…ein nicht ganz ernstgemeinter Anfängerkurs.

Lesestück · Es gibt viele Wege, Anhänger:in der wunderbaren Fortuna aus dieser wunderhübschen kleinen Großstadt zu werden. Der einfachste: Irgendein völlig fortuna-bekloppter Opa meldet dich wenige Minuten nach deiner Geburt als Mitglied an. Das hat Euer Ergebener mit seinen beiden Enkeln getan, die aber bisher noch nie ein Spiel der Diva im Stadion gesehen haben – kommt noch. Ebenfalls unkompliziert ist es, wenn dein völlig fortuna-bekloppter Vater oder Opa dich in frühester Kindheit mit zu den Partien der Rotweißen genommen hat – vorzugsweise zu den Spielen der Zwoten in das mehr alte als ehrwürdige Paul-Janes-Stadion am Flinger Broich. Dann bist du zwangsweise infiziert, und wenn nicht irgendein Lebensereignis dazwischen kommt, wirst du ewig Fortuna-Fan bleiben. [Lesezeit ca. 6 min]

Na, schon gespannt auf den Spielbericht? Nach einer kurzen Werbeunterbrechung geht’s weiter. Denn The Düsseldorfer versteckt sich nicht hinter einer Paywall. Alles, was du hier findest, ist gratis, also frei wie Freibier. Wenn dir aber gefällt, was du liest, dann kannst du uns finanziell unterstützen. Durch den Kauf einer einmaligen Lesebeteiligung. Wir würden uns sehr freuen.

Schwieriger wird es, wenn du – obwohl in Düsseldorf oder den umliegenden, fortuna-affinen Orten geboren bist, aber in deiner näheren Verwandtschaft keine Menschen existier(t)en, die sich für Fußball interessieren. Am schlimmsten wird es, wenn irgendein nicht fortuna-bekloppter – sagen wir – „Onkel“ zu irgendeinem anderen Verein hält, dich möglicherweise sogar dort angemeldet und zu dessen Spielen hingeschleppt hat. Dann wird es deine Lebensaufgabe sein, dich von diesem negativen Einfluss zu lösen und aus eigener Kraft auf den richtigen Weg zu kommen. Der Super-GAU liegt vor, wenn irgendwelche nichtswürdige Verwandte dir was Gutes tun wollen und dich mit Merchandising-Kram von Bayern München oder Borussia Dortmund beschenken.

Platzsturm: Nach der Relegation im Mai 2012 gegen die Hertha - Aufstieg!

Platzsturm: Nach der Relegation im Mai 2012 gegen die Hertha – Aufstieg! Foto: TD)

Nehmen wir an, du bist nicht auf diese Weise versaut worden, oder die Frage nach der Liebe zur Fortuna wurde dir nicht in die Wiege gelegt. Nehmen wir weiter an, du bist in Düsseldorf (oder drumherum) geboren oder durch ein glückliches Schicksal in die schönste Stadt am Rhein befördert worden. Dann hast du prinzipiell die Wahl. Okay, handelt es sich um Neuss (und drumherum), hast du es schwer, denn ständig werden dir dumme und hässliche Menschen begegnen, die für ostholländische Kleinpferde schwärmen oder – schlimmer noch – für den durch Zwangsfusionen entstandenen Club aus der Stadt mit der Bahnhofskapelle ohne Uhr. Dagegen musst du dich wehren.

2019: Eine Choreo (Foto: TD)

Gehen wir also davon aus, dass du dich für Fußball interessierst und dich entschieden hast solch ein:e richtige:r Düsseldorfer:in zu werden. Dann wirst du zwangsläufig zum Fan des Düsseldorfer Turn- und Sportvereins Fortuna 1895 e.V. Der Weg dahin kann unterschiedlich lang und steinig sein. Zunächst musst du dir im Klaren sein, dass das Leben nicht zu fürchten braucht, wer Fortuna-Fan ist. Einfach wird es nicht. Am Beginn einer solchen Karriere steht oft das reine Interesse an den Ergebnissen. Du achtest in den Medien plötzlich darauf, wie die Fortuna gespielt hast, du nimmst plötzlich die Ausschnitte der F95-Partien im Fernsehen war und auf einmal fallen dir die klugen und attraktiven Menschen in der Stadt auf, die das F95 offen und stolz auf einem ihrer Kleidungsstücke tragen oder ihr Vehikel mit einem entsprechenden Aufkleber schmücken.

Der Kapo (Foto: TD)

Du möchtest dazugehören. Also besorgst du dir einen solchen Aufkleber oder eine F95-Kappe oder was du sonst noch an Kleidungsstücken verwendest. Jetzt wird es dir an Spieltagen passieren, dass dich nach Abpfiff wildfremde Menschen auf der Straße ansprechen und fragen „Na, wie hat die Fortuna gespielt.“ Da du nicht im Stadion warst oder die Ergebnisse der Liga noch nicht auf deinem Smartphone abgerufen hast, kannst du nur mit den Schultern zucken – wie unangenehm!

"Auswärts ist geil" - ja, so ist es (Foto: TD)

„Auswärts ist geil“ – ja, so ist es (Foto: TD)

Also entscheidest du dich, unbedingt die nächste Partie live mitzuerleben. Gehörst du zu den eher nicht so auf Gesellschaft fremder Menschen bedachten Typen, holst du dir ein Sky-Ticket und verfolgst die Begegnung auf dem heimischen Sofa – natürlich mit deinem Fan-Kram am Körper. Das wirkt auf Dauer nicht. Also beschließt du, beim nächsten Mal eine Kneipe aufzusuchen, in der Fortuna-Spiele live im Fernsehen übertragen werden. Tust du das, bist du angefixt, denn du wirst wundervolle Stunden im Kreise völlig fortuna-bekloppter Leute verbringen, die dich wie eine:n von Ihnen in ihre Gemeinde aufnehmen.

Aufstieg 2009: Bisschen Pyrodampf auf dem Marktplatz (Aufstieg 2009)

Aufstieg 2009: Bisschen Pyrodampf auf dem Marktplatz (Aufstieg 2009 – Foto: TD)

Nun kannst du nicht mehr ohne, du musst immer wieder hin. Du freust dich und leidest mit ihnen, je nachdem, ob die Burschen in Rotweiß gewinnen oder verlieren, unterirdisch kicken oder grandios spielen. Du hast deine Heimat gefunden. Aber die Droge Fortuna verlangt nach stärkeren Dosen: Du MUSST in die Arena! Und dann kommt es, dass erste Fortuna-Spiel deines Lebens im Stadion. Du siehst und riechst den grünen Rasen, von deinem preiswerten Sitzplatz aus bewunderst du die völlig fortuna-bekloppten Massen. Und du hast einen freien Blick auf die Südtribüne mit den Stehplätzen, wo rund 8.000 rotweiße Nasen die Mannschaft ihres Herzens kreativ und lautstark unterstützen.

Gespanntes Rudelgucken der Fans draußen an der Retematäng

Gespanntes Rudelgucken der Fans draußen an der Retematäng (Foto: TD)

Und irgendwann, vielleicht bei deinem dritten, fünften oder achten Besuch der Arena, die an der Stelle steht, an der die göttliche Fortuna Jahrzehnte lang im Rheinstadion antrat, wirst du deine erste Choreo in echt erleben. Kann gut sein, dass dir eine erste Gänsehaut wächst. Und nun hast du keinen anderen Lebenswunsch mehr, als ein Teil der Kurve, des Blocks, der Süd zu sein. Irgendwann wird es dir gelangen, eine Karte für das Herz der Fangemeinde zu ergattern. Du wirst wundervolle Stunden im Kreise völlig fortuna-bekloppter Leute verbringen, die dich wie eine:n von Ihnen in ihre Gemeinde aufnehmen. Jetzt führt kein Weg mehr zurück. Von nun an wird es nur noch darum gehen, ob und aus welchen lebenswichtigen Gründen du ein Heimspiel verpasst – für den Rest deines Lebens.

F95 vs Dresden: Eigentlich sollte der Nichtabstieg gefeiert werden... (Screenshot Sky)

F95 vs Dresden: Eigentlich sollte der Nichtabstieg gefeiert werden… (Screenshot Sky)

Die Mitglieder der Gemeinde werden dich nach und nach in die glänzende, manchmal auch tragische Geschichte der launischen Diva einführen. Langjährige Anhänger:innen werden dir Histörchen von legendären Partien erzählen, von wilden Auswärtsfahrten und großen Siegen. Besonders die – nennen wir sie einfach – Basel-Veteranen haben unendlich viele solcher Anekdoten im Gepäck, und du wirst neidisch sein und ein bisschen traurig, dass du nicht dabei warst, als F95 zum ersten Mal in die erste Bundesliga aufgestiegen ist, als die Diva zwei Mal in Folge den DFB-Pokal gewann und um ein Haar in der Begegnung mit dem FC Barcelona Europapokalsieger geworden wäre.

November 2019: Fanmarsch zur Arena (Foto: TD)

Du wirst die Legende von der Über-die-Dörfer-Tour hören, von Spielern und Toren. Man wird dich mit der dunklen Zeit nach dem Abstieg und dem Abstieg und dem Abstieg bis in die Oberliga vertraut machen und der schrittweisen Wiederbelebung. Mit dem einzigartigen Mythos-Spiel am Flinger Broich, dem Aufstieg in die Regionalliga ebendort, dem ersten Spiel in der Multifunktionsarena und der Torflanke von Marco Christ vor 55.000 Düsseldorfer:innen, der zum Aufstieg in die zweite Liga führte. Stundenlang werden sie dir die Ereignisse rund um die Relegation gegen Hertha BSC vorbeten und wie Dortmund mit einer gewollten Heimniederlage gegen Hoffenheim den direkten Abstieg auslöste.

Pyro – schön, aber verboten (Foto: TD)

Du wirst von Trainern hören, die Lukas hießen, Tippenhauer, Meier oder Funkel, von Helden wie Lumpi und Axel. Und nach und nach wirst du mitreden können. Dann fährst du zum ersten Mal mit. Im Fanbus nach – sagen wir – Rostock. Was auch immer dabei geschieht, wie auch immer die Begegnung ausgeht – nun hast du deine eigenen Geschichten zu erzählen. Spätestens jetzt bist du ein:e richtige:r Anhänger:in der wunderbaren Fortuna. Das wird dir nie irgendwer nehmen können.

2 Kommentare

  1. Frank+Schulte+alias+Buzz95 am

    Lieber Herr Bartel,
    es gibt noch eine weitere Variante, wie man zum bekloppten Fortuna-Fan werden kann.
    Zwei Vettern von mir wohnten (1971), auch im damals schon schnobbistischen, Meerbusch-Büderich. Der eine Glabbach, der andere Bayern-Fan. Das Schicksal sollte mich (damals 11 Jahre alt) dazu bringen, den Sommerurlaub mit den beiden und deren Eltern in Italien zu verbringen (selbst in Flingern-Nord geboren, aber in Ratingen lebend). Der eine 6, der andere 3 Jahre älter, versuchten 4 Wochen lang mit aller Überredungskunst mich vom jeweiligen der beiden Vereine zu überzeugen.
    Zuhause spielte Fußball nie eine Rolle, aber ich fand das Spiel faszinierend. „Fan“ war ich nur von der Nationalmannschaft, ein Spiel im Stadion hatte ich bislang nicht gesehen.
    Nach dem Sommerurlaub wollte der Fohlen-Cousin eine Schüppe darauflegen und hat Karten für F95-Glabbach im (heutigen) Paul-Janes besorgt (Herbst, Bundesliga). Ich sehe heute noch Heribert Fassbender oben links in der „Reporterhütte“ stehen seine Radiokommentare abgeben. Vogts rannte auch schon auf und ab an der Seitenlinie.
    An viel mehr erinnere ich mich nicht mehr, allein dass der Versuch des Vetters genau in die Gegenrichtung ausschlug. Seit diesem Herbsttag schlägt mein Herz für F95, mit 14 Jahren dann Dauerkarte im 36 im Rheinstadion. Und so stehe ich noch heute da, mit Ehefrau im 42.
    Viele Grüße
    Frank Schulte

Antworten

Nicht verzweifeln, wenn Dein/Ihr Kommentar nicht sofort hier erscheint. Der erste Kommentar eines unregistrierten Users muss immer erst vom Admin freigegeben werden. Das kann manchmal ein bisschen dauern.