dass wegen weiterer Veranstaltungen nicht genug Polizeikräfte zur Verfügung stünden. Viele Teilnehmer traten die Heimreise an. Dennoch fanden sich etwa 30.000 Personen, die an verschiedenen Orten in Essen kleinere Veranstaltungen organisierten, die jedoch von der Polizei aufgelöst wurden. Vor der Grugahalle widersetzten sich Demonstranten den Aufforderungen der Polizei.
Kommissar Knobloch erteilte Schießbefehl auf die Demonstrierenden, später wurde behauptet, diese hätten auf die Polizei geschossen, die dann dazu gezwungen gewesen sei, das Feuer zu erwidern.[1] Zwei Kugeln eines Polizisten trafen Philipp Müller, eine davon sein Herz tödlich. Durch Polizeikugeln schwer verletzt wurden außerdem der Sozialdemokrat Bernhard Schwarze aus Kassel und der Gewerkschafter Albert Bretthauer aus Münster. [Quelle: Wikipedia]

Bei beinahe allen von der KPD, der auch Philipp Müller angehörte, initiierten oder organisierten Demonstrationen gegen das Adenauer-Regime kam es zu gewalttätigen Übergriffen der Polizei. Bei politischen Streiks, von denen es im Ruhrgebiet zwischen 1952 und 1964 etliche gab, wurde oft die Polizei eingesetzt, die dabei gern vom Gummiknüppel Gebrauch machte. Zu weiteren Morden durch Polizisten kam es aber – nach allem, was die einschlägigen Quellen hergeben – bis eben zum 2. Juni 1967 nicht.

Dafür wurde aber die Aufrüstung der Polizei, zunächst in Berlin, dann in anderen deutschen Städten, vorangetrieben. Waren Polizeihundestaffeln bis Mitte der Sechzigerjahre noch vorwiegend für Sucheinsätze nach Vermissten gedacht, bildete man die Tiere nun dazu aus, auf Befehl Menschen zu beißen. Reiterstaffeln, die bis dahin ein beliebtes dekoratives Element darstellten, wurden – nach dem Vorbild der Zwanzigerjahre – wieder zum Einschüchtern und Auseinandertreiben von Demonstranten eingesetzt. Nachdem Wasserwerfer so gut wie unbekannt waren, bestellten die Landespolizeien ab 1967~68 diese Fahrzeuge in großen Stückzahlen, um sie nach Berliner Vorbild einzusetzen.

Gleichzeitig schritt die Motorisierung der Schutzpolizei rasant voran. Zuvor wurden Einsatzkräfte auf offenen Lastwagen zu Demos gekarrt, nun kamen spezielle Busse zum Einsatz. Kleinere Einheiten (max. 10 Mann) wurden auf Pritschenwagen transportiert, nun benutzte man Kleintransporter und Bullis als so genannte Gruppenkraftwagen („Wannen“), um Hundertschaften an Orte zu schaffen, an denen Bürger demonstrierten. Immer mehr Streifenwagen wurden angeschafft, gleichzeitig nahm die Zahl der Fußstreifen dramatisch ab.

Wachsende Entfremdung

So entfremdete sich die Polizei immer mehr vom Bürger und wurde von immer mehr Menschen nur noch als Ordnungsmacht wahrgenommen, die man fürchten müsse. Heute ist es ein geradezu exotischer Anblick, wenn man einen Schutzpolizisten außerhalb seines Autos sieht. Am nächsten dran ist man noch an den Krad-Polizisten, die aber wiederum in einer Rüstung stecken. Bei Veranstaltungen erscheinen die dann fast durchweg „Bullen“ genannten Kräfte nur noch im schweren Kampfanzug – der Spitzname „Ninja Turtles“ ist so entstanden. Die stehen rum, gucken grimmig bis aggressiv aus der Wäsche und reagieren auf jeden Kontaktversuch mit Ablehnung.

Und je mehr sich die Cops versteckten, desto größer wurde die Antipathie und der Hass. Gleichzeitig wird die Rolle der Polizei als gewalttätiges Organ des Staates gegen die Interessen seiner Bürger von den verantwortlichen Politikern immer mehr verstärkt. Das kann jeder bestätigen, der an Großveranstaltungen im Freien teilnimmt oder gar zu den Auswärtsspielen seiner Fußballmannschaft reist.

Die Entfremdung ist maximal und inzwischen fester Bestandteil urbaner Kulturen. Die Polizisten sind Feinde, die es anzugreifen gilt, wann immer möglich. Der fürchterliche Satz der Ulrike Meinhof, dass alle Bullen Schweine seien, die man auch so behandeln müsse, findet im Slogan „All Cops are Bastards“ sein Echo. Unter Jugendlichen in ganz Europa gilt es als schick, die Abkürzung „ACAB“ zu sprühen, zu kleben oder irgendwie sonst zur Schau zu stellen. Und wer juristische Folgen fürchtet, arbeitet mit der Anspielung „Acht Cola, acht Bier“.

Durch die extreme Distanz der Beamten von den Menschen, durch die Verkleidung und Uniformierung wird der Polizist von einer Mehrheit der Bürger gar nicht mehr als Individuum gesehen, sondern nur als Teil des Staatsapparats. Und das gilt nicht nur für Autonome, Linksradikale, Fußballfans und Demonstranten. Das Gros der Autofahrer empfindet Polizeikontrollen als Schikane und schimpft genauso auf die Bullen wie der schwarzgekleidete Straßenkämpfer. Und als Schutzmacht wird die Polizei kaum noch gesehen.

Möglichkeiten

Auf der schönen Seite stehen zahlreiche Versuche, die Nähe zwischen Bürgern und Polizisten wiederherzustellen. Leider handelt es sich dabei nur um lokale Experimente, von denen manche durch die Zweckbindung an den Wunsch nach Deeskalation in Krisensituationen denunziert wird. Tatsächlich ließe sich das Verhältnis der Menschen zu den Schupos nur verbessern, indem man die Polizeibeamten aus den Autos holt und den Stadtvierteln zuordnet. Anstatt Polizeidienststellen immer mehr zu zentralisieren. In einer Stadt wie Düsseldorf mit fast 600.000 Bewohnern (Stand: 2011) gibt es noch ganze neun Wachen (Stand: 2011); in den Sechzigern waren es mehr als 20.

Um die Polizei wieder dahin zu kriegen, wo sie in den fünfziger Jahren war, sind einige Fragen zu beantworten, die jeweils schon eine Lösungsmöglichkeit enthalten:
– Wie groß kann ein Viertel maximal sein, in dem Doppelstreifen im Schichtdienst zu Fuß unterwegs sind?
– Wie viele Beamten bräuchte man für diesen Zweck – mehr oder weniger als jetzt?
– Sind Streifenfahrten in dicht besiedelten Städten überhaupt sinnvoll?
– Wie könnte der Kontakt und die Kommunikation zwischen Bevölkerung und Ordnungskräften verbessert werden?
– Welche bürgerfreundlichen Aufgaben (siehe auch: Verkehrskasper) könnte die Polizei übernehmen?
– Wie können Einsätze bei Veranstaltungen freundlicher, friedlicher und grundsätzlich deeskalierend gestaltet werden?

Das Ziel müsste sein, dass eine breite Mehrheit der Bevölkerung die Polizei wieder als Institution sieht, die für ihren Schutz gegen Gewalt und die Abwehr krimineller Aktivitäten arbeitet und nicht bloß gewalttätiger Arm der Herrschenden ist. Ich persönlich fände es wunderbar, wenn ich morgens beim Gang mit dem Hund meinen Schupo träfe und ein kleines Schwätzchen halten könnte. Und das nicht aus nostalgischen Gründen…

[Bildquelle: Website des Künstlers Marcell Walldorf, der diese Skulptur schuf]

1 Kommentar

  1. Mein Großvater war in den Anfängen unserer Republik in Düsseldorf bei der Düsseldorfer Reiterstaffel als Polizist tätig. Ich höre ihn heute noch immer wieder sagen: „Junge, werde niemals Polizist! Du wirst in Düsseldorf nur befördert, wenn du unter deinen Kollegen die meisten Knöllchen gesammelt hast!“ – Gut, ich hab mich dran gehalten, aber Beamter bin ich trotzdem geworden. 🙂 (Die Knöllchen jagen heute die Kolleginnenh und Kolklegen des Ordnungsamtes der Stadt 🙂

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